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= Vorbemerkung =

Der Wolf ist in den mitteleuropäischen Raum zurückgekehrt. Die Begeisterung ist ebenso groß wie die Unsicherheit und die Einschätzung von Gefahrenmomenten.

Erkenntnisse der Wildkunde, Verhaltenskunde, Volkskunde und Politischer Bildung werfen Fragen auf, die ein komplexes Thema betreffen und einen Beitrag zu einem Diskurs anbieten.

Ausgangspunkt der Überlegungen und des Interesses sind die

* Absolvierung des Studiums der Erziehungswissenschaft/ Universität Innsbruck,

* Absolvierung des Universitätslehrganges Politische Bildung/ Universität Salzburg - Klagenfurt,

* Absolvierung des Fernstudiums Nachhaltige Entwicklung/ Comenius - Institut Münster und

* Auseinandersetzung mit der Fachliteratur.

Nutztiere fallen dem Wolf zum Opfer. Für Naturschutzorganisationen steht der Schutz des Wolfes an erster Stelle.

Die Studie gliedert sich in eine Vorbemerkung, Einleitung, Allgemeines zur Wolfspopulation, Wolfspopulation in Europa, Wölfe in Österreich, Wölfe in der Schweiz, Aspekte der Landwirtschaft und einer Politischen Bildung, einen Mediendiskurs, Wölfe in Märchen und Mythologie und eine Zusammenfassung.

Angestrebt wird eine Versachlichung der komplexen Thematik. Unabhängig davon versteht es sich selbstverständlich, den aktuellen Diskurs vielschichtiger anzuregen.

Aus der Sicht Politischer Bildung sind daher die verschiedenen Aspekte der relevanten Institutionen und gesellschaftspolitischen Vertretungen von Interesse.




= 1 Einleitung =

Der Wolf im Tal und Almregionen

SN - Online 18. 05. 2026, 14:00 Uhr

Die neuerliche Diskussion in Form einer sachlichen Darstellung der Problematik einer Rückkehr von Wölfen in die alpine Region mit allen Schwierigkeiten steht der Realität einer Berglandwirtschaft und Tourismusregion mit ihrer Bipolarität und Komplexität des Sachverhalts entgegen.

Die Beutegreifer bzw. Wildtiere kümmern sich nicht um den Tierschutz und richten mitunter ein Blutbad unter Schafherden an und gefährden zunehmend die Alm- und Erholungszone im Gebirge und kommen bis in die dicht bewohnten Täler.

Was in den Westalpen mit einem Herdenschutz möglich ist, kann man nicht deckungsgleich in der Region der Ostalpen umsetzen, fehlen doch ein Hirtenwesen für die Almregion und die organisatorischen Voraussetzungen. Ein Wunschdenken einer Rückkehr in die mehr und mehr dicht besiedelte und genutzte Gebirgszone und Täler hat die Realitäten anzuerkennen.

Die zunehmende Weigerung eines Almauftriebs in gefährdete Bergregionen bringt notwendige Konsequenzen mit sich.

Dr. Günther Dichatschek MSc

6370 Kitzbühel


IT - Hinweis

https://www.sn.at/briefe-an-die-sn/leserbrief/der-wolf-im-tal-und-almregionen-art-651549 (19.5.2026)





= 2 Wolfspopulation allgemein =

Wölfe leben in einer sozialen Gruppe (Rudel) als Beutegreifer, die sich vor allem von wilden Huftieren wie Rehe, Rotwild oder Wildschweinen ernähren. Wölfe lassen sich mit großen Haushunden leicht verwechseln, vor allem bei flüchtigen Begegnungen, wenn man nicht alle Merkmale erkennen kann.

Für eine gute Unterscheidung sollte man wissen, dass Wölfe hochbeiniger als Hunde sind. Sie haben einen großen breiten Kopf, im Vergleich kleine, dreieckige Ohren und der Schwanz hängt nach unten. Das Fell ist grau mit gelblichen bis dunkelbraunen Untertönen. Auffällige Fellmerkmale sind der helle Sattelbereich, scharf abgegrenzt von der dunklen Sattellinie, die schwarze Schwanzspitze und der helle weiße Bereich an Unterkiefer und Kehle. Die Spuren Wolf und Hund sind von Ungeübten nicht leicht voneinander zu unterscheiden. Das Trittsiegel (Abdruck der Pfote) eines großen Hundes kann dem eines Wolfs sehr ähneln. Nur durch die Verknüpfung verschiedener Merkmale wie Schrittlänge, Gangart und Details im Trittsiegel kann man eine Wolfsfährte von der eines Hundes unterscheiden.

Als Ausdauerläufer bewegen sich Wölfe, wie auch der Fuchs, vorwiegend im energiesparenden geschnürten Trab. Dabei wird die Hinterpfote genau in den Abdruck der Vorderpfote der gleichen Seite gesetzt. Auf diese Weise legen Wölfe jede Nacht Strecken von mehr als 20 km zurück. Während der Abwanderung kann die Laufleistung bis zu 80 km in 24 Stunden betragen. Mit Hilfe von besenderten Jungwölfen konnten Wildbiologen Abwanderungen dokumentieren, bei denen einige Tiere mitunter extrem weite Wanderungen zurücklegten. So wanderte der Wolf "Alan" von Sachsen bis nach Weißrussland mindestens 1 550 km. Dabei wurden Autobahnen und breite Flüsse überwunden. Sein Bruder "Karl" lief nur in 16 Tagen zum 400 km entfernten Berlin und wieder zurück.

Ein anderer besenderter Wolf machte sich auf den Weg nach Norden, überquerte die Alpen und hielte sich zwei Jahre lang in der Umgebung von Bonn auf. Somit können auch in Österreich einzelne Wölfe aus weit entfernten Gebieten auftauchen.

Nach 61-64 Tagen Tragzeit werden vier bis sechs Welpen Ende April in einer Höhle geboren und etwa acht Wochen gesäugt. Mit ca. 22 Monaten werden die Jungtiere geschlechtsreif. Zwischen dem zehnten und 22. Lebensmonat wandern sie aus ihrem Elternrudel ab und suche nach einem eigenen Revier. In freier Wildbahn können Wölfe acht bis 16 Jahre alt werden. Die Sterblichkeit ist besonders in den ersten beiden Lebensjahren hoch.

Im Rudel können Wölfe Beutetiere wie Elche oder Rothirsche erlegen, die um ein Vielfaches größer und schwerer sind. Die körperliche Unversehrtheit ist für Wölfe überlebenswichtig. Huftritte dieser Tiere können tödlich sein. Deshalb jagen sie überwiegend Jungtiere, alte und kranke Tiere. Damit erfüllen die Wölfe eine wichtige ökologische Funktion.

Unter den Angriffen von Wölfen auf landwirtschaftliche Nutztiere gehören Schafe und Ziegen wegen ihrer Körpergröße und Lebensweise zu den meisten betroffenen Nutztieren.

Gesunde Wölfe, die nicht von Menschen angefüttert wurden, haben in der Regel kein Interesse am Menschen. Jungtiere können Neugierde zeigen, die mit dem Alter und ausbleibenden Anreizen wie Fütterung wieder verschwinden. Ausgewachsene Wölfe gehen Menschen eher aus dem Weg, wenn sie diese bemerken. Es ist normal, wenn sie zunächst stehen bleiben und die Lage einordnen, bevor sie traben.

Nach über 100 Jahren gab es seit 2016 mit dem Rudel in Allensteig/ Niederösterreich die erste Reproduktion von Wölfen in Österreich.











= 3 Wolfspopulation in Europa =

Anfang des Jahres 2000 konnte im deutschsprachigen Raum erstmals seit der Ausrottung des Wolfes im 19. Jahrhundert wieder eine regelmäßige Reproduktion in freier Wildbahn nachgewiesen werden (vgl. HERZOG 2016, 227-237).

== 3.1 Mitteleuropa =

Nach Mitteleuropa erfolgten bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts regelmäßige Zuwanderungen aus der baltisch-osteuropäischen Population, welche sich nicht etablieren konnte. Erst durch die ökonomische Umbruchsituation im östlichen Mitteleuropa und eine hohe Dichte von Beutetieren mit gesetzlichem Schutzstatus und einer Gesetzestreue bei Tierhaltern und Jägern kam es zur Etablierung von Wolfsrudeln.

Es handelte sich zunächst um Tiere aus dem baltisch-ostpolnischen-ukrainischen Raum. Hier und am Balkan gab es schon immer ein stabiles Wolfsvorkommen. Weitere Vorkommen existieren in Teilen Spaniens, Italiens und Frankreichs. In der Schweiz und Teilen Österreichs geht die Wiederbesiedelung von Frankreich bzw. Italien aus.

Von Interesse ist die Frage, wie sich die Wolfsvorkommen bestimmten Populationen oder Subpopulationen zuordnen lassen. Eine Population wird als eine biologisch oder geographisch abgegrenzte Zahl von Individuen einer Art beschrieben (vgl. OKARMA 2002).

== 3.2 Alpenraum =

In Bayern und Südtirol, Ost- und Nordtirol besteht eine interessante Konstellation populationsbiologisch im Alpenraum. Mit der ersten gemeinsamen Rudelbildung eines ost-mitteleuropäischen und einem abruzzo - alpinen Individuum wird die eigene abruzzo - alpine Population durchbrochen.

Bezogen auf die auf die aktuelle mitteleuropäische Situation des Wolfes bedeutet dies, dass im Hinblick auf die Artenschutzmaßnahmen aus biologischer Sicht der Begriff "mitteleuropäische Flachlandpopulation" nicht haltbar ist.



=== 3.2.1. Wolf in französischen Alpen =

Der Wolf starb in Frankreich in den dreißiger Jahren, nach jahrhundertelangen staatlich organisierten Kampagnen zur Ausrottung der Art im Land praktisch aus. Frankreich verfügte sogar über eine paramilitärische Einheit, die vor etwa 1000 Jahren geschaffen wurde und sich im 18. und 19. Jahrhundert ausschließlich der Vernichtung des Wolfes widmete. Diese Einheit ist auch heute noch aktiv, hat aber andere Ziele.

Die Wiederbesiedlung Frankreichs durch Wölfe begann im Jahr 1992, als im Mercantour - Nationalpark in der alpinen Region nahe der italienischen Grenze, erstmals zwei Individuen gesichtet wurden. Inzwischen ist genetisch nachgewiesen, dass die Individuen, die das Land neu besiedelten, aus der Wolfspopulation in Italien stammten, die sich nach dem internationalen Schutz in den siebziger Jahren etwa 20 Jahre lang erholte und schließlich nach Nordwesten ausbreitete. Von ihrem ursprünglichen Einzugsgebiet in den südfranzösischen Alpen aus haben die Wölfe den größten Teil der französischen Alpen im Norden und Westen sowie das Zentralmassiv, im Südwesten (Pyrenäen, an der Grenze zu Spanien) und im Nordosten (Vogesen, nahe Deutschland) neu besiedelt.

Die jüngste Bewertung des Zustands der Population, die im Winter 2019 - 2020 durchgeführt wurde, weist 81 reproduzierende Wolfsrudel im Land aus. Basierend auf dieser Zählung wird die Zahl der Wölfe im Jahr 2020 auf 530 bis 630 Individuen geschätzt, wobei die Zuwachsrate etwas geringer ist als die aus den Vorjahren geschätzte durchschnittliche Zuwachsrate von 13 Prozent. Die Anzahl und Verbreitung der Wölfe in Frankreich nimmt also weiterhin zu.

Die Verbreitungsgebiete des Wolfes in Frankreich überschneiden sich weitgehend mit Gebieten, die durch das Vorhandensein großer Viehherden, meist Schafe auf Almen, gekennzeichnet sind. Berggebiete mittlerer Höhe und Tiefebenen stellen die derzeitigen Ausbreitungsgrenzen für den Wolf dar und sind deshalb auch immer mehr betroffen. Die größte Herausforderung für die Erhaltung des Wolfs in Frankreich ist zweifellos die Verhinderung von Angriffen auf Schafherden durch Wölfe. Das Land verzeichnet jedes Jahr eine relativ hohe Zahl von Angriffen, die sich vor allem in den Südalpen konzentrieren, wo die Herden das ganze Jahr über auf alpinen Weideflächen gehalten werden können. Darüber hinaus ist die Jägerschaft in Frankreich über die Auswirkungen der Wölfe auf die Anzahl, die Verbreitung und das Verhalten der wildlebenden Beutetiere, insbesondere des Schalenwilds, besorgt. Sowohl Schafzüchter als auch Jäger haben oft das Gefühl, dass ihre Sorgen wegen dem Wolf vom Staat nicht ausreichend berücksichtigt werden. Illegale Abschüsse kommen zwar vor, sie werden aber derzeit nicht als großes Problem betrachtet. Schließlich ist, wie auch in anderen Ländern, der Widerstand gegen die Rückkehr des Wolfes bei denjenigen, die mit Nutztieren leben und arbeiten, ziemlich hoch, aber in der allgemeinen Bevölkerung gering. Dieser Gegensatz führt zu Spannungen und Meinungsverschiedenheiten über die Stellung der Wölfe und macht das Management der Wölfe zu einem besonders kontroversen und umstrittenen Thema in der öffentlichen Debatte.

Der Wolf ist in Frankreich eine streng geschützte Art, nachdem die Bestimmungen der Berner Konvention und die Flora -Fauna - Habitat - Richtlinie der EU in nationales Recht umgesetzt wurden. Seit 2004 existiert ein Managementplan. Neben dem Monitoring des Zustands der Population finanziert der französische Staat auch Maßnahmen zum Schutz der Nutztiere und entschädigt die Züchter und Halter für Verluste, die durch Übergriffe von Wölfen entstehen. Die Flora -Fauna - Habitat - Richtlinie erlaubt den Abschuss der Wölfe zum Schutz von Nutztieren, wenn andere Maßnahmen fehlgeschlagen sind und wenn die Lebensfähigkeit der Wolfspopulation durch den Eingriff nicht bedroht ist. Frankreich hat daher ein Protokoll aufgesetzt, das auf schrittweisen Interventionen beruht, je nach Schwere und Wiederauftreten von Wolfsangriffen auf eine bestimmte Herde. Die Interventionen werden von öffentlichen Akteuren streng überwacht und durchgesetzt. Im schlimmsten Fall führt eine spezielle Einheit der französischen Agentur für biologische Vielfalt die Entnahme durch.

=== 3.2.2 Wolf in den italienischen Alpen =

Eine kontinuierliche Verfolgung führte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur Ausrottung des Wolfes in den italienischen Alpen. In den Westalpen begann die natürliche Erholung der Art in den 1990er Jahren: In den Jahren 1996 - 97 wurden die ersten grenzüberschreitenden Rudel zwischen Italien und Frankreich dokumentiert. Obwohl illegale Verfolgung immer noch ein aktuelles und lokal problematisches Phänomen ist, hat sich der Bestand der Wölfe in den Alpen in den letzten 20 Jahren positiv entwickelt. In den Jahren 2017 - 2018 erreichte die Wolfspopulation in den italienischen Alpen insgesamt 51 stabile Wolfsrudel bzw. Paare mit mindestens 293 Wölfen, die meisten davon leben in den Westalpen. Der Teil der Population in den zentralen und östlichen Alpen Italiens befindet sich in starker Expansion, obwohl er weitgehend vom ersten Paar stammt, das 2012 in Lessinia gebildet wurde.

Die italienischen Alpen sind derzeit wichtig als Verbindungsgebiet zwischen der italienischen Population im Apennin und der Wolfspopulation in den Dinariden. Die natürliche Wiederbesiedlung findet hauptsächlich in ländlichen Gebieten und im Gebirge statt, wo die Nutztierhaltung mehr oder weniger intensiv ist und von der Rückkehr des Wolfs beeinflusst wird.

Die Wechselwirkungen zwischen der Präsenz des Wolfes und der Nutztierhaltung sind seit jeher die Hauptquelle für Konflikte zwischen Wölfen und menschlichen Aktivitäten: Es ist von grundlegender Bedeutung, vor Ort in Systeme zu investieren, um Angriffe auf Nutztiere zu verhindern und die Arbeit der Landwirt Innen zu unterstützen, um die Koexistenz zwischen Wolf und Mensch zu fördern. In letzter Zeit kehren die Wölfe auch in die hügeligen, an Flüssen gelegenen und stärker vom Menschen geprägten Gebiete zurück. Das erzeugt neue Ängste in der Bevölkerung, die mit angemessener Information gelöst werden können.

Der Wolf ist in Italien nach der Berner Konvention (1979) und der Flora - Fauna - Habitat Richtlinie (1992) der EU eine streng geschützte Art, die durch spezifische nationale Gesetze implementiert wurden. Italien arbeitet seit 2015 an einem neuen nationalen Managementplan für diese Tierart, der jedoch noch nicht in Kraft getreten ist.

Erst ab 2020 beauftragte das italienische Umweltministerium ISPRA mit der Durchführung eines ersten nationalen Monitoringssystems. Neben der Überwachung des Zustands der Population finanzieren einzelne Regionen und Nationalparks auch Maßnahmen zum Schutz von Nutztieren und entschädigen die Landwirt Innen für Verluste aufgrund von Wolfsrissen.


=== 3.2.3 Wolf in Slowenien =

Anders als in vielen europäischen Ländern sind Wölfe auf slowenischem Staatsgebiet nie ganz verschwunden. Während der Jahrzehnte der systematischen Wolfsverfolgung im 18. und 19. Jahrhundert überlebten die Wölfe in den entlegensten Teilen des Dinarischen Gebirges. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und erneut während des Zweiten Weltkriegs begann die Wolfspopulation in Slowenien zu expandieren. Doch diese Phase war nur von kurzer Dauer, denn schon bald nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann die systematische Verfolgung der Wölfe erneut.

Obwohl in den siebziger Jahren die Prämien für das Töten von Wölfen und die Jagdzeiten abgeschafft wurden, wird vermutet, dass es in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts nur noch wenige Individuen in Slowenien gab. Nach dem ganzjährigen Schutz des Wolfes im Jahr 1993 begann die dritte Phase der Ausbreitung der Art im Dinarischen Gebirge, nachdem die Population zu wachsen begann und einige ihrer historischen Lebensräume wieder besiedelte.

Das systematische Wolfsmonitoring auf der Grundlage molekularer Analysen nicht - invasiver genetischer Proben, Capture -Recapture - Modellierung und systematischer Wolfsnachweise mittels „Verhören“ begann im Jahr 2010. Zwischen 2010 und 2011 lag die geschätzte Wolfspopulationsgröße in Slowenien zwischen 34 und 42 Individuen. Seitdem ist die Ausbreitung und das Wachstum der Wolfspopulation in Slowenien gut dokumentiert. Die letzte verfügbare Schätzung der Populationsgröße stammt aus der Monitoringsaison 2018/ 2019. Es wurde geschätzt, dass es zwischen 86 und 110 Wölfe (ohne grenzüberschreitende Individuen) in Slowenien gibt, die 14 Rudel bilden.

Seit Beginn der dritten Ausbreitungsphase war die Anwesenheit von Wolfsrudeln auf die südlichen und westlichen Teile Sloweniens beschränkt. Als das systematische Monitoring begann, gab es nur sporadische Vorkommen von Einzeltieren in den voralpinen und alpinen Regionen des Landes. Doch in den Monitoring - Saisonen 2018/ 2019 und 2019/ 2020 gab es einen rasanten Sprung in der räumlichen Ausdehnung der Wolfspopulation. Zunächst wurden drei Paare in den alpinen und voralpinen Regionen nachgewiesen, und während des Verhörens 2019 wurde die Anwesenheit von drei neu gegründeten Wolfsrudeln festgestellt. Dies markiert die Rückkehr des Wolfs in ein Gebiet, aus dem er im 18./ 19. Jahrhundert verschwunden war.

In Slowenien sind, wie auch in anderen Ländern mit permanenten Wolfspopulationen, die Hauptprobleme im Zusammenhang mit diesem großen Beutegreifer die Risse von Nutztieren und bis zu einem gewissen Grad die Konkurrenz mit Jägern um die natürliche Beute, meist wilde Huftiere. Die Schäden an Nutztierbeständen schwanken periodisch. In der ersten Hälfte des letzten Jahrzehnts gab es einen Rückgang der Wolfsschäden, seit 2017 steigt die Zahl der Wolfsangriffe auf Nutztiere (meist Schafe und Ziegen). In den letzten Jahren gab es auch einen Anstieg der von Wölfen verursachten Schäden an größeren Weidetieren (meist Rinder), was ein Problem darstellt, da die meisten lokalen Technologien zur Schadensvermeidung für kleinere Tiere getestet und entwickelt wurden.

Darüber hinaus stellt die räumliche Ausbreitung von Wölfen in voralpine und alpine Regionen eine neue Herausforderung für den Schutz großer Almen dar, insbesondere von Almen, die gleichzeitig ein beliebtes Erholungsziel sind. Darüber hinaus hat die Rückkehr der Wölfe in die alpinen Regionen starke Gefühle der Angst innerhalb der lokalen Gemeinden geweckt, die eine permanente Wolfspräsenz nicht gewohnt waren.

Neben der illegalen Verfolgung ist die Hybridisierung mit Hunden eine zunehmende Bedrohung für die slowenische Wolfspopulation. Obwohl dieses Phänomen nicht so gravierend ist wie in einigen anderen Ländern, haben wir in letzter Zeit bereits zwei Rudel mit Wolf-Hund-Hybriden? entdeckt.

In Slowenien genießt der Wolf einen vollständigen gesetzlichen Schutz, wobei ausnahmsweise Entnahmen erlaubt sind, um größere Konflikte mit der Landwirtschaft zu verringern. Bestimmungen zum Wolfsschutz sind in der nationalen Gesetzgebung im Naturschutzgesetz, im Umweltschutzgesetz, im Jagdgesetz und im Forstgesetz enthalten. Seit 2015 finanziert das slowenische Umweltministerium nationale Wolfsmonitoringprojekte, zahlt Entschädigungen für Wolfsschäden und finanziert Herdenschutzmaßnahmen.

=== 3.2.4 Wolf in Österreich =

Früher lebten Wölfe in ganz Österreich. Aufgrund von verursachten Schäden an Nutztieren, Konkurrenz um das Wild und einer direkten Bedrohung für Menschen – bedingt durch die damalige Lebensweise – wurden Wölfe in Österreich verfolgt und Mitte des 19. Jahrhunderts ausgerottet. Bis ins Jahr 2008 tauchten sie nur noch gelegentlich auf. Seit 2009 wandern Wölfe regelmäßig aus den Nachbarpopulationen ein, seit 2016 mit steigenden Zahlen. Österreich ist zu rund 48 Prozent mit Wald bedeckt und weist die höchste Schalenwilddichte Europas auf. Die allgemeine Habitatqualität ist daher als gut einzustufen.

Die Wölfe in Österreich stammen aus vier verschiedenen Populationen, aus den West- und Südalpen (Italien, Frankreich und Schweiz), dem Dinarischen Gebirge (Slowenien, Kroatien), den Karpaten (Slowakei) und dem mitteleuropäischen Tiefland (Deutschland, Westpolen und Tschechien). Am Anfang kamen die meisten Wölfe aus dem Süden und siedelten sich in den Alpen an, aber in den letzten Jahren gelangten immer mehr Wölfe aus der mitteleuropäischen Tieflandpopulation nach Österreich, wahrscheinlich aufgrund des Populationsanstiegs und ihrer Ausdehnung nach Tschechien.

Das erste Rudel gründete sich 2016 auf dem Truppenübungsplatz Allentsteig. In den folgenden Jahren gab es ein Rudel im Jahr 2017, jeweils drei Rudel in den Jahren 2018 und 2019, und wahrscheinlich nur ein Rudel im Jahr 2020. Die Zahl der bestätigten erwachsenen und subadulten Wölfe stieg von sechs im Jahr 2016 auf 32 im Jahr 2019. Alle bisher bekannten Rudel befinden sich im Waldviertel in Niederösterreich.

Wölfe in Österreich weisen hohe Fluktuationsraten auf. Einzige Ausnahme sind die Elternwölfe aus dem Allentsteiger Rudel. Einzelne Wölfe in den Alpen sind im Durchschnitt 5 Monate lang genetisch nachweisbar, wenn man alle Hinweise berücksichtigt sind es sieben Monate. Die entsprechenden Zeiträume in nicht - alpinen Gebieten liegen bei fünf bzw. 13 Monaten. Die hohen Fluktuationsraten der einzelnen Wölfe führen zu einem ähnlichen Muster bei den Rudeln. Außerhalb des Truppenübungsplatzes blieben die Rudel nicht länger als ein Jahr erhalten und in den alpinen Gebieten hat sich noch kein Rudel gebildet. Jungwölfe die in Österreich geboren wurden, wurden später nie wieder außerhalb des Territoriums des jeweiligen Rudels in Österreich nachgewiesen.

In Österreich wird über die Rückkehr der Wölfe heftig diskutiert. Während sich die Mehrheit der Bevölkerung dafür ausspricht, lehnen einige Teile der Gesellschaft die Rückkehr gänzlich ab und fordern wolfsfreie Zonen oder gar ein wolfsfreies Österreich. Am prominentesten unter diesen Gruppen sind Schafzüchter und Jäger. Die Schafhalter sind in der öffentlichen Debatte sehr laut und offen. Sie argumentieren, dass Maßnahmen zur Schadensprävention schwer oder gar nicht durchführbar sind. Jäger verhalten sich in der öffentlichen Debatte gemäßigter, aber viele Jäger akzeptieren den Wolf nicht. Aussagen wie „wenn ich einen Wolf sehe, werde ich ihn schießen“ sind sehr verbreitet. Die Öffentlichkeit kann die Ängste der Schafzüchter nachvollziehen. Die Verwendung von Steuergeldern zur Unterstützung der Schafhalter für die Schadensverhütung wird allgemein akzeptiert. Weniger akzeptiert ist die Sichtweise der Jäger, da ihre Motivation als egoistische Haltung angesehen wird.

Um die Rückkehr des Wolfes in diesem schwierigen öffentlichen Kontext zu bewerkstelligen, haben die österreichischen Bundesländer und die Bundesministerien eine Dachorganisation gegründet, das „Österreichzentrum Bär, Wolf, Luchs“. Außerordentliche Mitglieder sind Interessensvertretungen und wissenschaftliche Institutionen. Die Idee dieser Organisation ist es, die öffentlichen Verwaltungen bei der Bewältigung dieser Herausforderungen innerhalb des gesetzlichen Rahmens zu unterstützen und ein konfliktarmes Zusammenleben von großen Beutegreifern und Menschen, insbesondere Landnutzern, zu ermöglichen. Diese Organisation wurde Anfang 2019 gegründet.

Der Wolf ist im Anhang IV der FFH - Richtlinie gelistet und daher streng geschützt. Die Umsetzung von Maßnahmen zum Herdenschutz und anderer Maßnahmen, die das Zusammenleben von Wolf und Mensch unterstützen, stehen noch ganz am Anfang.


IT - Hinweis Quelle

https://www.lifewolfalps.eu/de/il-lupo-sulle-alpi/ (12.5.26)

== 3.3 Populationen =

Vielmehr muss man davon ausgehen, dass in Europa derzeit vier bzw. fünf Populationen im Sinne der biologischen Definition eines Abstammungszusammenhanges existieren. Wir sprechen von einer baltisch - osteuropäischen, einer abruzzo -alpinen, einer iberischen und einer skandinavischen Population. Zu diskutieren wäre das Wolfsvorkommen in den Karpaten mit derjenigen des Balkans im Zusammenhang steht. Wenn dies nicht der Fall wäre, käme eine fünfte, die balkanische - dinarische Population dazu.

Empfohlen wird, die Definitionen einer Population im Rahmen der Gesetzgebung und Verordnungspraxis sowie des praktischen Wolfsmanagements übereinzustimmen und ökologische Kriterien zu berücksichtigen. Dies sollte im Hinblick auf den Erhaltungszustand des Wolfbestandes als Festlegung sinnvoll und günstig sein.

=== 3.3 1 Fakten und Daten zum Wolf in Europa =

In Österreich wurden zwischen 2009 und 2015 jeweils zwischen zwei und sieben einzelne Individuen genetisch nachgewiesen. 2016 gab es erstmals nach mehr als 100 Jahren wieder Nachwuchs und damit Rudelbildung. 2024 wurden in Österreich 9 Wolfsfamilien nachgewiesen.

Während der Wolf im Osten und Süden Europas überlebt hat, wurde er in Westeuropa, inklusive Deutschland, Mitte des 19. Jahrhunderts ausgerottet. Der „letzte Wolf Österreichs“ wurde 1882 im Wechselgebiet geschossen. Vor allem in den letzten 20 Jahren kehren die Europäischen Wölfe (C. l. lupus) jedoch wieder in die früher von ihnen besiedelten Gebiete Europas zurück. Von den Abruzzen (Italien) über die Poebene wanderten sie Ende der 1990 Jahre wieder in die französischen Alpen ein. In der Schweiz leben seit 2012 ebenfalls wieder Wolfsfamilien. In Deutschland hat sich seit dem Jahr 2000 der Wolf wieder etabliert. Seither gibt es regelmäßig Nachwuchs. In Österreich hat es 2016 erstmals Nachwuchs gegeben. Insgesamt leben derzeit mehr als 23.000 Wölfe in Europa (ohne Russland).

=== 3.3 2 Gliederung der Populationen =

Alpen

Diese Population ist italienischen Ursprungs. Aus dem Apennin abwandernde Individuen siedelten sich 1992 erstmals in den Alpen an und konnten mit Erfolg eine dauerhafte und expandierende Population etablieren, die eine überaus dynamische räumliche Struktur mit Verbreitungstendenzen nach Westen und Norden aufweist. Die Gründerpopulation bestand aus 8 - 16 Tieren. Derzeit umfasst die Population etwa 2000 Individuen.

Italienische Halbinsel

Die Population ist laut Beschreibung von 1921 (Altobello 1921) und Bestätigung von 1999 (Nowak 1999) eine getrennte Unterart (Canis lupus italicus). Nach dem in den 1960er Jahren, als der Gesamtbestand auf etwa 100 Tiere geschätzt wurde, hat sich die Population stetig erholt und weiter in die Westalpen ausgedehnt. 2023 wurde die Population auf 2500 Wölfe geschätzt. Trotz der Kontinuität zwischen den beiden Populationen in den Alpen und im Appenin ist ihr ökologischer und sozioökonomischer Kontext so unterschiedlich, dass eine Trennung für Managementzwecke gerechtfertigt ist.

Dinarische / Balkan - Population

Die Population scheint in der gesamten Region relativ zusammenhängend zu sein. Schätzungen zufolge wird sie mit etwa 4700 Individuen angesetzt, wobei die Dichte örtlich sehr unterschiedlich sein kann. Der demografische Gesamttrend scheint stabil zu sein.

Karpaten

Diese Population wird auf rund 4000 geschätzt. Sie lebt vor allem in Rumänien (etwa 2700), aber auch in der Ukraine, der Slowakei und Polen. Wahrscheinlich findet ein gewisser genetischer Austausch mit der dinarischen/ Balkanpopulation in Westbulgarien und mit der baltischen Population über Ostpolen statt, doch diese Verbindung ist fragmentiert.

Zentraleuropa

In Deutschland wurden die Wölfe bereits im 19. Jahrhundert ausgerottet, im 20. Jahrhundert wurden hin und wieder aus Polen eingewanderte Einzeltiere abgeschossen. Im Jahr 2000 begann eine Familie, in Sachsen Nachwuchs aufzuziehen. Im Moment umfasst der Bestand mehr als 200 Familien. Mit Polen, Tschechien, Danemark, Luxembourg, Belgien, den Niederlanden und Österreich zusammen umfasst diese Population ca. 3000 Individuen.

Iberische Halbinsel

Der iberische Wolf (Canis lupus signatus) ist möglicher Weise eine eigene Unterart. Nach dem Rückgang bis in die 1960er Jahre verzeichnet die Population inzwischen einen Bestandszuwachs und erweitert ihr Verbreitungsgebiet quer durch Zentralspanien. Die nordwestliche Population dehnt sich aus und hat den Duero-Fluss? in Spanien überschritten. Die Population besteht aus zwei verschiedenen Populationsteilen und umfasst etwa 2400 Tiere. Der größte ist der Teil nördlich des Duero in beiden Ländern. Südlich des Duero in Portugal gibt es einen kleinen Populationsteil mit rund 300 Wölfen. Aufgrund des unterschiedlichen Managementstatus des Gebiets nördlich und südlich des Duero in Spanien ist es wichtig, dass diese beiden Gruppen als getrennte Populationsteile betrachtet werden.

Baltikum

In der gesamten Region scheint der Trend sehr einheitlich zu sein. Zu Beginn des 20. Jahrhundert gingen die Bestandszahlen zwar zurück, doch die Wölfe blieben weithin präsent und während und nach dem Ersten Weltkrieg nahmen die Bestände zu. In den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen wurden die Bestände erneut stark dezimiert, erholten sich aber während des Zweiten Weltkriegs und in der Nachkriegszeit und erreichten damals Spitzenwerte. Anschließend wurden die Wölfe in den 1950er Jahren so stark verfolgt, dass die Bestände in den sechziger Jahren und Anfang der 1970er Jahre erneut auf ein sehr niedriges Niveau zurückgingen. Sie scheinen sich danach wieder erholt zu haben und erreichten Anfang der 1990er Jahre einen neuen Höchststand – bevor sie Ende der neunziger Jahre erneut runtergeschossen wurden. Inzwischen scheint sich der Trend in den EU-Staaten? stabilisiert zu haben. In Polen und in den baltischen Staaten leben etwa 3000 Wölfe.

Karelische Population

Diese Population ist in Finnland und in den russischen Oblasten Karelien und Murmansk beheimatet. In Russisch - Karelien sind Wölfe weit verbreitet, in Murmansk kommen sie jedoch nur vereinzelt vor. Die höchste Wolfsdichte in Finnland gibt es im Südosten, doch nach und nach sind reproduzierende Familien auch im Zentrum des Landes und im Westen aufgetaucht. In Finnland leben derzeit etwa 300 Wölfe.

Skandinavien

Die Ursprünge der Population gehen auf ein Wolfspaar zurück, das aus Finnland einwanderte und sich 1983 erstmals in Schweden reproduzierte. Durch einen dritten 1991 eingewanderten Wolf wurde die Reproduktion verstärkt. Der Großteil der Population befindet sich in Schweden und nur ein Teil in Norwegen. Derzeit umfasst der Bestand ca. 500 Individuen.

IT -Hinweis - Quelle

https://www.wwf.at/artikel/wolfspopulationen-in-europa/ (10.5.26)

















= 4 Wölfe in Österreich =

für die Politische Bildung besteht in der IT - Publikation der Koordinierungsstelle für den Braunbären, Luchs und Wolf (KOST) "Wolfsmanagement in Österreich - Grundlagen und Empfehlungen. Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie, Veterinärmedizinische Universität Wien", Dezember 2012 die Basis für die Herausforderung der Behandlung der Thematik im Kontext Politischer Bildung.

Verfügbare Nachweise stammen von Rissbegutachtungen, der Jägerschaft, den Bundesländern sowie Privatpersonen.

Dargestellt werden ausschließlich C1 Nachweise entsprechend den SCALP - Kriterien.

In Europa werden aktuell neun Populationen unterschieden, siehe „Large Carnivore Initiative for Europe“.

Nach Österreich wandern aktuell Individuen aus folgenden Populationen ein:

* Alpine Population,

* Dinarisch - balkanische Population,

* Karpatenpopulation,

* Mitteleuropäische Tieflandpopulation.


IT - Hinweise

https://baer-wolf-luchs.at/verbreitungskarten/wolf-verbreitung/ (10.5.26)

http://tinyurl.com/wolfsmanagement (10.5.26)

https://vorarlberg.at/-/wolfsmanagement (10.5.26)



== 4.1 Allgemeines =

Die letzten autochthonen Wolfspopulationen in Österreich sind im Laufe des 19.Jahrhunerts durch Verfolgung erloschen. Im 20. Jahrhundert erreichten nur vereinzelt Wölfe aus den Nachbarländern Österreich. Mit strengeren Schutzbestimmungen stabilisierten sich in Europa die Wolfspopulationen. Besonders gilt das für die italienische Population, die sich über den Apennin bis in die Westalpen in den letzten 30 Jahren ausbreitete.

In den letzten 15 Jahren erreichten Wölfe Österreich häufiger. 2009 hat sich die Situation merkbar verändert. 6-8 Wölfe konnten genetisch nachgewiesen werden. Dieselbe Anzahl zum Teil anderer Individuen konnte auch 2010 festgestellt werden. Mit mehr Zuwanderung und Gründung von Rudeln ist zukünftig zu rechnen.

Die Rückkehr der Wölfe ist neben der Bereicherung der Natur auch ein Konfliktstoff in der Kulturlandschaft im Sinne der Interessen der Landnutzer. Es ist Aufgabe des Wolfmanagements, Strukturen und Maßnahmen für ein möglichst konfliktfreies Zusammenleben zu schaffen und durchzuführen, wobei der Mensch im Mittelpunkt steht (vgl. KOST 2021, 4).

Wildtiermanagement liegt in der Kompetenz der Bundesländer. Diese nationale Aufgabe gibt den Rahmen vor. Bei einer großräumigen Art wie den Wölfen ist eine Abstimmung der bundesländerspezifischen Regelungen und Vorkehrungen sowie der Einrichtung bundesländerübergreifender Programme erforderlich.

Der Managementplan für diesen Rahmen wurde von der KOST (2021) entwickelt und mit den Interessenvertretungen abgestimmt.

Ausgerichtet ist er auf die aktuelle Situation und soll alle fünf bis zehn Jahre überarbeitet werden. Als Vorlage dienten der österreichische Bärenmanagementplan sowie Wolfsmanagementpläne in Deutschland.


== 4.2 Ziele und Grundsätze =

Ziele und Grundsätze sind

* der Schutz des Wolfs in dem nach den Bestimmungen der Fauna - Flora - Habitat - Richtlinie, sonstiger internationaler Übereinkommen und der nationalen Gesetze erforderlichen Umfang und

* die Gewährleistung eines möglichst konfliktfreien Zusammenlebens mit dem Wolf unter Berücksichtigung der Interessen der unterschiedlichen Landnutzer wie der Land- und Forstwirtschaft und Jagd sowie des Naturschutzes.

* Damit leistet Österreich einen Beitrag zu einem langfristig gesicherten, staatenübergreifenden Wolfsbestand.

* Die Maßnahmen des Managements werden auf der Grundlage der rechtlichen Rahmenbedingungen mit Interessensgruppen abgestimmt.

* Kein Aussetzen von Wölfen in Österreich.

== 4.3 Management =


Das Management erfolgt bundesländerübergreifend und in Abstimmung mit Nachbarstaaten.

* Maßnahmen zur Abwendung von Schäden werden propagiert und gefördert. Prävention sollte auf ihre Anwendbarkeit überprüft und weiterentwickelt werden.

* Schäden sollen in Abstimmung mit den Interessensvertretungen abgegolten werden.

* Das Monitoring von Wölfen sowie die Beratung vor Ort und Begutachtung von Nutz- und Wildtierrissen erfolgt durch beauftragte, erfahrende Personen.

* Monitoring bildet die Grundlage für Entscheidungen.

* Die Sicherheit der Menschen hat Vorrang vor dem Schutz der Wölfe.

* Die Öffentlichkeit wird über Biologie, Ökologie und Situation der Wölfe in Österreich sowie über Maßnahmen des Managements informiert (vgl. KOST 2021, 4-5).

== 4.4 Entwicklungen - Rückblick =

Veränderungen in der Einstellung zu Wölfen, Ausbau von Schonvorschriften bzw. gänzliche Unter - Schutz - Stellung sowie Zunahme von Wildbeständen haben die negative Bestandsentwicklung europäischer Wolfspopulationen aufgehalten und sogar umgekehrt. Das hat die Situation in Österreich grundlegend geändert.

Interessant für Österreich ist die Situation im Nachbarland Italien. 1972 wurde der Wolf unter Schutz gestellt. Zusätzlich wurden im Apennin aus Gründen der Jagd Schalenwild angesiedelt.

Anfang der neunziger Jahre haben die Wölfe den Sprung in die Westalpen geschafft. Abwandernde Wölfe sind schon in Hessen, Bayern und Ostösterreich festgestellt worden. Auch aus dem Dinarischen Gebirge und der Karpatenpopulation sind Jungwölfe in Österreich bereits aufgetreten.

Seit 2000 haben sich die Wolfsnachweise in Österreich in der Folge entwickelt, wie

2002 - ein Wolf bei Bad Ischl irrtümlich als wildernder Hund geschossen

2004 - ein Fotofallenbild vom Dobratsch

2005 - Risse an Rotwild - Winterfütterungen in den steirisch - niederösterreichischen Kalkalpen

2009 - DNA - Nachweise von 6 - 8 Wölfen im Wechselgebiet und Fischbacher Alpen, bei Knittelfeld, in den Nockbergen, am Grundlsee, bei Imsterberg und im Lechtal bei Warth

2010 - DNA - Nachweise von 6 - 8 Wölfen im Schneebergebiet, bei Langenlois, in den Fischbacher Alpen, in den Nockbergen, in den Karawanken, im Raum Thiersee und in Piller bei Fließ

2011 - DNA - Nachweise von je einem Wolf im SW von Niederösterreich und im oberen Drautal

2012 - DNA - Nachweise von je einem Wolf im Schneeberggebiet, dem Gleinalmgebiet und den Karawanken, im Jänner Wanderung eines in Slowenien besenderten einjährigen Wolfes durch den Süden Österreichs

Bei den wenigen Proben war es nicht möglich, die genaue Anzahl und auch Aufenthaltsdauer einzelner Wölfe zu bestimmen. Der Wolf im Schneeberggebiet ist bisher das einzige nachweislich stationäre Individuum von einer Aufenthaltsdauer von einem Jahr.

Fest steht, dass Wölfe aus dem Westen, Süden und Osten nach Österreich eingewandert bzw. durchzogen sind. Der deutliche Rückgang 2011 sagt nichts über die Entwicklung in den kommenden Jahren.

Es ist weiterhin mit einem Besiedelungsdruck aus den umliegenden Populationen zu rechnen. Besonders wenn es Wölfen gelingen sollte, in den angrenzenden Alpen der Schweiz und Italiens Fuß zu fassen, ist eine Beschleunigung der Entwicklung in Österreich zu erwarten (vgl. KOST 2021, 6-7).











== 4.5 Rechtsgrundlagen =

Die folgenden Rechtsgrundlagen sind in KOST 2021, 7-8 angeführt.

=== 4.5.1 Internationale Abkommen =

Der Wolf ist in Anhang II der Berner Konvention des Europarates 1979 als streng geschütztes Tierart angeführt.

Der Handel wird geregelt im Washingtoner Artenschutzübereinkommen (CITES, Convention on International Trade in Endangered Species of the Wild Fauna and Flora, Anhang II) und in der Verordnung (EG) Nr. 338/97 des Rates vom 9. Dezember 1996 über den Schutz von Exemplaren wild lebender Tier- und Pflanzenarten durch Überwachung des Handels (zuletzt geändert durch Verordnung (EG) Nr. 407/ 2009 der Kommission vom 14. März 2009, Anhang A).

=== 4.5.2 Europarecht =

Der Wolf ist in Anhang II der Fauna - Flora - Habitat Richtlinie 92/43/EWG als prioritäre Art aufgelistet und in Anhang IV der FFH - Richtlinie als streng zu schützende Art angeführt.

=== 4.5.3 Landesgesetze =

Jagd und Naturschutz fallen in Österreich in die Kompetenz der Bundesländer. Die internationalen Verpflichtungen zum Schutz der Wölfe wurden in Landesjagd- bzw. Landesnaturschutzgesetze übernommen. Mit der Umsetzung entsprechender Regelungen sind Landesregierungen, Bezirksverwaltungsbehörden oder Jägerschaften betraut.

== 4.6 Managementstruktur =

Die KOST (2021) hat bereits vor Erstellung dieses Wolfsmanagementplans ihre Zuständigkeit auf Wolf und Luchs erweitert (vgl. in der Folge KOST 2021, 9-11).

Die KOST ist ein länderübergreifendes Gremium mit der Aufgabe, Maßnahmen im Management von großen Beutegreifern zwischen den Landesbehörden abzustimmen und ein fachlich fundiertes einheitliches Vorgehen sicherzustellen. Es steht ihr das Wissen von Fachleuten zur Verfügung.

Aufgabe der Koordinierungsstelle für Wölfe betreffen

* Entwicklung und Koordinierung des Wolfsmanagements in Österreich,

* Abstimmung des Wolfmanagements mit Interessensgruppen,

* Stärkung von länderübergreifenden Schutzmaßnahmen wie Herdenschutzprogramme,

* Koordination mit Nachbarländern und

* Zusammenführung von Informationen und Weitergabe an die Entscheidungsträger.

Die Koordinierungsstelle wird von jeweils einem Vertreter der Jagdrechts-und Naturschutzbehörden der Bundesländer, in denen Wölfe (Bären und Luchs) vorkommen (derzeit Nieder- und Oberösterreich, Steiermark, Salzburg, Kärnten, Tirol und Vorarlberg), einem Vertreter des Umweltministerium sowie beauftragten Experten gebildet.

Außerdem sind Vertreter der Interessensgruppen Jagd (Zentralstelle der Landesjagdverbände), Naturschutz (WWF) und Grundeigentümer (Landwirtschaftskammer, Land- und Forstbetriebe Österreich) als ständige Mitglieder der Koordinierungsstelle eingeladen.

Regelmäßige Treffen finden abwechselnd in den einzelnen Bundesländern statt. Zu den Sitzungen werden bei Bedarf weitere Vertreter von Interessensgruppen und wissenschaftlichen Institutionen beigezogen sowie Fachmeinungen eingeholt.

Wenigstens einmal im Jahr werden Vertreter betroffener Interessensgruppen und wissenschaftlicher Institutionen zu einer erweiterten Sitzung der Koordinierungsstelle eingeladen zum Zwecke der Information über die aktuelle Entwicklung der Wolfssituation und Diskussion offener Fragen des Managements. Das institutionalisierte Feedback bietet die Möglichkeit einer laufenden Evaluierung des Wolfsmanagements.

=== 4.6.1 Wolfsbeauftragte =

Aufgaben sind

* die Beratung und Information der zuständigen Behörden und der Koordinierungsstelle,

* Schulung der betroffenen Mitarbeiter von Bezirksverwaltungsbehörden (Amtstierärzte, Jagd-Sachverständige?, Bezirksnaturschutzbauftragte),

* Sachverständigentätigkeit in Wolfsfragen im Auftrag der Behörden,

* Sammeln und Prüfen vor Ort Daten über die aktuelle Verbreitung und den Status der Wolfspopulation, Erheben von Daten zum Verhalten der Wölfe, Analyse von Zwischenfällen mit Wölfen und Vorschlag von zur Lösung kritischer Situationen,

* Zusammenarbeit mit geschulten Schadenbegutachtern für eine objektive Schadenabwicklung und Abgabe von Erstinformationen über Möglichkeiten der Schadensprävention, Sorge für die fachliche Ausbildung von Schadensbegutachtern,

* Leistung von Öffentlichkeitsarbeit vor Ort, Ansprechpartner für die Bevölkerung, Halten von Vorträgen und Seminaren, Schreiben von Fachartikeln und Ansprechpartner für Medienanfragen und

* Teilnahme an Einsätzen des Eingreifteams und Unterstützung bei der Kommunikation mit zuständigen Behörden und lokalen Grundbesitzern und Jägern.


=== 4.6.2 Schadensbegutachter =

Sie dokumentieren und beurteilen Schadenfälle in Absprache mit den Wolfsbeauftragten. Sie helfen den Geschädigten bei der Schadensmeldung und arbeiten mit den Präventionsberatern zusammen.

Sie werden in Spurenkunde und Rissbeurteilung von Wolfsbeauftragten und externen Experten ausgebildet und weiterführend geschult.

Sie rekrutieren sich aus der örtlichen Bevölkerung (Jägerschaft, Gemeinde, Tierärzten) und ermöglicht eine rasche direkte Kontaktaufnahme mit den Geschädigten und Begutachtern. Eine schnelle Reaktion auf eine Schadensmeldung ist eine Voraussetzung für eine effektive Schadensabgeltung. Der Aufwand für die Tätigkeit soll abgegolten werden.



=== 4.6.3 Nationale Beratungsstelle für Herdenschutz =

Die Beratungsstelle für Herdenschutz soll österreichweit aus einem Team von zwei Personen bestehen, das an eine landwirtschaftliche Institution angegliedert werden sollte.

Aufgaben ergeben sich

* in der Aufarbeitung und einem Überblick über das Wissen und die Erfahrungen mit Herdenschutz in anderen Ländern und einer Anwendbarkeit der Schutzmaßnahmen in Österreich,

* in der Überwachung und Evaluierung der in Österreich eingesetzten Herdenschutzmaßnahmen, im Erfahrungsaustausch mit Herdenschutzprogrammen anderer Länder und in der Arbeit an der Weiterentwicklung der Schutzmaßnahmen,

* in der Zusammenarbeit mit den Präventionsberatern. die von der nationalen Beratungsstelle ausgebildet, regelmäßig geschult und über aktuelle Erkenntnisse informiert werden, die Beratungsstelle steht für regionale Informationsveranstaltungen zur Verfügung,

* in der Organisation und Vermittlung von Hirten im Rahmen des Herdenschutzes, Organisation und Koordinierung der Beschaffung, Ausbildung und einem Einsatz von Herdenschutzhunden und Information über Herdenschutzhunde sowie

* im Testen von Herdenschutzmaßnahmen in Modellregionen.

=== 4.6.4 Präventionsberater =

Sie arbeiten mit der Beratungsstelle für Herdenschutz zusammen und übernehmen die Betreuung der Landwirte vor Ort in Gebieten mit Wolfsvorkommen bzw. Wolfsschäden. Die besitzen landwirtschaftliche Fachkenntnisse, sind vorzugsweise Mitarbeiter von in der landwirtschaftlichen Beratung tätigen Organisationen und werden von der nationalen Beratungsstelle für Herdenschutz ausgebildet.

Sie informieren über Schutzmaßnahmen und Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung und Abgeltung.

Sie arbeiten mit Schadensgutachtern zusammen und unterstützen Landwirte bei der Abwicklung von Schadensfällen.

Sie analysieren die spezielle regionale Situation und arbeiten entsprechende Herdenschutzmaßnahmen aus.

Bei der Umsetzung von Schutzmaßnahmen unterstützen sie Landwirte, helfen bei der Abwicklung der Finanzierung und dokumentieren die Schutzmaßnahmen und schätzen deren Zumutbarkeit für den Landwirt ein.

Der Aufwand für die Tätigkeit soll abgegolten werden.

=== 4.6.5 Eingreifteam =

Das Team wird bei Vorliegen kritischer Situationen oder Entwicklungen aktiv.

Die Bewilligung erfolgt durch die zuständige Behörde im gesetzlichen Rahmen.

Die Aufgaben werden derzeit vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie, Wien (FIWI) übernommen. Der örtlich zuständige Wolfsbeauftragte wird beigezogen.

Aufgaben des Eingreifteams sind

* Vergrämung,

* Fang,

* Narkotisierung,

* (Sender) Markierung,

* Temporäre Senderüberwachung und

* Mitwirkung bei der Entnahme aus der Population.



== 4.7 Monitoring =

Österreichweit ist ein einheitliches Monitoringsystem einzurichten. Zweck des Monitorings ist es, aktuelle und verlässliche Daten über die Wölfe in Österreich zu liefern (vgl. KOST 2021, 11-12).

Entscheidungen des Wolfmanagements sollen auf Grund von ausreichenden Monitoringdaten getroffen werden.

Jedenfalls sollen die folgenden Daten erhoben werden wie

* Anzahl und Verbreitung (Unterscheidung von wandernden Individuen, stationären Individuen, Rudeln),

* Schäden (Art, Rissbild, Wirksamkeit von Schutzmaßnahmen) und

* Verhalten (bei Begegnungen, Anzeichen von Habituierung oder Futterkonditionierung),

Die folgenden Methoden stehen zu Verfügung wie

* Sammlung und Überprüfung von Hinweisen ( Sichtbeobachtung, Schäden, Spuren, Losungen),

* Genetische Untersuchung von Losungs-, Haar- und Urinproben sowie von Speichelproben aus Bisswunden von Rissen zur Bestätigung des Wolfs als Verursacher eines Hinweises, zur individuellen Unterscheidung von Individuen und Bestimmung des Geschlechts,

* zur Abklärung des Vorhandenseins von Rudeln, aktive und systematische Suche nach Hinweisen auf Plätzen von Zusammenkünften wie Aufenthaltsort der Welpen nach Verlassen der Höhle und Heulanimation sowie

* Besenderung und radiotelemetrische Verfolgung von ausgewählten Individuen zur Überwachung auffälligen Verhaltens.

Durchgeführt wird das Monitoring von den Wolfsbeauftragten und den Wildbiologen der Jägerschaften/ Landesregierung. Die Daten werden einheitlich nach SCALP - Kriterien bewertet. Die Weitergabe von Daten aus der gemeinsamen österreichischen Wolfsdatenbank unterliegt abzustimmenden Richtlinien.

Die SCALP - Kriterien sind im Monitoringkonzept für Braunbären, Luchs und Wolf definiert (vgl. Monitoringkonzept > https://www.dbb-wolf.de/Wolfsmanagement/monitoring/scalp-kriterien > http://tinyurl.com/wolfsmanagement [7.4.22]).

Es wird angestrebt, ausreichend geeignete Personen dahingehend zu schulen, wie Wolfshinweise zu erkennen und zu dokumentieren sind. Die endgültige Bewertung von Hinweisen wird auf jährlichen Treffen der Wolfsbeauftragten unter Beiziehung weiterer Experten abgestimmt.

Monitoraktivitäten werden mit Jagdausübungsberechtigten und Grundeigentümern abgestimmt. Die Kooperation der Wolfsbeauftragten mit lokalen Jägern, Grundeigentümern und in der Land- und Forstwirtschaft Beschäftigten ist ein Grundpfeiler eines effektiven Monitorings. Mit zunehmender Wolfspräsenz ist das Informationsnetzwerk mit den örtlichen Jägern und den Jagdverbänden auszubauen.





== 4.8 Schadenkompensation und Schadensprävention =

Der Lebensraum der Wölfe in Österreich ist eine von Menschen geprägte und genutzte Kulturlandschaft. Unter diesen Umständen sind Schäden in der Landwirtschaft, vor allem an landwirtschaftlichen Nutztieren, zu erwarten. Die Schäden können allerdings durch geeignete Maßnahmen wesentlich reduziert werden (vgl. KOST 2021, 12-15).

Nutztierhalter in Wolfsgebieten werden deshalb rechtzeitig über die wichtigsten Techniken der Vorsorge und finanzieller Unterstützung für deren Installierung informiert. Die Abgeltung von Präventionsmaßnahmen und Schäden sind eine Voraussetzung für die Akzeptanz durch die lokale Bevölkerung.

Prävention und Kompensation sind nicht voneinander unabhängig und sollen einander ergänzen. Das Grundprinzip soll sein, dass Schäden soweit wie möglich durch Prävention verhindert und dennoch auftretende Schäden kompensiert werde.

Im Einzelnen heißt das.

* Sind durch Haltungsbedingungen und Anwesenheit von Wölfen Schäden zu erwarten, soll geprüft werden, welche Maßnahmen der Schadenprävention diese Schäden verhindert verhindern können. Der betroffene Landwirt wird entsprechend durch kompetente Stellen beraten. Die empfohlenen Maßnahmen sollen von öffentlicher Hand im erforderlichen Ausmaß finanziert werden.

* Grundsätzlich sollen von Wölfen verursachte Schäden ersetzt werden.

* Schäden sollen nicht ersetzt werden, wenn empfohlene Maßnahmen nicht bzw. nicht fachgerecht umgesetzt werden.

* Die Vorgangsweise der Schadenabwicklung wie Nachweispflicht, Begutachtungsstellen der Schadenhöhe, soll von den schadensabgeltenden Organisationen und den Interessentenvertretern der Viehhalter vorab ausverhandelt werden.

Die Forderung von Herdenschutzmaßnahmen und die Abwicklung und Abgeltung von Schäden sollten in allen (Bundes-) Ländern einheitlich geregelt werden. Dabei sind folgende Lernpunkte zu beachten.

* Einheitliche Gestaltung der Förderungen, Beihilfen, Entschädigungen, finanzielle Anreize.

* Eigenverantwortlichkeit der Tierhalter. Jeder Tierhalter ist für den Grundschutz seiner Tiere selbst verantwortlich. Gefordert werden sollten nur Maßnahmen, die erst durch die Anwesenheit von Großraubtieren erforderlich werden.

* In Gebieten mit permanenter Wolfspräsenz (Territorien von Rudeln oder stationären Einzeltieren mit einem Puffer von 30 Kilometern) sollte eine flächendeckende wolfssichere Haltung von Schafen, Ziegen und Gatterwild angestrebt werden.


== 4.9 Herdenschutzmaßnahmen =

Die Maßnahmen bieten keinen vollkommenen Schutz, können aber Schäden effektiv verringern (vgl. KOST 2021, 15-16).

Folgende Schutzmaßnahmen können auf Grund internationaler Erfahrungen empfohlen werden.

* Nicht elektrischer Festzaun (Maschendraht), Mindesthöhe 120 cm, besser 140 cm und mit Untergrabeschutz oder als Wildgatterzaun mit Untergrabeschutz,

* E - Zaun mit Draht oder Litzen, 5 Drähte/ Litzen in 20, 40, 60, 90 und 120 cm Höhe, mind. 5000 V,

* E - Netzzaun Mindesthöhe 110 cm, vorzugsweise mit verstärkten Vertikalstreben zur Erhöhung der Stabilität und Sichtbarkeit. Als Schutz vor Überspringen kann noch eine nicht stromführende Litze über den Zaun gespannt werden,

* Lappenzaun nur für kurzzeitigen Einsatz wie etwa als Sofortmaßnahme nach Wolfangriffen,

* Behirtung auf Almflächen mit frei weidenden Schafen/ Ziegen als Grundklage für den effizienten Einsatz bzw. die Durchführung anderer Herdenschutzmaßnahmen wie Herdenschutzhunde und Nachtpferch,

* Herdenschutzhunde, die sich der zu bedachenden Herd zugehörig fühlen und diese selbständig verteidigen. Entscheidend für den Erfolg ist sorgfältige Zucht und Ausbildung (Aufwachsen der Welpen in der Herde, Korrektur von Fehlverhalten). Sozialisiert werden solche Hunde auch mit Rindern, Pferden und anderen Arten. Damit solche Hunde wirksam sein können, darf sich die Herde nicht zu sehr zerstreuen, daher werden Herdenschutzhunde oft zusammen mit Behirtung oder Zäunung eingesetzt,

* Nachtpferch ist nächtliches Zusammentreiben einer frei weidenden Herde in eine wolfssicher gestaltete Koppel.

Nicht empfohlen werden nach derzeitigen Wissensstand Herdenschutzesel und Herdenschutzlamas, negative Konditionierung durch Vergälung von Kadavern oder Beschuss mit Gummigeschoßen (damit kann man einen Wolf von einem Ort vertreiben, aber nicht das Jagen abgewöhnen), nur zur kurzfristigem Einsatz akustische und visuelle Abwehrmethoden wie Böller und Blinklichter.

Im alpinen Gebiet ist Herdenschutz ungleich schwieriger als im Flachland. Herdenschutz für die Almwirtschaft im Wolfsgebiet ist von wesentlicher Bedeutung.

Oft müssen mehr als eine Methode gleichzeitig verwendet werden.

In einigen Gebieten kann das Zusammenlegen kleiner Herden zu größeren Einheiten sinnvoll sein, um den Aufbau eines effektiven Herdenschutzes wirtschaftlich möglich zu machen.

Herdenschutz ist fachlich anspruchsvoll. Es ist Aufgabe der nationalen Beratungsstelle für Herdenschutz, lokal abgestimmte Schutzmaßnahmen auszuarbeiten.

Bei permanenter Wolfspräsenz sollen Maßnahmen flächendeckend empfohlen und gefördert werden und sollte der Grundsatz "Prävention vor Kompensation" gelten. Die Wolfsbeauftragten liefern den Landesbehörden die facghliche schläge für die Identifizierung der Gebiete mit ständiger Wolfspräsenz.

== 4.10 Vorgehen im Schadensfall =

Wird ein Kadavergefunden und möglicherweise es sich um einen Wolfsriss handelt, wird der Vorfall an eine der folgenden Stellen gemeldet wie Landwirtschaftskammer, Ortsbauernobmann, Schafzuchtverband, Bezirksverwaltungsbehörde, Polizei, Gemeinde, Jagdausübungsberechtigten oder Präventionsberater bzw. Schadensbegutachter (vgl. KOST 2021, 16-17).

Der Schadensbegutachter untersucht den Kadaver nach Bisspuren und/ oder Fraßspuren und den Fundort nach Spuren, Losung und Haaren. Er erstellt ein Rissgutachten. In nicht eindeutigen Fällen bzw. im Rahmen des Monitorings kann der Gutachter DNA-Proben? nehmen und mit dem endgültigen Gutachten bis zum Vorliegen der Analyseergebnisse zuwarten.

Erbringt die Untersuchung des Kadavers Hinweise, die einen Wolfsriss sicher/ wahrscheinlich/ möglich erscheinen lassen, wird auch der Präventionsberater verständigt.

Beide Berater unterstützen nach Bedarf den Landwirt bei der Schadensmeldung an die zu zahlende Institution. Der Präventionsberater unterstützt bei der Überprüfung den Landwirt, ob weitere Tiere abhängig sind und klärt welche Maßnahmen ergriffen werden können/ sollen.

Der Präventionsberater verständigt die benachbarten Betriebe/ Almen.

== 4.11 Jagd =

Das Jagdrecht ist mit Grund und Boden untrennbar verbunden. Jagdbares Wild ist bis zum Zeitpunkt der Aneignung durch den Jagdausübungsberechtigten zwar herrenlos, das zu erlebende Wild ist aber jedenfalls ein Teil des Jagdbetriebes und stellt einen wirtschaftlichen Wert dar (vgl. KOST 2021, 17).

Der Einfluss der Wölfe auf die Population ihrer Beutetiere ist von vielen Faktoren abhängig wie der Anzahl, Verteilung, Produktivität und Populationsgröße der Beutearten, Landschaftsstruktur und andere Habitatsfaktoren und für Österreich nicht ohne weiteres vorherzusagen.

Rotwildfütterungen und Wintergatter dienen in Ermangelung der früheren Wander- und Überwinterungsmöglichkeiten in den Tieflagen der Versorgung des Rotwildes und der Verhinderung von Wildschäden.

Die Möglichkeit einer Vertreibung des Rotwildes aus Fütterungseinstand oder Wintergatter und das daraus resultierende Schadenspotential stellt ein erhebliches Risiko für den Jagdausübungsberechtigten dar, der persönlich verschuldensunabhängig haftet.

Es ist daher wichtig, den Einfluss der Wölfe auf den Jagdbetrieb in Österreich in den nächsten Jahren gut zu dokumentieren und wissenschaftlich zu untersuchen. Darauf aufbauend sollten fachliche Empfehlungen zur Wildschadensprophylaxe erarbeitet werden - insbesondere zur Erhaltung der Objektschutzwirkung von Schutz-und Bannwäldern. Die Beratung von Forstbehörde, Jägern und Grundeigentümern vor Ort soll eine Risikoprognose und Anpassungsmöglichkeiten für Rotwild aufzeigen.

Gut geführte Jagdhunde sind unentbehrlich für eine weidgerechte Jagdausübung und haben auch abgesehen von der emotionalen Komponente einem hohen Wert. Es kann an Hand der Beispiele in Skandinavien nicht ausgeschlossen werden, dass Hunde im jagdlichen Einsatz von Wölfen verletzt oder getötet werden.

Unter österreichischen Bedingungen ist am ehesten bei Bewegungsjagden mit Stöberhunden und in der Schweißarbeit, in denen der Hund geschnallt wird, mit Problemen zu rechnen.

Jagdlich geführte Hunde sollten im Schadensfall versicherungstechnisch wie Nutztiere hehandelt werden.

Bei der Nachsuche sollte der Hund erst in kurzer Entfernung vom angeschweißten Wild geschnallt werden.







== 4.12 Öffentlichkeitsarbeit =

Aufgabe ist eine aktuelle, sachliche und unvoreingenommene Information über den Wolf zu verbreiten und Vertrauen in das Wolfsmanagement zu schaffen. Wölfe polarisieren wie keine andere Tierart din der Gesellschaft. Deshalb ist es wichtig, Probleme offen anzusprechen und Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

Die Bereitstellung von Informationen zu aktuellen und begleitenden Managementmaßnahmen ist Aufgabe der Behörden und der Wolfsbeauftragten. Die Bundesländer informieren die Öffentlichkeit durch

* Presseaussendungen,

* Vorträge der Wolfsbeauftragten,

* Etablierung und Aktualisierung einer Website,

* Jahresberichte und

* Informationsblätter.

Materialien der befassten Verbände und Interessensvertretungen spielen eine wesentliche Rolle. Die einzelnen Aktivitäten sollten aufeinander abgestimmt werden und auf der fachlichen Ebene ein einheitliches Bild darstellen. Die Wolfsbeauftragten sind Teil der Öffentlichkeitsarbeit und stellen ihr Fachwissen zur Verfügung.

== 4.13 Wölfe in besonderen Situationen =

Wenn Wölfe in einer Kulturlandschaft in Mitteleuropa leben, kommen sie zwangsläufig in engen Kontakt mit Menschen. Der Mythos vom Tier, das unberührte Wildnis und weiträumig menschenleere Gebiete braucht, wird von der Realität überholt (vgl. KOST 2021, 18-22).

Es gehört zum normalen Verhalten, wenn Wölfe auch tagsüber von bewohnten Gebäuden aus gesehen werden, nachts gelegentlich Dörfer durchqueren und nach unzureichend geschützten Nahrungsgütern des Menschen, besonders Schafen, greifen. Die Erfahrung zeigt, dass ein solches Verhalten keine erhöhte Gefährdung des Menschen darstellt und Schäden durch Wölfe mittels Vorsorgemaßnahmen erfolgreich begrenzt werden können.

Wölfe sind reine Fleischfresser und das Töten von Wild- wie Haustieren ist keine Form der Aggression, sondern einfach Nahrungserwerb. Trotzdem gibt es gelegentlich Wölfe, die davon abweichende Verhalten zeigen und deswegen dem Menschen besondere Probleme bereiten.

Wölfe in besonderen Situationen können als Bedrohung empfunden werden oder tatsächlich darstellen wie etwa

* Laufen bei Dunkelheit direkt an Ortschaften entlang, im Hellen in Sichtweite von Ortschaften/ Einzelgehöften,

* Wolf flüchtet nicht beim Anblick von Menschen und Autos,

* Wolf reagiert unprovoziert aggressiv auf Menschen,

* Wolf tötet einen Jagdhund im Jagdeinsatz,

* Wolf hält sich längere Zeit in der Nähe eines Dorfes auf,

* Wolf nähert sich mehrfach Menschen mit Hunden,

* Wolf tötet wiederholt Hunde im Umfeld menschlicher Wohnstätten,

* Wolf tötet ungeschützte Nutztiere und

* Wolf tötet sachgerecht geschützte Nutztiere und überwindet den Schutz.

Problemsituationen können durch Wölfe entstehen, deren Verhalten außerhalb der Bandbreite des Verhaltens der meisten Wölfe liegt und die für den Menschen größere wirtschaftliche und/ oder sicherheitsrelevante Probleme verursachen. Wölfe verursachen in manchen Gegenden mit schlechtem Schutz der Nutztiere hohe Schäden, lässt dies nicht automatisch auf auffällige Wölfe schließen.

Habituierung bezeichnet in diesem Kontext die Gewöhnung des Tieres an die Anwesenheit des Menschen. Solch Tiere lassen den Menschen relativ nahe an sich heran. Sie haben gelernt, dass Menschen keine Gefahr darstellen. Sie sind nicht aggressiv. Sie nähern sich dem Menschen auch nicht gezielt. Es besteht kein positiver Reiz durch den Menschen, vielmehr ist der negative Reiz ist lediglich weggefallen. Habituiertes Verhalten entsteht durch individuelles Lernen oder wird von den Elterntieren auf die Jungen übertragen.

Als Futterkonditionierung wird ein Verhalten bezeichnet, bei dem Tiere bestimmte Situationen mit dem Erhalt von Futter verknüpfen. Im Bereich auffälliger Individuen bei Wölfen versteht man darunter in der Regel die Verknüpfung von menschlichen Einrichtungen mit verfügbarer Nahrung.

Futterkonditionierte Tiere suchen diese also gezielt auf, ohne dass sie wissen, ob es in diesem konkreten Fall dort Futter gibt, sondern weil sie aus Erfahrung wissen, dass dies oft der Fall ist. Hier besteht also ein positiver Reiz.

Aversive Konditionierung bezeichnet eine Verknüpfung bestimmter Situationen mit negativen Erlebnissen wie Schmerzen oder Gefahr. In diesem Kontext stellen diese Situationen die Anwesenheit des Menschen oder die Nähe zu Häusern oder Siedlungen dar. Diese Konditionierung kann man durch Vergrämen erreichen.

Unter Vergrämen versteht man etwa das Beschießen auffälliger Individuen mit Gummikugeln oder Leuchtraketen. Das ausschließliche Vertreiben von Tieren stellt keine Maßnahme der aversiven Konditionierung dar, da damit nur ein Ortswechsel und keine grundsätzliche Verhaltensänderung erreicht wird. Es kann sich aber durchaus schadensmindernd auswirken.

Unter Besendern versteht man das Anbringen von Telemetriesendern am Tier. Der heutige Stand der Technik für Wölfe sind kombinierte Sender mit GPS - GSM - und VHF - Einheiten (Satelliten - Telemetzriesender mit Mobilfunknetzübertragung und zusätzlicher Funksendeeinheit).

Zum Vergrämen von auffälligen Wölfen gibt es noch wenig Erfahrung. Bisherige Erfahrungen mit Problembären in Europa zeigen, dass erfolgreich Vergrämen keine Selbstverständlichkeit, sondern eher die Ausnahme ist.

Daraus lassen sich folgende Empfehlungen ableiten.

* "Normale" Schäden lassen sich in der Regel durch Vergrämen nicht verhindern, sondern nur durch Maßnahmen der Schadensprävention.

* Je früher eingeschritten wird, desto höher ist die Erfolgswahrscheinlichkeit.

* Die Tiere müssen mehrmals im Laufe einiger Wochen/ Monate intensiv vergrämt werden.

* In dieser Zeit dürfen sie nach Möglichkeit keine gegenteiligen Erfahrungen machen wie etwa futterkonditionierte Tiere dürfen nicht in Siedlungen kommen, ohne vergrämt zu werden.

* Bei habituierten Tieren ist es leichter, eine aversive Konditionierung zu erreichen als bei futterkonditionierten Tieren.

* Besenderung ist für das Auffinden der auffälligen Wölfe zur gezielten Vergrämung notwendig.

Entlaufene Gehegewölfe sind aus einem gewissen Maße habituiert. Auch wenn sich manche Tiere gut in der freien Wildbahn eingewöhnen können, stellen sie immer ein erhöhtes Risiko für den Menschen dar. Sie sind auf jeden Fall unter Beachtung der gesetzlichen Rahmenbedingungen zu entfernen, nach Möglichkeit durch Einfangen und Verbringen in ihr ursprüngliches Gehege

Zur Vermeidung von Konflikten wird auf die Wichtigkeit der ausbruchssicheren Haltung von Gehegewölfen nachdrücklich hingewiesen. In diesem Kontext kommt der Kennzeichnungs- und Aufzeichnungspflicht besondere Bedeutung zu und wird hinsichtlich der lückenlosen Erfassung Verbesserungsbedarf festgestellt.


== 4.14 Ausnahmen von Schutzbestimmungen =

Nach Artikel 12 der FFH - Richtlinien ist der Wolf streng geschützt und alle Formen des Fangs oder Tötung sowie absichtlichen Störung verboten. Nach Artikel 16 Abs. 1 sind jedoch Ausnahmen möglich, sofern es keine anderweitige Lösung gibt und unter der Bedingung, dass die Populationen der betroffenen Art in ihrem Verbreitungsgebiet trotz Ausnahmeregelungen ohne Beeinträchtigung in einem günstigen Erhaltungszustand verweilen und zwar (vgl. KOST 2021, 22-23)
* zum Schutz der wildlebenden Tiere und Pflanzen und zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume,

* zur Verhütung ernster Schäden insbesondere an Kulturen und in der Tierhaltung sowie an Wäldern, Fischgründen und Gewässern sowie an sonstigen Formen von Eigentum,

* Im Interesse der Volksgesundheit und der öffentlichen Sicherheit oder aus anderen zwingenden Gründen des öffentlichen Interesses, einschließlich solcher sozialen oder wirtschaftlicher Art oder positiver Folgen für die Umwelt,

* zu Zwecken der Forschung und des Unterrichts, der Bestandsauffüllung und Wiederansiedelung und der für diese Zwecke erforderlichen Aufzucht, einschließlich der künstlichen Vermehrung von Pflanzen und

* um unter strenger Kontrolle, selektiv und in beschränktem Ausmaß der Entnahme oder Haltung einer begrenzten und von den zuständigen staatlichen Behörden spezifizierten Anzahl von Exemplaren bestimmter Tier- und Pflanzenarten zu erlauben.

== 4.15 Sonderfälle =

Alle Hunderassen stammen vom Wolf ab. Trotz der Domestikation über Tausende von Jahren können sich Haushunde und Wölfe weiterhin gemeinsam fortpflanzen (Hybride). Das kann, neben der gewollten Einkreuzung von Wölfen von Haushunderassen, auch in der freien Natur vorkommen. Besonders gefährdet sind stark zersplitterte Wolfspopulationen geringer Dichte.

Das Eindringen von Hundegenen in den Genpool einer Wolfspopulation kann nachteilige Folgen haben. Wolf -Haushund -Hybriden sind weniger angepasst an ein Leben in freier Natur und weniger scheu als Wölfe. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, in Konflikt mit Menschen zu geraten. Die geringere Lebensfähigkeit können Hybriden teilweise durch höhere Produktivität ausgleichen (Wölfe haben eine Paarungszeit im Jahr, Haushunde haben keine festen Paarungszeiten und Hündinnen werden 2-3 mal im Jahr läufig).

Aus Artenschutzgründen sollten alle Hybriden aus der freien Wildbahn entfernt werden. Bis zur Entnahme sollten durch freilebende Hybriden verursachte Schäden wie Wolfsschäden behandelt werden.

Wird ein Kadaver gefunden und besteht Verdacht, dass es sich um einen Wolf handeln könnte, soll der Jagdausübungsberechtigte oder die Polizei verständigt werden. Umgehend sollte der Fund dem Wolfsbauftragten oder der zuständigen Behörde (Bezirksverwaltungsbehörde, Landesregierung) gemeldet werden. Ziel ist die rasche Untersuchung der Fundstelle sowie die sachgerechte Kühlung und Obduktion des Kadavers.

Wird ein verletzter oder kranker Wolf aufgefunden oder besteht der Verdacht, dass es sich um einen verletzten oder kranken Wolf handeln könnte, soll der Jagdsausübungsberechtigte oder die Polizei verständigt werden. Umgehend soll in der Folge der Vorfall dem Wolfsbeauftragten oder der zuständigen Behörde gemeldet werden.
Die Entscheidung, ob das Tier schmerzlos getötet werden muss oder in freier Wildbahn belassen werden kann, sollte unter Berücksichtigung der landesgesetzlichen Regelungen durch die Einschätzung eines Tierarztes sowie des Wolfsbeauftragten erfolgen. Eine Unterbringung in einem Gehege sollte auf Ausnahmefälle und auf kurz Zeit beschränkt bleiben (vgl. KOST 2021, 23).























= 5 Wölfe in der Schweiz =

Im Folgenden geht es um die Projektbeschreibung der Universität Zürich - Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft "Wölfe: Wissen und Praxis. Ethnographie zur Wiederkehr der Wölfe in der Schweiz", Projektdauer 01/ 2016 - 12/ 2019, Prof. Dr. Bernhard TSCHOBEN

Um die Jahrtausendwende wurden zunehmend einzelne umherstreifende Wölfe auf der Suche nach einem neuen Territorium in der Schweiz gesichtet. Seit 2012 wurde in der
Calandaregion der erste Wolfsnachwuchs nachgewiesen. Daher wird von einer "Rückkehr des Wolfes" gesprochen. Die Wiederbesiedelung der Schweiz durch Wölfe der Schweiz stellt eine neuartige Situation dar.

== 5.1 Forschungsprojekt =

Das Forschungsprojekt fragt danach, welche Veränderungen diese Rückkehr mit sich bringt, auf welchen Ebenen diese Veränderungen stattfinden und wie verschiedenen Akteure damit umgehen. Interessant sind die Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Wissensbeständen und Praktiken des Wolfsmanagement, Natur-, Kultur- und Raumkonzepte, die in der Debatte rund um den Wolf verhandelt, besetzt und mit Bedeutung versehen werden sowie Mensch - Tier - Beziehungen.

Im Zentrum steht der in der Politik und Ökologie übliche Begriff "Wolfsmanagement". Neben der institutionalisierten Verwaltung der Wölfe, dem Wolfmanagement im engeren Sinne, beinhaltet der Begriff in diesem Projekt aber auch individuelle, populäre und alltägliche Umgangsformen und Auseinandersetzungen mit den Wölfen und ihrer Präsenz.

Das auf einer praxeologischen und rationalen theoretischen Grundlage aufbauende Projekt begreift den Begriff als ein komplexes Akteurs - Netzwerk: eine Vielzahl von vernetzten, miteinander in unterschiedlichen Verbindungen stehenden und interagierenden Akteuren, die das untersuchte Phänomen durch ihre Handlungen und Interaktionen immer wieder aufs Neue hervorbringen und es dabei fortlaufend verändern. Zudem fragt das Projekt danach, inwiefern auch Tiere und Objekte an der Mitgestaltung des Phänomens beteiligt und somit Teil des Akteurs-Netzwerk? sind.


== 5.2 Teilprojekte =

Umfang und Komplexität erfordern das Projekt in zwei Teilprojekte aufzuteilen, welche sich unterschiedlichen Ausschnitten des Akteurs - Netzwerks zuwenden, die sich durch die tatsächliche Präsenz der Wölfe unterscheiden.

Das Teilprojekt von Nikolaus HEINZER hat den Schwerpunkt der unmittelbaren Nähe von Wolfsterritorien lebenden Menschen und ihren Umgang mit der alltäglichen Präsenz der Wölfe (vgl. HEINZER 2021). Geographisch orientiert sich dieses Feld am Territorium des Calanda - Wolfsrudels und weiteren Wolfsaktivitäten in betroffenen (Berg )Gebieten wie etwa im Wallis oder im Tessin.

Das von Elisa FRANK bearbeitete Teilprojekt nimmt die indirekt betroffenen Akteure in einem den Wolfsterritorien ferneren Umfeld in den Blick (vgl. FRANK - HEINZER - TSCHOFEN 2019, 17-32). Hier interessiert man sich, welche visuellen und symbolischen Repräsentationen und Diskurse von und über Wölfe im Umfeld produziert werden und wie diese die menschliche Wahrnehmung und den Umgang mit Wölfen im Wolfsmanagement beeinflussen.

Das Forschungsprojekt versucht die Vorgänge und Konflikte rund um die Rückkehr des Wolfs in die Schweiz sowie die unterschiedlichen Haltungen und Positionen in ihrer sozialen Situiertheit zu verstehen und dadurch einen Beitrag zu einem besseren Verständnis des aktuellen Phänomens zu leisten. Ein zentrales Anliegen des Projekts ist es dabei, die Debatte um die Rückkehr der Wölfe aus einer rein ökologischen Perspektive herauszuholen und als kulturellen Prozess bewusst und sichtbar zu machen.

= 6 Aspekte der Landwirtschaft/ Beispiel Deutschland =

Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Heimat

02. Apr. 2026 Artikel

Die hohe Wolfspopulation führt zunehmend zu großen Problemen für die Weidetierhalter und zu Sorgen der Bevölkerung in den ländlichen Regionen.

Der Wolf verbreitet sich inzwischen flächendeckend in Deutschland. Durch die vermehrte Ausbreitung nehmen Wolfsrisse zu. Besonders gefährdet sind ungeschützte Weidetiere. Die Anzahl von verwundeten und getöteten Tieren ist von 40 Tieren im Jahr 2006 auf rund 4.300 Tiere bei rd. 1.100 Übergriffen im Jahr 2024 angestiegen. Ein Großteil der Wolfübergriffe erfolgte auf Schafe und Ziegen. Die Ausgaben für Herdenschutzmaßnahmen in Deutschland beliefen sich 2024 auf rund 23.4 Mio. Euro. Die Ausgleichzahlungen für Nutztierübergriffe beliefen sich 2024 auf rund 780.400 Euro.

Auch andere Gruppen, zum Beispiel Jäger, begegnen Schwierigkeiten. Wölfe ernähren sich vor allem von Wild. In Wolfsgebieten kann es deswegen zu vermehrter Rudelbildung von Schwarz- und Rotwild kommen und das Wild wird scheuer. Dies kann wiederum zu erschwerter Bejagung führen.

Deutschland hat zum 31. Juli 2025 seinen aktuellen FFH - Bericht zum Erhaltungszustand geschützter Arten an die EU übermittelt – darunter auch neue Daten zum Wolf. Für die atlantische Region konnte erstmals ein „günstiger“ Erhaltungszustand gemeldet werden. Inzwischen hat Deutschland nun auch für die kontinentale Region diesen günstigen Zustand an die EU - Kommission übermittelt. Die Bewertung basiert auf dem mehrheitlichen Votum der Länder und schafft eine wissenschaftlich abgesicherte Grundlage für ein faktenbasiertes Wolfsmanagement. Ziel bleibt, den gestiegenen Wolfbestand realitätsnah abzubilden und gleichzeitig den Schutz von Weidetieren zu stärken – auch durch Anpassungen im Natur- und Jagdrecht.

Mehr Wölfe und deren umfassender Schutz dürfen nicht zu weniger Nutztierhaltung im Freien führen. Denn Weidehaltung trägt zum Tierschutz und Erhalt von Grünland bei und ist insbesondere für ökologisch wirtschaftende Betriebe relevant.

Aufnahme ins Bundesjagdgesetz zum Zweck des Weidetierschutzes

Dafür sind Präventionsmaßnahmen notwendig. Im Umgang mit dem Wolf muss eine für alle Beteiligten sachgerechte Lösung gefunden werden, die den Artenschutz respektiert, ökologisch sinnvoll und gesellschaftlich akzeptiert ist. Das BMLEH führt daher Gespräche mit Betroffenen und Vertretern der Weidetierhalter zur Erarbeitung von Lösungsansätzen zwischen Wolfsschutz und Nutztierhaltung. Auch auf europäischer Ebene setzt sich das BMLEH aktiv für eine Entschärfung der Konfliktsituation und einen angemessenen Interessenausgleich zwischen der Weidetierhaltung und dem Artenschutz ein.

Nachdem der Schutzstatus des Wolfs in der Berner Konvention zum 7. März 2025 von „besonders geschützt“ auf „geschützt“ herabgestuft wurde und in der Folge die EU - Kommission diesen Beschluss durch eine Umstufung des Wolfs aus Anhang IV (bisher) in Anhang V (künftig) der Fauna - Flora - Habitat - Richtlinie (FFH - Richtlinie) umgesetzt hat, liegen seit 14. Juli 2025 auf europäischer Ebene die notwendigen Voraussetzungen vor, um beim Wolf Flexibilisierungen im nationalen Recht vornehmen zu können.

Der Wolf wurde – wie im Koalitionsvertrag vereinbart – in das Bundesjagdgesetz (BJagdG?) aufgenommen. Das Gesetz zur Änderung des BJagdG? und zur Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes (BNatSchG?) wurde am 5. März 2026 vom Deutschen Bundestag beschlossen und am 27. März 2026 vom Bundesrat gebilligt. Das Gesetz wurde am 1. April 2026 im Bundesgesetzblatt verkündet und ist am 2. April 2026 in Kraft getreten.

Durch die Gesetzesänderung wird den Ländern die Möglichkeit für ein aktives Bestandsmanagement bei einem günstigen Erhaltungszustand eröffnet. Wo Wölfe Herdenschutzmaßnahmen überwinden, können sie zeitnäher und mit deutlich weniger bürokratischem Aufwand unabhängig vom Erhaltungszustand entnommen werden. In Gebieten, in denen präventiver Herdenschutz unzumutbar ist – etwa in der alpinen Region – ist eine Entnahme zur Vermeidung von Weidetierrissen ebenfalls möglich.

Der präventive Herdenschutz ist weiterhin zentral für den Schutz der Weidetiere. Die Finanzierung von Zäunen oder Herdenschutzhunden wird weiterhin im Rahmen der Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes unterstützt.

Mit der Aufnahme des Wolfs in das BJagdG? wird den Ländern die Möglichkeit eines regionalen Bestandsmanagements gegeben. Das bedeutet: Wo der günstige Erhaltungszustand festgestellt wurde, sind Managementpläne aufzustellen. So kann die Zahl der regional lebenden Wölfe reguliert werden. In diesem Rahmen ist eine Jagdzeit von 1. Juli bis 31. Oktober vorgesehen.

Haben Wölfe Herdenschutzmaßnahmen überwunden und Weidetiere verletzt oder getötet, können sie zeitnäher und mit deutlich weniger bürokratischen Aufwand entnommen werden, unabhängig vom Erhaltungszustand.

In einigen Regionen Deutschlands ist präventiver Herdenschutz, zum Beispiel das Aufstellen von Zäunen, aufgrund der geografischen Gegebenheiten, wie Hangneigung, Bodenbeschaffenheit oder Lage an Gewässern nicht möglich oder zumutbar. Das ist beispielsweise in den Alpen (Almwiesen) oder an den Küsten (Deiche) der Fall. Die Bundesländer bekommen nun die Möglichkeit, bestimmte Weidegebiete auszuweisen, um hier den Schutz der Weidetiere durch die Entnahme der Wölfe sicherzustellen.

Derzeit ist die Finanzierung von Herdenschutzmaßnahmen über die Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur und Küstenschutz (GAK) geregelt. Wir überprüfen diese Regelungen mit dem Ziel, Verbesserungen bei der Förderung des Herdenschutzes zu erzielen.

Die Regeln der EU - Artenschutzverordnung gelten auch weiterhin für den Wolf. Damit sind Zurschaustellung und Handel mit toten Wölfen auch künftig verboten.

Das im Geschäftsbereich des BMLEH befindliche "Bundeszentrum Weidetiere und Wolf (BZWW) soll u.a. folgende Aufgaben erfüllen.

* Erstellung einer länderübergreifenden Übersicht – jährlich aktualisiert – der angewandten Herdenschutzmaßnahmen (Zaun, Herdenschutzhunde etc.), insbesondere in Wolfsgebieten einschließlich der Erfassung, der bei diesen Herdenschutzmaßnahmen dennoch stattgefundenen Übergriffe, möglichst mit Ursachenforschung. Optimierung von aktuell angewandten Schutzmaßnahmen u.a. durch Rückkopplung mit Vertretern der Wissenschaft, Wirtschaft, betroffenen Praktikern und betroffenen Verbänden (ggf. Gründung einer AG).

* Vorschlag neuer Forschungsprojekte zur Entwicklung neuer Herdenschutzmaßnahmen und ggf. neuer Verfahren u.a. durch Nutzung der Digitalisierung.

* Entwicklung und Optimierung von Abläufen des Verfahrens nach einem Übergriff sowie Verbesserung der Verfahren der Entschädigungspraxis in Zusammenarbeit und enger Abstimmung mit den Ländern, Klärung von Fragen der Finanzierung und Erarbeitung von Vorschlägen zur Verbesserung der Finanzierung des Herdenschutzes, inklusive Arbeitszeitaufwand.

* Förderung des Dialogs zwischen Weidetierhaltern, den Verbänden des Naturschutzes und der Öffentlichkeit.
Beratung und Unterstützung des BMLEH bei strategischen Überlegungen zum Management des Wolfes aus Sicht der Weidetierhaltung.

* Weidetierhalterinnen und -halter finden auf der Internetseite des Bundeszentrums Weidetiere und Wolf (BZWW) fundierte und praxisrelevante Inhalte zu Herdenschutzmaßnahmen, Fördermöglichkeiten in den Bundesländern, praxis- und forschungsbezogene Projekte zum Herdenschutz sowie zu Konfliktlösungsansätzen.

* Es ist erforderlich, der ansteigenden Wolfspopulation mit geeigneten Herdenschutzmaßnahmen zu begegnen. Dafür eignen sich vor allem: Herdenschutzhunde, Elektrozäune, Wildgatterzäune oder eine Behirtung.

* Doch die Präventionsmaßnahmen sind kostenintensiv und zeitaufwändig. So kostet die Anschaffung eines Herdenschutzhundes etwa 4.000 Euro und die artgerechte Haltung des Hundes weitere 1.000 Euro pro Jahr. Vor allem Halter von kleineren Viehbeständen können diese finanziellen Belastungen kaum leisten. Prinzipiell können Herdenschutzmaßnahmen wie der Bau von Zäunen gefördert werden – dies ist jedoch abhängig von den jeweiligen Regelungen der Länder zur Unterstützung von Präventionsleistungen. Zudem können Herdenschutzmaßnahmen nicht in allen Fällen umfassenden Schutz garantieren

* Präventionsförderung zum Herdenschutz gegen Wolfsübergriffe durch den Bund (GAK): Im sogenannten GAK - Rahmenplan sind zwei Maßnahmen zum präventiven Herdenschutz implementiert. Der GAK-Förderungsgrundsatz? "Investitionen zum Schutz vor Schäden durch den Wolf" fördert u.a. den Erwerb und die Installation wolfsabweisender Schutzzäune, Nachrüstung vorhandener Zäune, Anschaffung von Herdenschutzhunden, einschließlich Qualifikation von Personen, die mit den Herdenschutzhunden arbeiten sowie die Ausbildung der Hunde. Der GAK-Förderungsgrundsatz? "Laufende Betriebsausgaben zum Schutz vor Schäden durch den Wolf" fördert die laufenden Betriebsausgaben für die Wartung von Herdenschutzzäunen und die Unterhaltungskosten von Herdenschutzhunden. Für die Umsetzung der Maßnahmen sind die Länder zuständig.

IT - Hinweis Quelle

https://www.bmleh.de/DE/themen/landwirtschaft/artenvielfalt/wolf.html (22.5.2026)




















= 7 Aspekte einer Politischen Bildung =

Im Folgenden wird auf die Wichtigkeit einer Didaktik, den Diskurs zur Thematik in der Politischen Bildung und den notwendigen Wandel von Lehr- und Lernkonzepten eingegangen.

Lehr- und Lernprozesse kennzeichnen eine Behandlung der Wolfsproblematik in der pädagogischen Herausforderung in den Bildungsbereichen.

== 7.1 Didaktik der Politischen Bildung =

Für die Politische Bildung ist die zentrale Frage die Abwägung von einem Schutz des Wildtieres oder seiner Verdrängung aus einem alten Kulturraum.

Ziel einer Politischen Bildung als Bestandteil der Gesamtbildung ist

* kritische Urteilsfähigkeit,

* Erkennen politischer, sozialer, rechtlicher und wirtschaftlicher Zusammenhänge und

* Ausgleich unterschiedlicher Aspekte im Sinne gesamtgesellschaftlicher Zielvorstellungen.

Die soziale Aufgabe eines Bildungssystems eines Staates bzw. einer Gesellschaft ist Lernende auf ein Leben in der Gesellschaft vorzubereiten. Dies bedeutet einen Lernprozess zu eigenem Handeln, demokratischen Entscheidungen und Interessen an öffentlichen Aufgaben zu ermöglichen.

Als Klammerbegriff von Wissen und Verhalten versteht sich politisches Bewusstsein.

Es bildet sich

* im Erkennen eigener Interessen,

* in gesellschaftlichen Konflikten,

* in institutionellen Machtansprüchen und

* im persönlichen Engagement.

Wie in allen sozialwissenschaftlich ausgerichteten Fachbereichen ergeben sich interdisziplinäre Themenbereiche.

Sie lassen sich zusammenfassen zu

* Gestaltungen sozialer Beziehungen, demokratischer Ordnung und

* politischer Willensbildung nationaler und internationaler Politik (vgl. DICHATSCHEK 2017, 1-2, 32-33).

Die Ansätze machen es möglich, die Lernzielarten zu verwenden. Es zeigt sich, dass strukturelles Lernen sich an kognitiver Struktur orientiert. Ein Problem stellt sich in dieser Kombination. Folgerungen für eine Politische Bildung ergeben sich aus der Theorie der kognitiven Komplexität. Wissen ist gegenüber Bewertungen und Handlungen zweitrangig, weil diese und nicht die Inhalte Merkmale für die Verarbeitung enthalten.

* Unterricht bzw. Lehre wirkt weniger durch Inhalte als durch Lernsituation, Unterrichtsarbeit und " (un) heimlichen Lehrplan/ Studienplan".

* Kommunikative Didaktik wirkt stärker als der Inhaltsaspekt. Kognitive Komplexität wirkt so als Lernumwelt, weniger als Vermittlung von Inhalten.

* Didaktik kann nicht auf Inhalte verzichten. Es geht um die Orientierung in der Umwelt bzw. dem Alltag. , die Betroffenheit der Subjekte und die existentielle Bedeutsamkeit von Situationen und Problembereichen.

* Politische Bildung verlangt die Einübung sachbezogener kognitiver Prozesse, damit der Bereich Politik in seiner Realität erschlossen werden kann.


Kognitive Komplexität ist Voraussetzung zur Bewältigung neuartiger und komplexer Situationen hängt mit Persönlichkeitsmerkmalen zusammen ( Selbstsicherheit, positive Einschätzung eigener Fähigkeiten).

- - -

Modell des Aufbaues kognitiver Strukturen

Erste Stufe - Orientierung an Regeln und Standards, Aufnahme eines Standpunkts

Zweite Stufe - zunehmende Differenziertheit, Standpunkterweiterung und von Aktionsmöglichkeiten

Dritte Stufe - Erweiterung und Integration kognitiver Strukturelemente (sozialer Kontext - Abhängigkeiten, Bewertungen, Vermeidung von Ablehnungen)

Vierte Stufe - Synthese verschiedenartiger Aspekte, Neuinterpretation(en), vermehrte Unabhängigkeit von Vorgaben und Vorschriften

Stufe 3 und 4 sind Lernziele der Politischen Bildung zuzuordnen.








== 7.2 Politischer Diskurs =

In diesem Verständnis sind die Pro- und Contra - Argumente als Aspekte einer gesamtgesellschaftlichen Herausforderung und einvernehmlichen Lösung zu sehen.

* Unumgänglich ist bei einer Weidetierhaltung eine konsequente Zurückdrängung des Wildtieres ("Beutegreifers"), wenn es nicht zu einem Aus kommen soll.

** Die Beweidung wird noch schwieriger werden. Aufwändiges Aufstellen von wolfabweisenden Zäunen mit mehr Arbeit und psychischer Belastung um die Sorge der Tiere sind Folgerungen.

** Auch die finanzielle Unterstützung von Herdenschutzhunden löse das Problem nicht. Dies kommt nur für wenige Tierhalter in Frage, weil die Arbeit mit den Hunden sehr arbeitsintensiv ist.

** Fatal ist die Weidetierhaltung aufzugeben. Einige beweidete Lebensräume sind nach europäischem Recht genauso geschützt wie der Wolf. Im Unterschied zum Wolf sind Lebensräume wie etwa Weiden in ihrem Bestand gefährdet. Problemwölfe sind daher zu verfolgen.


* Der wachsende Wolfspopulation darf nicht tatenlos zugesehen werden. Dass der Wolf immer öfter in Menschennähe gerate, ist gefährlich.

** Ein unkontrolliertes Wachstum der Wolfspopulation ist eine Zeitbombe. Weil es an Rückzugsgebieten mangele, dringe der Wolf immer öfter in besiedelte Gebiete ein.

** Gleichzeitig sei das Wildtier heute heute bedingungsloser geschützt. Nach jahrhundertlanger Jagd bis zu seiner fast Ausrottung ist man in das gegenteilige Extrem verfallen.

** Als intelligentes Tier lernt der Wolf, dass die Nähe des Menschen keine Gefahr bildet. Vielmehr ergeben die Weidetiere ihm eine reichhaltige Futterquelle.

* Lange wurde die Behauptung, den Wolf abzuschießen, sei rechtlich nicht möglich.

** Die hohen Ausgaben für einen Herdenschutz ergeben mitunter einen Meinungsumschwung.

** Offen bleibt die Länge des Genehmigungsverfahren. Die Gefahr der Wilderei und des Auslegens von Giftködern ist gegeben.

* Weidetierrisse werden mehr rund nicht weniger als Folgen eines Abschusses.

** Nach der Tötung eines wichtigen Rudelmitgliedes wird die Struktur der Gruppe zerstört. Um die Verluste zu kompensieren, vermehre sich das Rudel häufig schneller.

** Im Diskus wird oft außer Acht gelassen, dass Wölfe hauptsächlich Wild fressen, Es gebe einen ohnehin zu hohen Wildbesatz.

* Ein Zusammenleben von Mensch und Wolf ist möglich.

** Die Wildbestände befinden ich auf einem Höchststand. Die Wölfe finden genügend Nahrung im Wald. Es sei eher unwahrscheinlich, dass ein Mensch angegriffen wird.

** Weidetierhalter müssten keine Angst haben, zudem gibt es gute technische Schutzmöglichkeiten.

== 7.3 Lehr- und Lernkonzepte =

Für den Erfolg von Lehre, Lernen und einen Bildungsprozess sind Lernkonzepte in ihrer Anwendung wesentlich (vgl. DIECKMANN - SCHACHTSIEK 1998). Eine Zukunft der Bildung bedarf Überlegungen, was Menschen wissen und können müssen.

Für die Politische Bildung ist ein Kompetenzmodell unabdingbar (vgl. WEISSENO - DETJEN - JUCHLER - MASSING - RICHTER 2010).

=== 7.3.1 Zukunft der Bildung =

Ausgehend von der Bedeutung von Wissen als zusätzliches Element von Arbeit und Kapital bedarf es Überlegungen, was Menschen als Teilhabe an einer ausgebauten Bildungsgesellschaft selbst oder mit anderen an Fähigkeiten und Umsetzungsmöglichkeiten benötigen (vgl. Modell Theorie - Praxis - Handlungsorientierung; BECK 1998, 11-20, DICHATSCHEK 2022).

12 Thesen in einer Welt gesellschaftlicher Umbrüche

* Bildung eine Ökonomie von Ideen und der Erneuung

* Qualifikationen relativieren sich zunehmend

* Bildungspolitik dringend notwendig

* Orientierung am Bildungsideal zur Selbständigkeit, Selbstverantwortung und Humanität

* Ausbildung orientiert sich an einer Bildung zum lebensbegleitenden Lernen

* Stärkung der Verantwortung der Schulen und Hochschulen - Erneuerung und Eigeninitiativen

* Demokratische Mitbestimmung, Mitverantwortung und Mitgestaltung

* Kompetenz- und Kontextwissen - Sozialkompetenz

* Praxis- und Arbeitsplatzbezug des Wissens

* Internationalisierung der Ausbildung in Schulen, Hochschulen und Fort- bzw. Weiterbildung

* Inklusionspädagogik verstärken und

* Bildung gesellschaftlich aufwerten (vgl. Finnland mit seiner Bildungswertschätzung).

=== 7.3.2 Kompetenzmodell Politische Bildung =

Politikkompetenz umfasst lernpsychologische Kompetenz wie kognitive, affektive, motivationale und soziale Bereiche (vgl. WEISSENO - DETJEN - JUCHLER - RICHTER 2010, 16-19).

Bereichsspezifische Kenntnisse, Fertigkeiten und Strategien gehören dazu.

- - -

Politische Grundbildung ("Clinic Litenacy") umfasst vier Stufen. Dieser Ansatz und die Stufung verdeutlicht, dass die Grundbildung nicht aus der Politikwissenschaft abgeleitet werden kann.

* Kenntnis politischer Themen, Namen und Wörter,

* Verwendung von Begriffen,

* Verständnis politischer Konzepte und Verfahren sowie

* Besonderheiten politischen Denkens zur Einordnung von Zusammenhängen.


Politische Bildung konstituiert in den Bildungsbereichen sich durch die didaktische Konstruktion des fachwissenschaftlichen Wissens. In diesem Zusammenhang steht die politische Wirklichkeit und Erfahrung.

=== 7.3.3 Konzept des Faches Politische Bildung =

Politische Bildung steht heute als Sammelbegriff für schulische und außerschulische Bemühungen zur Vermittlung politischer Kompetenz.

Pluralität der Fakten, Meinungen und Mündigkeit mit Urteilsfähigkeit sind Gegenstand des Faches, die auf die Praxis politischen Handelns ausgerichtet sind.

Der Fachbereich umfasst den

* primären < Sachunterricht,

* sekundären > Geschichte - Sozialkunde- Politische Bildung/ NMS, AHS - eigenes Fach in PTS und BS

* tertiären > Lehramtsausbildungen - Universitätslehrgänge und

* quartären Bildungsbereich > Allgemeine Erwachsenenbildung (vgl. DICHATSCHEK 2022b).

Schwerpunkte schulischer Politischer Bildung sind ein umfassender Politikbegriff wie ökonomische Prozesse, historische Bedingungen, ökologische Prozesse, rechtliche und gesellschaftliche Themen.

In der Erwachsenenbildung liegt der Schwerpunkt auf politischem Grundwissen in Verbindung mit Vorwissen. Ein Lehrgangssystem vermittelt Basiswissen und ermöglicht in der Folge projektorientiertes Arbeiten mit Themenwahl.

Bürgermodelle wie der reflektierte Zuschauer, Interventionsbürger, Aktivbürger und Desinteresseierte unterscheiden sich in der Partizipationsfähigkeit am politischen Prozess.

Grundsätzlich gelten die Prinzipien des "Beutelsbacher Konsens" (1976) mit dem Kontroversitätsgebot, Überwältigungsverbot und der Urteilsfähigkeit der Lernenden (Altersgemäßheit).





= 8 Mediendiskurs =

Die Medienarbeit bzw. Publikationstätigkeit konzentriert sich hier auf eine fachbezogene Thematik im Rahmen von IT -Netzwerke, Presseorgane und den ORF.

Unabdingbar ist sprachliche Präzession, der Umgang mit Fakten und Erkenntnissen.

Kritikfähigkeit und konstruktive Kritik sind Voraussetzung für Mündigkeit. Elektronischen Medien und IT-gestützten Netzwerken kommt neben der Fachliteratur Bedeutung zu.

Zu beachten sind längerfristige Netzwerke, damit auch ein Informations- und Kooperationswert erreicht werden kann.

== 8.1 Österreich =

* ORF Tirol > "Angst vor dem Wolf im Brixental" > https://tirol.orf.at/stories/3149404/ (28.3.22)

* WWF "Sind Wölfe für den Menschen gefährlich?" > https://www.wwf.at/atikel/wolf-praxistipps/ (31.3.22)

* Tiroler Tageszeitung 27.3.2022, Seite 12, 13 - Das Gespräch führten Matthias Christler, TT - Magazin "Ein Bauernaufstand wird nichts ändern"

* Tiroler Tageszeitung 3.4.2022, Seite 10-11 "Es zählt, wie viele Wölfe es national gibt"

* ORF Tirol > Wölfe besendern: "Prügel" für Vorschlag der Grünen > https://tirol.orf.at/stories/3151023/ (7.4.22)

* ORF Tirol > Nächster Wolf geschossen > https://tirol.orf.at/stories/3353609/ (10.5.26)

* ORF Kärnten > Landwirte lassen Vieh wegen Wolf im Tal > https://kaernten.orf.at/stories/3209223/ (16.5.2026)


* Österreichzentrum Bär, Wolf und Luchs > https://baer-wolf-luchs.at (3.4.22)

* Universität Bodenkultur Wien > https://boku.ac.at/dib/iwj/iwj-aktuell/publikationen/boku-berichte-zur-wildtierforschung (3.4.22)

* Veterinärmedizinische Universität Wien > https://www.wolfscience.at/ (3.4.22)

* WWF Österreich > https://www.wwf.at/tierarten/wolf/ (20.5.26)

* ORF Tirol > https://tirol.orf.at/stories/3357649/ (9.6.26)

* Kleine Zeitung > https://www.msn.com/de-at/nachrichten/other/wolf-soll-im-sölktal-zwölf-schafe-gerissen-haben/ar-AA255Y1P?ocid=msedgdhp&amp;pc=LCTS&amp;cvid=6a26b69a799740b99dcec8ebb8e8ce38&amp;ei=23 (9.6.26)



== 8.2 Deutschland =

* DBBW Dokumentations-und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf > https://www.dbb-wolf.de/ (3.4.22)

* NABU, Wölfe in Bayern > https://www.bund-naturschutz.de/tiere-in-bayern/wolf (3.4.22)

== 8.3 Schweiz =

* Stiftung Raubtierökologie und Wildtiermanagement > https://www.kora.ch (3.4.22)

* Fachstelle Herdenschutz Schweiz > http://www.protectiondestroupeaux.ch (3.4.22)

= 9 Wölfe in Märchen und der Mythologie =

Es sollen noch Aspekte der Wolfsthematik in Märchen und der Mythologie behandelt werden.

== 9.1 Märchenwelt =

Rotkäppchen und der böse Wolf

Das Märchen von "Rotkäppchen" ist in Europa eine der bekanntesten Erzählungen. Zum Leidwesen des Wolfs wird dieser hier als bösartiges Bestie dargestellt, die am liebsten arglose kleine Kinder verspeist. Erwachsenen ist klar, dass das Raubtier hier vielmehr den "fremden Mann" symbolisiert. vor dem sich besonders junge Mädchen in Acht nehmen sollen. "Rotkäppchen" sorgt seit mehreren Jahrhunderten dafür, dass schon Kinder kein besonderes gutes Bild vom Wolf haben. Dabei ist längst bekannt, dass gesunde Wölfe sich niemals mit Menschen anlegen.

Die drei kleinen Schweinchen

Auch im englischen Märchen "The Three Pigs" kommt dem Wolf die Rolle des gewieften Bösewichts zu, dessen Opfer dieses Mal nicht ganz unschuldig an ihrem Schicksal sind. Denn die zwei (faulen) Schweinchen, die ihre Häuser nur aus Stroh bzw. Holz bauen, hätten eigentlich wissen müssen, dass derart schwache mit relativ wenig Mühe errichtete Konstruktionen echter Bedrohung nicht standhalten können. Am Steinhaus des dritten Schweinchen beißt sich der Wolf dann die Zähne aus und landet (in der Originalfassung) am Ende noch im Kochtopf.

== 9.2 Mythologie =

Werwolf

Der mythologischen Vorstellung liegt zugrunde, dass ein Mensch die Fähigkeit besitzt, sich in einen Wolf zu verwandeln. Die meisten Sagen berichten von Männern, die einen Pakt mit dem Teufel eingingen und von ohm einen Gürtel aus Wolfsfell erhielten, mit dessen Hilfe sie sich verwandeln konnten. Das Wesen wird als unheilvoll und raubtierhaft beschrieben.

Romulus und Remus

Ein positives Bild des Wolfs zeichnet die römische Mythologie im Bezug auf die Gründung Roms. Nachdem die Gotteskinder Romulus und Remus in einen Korb auf einen Fluss ausgesetzt wurden, nahm eine Wölfin sich ihrer an, säugte sie und sichert so ihr Überleben, bis sie von einem Hirten endgültig in Sicherheit gebracht wurden. Später gründeten Romulus und Remus die Stadt Rom. Das alles wäre niemals möglich gewesen ohne den Einsatz der hilfsbereiten Wölfin.

Fenrirwolf

In der nordischen Mythologie wimmelt es von Wölfen. Neben dem Fenrirwolf, der vom Gott Loki und der Riesin Angrboda gezeugt wurde, tummeln sich noch Odins Wölfe Geri und Preki sowie die Wolfsbrüder Skalli und Hati, welche dem Wagen der Sonnengöttin und des Mondgottes hinterherjagen. Die Darstellung als göttliches Wesen in der Mythologie Skandinaviens zeigt die Bedeutung des Wolfes in der germanischen Mythologie.

Heiliges Tier und Urahn

Die Völker Zentralasiens, Turkvölker und Mongolen, sahen im Wolf einen direkten Vorfahren und verehrten ihn als heiliges Tier.

Der große Respekt der Mongolen vor dem Tier und dessen Verbindung mit dem heiligen Himmel "Tengri" wird auch im Film "Der letzte Wolf"/ China - Frankreich 2015 thematisiert > https://www.epd-film.de/filmkritiken/der-letzte-wolf (31.3.22).


= 10 Zusammenfassung =

== 10.1 Reflexion =

Die Beziehung zu Hunden und ihrer Abstammung von Wölfen prägt die Menschen. Der Kontakt in der "Jäger und Sammler - Gesellschaft" der Altsteinzeit mit dem Wolf wurde die Grundlage zu einer gemeinsamen Eroberung des Lebensraumes.

* Wölfe kommen nach langer Zeit zurück. Widerstand und Konflikte ergeben sich in unserer Gesellschaft, wobei die Wilddichte und die Schutzfunktion eine Rolle spielen. Zu diskutieren ist daher, wie man nachhaltig und konfliktarm den Umgang gestalten kann.

* Immer mehr erkennt man die Notwendigkeit einer ökologischen Wende. Dazu gehört ein gesundes und respektvolles Verhältnis zu der Natur, mit ihr zu den Wildtieren.

* National und international benötigt es Kooperationsmodelle, mit der Problematik sinnvoll umzugehen.

* Für den politischen Bildner ist die Trias der ökologischen - ökonomischen - soziokulturellen Perspektive im Kontext von (politischer) Bildung bedeutungsvoll. Am Beispiel der Wölfe in Europa erweist sich das notwendige Verhältnis deutlich.


* Der Wolf war einst in ganz Europa verbreitet. In weiten Teilen seines ursprünglichen Verbreitungsgebietes, insbesondere in West- und Mitteleuropa, wurde die Art aber von Menschen ausgerottet. Durch verstärkte Schutzbemühungen und ein Jagdverbot nehmen die Bestände in manchen europäischen Ländern seit einigen Jahren wieder zu, wie zum Beispiel in Italien, Polen und Kroatien. Seit Ende der neunziger Jahre hat sich der Wolf wieder angesiedelt. Zunächst vom Osten ausgehend ist der Wolf mittlerweile in fast allen Bundesländern heimisch geworden.

* Wölfe sind sehr anpassungsfähige Tiere und bewohnen die unterschiedlichsten Regionen und Lebensräume. Dass die meisten Wölfe in Wäldern leben, liegt daran, dass sie jahrhundertelang verfolgt und in weniger zugängliche Gebiete zurückgedrängt wurden. Ein ausreichendes Angebot von Wasser und Beutetieren sowie ungestörte Plätze zur Jungenaufzucht sind die Grundvoraussetzung dafür, dass sich Wölfe in einer Region dauerhaft ansiedeln.

* Wölfe sind die Vorfahren unserer Haushunde. Bei einigen Rassen, wie Schäferhunden oder Huskys ist die Verwandtschaft nicht zu übersehen. Im Gegensatz zu wolfsähnlichen Haushunden weisen Wölfe einen längeren Rumpf auf und sind hochbeiniger. Wölfe erreichen eine Körperlänge von 100 bis 150 Zentimeter, eine Schulterhöhe von 60 bis 90 Zentimeter und ein Gewicht von 30 bis 70 Kilogramm, wobei die Weibchen im Allgemeinen kleiner und leichter sind als ihre männlichen Artgenossen.

* Wölfe sind sehr variabel gezeichnet. In den gemäßigten Breiten Europas ist das Fell der Wölfe überwiegend dunkelgrau bis -braun gefärbt. Der typische Pfotenabdruck eines erwachsenen Wolfes ist 8-10 Zentimeter lang. Die Krallen sind deutlich zu erkennen, was das Trittsiegel des Wolfes zum Beispiel von dem des Luchses unterscheidet. Im Gegensatz zu den Katzenartigen können Wölfe ihre Krallen nämlich nicht einziehen.

* Wölfe können ähnlich alt werden wie Hunde, nämlich 10 bis 12 Jahre. Zu einem vorzeitigen Tod kommt es bei Wölfen aus unterschiedlichen Gründen. Neben allen Krankheiten, die auch Hunde betreffen – etwa Staupe oder Tollwut – ist für Wölfe insbesondere der Straßenverkehr lebensbedrohlich.

* Je nach Jahreszeit und Verbreitungsgebiet schwankt die Zusammensetzung der Nahrung beträchtlich. Im Winter sind große pflanzenfressende Säugetiere die Hauptbeute, wie zum Beispiel Elche und Rentiere in Nordeuropa oder Rehe, Hirsche und Wildschweine in südlicheren Verbreitungsgebieten. Dabei macht der Wolf vor allem auf ältere, kranke oder junge Tiere Jagd, da sie eine leichte Beute sind. So übernimmt der Wolf eine wichtige Rolle im Ökosystem, weil er die Bestände etwa von Huftieren kontrolliert.

* Im Sommer stehen auch kleinere Säugetiere, Vögel, Fische, Lurche und sogar Obst auf dem Speiseplan. In der Nähe von menschlichen Siedlungen kann es vorkommen, dass Wölfe auch Schafe und junge Rinder erbeuten. Dagegen helfen Elektrozäune und Herdenschutzhunde. Wenn Beutetiere knapp sind, fressen Wölfe auch Aas und Abfälle.

* In Mitteleuropa ist die Paarungszeit der Wölfe, die auch als Ranzzeit bezeichnet wird, von Januar bis März. Die jungen Wölfe kommen zwischen April und Juni zur Welt. Ein Wurf besteht in der Regel aus vier bis sechs, maximal elf Welpen. Die Geburt erfolgt meist in einem Erdbau, den die Wölfin selbst gegraben oder von anderen Tieren wie Füchsen übernommen und entsprechend vergrößert hat.

* Die frisch geborenen Welpen sind nur 300 bis 500 Gramm schwer, blind und taub und haben ein dunkles, feines Fell. Die Mutter säugt ihren Nachwuchs sechs bis acht Wochen, die jungen Wölfe können aber bereits ab etwa dem zwanzigsten Tag feste Nahrung zu sich nehmen. Mit acht Monaten sind die Jungtiere ausgewachsen. Doch frühestens nach zwei Jahren, wenn die Geschlechtsreife erreicht ist, verlassen sie das Rudel, um sich eigene Partner zu suchen und neue Wolfsfamilien zu gründen. Bis dahin leben die jungen Erwachsenen mit ihren Eltern im Wolfsrudel zusammen und helfen bei der Aufzucht der jüngeren Geschwister.

* Insgesamt nehmen die Wolfsbestände in Europa seit einigen Jahren wieder zu. Dennoch genießen die großen Beutegreifer bei vielen Menschen immer noch wenig Akzeptanz. Und obwohl Wölfe mittlerweile in den meisten Ländern Europas gesetzlich geschützt sind, werden immer wieder Tiere vorschnell geschossen, wenn es zu Konflikten mit Interessen von Nutztierhaltern und Jägern kommt. Zudem ist der Wolf vor allem im dicht besiedelten Mitteleuropa durch die Zerschneidung seiner Lebensräume gefährdet. Junge Wölfe, die das Rudel verlassen, legen bei ihren Wanderungen bis zu 1 000 Kilometer zurück. Nicht wenige von ihnen werden dabei überfahren.

* In Europa ist der Wolf durch das Washingtoner Artenschutzabkommen, die Berner Konvention sowie die FFH - Richtlinie geschützt. Dennoch gibt es in einigen europäischen Ländern Jagdquoten für Wölfe.


== 10.2 Wolfsmanagement Europa =

Das Wolfsmanagement im Ausland wird in den Debatten um Wölfe oft als Argument genannt, sowohl pro als auch contra Wolf.

* Auch wenn fast überall der Bestand an Wölfen zahlenmäßig steigt, spricht das allein nicht immer für einen günstigen Erhaltungszustand. Die Apennin - Population in Italien beispielsweise hat mit Hybridisierung von Wölfen und Hunden zu kämpfen. In der Toskana sind bis zu 30 Prozent des Wolfsbestandes Hybriden.

* Nachdem in den sechziger Jahren Wölfe in Europa fast ausgerottet waren, gehen die Wölfe in Spanien, wie die meisten heutigen Populationen, auf nur sehr wenige Tiere zurück. Da die iberische Population größtenteils isoliert ist, es also kaum Zuwanderer aus anderen Gebieten gibt, ist ihre genetische Vielfalt beschränkt, auch wenn sie zahlenmäßig mit geschätzt 290 Rudeln gut dasteht. 2021 wurde in Spanien die Wolfsjagd verboten – ein großer Erfolg für den Artenschutz.

* Ähnlich in Polen wäre rechtlich gesehen eine Regulierung des Wolfsbestandes unter strengen Auflagen möglich. Das Land hat sich jedoch dagegen entschieden – es gibt dort keine Bejagung von Wölfen. Das zeigt: Nur weil es viele Wölfe gibt, besteht kein Automatismus, diese auch zu regulieren.

* Andere Länder wie Schweden und Finnland genehmigen Lizenzjagden auf Wölfe, obwohl diese unter strengem Schutz stehen. Das führte jedoch schon mehrfach zu Urteilen der EU, die auf die strenge Einhaltung der Schutzvorschriften pocht. Diese Länder als Vorbild zu nehmen, ist nicht ratsam, wenn es kein Vertragsverletzungsverfahren riskieren möchte.

* Auch abseits der juristischen Ebene kritisiert man die Bestandsreduzierung der skandinavischen und karelischen Population. Die skandinavische Population gilt als isoliert, weil es kaum ein Wolf von Südfinnland bis nach Mittelschweden schafft und so frisches Genmaterial in die Population einbringen könnte.

** Der Weg führt durch die Gebiete der Rentierwirtschaft, wo Wölfe verhältnismäßig schnell geschossen werden dürfen. Der Inzuchtkoeffizient der schwedischen Wölfe liegt bei 0,23 – was fast dem einer Verpaarung von Geschwistern gleicht. Eine genetisch so lädierte Population ist weniger resilient gegenüber Umweltänderungen und Krankheiten.

** Diese auch noch zu bejagen, ist aus biologischer Sicht fatal. Hinzu kommt, dass in fast allen Ländern hohe Verluste durch illegalen Abschuss von Wölfen nachgewiesen oder zumindest vermutet werden.


* Allen europäischen Ländern ist gemein, dass Wölfe per Gesetz geschützt sind und ihre Anwesenheit je nach Region unterschiedliche Herausforderungen mit sich bringt.

** Herdenschutz ist überall nötig, wo es Weidetierhaltung gibt. Herdenschutzsysteme müssen an die Gegebenheiten vor Ort angepasst eingesetzt werden.

** Die finanzielle staatliche Förderung unterscheidet sich sehr stark von Land zu Land. In einigen Ländern wird eher auf Entschädigungszahlungen gesetzt als auf die Verhinderung von Rissen.

* Aktuell ist man überzeugt, dass der Schlüssel für ein konfliktarmes Zusammenleben in der Prävention von Schäden liegt. Es ist nötig, über weitere Verbesserungen des Fördersystems zu diskutieren. So wird zum Beispiel nicht von allen Regionen die Möglichkeit ausgeschöpft, auch den Unterhalt und Arbeitsaufwand von Herdenschutz zu finanzieren. Dies ist dringend nötig, um den oft ohnehin schon förderrechtlich schlechter gestellten Weidebetrieben ein zukunftssicheres Arbeiten zu ermöglichen.

* Der Debatte um eine Regulierung des Wolfsbestandes erteilt man eine klare Absage.

** Die Zahl der Weidetierrisse hängt nicht vorrangig von der Zahl der vorhandenen Wölfe, sondern vor allem von der Qualität des Herdenschutzes ab.

** Länder wie Frankreich verzeichnen trotz pauschaler Abschüsse hohe Risszahlen und können somit nicht als Vorbild dienen.

* Man plädiert für einen engen fachlichen Austausch zwischen den europäischen Nachbarländern, um voneinander zu lernen und Wissen von Best - Practice - Projekten weiterzugeben.

IT - Hinweis Quelle

https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/saeugetiere/wolf/europa/index.html (21.5.2026)




= Literaturverzeichnis =

Angeführt sind jene Titel, die für den Beitrag verwendet und/ oder direkt zitiert werden.

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Dichatschek G. (2022a): Zukunftsfähige Bildung. Aspekte einer Gestaltung des Lebensraumes im Kontext Politischer Bildung, Saarbrücken

Dichatschek G. (2022b): Lehrgang Politische Bildung - Theorie, Praxis und Handlungsfelder Politischer Bildung in der Erwachsenenpädagogik, Saarbrücken

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Müller R. (ß019): Wolfsspur- Eine Entdeckungsreise in die Tiefen unserer Wälder, München

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Reichhoff J.H. (2020): Der Hund und sein Mensch - Wie der Wolf sich und uns domestizierte, München

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Reihe Evangelische Erwachsenenbildung    

Citizen Science - Die Alpen im Wandel der Zeit    

Günther Dichatschek

Inhaltsverzeichnis dieser Seite
Reihe Evangelische Erwachsenenbildung   
Citizen Science - Die Alpen im Wandel der Zeit   
Einführung   
Zur Geschichte von Citizen Science   
Buchbesprechung   
Projekt Die Alpen im Wandel der Zeit - Aspekte eines Kulturraumes   
Vorbemerkung   
Teil 1 Agrarpolitik   
1 Einleitung   
2 Agrarpolitik in Österreich   
2.1 Sozioökonomische Rahmenbedingungen   
2.2 Phasen der Agrarpolitik   
2.3 Akteure und Veränderungen der Politikinhalte   
2.4 Reflexion   
3 Agrarindustrielle Bewirtschaftung und ihre Folgen   
3.1 Monokulturen   
3.2 Alpiner Raum   
4 Ernährungssicherung   
4.1 Herausforderung Hunger   
4.2 Ländliche Entwicklung   
4.3 Literaturverzeichnis Agrarpolitik   
4.4 Literaturverzeichnis Fachbereiche/ Auswahl   
Teil 2 Ländlicher Raum   
5 Einleitung   
6 Politische Diskussion   
7 Österreich   
8 Dörfer und Kleinstädte im Wandel   
8.1 Gemeindezusammenlegungen   
8.2 Tourismus   
9 Ländliche Entwicklung in der EU - Agrarpolitik   
9.1 Bedeutung der Land- und Forstwirtschaft   
9.2 EU - Rechtsrahmen   
9.3 Literaturhinweise Ländliche Räume   
Teil 3 Regionale Bildung   
10 Einleitung   
11 Bildungsbegrifflichkeiten   
12 Bildungsprozesse   
13 Kompetenzbegriffe   
14 Teilkompetenzen   
14.1 Medienkompetenz   
14.2 Politische Lernkompetenz - Politikkompetenz   
14.3 Urteilskompetenz   
14.4 Empathiekompetenz   
14.5 Identitätskompetenz   
14.6 Sozialkompetenz   
14.7 Kommunikationskompetenz   
14.8 Kulturkompetenz   
14.9 Zukunftskompetenz   
15 Kompetenzorientierte Impulse für eine Bildungsarbeit im ländlichen Raum   
16 Elemente eines Regionalen Lernens   
17 Bildungskonzeption Regionales Lernen   
18 Ehrenamtlichkeit/ Freiwilligkeit in der Erwachsenenbildung   
19 Grenzen und Chancen einer Freiwilligkeit   
20 Reflexive Phase   
21 Literaturverzeichnis Regionale Bildung   
Teil 4 Umweltpädagogik   
22 Einführung   
23 Umweltschutz als Aufgabe   
23.1 Nachhaltige Entwicklung - Zukunftsgestaltung   
23.2 Ökologische Nachhaltigkeit   
23.3 Ökonomische Nachhaltigkeit   
23.4 Soziale Nachhaltigkeit   
23.5 Kritik   
24 Umweltpädagogische Ansätze - Politische Bildung   
24.1 Ansätze und Konzeptionen   
24.2 Gestaltungkompetenz   
25 Umweltbildung - Politische Bildung   
25.1 Gesundheit   
25.2 Wissenschaft   
25.3 Nicht - Nachhaltigkeit - Risikopolitik   
25.4 Kultur   
25.5 Werte - Einstellungen   
26 Digitalisiertes Lernen und Lehren   
26.1 Bedeutung   
26.2 Frage der Zukunft   
27 Globalisierung   
27 Projektarbeit   
27.1 Grundlagenwissen   
27.2 Lernformen   
27.3 Verortung eines Projekts   
28 Kulturraum Alpen   
28.1 Zukunft   
28.2 Zielsetzungen   
29 Reflexion   
30 Literaturhinweise Umweltpädagogik   
Teil 5 Aspekte eines gesellschaftlichen Wandels   
31 Politische Bildung   
31.1 Anforderungen an die folgenden Bildungsepochen   
31.2 Anforderungen der siebziger Jahre   
31.3 Pädagogik einer Demokratisierung   
31.4 Positivismusstreit   
31.5 Didaktische Impulse   
31.6 Politische Bildung in der Erwachsenen- bzw. Weiterbildung   
31.7 Literaturhinweise Politische Bildung   
32 Interkulturalität   
32.1 Entwicklungsprozess   
32.2 Handlungsfelder   
32.3 Thematik   
32.4 Kompetenzgrundlagen   
32.5 Literaturhinweise Interkulturalität   
33 Ökologie   
33.1 Klimawandel   
33.2 Alpinethik( Gastbeitrag Hans Nosko)   
33.2.1 Bergsport   
33.2.2 Natur und Umwelt   
33.2.3 Bergsport und Alpinstil   
33.2.4 Berg als Grenze   
33.2.5 Alpine Infrastruktur   
33.2.6 Trends - Entwicklungen   
33.2.7 Bergführerwesen (Wanderführer)   
33.2.8 Militärische Alpinausbildung   
33.2.9 Literaturhinweise Alpinethik   
33.3 Nachhaltigkeit   
33.3.1 Konzept   
33.3.2 Umsetzung   
33.3.4 Literaturhinweise Ökologie   
Teil 6 Alpenwanderungen (Gastbeitrag Hans Nosko)   
Vom Going, Parkplatz Weiler Aschau über den Schleierwasserfall zu Ackerlhütte 1456 m/ Wilder Kaiser   
Durch das Dorfertal zum Kalser Tauernhaus/ Nationalpark Hohe Tauern   
Von der Kaiser - Franz - Josefs Höhe - zur Oberwalderhütte/ Großglockner   
Teil 7 Alpensagen (Gastbeitrag Herbert Jenewein)   
Einleitung   
1 Sagenwelt Österreich   
1.1 Steiermark   
1.2 Vorarlberg   
1.3 Oberösterreich   
1.4 Salzburg   
1.5 Kärnten   
1.6 Niederösterreich   
1.7 Tirol   
2 Sagenwelt Südtirol   
3 Sagenwelt Bayern   
4 Sagenwelt Schweiz   
Teil 8 Der Wolf in Europa   
Vorbemerkung   
1 Einleitung   
2 Wolfspopulation allgemein   
3 Wolfspopulation in Europa   
3.1 Mitteleuropa   
3.2 Alpenraum   
3.2.1. Wolf in französischen Alpen   
3.2.2 Wolf in den italienischen Alpen   
3.2.3 Wolf in Slowenien   
3.2.4 Wolf in Österreich   
3.3 Populationen   
3.3 1 Fakten und Daten zum Wolf in Europa   
3.3 2 Gliederung der Populationen   
4 Wölfe in Österreich   
4.1 Allgemeines   
4.2 Ziele und Grundsätze   
4.3 Management   
4.4 Entwicklungen - Rückblick   
4.5 Rechtsgrundlagen   
4.5.1 Internationale Abkommen   
4.5.2 Europarecht   
4.5.3 Landesgesetze   
4.6 Managementstruktur   
4.6.1 Wolfsbeauftragte   
4.6.2 Schadensbegutachter   
4.6.3 Nationale Beratungsstelle für Herdenschutz   
4.6.4 Präventionsberater   
4.6.5 Eingreifteam   
4.7 Monitoring   
4.8 Schadenkompensation und Schadensprävention   
4.9 Herdenschutzmaßnahmen   
4.10 Vorgehen im Schadensfall   
4.11 Jagd   
4.12 Öffentlichkeitsarbeit   
4.13 Wölfe in besonderen Situationen   
4.14 Ausnahmen von Schutzbestimmungen   
4.15 Sonderfälle   
5 Wölfe in der Schweiz   
5.1 Forschungsprojekt   
5.2 Teilprojekte   
6 Aspekte der Landwirtschaft/ Beispiel Deutschland   
7 Aspekte einer Politischen Bildung   
7.1 Didaktik der Politischen Bildung   
7.2 Politischer Diskurs   
7.3 Lehr- und Lernkonzepte   
7.3.1 Zukunft der Bildung   
7.3.2 Kompetenzmodell Politische Bildung   
7.3.3 Konzept des Faches Politische Bildung   
8 Mediendiskurs   
8.1 Österreich   
8.2 Deutschland   
8.3 Schweiz   
9 Wölfe in Märchen und der Mythologie   
9.1 Märchenwelt   
9.2 Mythologie   
10 Zusammenfassung   
10.1 Reflexion   
10.2 Wolfsmanagement Europa   
Literaturverzeichnis   
Dokumentation der Ausbildung   
Zum Autor   

Einführung    

Sehr vereinfacht gesagt, werden in Citizen Science wissenschaftliche Projekte unter Mithilfe oder komplett von interessierten Amateur/ innen durchgeführt. Die Citizen Scientists formulieren dabei Forschungsfragen, melden Beobachtungen, führen Messungen durch, werten Daten aus und/ oder verfassen Publikationen.

Die Einhaltung wissenschaftlicher Kriterien ist Voraussetzung. Projekte werden dabei in allen Wissenschaftsdisziplinen durchgeführt, von den Naturwissenschaften, über Geisteswissenschaften und Sozialwissenschaften bis zu den Kunst- und Kulturwissenschaften. Dies ermöglicht nicht nur neue wissenschaftliche Projekte und neue Erkenntnisse, sondern ermöglicht auch einen Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, wie er sonst nicht oder nur sehr schwer möglich ist.

Genauer betrachtet wird Citizen Science derzeit noch nicht einheitlich definiert. Dies zeigte sich bereits Mitte der neunziger Jahre, als Alan IRWIN (UK) und Rick BONNEY (USA) unabhängig voneinander diesen Ausdruck verwendeten und jeweils für sich selbst prägten.

Für Alan Irwin bedeutet Citizen Science die Entwicklung einer Wissensgesellschaft, in der sich Wissenschaft und Forschungspolitik gegenüber der Gesellschaft zu öffnen. Irwin wollte damit festhalten, dass die Wissenschaft den Bedürfnissen der Gesellschaft nicht gleichgültig gegenüber stehen darf, und dass auch Bürge/ innen selbst solide Wissenschaft betreiben können.

Rick Bonney definierte Citizen Science als die Beteiligung von Amateur/ innen in wissenschaftlichen Projekten zum Zweck der Datensammlung (Crowdsourcing).

Diese beiden Strömungen sind auch heute noch vorhanden. Ein Forschungsartikel von 2017 versucht die weltweite Diskussion zu verschiedenen Terminologien in Citizen Science - Projekten und Initiativen abzubilden. Darüber hinaus entspann sich auch eine Diskussion zu Definition von Citizen Science selbst, die, ausgehend von einem Artikel aus Österreich, eine eingehende internationale Untersuchung zur Vielfältigkeit von Citizen Science nach sich zog.

Da diese Diskussion sehr breit geführt wird und sicher noch länger anhalten wird, haben wir für die Plattform Österreich forscht eine Arbeitsgruppe für Qualitätskriterien eingerichtet, welche Kriterien entwickelt hat, die auf der Seite der Arbeitsgruppe einsehbar sind. Die entwickelten Kriterien sichern und erhöhen einerseits die Qualität der Citizen Science Projekte auf der Plattform und bieten den Bürge/innen andererseits die Gewissheit, dass alle auf Österreich forscht gelisteten Projekte nach objektiven und nachvollziehbaren Qualitätskriterien durchgeführt werden. Die Mentor/ innen unseres Mentoringprogrammes helfen ebenfalls gerne bei spezifischen Fragen zu Citizen Science weiter.

IT - Hinweis

https://www.citizen-science.at/eintauchen/was-ist-citizen-science (15.10.26)

Zur Geschichte von Citizen Science    

Citizen Science wird oft als Rückkehr der professionellen Wissenschaft zu ihren Wurzeln interpretiert, da Wissenschaft zu Beginn von Amateur/ innen betrieben und erst später akademisiert und an den Universitäten institutionalisiert wurde. Unter dem Begriff Citizen Science “dürfen” nun Amateur*innen wieder Wissenschaft betreiben – sozusagen "back to the roots" (Silvertown 2009; Finke 2014; Bonney et al 2014). Dem ist entgegenzuhalten, dass zwar die wissenschaftliche Forschung erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch das Humboldtsche Bildungsideal in die Universitäten integriert wurde, aber Menschen ohne höheren Bildungsgrad konnten bis dahin auch nur in den äußersten Ausnahmefällen Wissenschaft betreiben, geschweige denn Ergebnisse veröffentlichen. Kein Landwirt oder Handwerker hatte Zeit und Geld um sich der Wissenschaft zu widmen. In Zusammenhang mit Citizen Science wird oft Charles Darwin als bekanntester Amateur beschrieben, der Wissenschaft betrieben hat (z. B. Silvertown, 2009). Darwin besuchte aus Interesse im Rahmen seines Medizin- und späteren Theologiestudiums auch Vorlesungen zur Botanik, Zoologie und Geologie. Als Darwin seine berühmte Reise auf der HMS Beagle antrat, wurde er als naturwissenschaftlich ausgebildeter Begleiter angestellt, obwohl er formal eigentlich Theologe war (Engels 2007). Somit kann man Darwin als Amateur mit umfangreichem biologischen Wissen bezeichnen.

Erst durch die Kombination aus Citizen Science, Web 2.0 und der Open Access Bewegung ist es nun deutlich mehr Menschen möglich, an Wissenschaft teilzunehmen, als den wenigen äußerst Privilegierten zu Darwins Zeit; sie sammeln, analysieren selbstständig und publizieren sogar (z. B. Kalheber, 2003).

Auch in Österreich hat die Zusammenarbeit der Wissenschaft mit der Bevölkerung eine lange Tradition. Im Buch "Populäres Wissen – Von der Laienforschung des 19. Jahrhunderts zur heutigen Citizen Science - eine Annäherung" (2023) wurde auf Initiative von Österreich forscht und unter der Anleitung durch den Herausgeber Christian STIFTER von 29 Autor/ innen verschiedenster österreichischer Institutionen, darunter Vereine, Universitäten, Behörden und Museen die Geschichte der Citizen Science in Österreich vom 19. Jhdt. bis heute aufgearbeitet.

Buchbesprechung    

Herrmann Th. - Brandt M.- Dörler D.- Heigl Fl.- Lietke M.- Bonn A. (2026): Citizen Science - Gemeinsam forschen!, Springverlag

Klappentext

Dieses Open - Access - Handbuch zu Citizen Science informiert erstmals umfassend in deutscher Sprache über Theorie, empirische Forschung und praxisrelevante Erfahrungen. Es werden aktuelle Forschungsansätze vorgestellt und praktische Herangehensweisen für die Durchführung von Citizen - Science - Projekten vermittelt und anhand von konkreten Fallstudien diskutiert.

Konkrete Anleitungen für die Planung, Durchführung und Weiterentwicklung von Citizen Science - Projekten beantworten wichtige Fragen:

Wie organisiere ich ein Citizen Science Projekt mit Freiwilligen?

Welche Synergien gibt es mit der Wissenschaftskommunikation?

Wie sichere ich Datenqualität und Datenmanagement?

Welche Aspekte zu Recht und Ethik sollte ich beachten?

Welche Anwendungen von neuen Technologien und Künstlicher Intelligenz gibt es?

Welche Möglichkeiten ergeben sich für Archive, Bibliotheken, Museen und Wissenschaftsläden?

Wie gelingt Integration von Citizen Science in wissenschaftliche Prozesse, Bildung und politische Entscheidungen.

Zusammenfassung

Dies ist ein Open - Access - Buch, was bedeutet, dass man freien und uneingeschränkten Zugang hat. Das erste Handbuch in deutscher Sprache über das Gebiet der Citizen Science Sehr praxisnah durch zahlreiche Fallstudien, die die unterschiedlichen Aspekte der Citizen Science veranschaulichen Hoher Praxisbezug durch konkrete Hinweise zum Aufbau und Durchführung von Citizen Science Projekten und Verlinkung auf weitere Weblinks und Literatur.

Inhaltsverzeichnis

Citizen Science gemeinsames Forschen bringt Gewinn für Wissenschaft und Gesellschaft.- Teil I Gelingensfaktoren für Citizen Science.- Community Management in Citizen - Science - Projekten ein Leitfaden.- Wissenschaftskommunikation ein starker Partner in Citizen - Science - Projekten.- Lass uns vernetzen und voneinander lernen! Weiterentwicklung von Citizen Science durch Vernetzung.- Vom Sammeln zum Community Building Citizen Science und Archive, Bibliotheken, Museen und Wissenschaftsläden.- Anerkennung von Citizen Science im Wissenschaftssystem eine Perspektive aus der Praxis.- II Fachliche Anwendungsfelder für Citizen Science.- Gemeinsam die biologische Vielfalt erforschen.- Gemeinsam Geschichte(n) entdecken: Stand und Perspektiven von Citizen Science in den Geschichtswissenschaften.- Gemeinsam gestalten: Citizen Science mit Ansätzen aus den Geistes-, Kultur-, und Sozialwissenschaften, der Kunst sowie kunstbasierter Forschung.- Citizen Science in Medizin und Gesundheitsforschung.- III Techniken, Instrumente und Werkzeuge für Citizen Science.- Datenqualität und Datenmanagement in Citizen - Science - Projekten.- Sensorik und künstliche Intelligenz in Citizen Science.- Citizen Science Recht und Ethik.- Warum Begleitforschung zu Citizen Science wichtig ist.- Citizen Science Integration in bestehende und neue Prozesse und Strukturen.- Citizen Science Innovationspotenziale für eine transformative Wissenschaft.- Citizen Science im Bildungsbereich: Forschend Lernen.- Citizen Science für alle: Ansätze für inklusive Forschung (auch) mit Menschen mit Behinderungen.- Wir geben Citizen Science ein D - A - CH Citizen Science im deutschsprachigen Raum.

Projekt Die Alpen im Wandel der Zeit - Aspekte eines Kulturraumes    

Vorbemerkung    

Österreich als Land vieler Kulturräume erlebt Veränderungen in den Gesellschaftsschichten. Die Chancen, einander zu verstehen, zu respektieren und wertzuschätzen, gehören erlernt.

Trotz der Unterschiede im Verständnis von Erkenntnissen, freiem Diskurs und aller gesellschaftlicher Probleme bleibt es gemeinsame Verantwortung, Anknüpfungspunkte zu benennen und Anstrengungen in sozio - ökonomischen und kulturellen Beziehungen zu unternehmen.

Zu beachten ist die Gleichwertigkeit von Menschen, die Identität in ihrer Veränderung, die eigenen Standpunkte zu hinterfragen und sich auf Neues einzulassen. Beim Konflikt kommt es auf Inhalt, Beziehung und Kommunikationsstil an.

Die Studie beruht auf dem persönlichen Interesse des Autors. Für die Gastbeiträge bedankt sich der Autor.

Die Studie gliedert sich in die Begrifflichkeit Agrarpolitik, Ländlicher Raum, Regionale Bildung, Umweltpädagogik und Aspekte eines gesellschaftlichen Wandels im Kontext einer Politischen Bildung.

Teil 1 Agrarpolitik    

1 Einleitung    

Im Folgenden sollen Aspekte die Agrarpolitik unter Gesichtspunkten einer Politischen Bildung vorgestellt werden.

Der erste Aspekt Agrarpolitik in Österreich umfasst Rahmenbedingungen und Phasen, Akteure und Veränderungen der Politikinhalte seit dem EU - Beitritt. Eine persönliche Reflexion beleuchtet die österreichische Agrarpolitik.

Der zweite Aspekt in diesem Zusammenhang betrifft die Industrialisierung der Landwirtschaft mit Profitstreben und dem Rationalisierungsdruck landwirtschaftlicher Strukturen, die Boden, Luft und Wasser schädigen.

Monokulturen und Pestizideinsatz führen, oft bzw. kaum beachtet, zum Rückgang der Artenvielfalt - insbesondere bei Insekten und Vögeln - und bilden Landschaften in Agrarwüsten. Mitunter fehlt es an Wissen um solche Auswirkungen in einer agrarindustriellen Nutzung.

Der Beitrag versucht ökologische Aspekte im Kontext mit Politischer Bildung darzustellen. Die Folgen einer Landschaftsverarmung und Industrialisierung erfordern ein Umdenken in der Agrarpolitik im Interesse der Menschen und Umwelt.

Der dritte Aspekt der Ernährungssicherung ergibt einen wesentlichen Teil einer funktionierenden Agrarpolitik. Es geht um die nationale und internationale Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung. Als Problem stellt sich in weiten Teilen der Welt der Hunger dar.

Wesentlich ergänzend sind die Aspekte der Entwicklung des ländlichen Raumes zu beachten.

Wesentlich ist die Auseinandersetzung mit der Fachliteratur (vgl. HOVORKA - HOPPICHLER 2006, WIRTSCHAFT HEUTE/ BUNDESZENTRALE FÜR POLITISCHE BILDUNG 2006, CERMAN - EDER - EIGNER - KOMLOSY - LANDSTEINER 2011, STIFTUNG ENTWICKLUNG UND FRIEDEN - INSTITUT FÜR ENTWICKLUNG UND FRIEDEN 2013, für die Umsetzung in der Lehre DICHATSCHEK 2017, DOHRN 2018).

2 Agrarpolitik in Österreich    

Im Folgenden wird auf die sozioökonomischen Rahmenbedingungen, die Phasen der Agrarpolitik und die damit verbundenen Veränderungen der Politikinhalte sowie eine Reflexion zur Agrarpolitik eingegangen.

2.1 Sozioökonomische Rahmenbedingungen    

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einem massiven Technisierungs- und Mechanisierungsschub. Es folgten deutliche Veränderungen der sozioökonomischen Rahmenbedingungen (vgl. HOVORKA - HOPPICHLER 2006, 701).

Der Anstieg der Arbeitsproduktivität und die Unterstützung der Agrarpolitik durch einen Professionalisierungs- und Intensivierungsprozess führte von einer Unterversorgung zu einer Überschusssituation bei Nahrungsmitteln.

Gleichzeitig kam es zu einer Abwanderung bzw. Freisetzung von Arbeitskräften in der Landwirtschaft, zum Übergang von Haupterwerbs- zu Nebenerwerbsbetrieben.

In der Folge stiegen die Budgetkosten für die Förderung der Land- und Forstwirtschaft, der Verwertung der Überschüsse und der Agrarverwaltung.

Mit der Internationalisierung der Handelsvereinbarungen von GATT/ WTO in den neunziger Jahren und dem EU - Beitritt Österreichs 1995 veränderten sich die agrarpolitischen Rahmenbedingungen, es kam zu verstärkter Konkurrenz und einer Liberalisierung des Agrarmarktes.

Die Verarbeitungsindustrie befindet sich in einem Konzentrations- und Zentralisationsprozess. Der Lebensmittelhandel wird immer mehr konzentriert (vgl. Rewe Austria und Spar AG haben 2004 bereits einen Marktanteil von 71 Prozent).

Eine besondere Bedeutung hat die Berglandwirtschaft, in der 70 Prozent der kleinbetrieblichen Struktur als Bergland eingestuft sind. Ihr kommt die Sicherung des sensiblen Ökosystems und die Erhaltung und Gestaltung der Kulturlandschaft im alpinen Bereich zu.

2.2 Phasen der Agrarpolitik    

In den fünfziger Jahren begann die Veränderung der Landwirtschaft mit dem Rückgang der Selbstversorgerwirtschaft und einer Umformung zu einem produktiven Zulieferer für die Agrarindustrie (vgl. HOVORKA - HOPPICHLER 2006, 702-704).

Im Zeichen des Wiederaufbaus und einer wirtschaftlichen Stabilisierung verließen mehr als ein Drittel der unselbständigen Beschäftigten den Agrarsektor.

Die erste Mechanisierungswelle und ein verbessertes Saatgut und gezielte Mineraldüngung bewirkten eine Verdoppelung der Arbeitsproduktivität. Unterstützt wurden diese Tendenzen durch einen Ausbau des Förderungsapparates.

Überschüsse erzeugten einen Angebotsdruck mit geringen Preiserhöhungen. Mittels einer Agrarstrukturpolitik förderte man die Schaffung entwicklungsfähiger Betriebe (vgl. die Politik des "Wachsens und Weichens"). Mit der Neuausrichtung der Leitideen der Agrarpolitik kamen technokratische Ideen auf, die Agrarökonomen vertraten.

Nach einer beschleunigten Strukturpolitik der ÖVP - Alleinregierung kam es unter Bruno Kreisky zu einer Neuorientierung der Agrar- und Förderpolitik in Form einer Differenzierung der Agrarförderung.

Eingeführt wurde ein Bergbauernsonderprogramm mit einer Direktförderung der Bergbauernbetriebe, womit dem Strukturwandel gegengesteuert wurde. Nunmehr kamen Förderungen nicht nur den Großbetrieben vorrangig zugute. Ergänzt wurde die Maßnahme durch Neuerungen in der Sozial- und Familienpolitik (vgl. etwa die Einführung des Mutter - Kind -Passes, der Schulfreifahrt und die Gratisschulbuch - Aktion).

Neben der Bauerntumideologie und dem technokratischen Ansatz kam es in den siebziger Jahren zu einer funktionalistischen Agrartheorie. Das Bergbauernsonderprogramm enthielt auch die Erhaltung der Kulturlandschaft, der Mindestbesiedelung und Aufrechterhaltung der Infrastruktur sowie der Produktionsreserve in Krisenzeiten.

In der Großen Koalition ergaben sich neue Ideen und Ansätze. Im "Manifest für eine ökosoziale Agrarpolitik" in Österreich" 1988 wurde auf die ökologische Funktion hingewiesen. Angestrebt wurde zudem der Beitritt Österreichs zum EG - Binnenmarkt.

Ökosozial bedeutete eine Mischung von funktionalistischer Agrartheorie und Inhalten der Ökologiebewegung.

2.3 Akteure und Veränderungen der Politikinhalte    

Mit der industriellen Umsetzung des Agrarsektors in Form der zunehmenden Bedeutung der Agrar- und Lebensmittelindustrie, dem Bankensektor zur Finanzierung und den Managementzentralen der Raiffeisen - Genossenschaften und Landwirtschaftskammern bildete sich in der Folge ein Dreiecksverhältnis des Genossenschaftswesens (Finanzierung -Kreditwesen), der Kammern (Sozialpartnerschaft) und des Bauernbundes (politische Vertretung).

In der Agrarpolitik spielen auch die Sozialpartner eine Rolle. ÖGB und Arbeiterkammer bestimmen im Konsumentenschutz, der Umwelt-, Sozial- und Regionalpolitik mit. Vereinzelt haben Umweltverbände einen Einfluss.

In den achtziger Jahren ist mit den "Grünen" ein neuer Akteur in der Agrarpolitik aufgetreten. Damit wurde zunehmend die ökosoziale Agrarpolitik in den politischen Diskurs aufgenommen.

Die EU - Agrarreform 2003 mit ihrer Umsetzung 2005 ergab ein Betriebsprämiensystem, deren Basis der Durchschnitt der Direktzahlungen aus der Marktordnung der Jahre 2000 bis 2002 ist. Die Förderung wird von der tatsächlichen Produktion des Betriebes entkoppelt. Dadurch wird ein marktkonformes Verhalten erwartet.

Knapp 30 Prozent der Betriebe werden von Frauen geleitet. Frauen stellen ungefähr 53 Prozent aller Familienarbeitskräfte, aber nur rund 14 Prozent der Kammerräte_innen. Es zeigt sich, dass die Bedeutung von Frauen in den landwirtschaftlichen Interessensvertretungen gering vertreten und geschlechterbezogene Ungleichheiten vorhanden sind.

Mit dem EU - Beitritt 1995 wurden bereits im Vorfeld die Agrarpolitik und das Fördersystem an die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU angepasst. Vom WIFO wurde der Beitritt als schwierig eingestuft, wobei mit Preis- und Einkommenseinbußen zu rechnen ist, die Wettbewerbsfähigkeit erforderlich und Begleitmaßnahmen (Förderungen) benötigt werden.

Mit dem Vollzug des EU - Beitritts kam es zu einer Neuverteilung der Kompetenzen und Kosten des Fördersystems zwischen EU, Bund und Ländern.

Die Agrarpolitik beruht im Marktbereich auf den EU - Marktordnungen, nationalen Quoten und Ausgleichszahlungen. Die Eckdaten wurden in den Beitrittsverhandlungen festgelegt, die Finanzierung kommt es aus dem EU-Budget?.

In der Agrarstrukturpolitik gibt es einen größeren nationalen Spielraum. Zum Tragen kommt das agrarische Umweltprogramm ÖPUL und die Ausgleichszulagen für benachteiligte Gebiete.

Die Abfederung der negativen Folgen durch Fördermaßnahmen gelang. Die Abhängigkeit der Einkommen hat von agrarpolitischen Maßnahmen zugenommen.

Festzustellen ist eine Intensivierung des Wettbewerbs und die Bedeutung der Globalisierung.

Entscheidend wird künftig die Frage sein, ob die Agrarpolitik in eine allgemeine Politik zu integrieren sein wird. Dies betrifft besonders den ländlichen Raum. Es bedarf eines Ausgleichs mit anderen gesellschaftlichen Gruppen.

2.4 Reflexion    

Die Bedeutung der Landwirtschaft ist in den europäischen Industrieländern gering.

  • Dennoch erfährt der primäre Wirtschaftssektor eine intensive Unterstützung in Österreich und der EU in Form von Subventionen und wird von der Konkurrenz der Weltmärkte abgeschottet (vgl. WIRTSCHAFT HEUTE 2006, 174).
  • Es bedarf einer umweltfreundlichen und ethisch ausgerichteten Agrarpolitik und Neuausrichtung der Politik für den ländlichen Raum.
Die Agrarpolitik wird wesentlich von der "Gemeinsamen Agrarpolitik/ GAP" der EU bestimmt. Diese greift massiv in Marktprozesse ein und ist mit einem teilweise planwirtschaftlich ausgestatteten Verwaltungsaufwand verbunden. Die GAP beruht auf zwei Grundelementen.

  • Marktordnungen garantieren den Erzeugern Abnahmepreise.
  • Einfuhrabgaben (Abschöpfungen) schützen Landwirte vor der Konkurrenz der Weltmärkte.
Die verursachte Überproduktion wird auf EU - Kosten eingelagert oder auf dem Niveau der Weltmarktpreise entsprechend subventioniert und in der Folge exportiert. Die entstandenen Kosten werden aus dem "Europäischen Ausrichtungs- und Garantiefonds für die Landwirtschaft/ EAGFL/ Abtl. Garantie" getragen, der vom EU-Budget? finanziert wird.

Die "Gemeinsame Agrarpolitik/ GAP" ist der größte Ausgabenposten im EU - Budget (vgl. 2004 rund 45 Prozent des Gemeinschaftshaushaltes). Im Rahmen der "Agenda 2000" für 2000 - 2006 beschlossenen Ausgaben entsprechen etwa dem jährlichen Sozialprodukt der Niederlande.

Volkswirtschaftlich bedeutet dies, dass die EU - Staaten die Landwirtschaft zusätzlich aus den nationalen Budgets subventionieren und außerdem tragen die Konsumenten erhebliche Lasten in Form von künstlich überhöhten Lebensmittelpreisen.

Außenwirtschaftlich bedeuten die Abschottung des europäischen Agrarmarktes und die subventionierten Exporte einen Widerspruch zu den von der Welthandelsorganisation (WTO) aufgestelltem Grundsatz des Freihandels. In den Entwicklungsländern entstehen von den EU - Exporten damit wirtschaftliche Schäden.

Argumente für die GAP sind

  • das Ziel der Selbstversorgung mit Lebensmitteln; allerdings ist auf die Überschüsse und die Abhängigkeit eines globalen Warenaustausches hinzuweisen, das Anrecht auf ein sicheres und angemessene Einkommen der Landwirte.
  • Allerdings ist dies nicht für jeden einsichtig, weil in anderen Wirtschaftszweigen der Strukturwandel Einkommens- und Beschäftigungsverschiebungen mit sich bringt, die offizielle Zielvorgabe der GAP die Begrenzung von Preisschwankungen der Lebensmittel. Allerdings ist dies durch das überhöhte Preisniveau fragwürdig, die regionalpolitische Bedeutung der Landwirtschaft und ihre ökologische Funktion in der Erhaltung der Landschaft.
  • Es bleibt die Frage offen, ob sich die beiden Ziele nicht mit weniger Eingriffen in die Marktwirtschaft erreichen lassen.
Ein Reformdruck ergibt sich aus der Agenda 2000 und dem Reformplan 2003 mit einer Umschichtung der Subventionierung von Preisstützungen zu einer direkten Einkommensbeihilfe. Eine Verringerung der Subventionierungshöhe ist damit nicht verbunden. Festzustellen ist, dass die GAP ein Hindernis für die Integration der neuen EU - Mitglieder darstellt.

IT - Hinweise

Förderungen der Europäischen Union:

https://info.bml.gv.at/themen/landwirtschaft/gemeinsame-agrarpolitik-foerderungen.html (20.1.2024)

Moderne Agrarpolitik:

https://www.wirtschaftsdienst.eu/inhalt/jahr/2019/heft/10/beitrag/eine-moderne-umweltfreundliche-und-ethische-agrarpolitik-ziele-und-instrumente.html (20.1.2024)

Rahmenbedingungen für ländliche Entwicklung:

https://www.bmz.de/de/themen/laendliche-entwicklung/laendliche-entwicklung-rahmenbedingungen/agrarpolitik-21690 (20.1.2024)

3 Agrarindustrielle Bewirtschaftung und ihre Folgen    

Susanne DOHRN (2018, 8-15) beklagt zurecht den Verlust der Vielfalt der Pflanzen- und Tierwelt, der von Menschenhand/Bauern geschaffen wurde, die das Land urbar machten und bearbeiteten. Als nach dem Zweiten Weltkrieg aus Bauern produzierende Landwirte wurden, änderte sich dies rasant.

3.1 Monokulturen    

Aus Wiesen und Weiden wurden Intensivgrünland, aus Ackerland industriell bewirtschaftete Monokulturen. Hecken und Feldraine wurden beseitigt, man legte jede Senke und und Mulde trocken. Monokulturen sind nun krankheitsanfälliger, daher setzte man Insektizide, Herbizide und Fungizide ein. Aus Pflanzenschutzmitteln entstanden hoch industriell erzeugte Chemieprodukte, verbunden mit Nebeneffekten wie der Vernichtung der Nahrungsgrundlage der körner- und insektenfressenden Tiere (vgl. zum Rückgang der Vogelpopulation http://orf.at/stories/2431089/2431088/ [23.3.2018]). Dazu kam noch die stinkende, medikamentenverseuchte Gülle, die die Landschaft in eine gigantische Latrine verwandelte.

"Statt dem Treiben Einhalt zu gebieten, fördert die Politik den ganzen Wahnsinn mit Subventionen für Biogas noch zusätzlich. So wird die Landwirtschaft zur Totengräberin der biologischen Vielfalt, eine Entwicklung, die inzwischen sogar die Bodenlebewesen erfasst" (DOHRN 2018, 11). Nitrat aus der Gülle verseucht das Grundwasser, in den Urinproben der Menschen finden sich Rückstände von Glyphosat, das sich zum Streitobjekt von Politik und Wissenschaft herausbildet.

Es gehört zum Widerspruch einer solchen Entwicklung, dass etwa Randstreifen von Autobahnen ein Hort der Biodiversität sind. Dort wo nicht gedüngt und gespritzt wird, vermehren sich Pflanzen und Tiere, die man auf Wiesen und Feldern vergebens sucht.

3.2 Alpiner Raum    

Eine Diskussion im alpinen Raum läuft, wie man diese Landschaft sinnvoll ökonomisch und ökologisch verwerten kann. Es geht um die Bewirtschaftung der Almen (Landwirtschaft/ Almwirtschaft), die Verwertung der produzierten Produkte (Tourismus)und eine Re - Naturierung durch Tiere, die vom Menschen vertrieben wurden (Ökologie/ man denke etwa an den Wolf, Luchs und die Wildkatze). Dass die Interessenslage komplex und verschieden ist, versteht sich von selbst.

Die Frage nach den Veränderungen wird aktualisiert, wenn es um Berichte um Millionenausgaben für schutzwürdige Vögel (etwa die Großtrappe), Fische (etwa den Fischotter), die Wildkatze, Biber, Fisch- und Seeadler geht.

Es geht also um die intensive Landwirtschaft, um eine agrarindustrielle Bewirtschaftung, wie es im vorgehenden Kapitel dargestellt wird. Es geht aber auch um ökologische Aspekte und Landschaftserhaltung, um die Umwelt und ihre lebenserhaltenden Funktionen.

Im Folgenden soll auf den letzten Aspekt der Ernährungssicherung als Grundlage der Nahrungsmittelversorgung eingegangen werden.

4 Ernährungssicherung    

Die Agrarpreise erreichten 2011 neue Höchststände, die Zahl der Hungernden nahm ebenso zu. Das ökonomische Interesse an der Landwirtschaft steigt.

Anders ist die Entwicklung bei der Herausforderung von Hunger zu sehen.

4.1 Herausforderung Hunger    

In Jahrzehnten globaler Überschussproduktion gelang keine Reduzierung des Hungers in der Welt.

Entscheidend ist die schwierige Einkommenssituation von benachteiligten Gruppen, überwiegend in ländlichen Regionen.

Diskriminierungen und Governance - Probleme auf nationaler Ebene sowie politische und menschenrechtliche Probleme erklären den Fortbestand des Hungerproblems. "Gleichzeitig gibt es eine Reihe von Indikatoren, die andeuten, dass die Zeiten globaler Überschussproduktion vorbei sein könnten"(vgl. STIFTUNG ENTWICKLUNG UND FRIEDEN - INSTITUT FÜR ENTWICKLUNG UND FRIEDEN 2013, 285).

4.2 Ländliche Entwicklung    

Zu beachten ist ein zunehmendes Interesse an ländlicher Entwicklung.

Zu erkennen ist dies u.a. auch an der Welternährungskrise 2007/2008. Die Hungeraufstände 2008 erzeugten ein Problembewusstsein im politischen Denken.

Die hohen Agrarsubventionen der EU und der USA führten zu Auswirkungen auf die Agrarpreise in den Ländern des Südens und beeinflussten die Einkommenssituation vieler Bauernfamilien. Kritik an diesen Effekten führte dazu, dass die Subventionen letztlich zurückgegangen waren.

Die Finanzkrise 2008 brachte es mit sich, dass viel frei verfügbares Kapital den Agrarsektor beeinflusste. Dazu kam ein Investitionsschub bei der Nachfrage nach Land mit großflächigen Landkäufen (vgl. den Landnutzungswandel).

Das Hungerproblem wurde zudem auf dem G8-Gipfel? in Italien 2008 mit neuen Finanzzusagen aktualisiert.

2009 beriet die FAO in Rom Schritte im Umgang mit der Welternährungskrise. Ein neues Koordinierungsgremium wurde geschaffen.

Bei der Nahrungsmittel - Sicherheit ergeben sich sechs Trends, die es darzustellen gilt.

- - -

1 Steigende Tendenz der Zahl der Hungernden seit Jahrzehnten,

2 langjährige Vernachlässigung ländlicher Räume,

3 vom Überschuss zur Knappheit,

4 Investitionen in Landwirtschaft und agrarische Rohstoffe bei steigenden Preisen,

5 Governance - Defizite auf nationaler Ebene und

6 Institutionenschwäche der globalen Governance.

Nationale und globale Aspekte gilt es vermehrt zu beachten und zu korrigieren, damit die Nahrungsmittelkette gewahrt bleibt.

Dazu gehört ohne Zweifel der Wassermangel auf der Welt. Immerhin ist die Hälfte der Weltbevölkerung davon betroffen.

Der UN - Weltwasserbericht 2018 verlangt ein nachhaltiges Wassermanagement > http://science.orf.at/stories/2901996 (19.3.2018)

4.3 Literaturverzeichnis Agrarpolitik    

Cerman M. - Eder F.X. - Eigner P. - Komlosy A. - Landsteiner E. (Hrsg.) (2011): Wirtschaft und Gesellschaft - Europa 1000-2000, VGS Studientexte Bd. 2, Innsbruck - Wien - Bozen

Bosshard A. - Schläpfer F. - Jenny M. - Vision Landwirtschaft (Hrsg.) (2011): Weißbuch Landwirtschaft Schweiz, Bern -Stuttgart - Wien

Dichatschek G. (2017): Didaktik der Politischen Bildung. Theorie, Praxis und Handlungsfelder der Fachdidaktik der Politischen Bildung, Saarbrücken

Dohrn S. (2018): Das Ende der Natur. Die Landwirtschaft und das stille Sterben vor unserer Haustür, Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Bd. 10193, Bonn

Heinrich - Böll - Stiftung/ Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland/ Le Monde Diplomatique (2019): Agrar - Atlas 2019. Daten und Fakten zur EU - Landwirtschaft, Berlin

Hovorka G. - Hoppichler J. (2006): Agrarpolitik, in: Dachs H. - Gerlich P. - Gottweis H. - Kramer H. - Lauber V. -Müller W.C. - Talos E. (Hrsg.): Politik in Österreich, Wien, 701-710

Landsteiner E. (2011): Landwirtschaft und Agrargesellschaft, in: Cerman M. - Eder F.X. - Eigner P. - Komlosy A. -Landsteiner E. (Hrsg.): Wirtschaft und Gesellschaft - Europa 1000-2000, VGS Studientexte Bd. 2, Innsbruck - Wien -Bozen, 178-210

Stiftung Entwicklung und Frieden - Institut für Entwicklung und Frieden (2013): Globale Trends. Frieden - Entwicklung - Umwelt, Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Bd. 1366, Bonn: Ernährungssicherung -Landnutzungswandel - Konflikte, 285-312

Wirtschaft heute (2006): Agrarpolitik - Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Bd. 499, Bonn, 174-175

4.4 Literaturverzeichnis Fachbereiche/ Auswahl    

Dabbert St.- Braun J. (2006): UTB 2792 Landwirtschaftliche Betriebslehre, Wien - Köln - Weimar

Doluschitz R.- Morath Cl.- Pape J. (2011): UTB 3587 Agrarmanagement, Wien - Köln - Weimar

Kaul H.P. -Kautz T. - Leon J. (2022): UTB 2629 Ackerbau, Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung, Wien - Köln - Weimar

Lochner H.- Breker J.- Eff K. (2023): Agrarwirtschaft Grundstufe Landwirt, Stuttgart

Schubert S. (2018): UTB 2802 Pflanzenernährung, Wien - Köln - Weimar

Stahr K.- Kandeler E.- Herrmann Th. - Streck H. (2020): UTB 2967 Bodenkunde und Standortlehre, Wien - Köln - Weimar

Wachendorf M.- Bürkert A.- Grass R. (Hrsg.) (2022): UTB 4863 Ökologische Landwirtschaft, Stuttgart

William A.- Simianer H. (2017): UTB 3526 Tierzucht, Wien - Köln - Weimar

Teil 2 Ländlicher Raum    

5 Einleitung    

Für die Politischen Bildung als Vergleich zur Großstadt bzw. urbanen Zentren stellt sich der Themenbereich mehrfach.

Vorrangig betrifft es

  • die Beziehung von Land und städtischem Großraum,
  • die Siedlungsstruktur,
  • unterschiedliche Infrastruktur in den Bereichen
    • Verkehr,
    • Daseinsversorgung,
    • Medizin,
    • Kultur und Bildung,
    • Landnutzungswandel,
    • Arbeitsmarkt und
    • letztlich der EU - Agrarpolitik.
6 Politische Diskussion    

Das Gefälle von Stadt und Land setzte vor Jahrzehnten mit einer politischen Diskussion in Richtung gleichwertiger Lebensverhältnisse und damit Lebenschancen ein.

Übersehen wird, dass es den Gegensatz so gar nicht mehr gibt. Den ländlichen Raum gibt es auch nicht pauschal, vielmehr eine Vielzahl von ländlichen Räumen mit Unterschieden in gesellschaftlichen, sozialen und und wirtschaftlichen Merkmalen (vgl. KÜPPER 2016).

Durch den demographischen Wandel leben mehr Menschen in ländlichen Räumen als in den wenigen Großstädten in Österreich. Beträchtlich ist die ökonomische Wertschöpfung durch die Kleinindustrie, Landwirtschaft, das Gewerbe und den Tourismus geworden.

Probleme und Herausforderungen bilden regionale Tendenzen der Abwanderung junger Leute, eine starke Alterung in den Orten und das Verschwinden von Einrichtungen der Daseinsversorgung.

Der Gestaltungsraum für kreative Ideen, Rückkehrangebote angesichts sinkender Lebensqualität und steigender Wohnkosten in manchen urbanen Zentren bewirken eine neue Attraktivität besonders für junge Familien.

7 Österreich    

In Österreich erfordern

  • die alpinen Regionen neue Entwicklungsprogramme,
  • ebenso sind Regionalprogramme in Großräumen um urbane Zentren wie Wien, Graz, Linz, Salzburg und Innsbruck vermehrt notwendig.
Hier ergibt sich in den sog. "Speckgürteln" - Räume bis ca. 30 - 60 Autominuten Entfernung von urbanen Zentren - eine Sondersituation, eine soziale Trennung zwischen den wirklich Ortsansässigen, den Pendlern bzw. Zuzüglern und unterschiedliche Lebensprobleme beider Gruppen.

Die Problematik in Tourismuszentren stellt sich in der zunehmenden Zweitwohnungsnutzung und Zuwanderung aus dem EU-Raum?.

IT - Hinweis

Probewohnen gegen Landflucht > https://steiermark.orf.at/stories/3059371/ ( 27.7.20)

8 Dörfer und Kleinstädte im Wandel    

In ländlichen Räumen sind Dörfer und Kleinstädte die wichtigsten Siedlungstypen (vgl. BORN 1977).

In Mitteleuropa ist für ein Dorf von einer Bevölkerungszahl von rund 1000 bis 1500 Personen auszugehen.

8.1 Gemeindezusammenlegungen    

Gemeindezusammenlegungen mit Dörfern ergeben größere Verwaltungseinheiten.

Agrarisch geprägte Strukturen kennzeichnen den dörflichen Charakter.

Durch die veränderte Arbeitsmarktsituation ist Mobilität der Arbeitskräfte mit Pendlertum von den Dörfern zu den wachsenden Städten vorhanden.

8.2 Tourismus    

Landschaftlich attraktive Gegenden werden durch den Tourismus zunehmend beeinflusst.

Traditionelle Lebensverhältnisse verändern sich durch Zuzug in Verbindung mit Modernisierungsprozessen und einem Strukturwandel in der Landwirtshaft.

Kleinstädte bzw. Marktgemeinden bilden regionale Zentren für die Bevölkerung als Versorgungszentren, Verwaltungseinheiten, Orte des kulturellen Austauschs und der Bildung.

Typisch und bedeutsam ist der lokale Charakter.

Historisch sind bauliche Bestände kennzeichnend.

Erweiterte Funktionen für das Umland werden zumeist wahrgenommen.

Auszugehen ist künftig in Kleinstädten von einer Weiterentwicklung in Funktionen, Siedlungsformen und Konkurrenz durch die neuen Techniken.

9 Ländliche Entwicklung in der EU - Agrarpolitik    

Eine Politik zur Entwicklung ländlicher Räume der Gemeinsamen Agrarpolitik der Europäischen Union/ GAP verfolgt Agrarstruktur, umweltpolitische und regionalpolitische Ziele (vgl. WEINGARTEN 2020, 46-47).

9.1 Bedeutung der Land- und Forstwirtschaft    

Ländliche Räume in modernen Gesellschaften und Volkswirtschaften besitzen eine Vielzahl von Funktionen. Das folgende Beispiel von sieben Bedeutungen zeigt die Wichtigkeit der Funktionen.

Produktion von Nahrungsmitteln > Bodennutzung

Siedlungs- und Wohnungsfunktion > Flächennutzung

Standorte für Verkehrsprojekte > Verkehrsflächen

Wirtschaftsunternehmen > Flächennutzung

Tourismus und Erholungsfunktion > Landschaftsbild

Waldflächen > Speicher- und Regulationsfunktion

Entsorgungsfunktion > Weiterverwertung

9.2 EU - Rechtsrahmen    

Bereits 1957 in den Römischen Verträgen/ EWG einigte man sich auf eine "Gemeinsame Agrarpolitik" (GAP), die 1962 in Kraft trat.

Die erste Säule war die Markt- und Einkommenspolitik im Agrarsektor.

Die zweite Säule umfasst ist die "Politik zur Entwicklung ländlicher Räume", die über Jahrzehnte durch unterschiedliche politischen Ebenen in Verflechtungen sich entwickelte.

  • Rechtlicher Rahmen für die zweite Säule bildet die EU - Verordnung Nr. 1305/ 2013 über die Förderung der ländlichen Entwicklung durch den "Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raumes/ ELER".
  • Ziele im Artikel 4 der ELER - Verordnung sind
a) die Förderung der Wettbewerbsfähigkeit der Landwirtschaft,

b) Gewährleistung nachhaltiger Bewirtschaftung und Klimaschutz sowie

c) die Erreichung einer ausgewogenen räumlichen Entwicklung der ländlichen Wirtschaft und der ländlichen Gemeinschaften.

Für die Funktionsperiode 2014 - 2020 stellt die EU 96 Mrd. Euro aus dem EU - Agrarhaushalt zur Verfügung.

9.3 Literaturhinweise Ländliche Räume    

Born M. (1977): Geographie der ländlichen Siedlungen, Bd.1, Genese der Siedlungsformen in Mitteleuropa, Stuttgart

Bundeszentrale für politische Bildung: Informationen zur politischen Bildung /izpb 343 2/ 2020, Ländliche Räume, Bonn

Bundeszentrale für politische Bildung: Aus Politik und Zeitgeschichte, Land und Ländlichkeit, Nr. 46-47/2006, Bonn

Dichatschek G. (2017a): Didaktik der Politischen Bildung. Theorie, Praxis und Handlungsfelder der Fachdidaktik der Politischen Bildung, Saarbrücken

Dichatschek G. (2027b): Erwachsenen - Weiterbildung. Beitrag zu Theorie und Praxis von Fort- bzw. Weiterbildung, Saarbrücken

Küpper P. (2016): Abgrenzung und Typisierung ländlicher Räume (Thünen Working Paper 68), Braunschweig

Steinführer A. (2020): Dörfer und Kleinstädte im Wandel, in: Informationen zur politischen Bildung/ izpb 343/2020, Ländliche Räume, Bonn, 8-15

Weingarten P. (2020): Ländliche Entwicklung: die zweite Säule der EU - Agrarpolitik, in: Informationen zur politischen Bildung/ izpb 343/2020, Ländliche Räume, Bonn, 46-49

Teil 3 Regionale Bildung    

10 Einleitung    

Räumliche Zusammenhänge spielen in der Regel in der Erwachsenenpädagogik und Weiterbildung eine unbedeutende Rolle. Allerdings ist eine räumlich - differenzierte Sichtweise wesentlich, gilt es doch komplexe und mitunter widersprüchliche Aspekte zu beachten.

So wie die Gesellschaft ländliche Räume wahrnimmt, so wird auch das Bild von einer Lern- und Wissensvermittlung transportiert.

  • Ländliche Räume werden mit Rückständigkeit und geringer Bildung bzw. Ausbildung verbunden.
  • Hinzu kommt eine Abwanderung, in unserem Fall durch die Wahl von Ausbildungsstätten. In der Folge entsteht ein "Brain drain" und damit für die Lebens- und berufliche Laufbahn ungünstige Zukunftschancen.
Gegensätzlich werden Ursprünge von Bildung in der Regionalität gesehen.

  • Kleinschulen werden als Vermittlungsorte von sozialer Kompetenz wahrgenommen, ökologisches Lernen findet im ländlichen Raum statt.
  • Wertevermittlung verläuft in scheinbarer Homogenität und Harmonie, Überschaubarkeit und Individualität wird als gegeben bezeichnet.
  • Persönliche Kommunikation kann in kleinen Räumlichkeiten leichter stattfinden.
Formen der Bildungsvermittlung sind zu beachten, insbesondere auf Grund der vorherrschenden Infrastrukturen durch die Erwachsenenpädagogik mit ihren Institutionen (vgl. NOLDA 2008, 91).

Nicht - staatliche Bildungsträger verstehen sich als Institutionen im quartären Bildungsbereich, die organisatorisch nicht dem Staat unterstehen, von ihm aber gefördert werden.

  • Formal findet Lernen in Bildungs- bzw. Ausbildungseinrichtungen statt, wird nach Lernzielen und Lernzeiten strukturiert und führt zu einem anerkannten Zeugnis/ Zertifikat.
  • Non - formale Bildung bedeutet ein Lernen außerhalb allgemeiner und beruflicher Bildung, das zu keinem formalen Bildungsabschluss führt. In der Verantwortung stehen zivilgesellschaftliche Gruppen, Vereine und Organisationen mit Freiwilligkeitscharakter.
  • Informell findet Bildung durch Personen bzw. Institutionen statt, die nicht als Bildungsträger sich bezeichnen, geringer bewertet werden und wo Bildungsvermittlung vermischt mit anderen Aktivitäten entsteht (vgl. etwa Sportvereine, Familie, Arbeitsplatz und Freizeitangebote).
Das Kapitel hat als Konzeption die regionale Bildung im Selbstverständnis von Erwachsenen- bzw. Weiterbildung. Bildung wird hier als Lern- und Vermittlungsprozess gesehen, geprägt von einer Vielzahl von Akteuren. Erwachsenenbildnerinnen und Erwachsenenbildner verstehen sich in ihrer Unterschiedlichkeit als Träger einer Bildung (Erwachsenenpädagogik) nach Abschluss der Erstausbildung in Schule und Beruf.

Ihre Professionalität ist durch ihr Berufswissen und vermehrte Anstrengungen zur Kompetenzerweiterung gegeben (vgl. die Bemühungen des Bundesinstituts für Erwachsenenbildung mit Lehrangeboten, der Weiterbildungsakademie Österreich im Erfassen von Kompetenzen und Weiterbildungsangeboten sowie Universitätslehrgängen und Vollzeitstudiengängen an Universitäten).

Voraussetzungen für die Konstruktion einer Bildungslandschaft sind potentielle Akteure, institutionelle Träger bzw. Vereine, Kooperationsmöglichkeiten und notwendigerweise ein Milieu, das bildungsfreundlich und innovativ ist sowie ein klares Aufgabengebiet.

Das Modell "Regionales Lernen" umfasst regionale Identität, Gestaltungskompetenz und Partizipation (Mitbestimmung und Mitverantwortung).

  • Dies bedarf erwachsenenpädagogischer Impulse. Lernprozesse im ländlichen Bereich sind in der Regel generationsübergreifend, auch von Jung zu Alt.
  • Dies betrifft auch den Zusammenhalt von sozialen Gruppen wie verschiedene Bildungsschichten, Wohndauer, Einkommenssituationen, Ansehen und Migrationshintergrund.
Bildungsträger vermitteln in ihrem Rollenverständnis Wissen und Können zur Gestaltung lokaler und regionaler kultureller, sozialer, ökonomischer und ökologischer sowie wertorientierender Ansätze.

Fragestellungen für ein solches Konzept sind

  • die Entstehung und Strukturierung einer regionalen Bildungslandschaft,
  • die Träger non - formaler und informeller Lernformen in ihrem Selbstverständnis,
  • die Präsentation einzelner Projekte bzw. Vorhaben und
  • die Bewusstmachung von Erfolgen bzw. Defiziten.
  • Herausforderungen müssen klar bezeichnet werden.
Ausgangspunkt der Überlegungen sind die Arbeit in Netzwerken bzw. Publikation von Beiträgen. Von besonderem Interesse sind Tendenzen einer verstärkten Binnenwanderung aus urbanen Zentren in das Umfeld und damit soziale Veränderungen > "Die Pandemie und der Speckgürtel" > https://orf.at/stories/3226288/ (7.9.21)

Parlamentskorrespondenz Nr. 197 vom 12.03.2026

Länderkammer fordert ausreichende Mittel für regionale Entwicklung im EU - Budget

Aktuelle Stunde mit Bundesminister Totschnig zur Zukunft der EU-Politik? zu Kohäsion, Landwirtschaft und Umwelt

Wien (PK) – Vor dem Hintergrund der anlaufenden Verhandlungen zum Mehrjährigen Finanzrahmen (MFR) der Europäischen Union für den Zeitraum 2028 – 2034 diskutierte der Bundesrat mit Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig über die Neuausrichtung der EU-Kohäsionspolitik?. Die Sicht Österreichs auf die EU-Pläne? zur Kohäsion und die Auswirkungen, die unter anderem für die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) zu erwarten sind, waren Thema einer Aktuellen Stunde der Länderkammer unter dem Titel "Lebenswerte Regionen – durch eine zukunftsorientierte Gemeinsame Agrar-, Kohäsions- und Umweltpolitik".

Der Vorschlag der Europäischen Kommission (EK) zum MFR sieht vor, dass die Kohäsionspolitik mit den Bereichen Agrarpolitik, Migration und Sicherheit sowie Fischerei zu einem neuen, umfassenden Fonds zusammengeführt werden soll. Dieser Fonds soll laut Vorstellungen der EK in jedem Mitgliedstaat in einem einzigen nationalen Plan (NRPP) programmiert und verwaltet werden. Aus österreichischer Sicht gibt es noch offene Fragen zur Dotierung des Fördertopfs und der Vergabe der Mittel. Vor allem soll die Neuausrichtung mit einem Bürokratieausbau einhergehen, fordert Österreich. Gleichzeitig müsse sichergestellt werden, dass bewährte Programme für Landwirtschaft, regionale Entwicklung und Umweltschutz fortgeführt werden können.

Totschnig: Regionale Umsetzung der EU-Kohäsionspolitik? muss gewahrt bleiben

Den "roten Faden" für das breite Portfolio seines Ressorts sehe er in der Erhaltung von lebenswerten Regionen, sagte Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig. Die Politik müsse den Rahmen dafür schaffen, dass die Regionen außerhalb der Ballungsräume gestärkt werden. Die ländlichen Regionen seien nicht Randzonen, sondern der Kern der Bundesländer. Eine zukunftsfähige Regionalpolitik brauche entsprechende Investitionen. Die Probleme des ländlichen Raums seien bekannt, wie etwa der Bevölkerungsrückgang mit allen negativen Folgen für Wirtschaft und Infrastruktur. Daher sei eine aktive und starke Regionalpolitik weiter notwendig. Diese brauche auch die Bundesländer und den Föderalismus, betonte Totschnig.

Die EU - Kohäsionspolitik solle die Unterschiede zwischen Europas Regionen ausgleichen. Oft werde sie so verstanden, als ob sie nur die benachteiligten Regionen angehe. Doch auch wirtschaftlich starke Regionen würden die Kohäsionspolitik brauchen, da auch sie von Herausforderungen wie demographischer Wandel und Digitalisierung betroffen seien, betonte Totschnig. Bayern und Niederösterreich hätten daher die länderübergreifende Initiative "Power Regions" ins Leben gerufen. Diese wende sich gegen eine Zentralisierung der Kohäsionspolitik, fordere die Beibehaltung der regionalen Umsetzung sowie ein ausreichendes Budget für Regionalpolitik, auch für wirtschaftlich starke Regionen. Er unterstütze diese Forderungen, betonte Totschnig.

Der neue MFR der EU sehe einen grundlegenden Umbau der Mittelvergabe vor. Die EU-Mittel? für Kohäsionspolitik sollen mit Agrarpolitik, Migration und Sicherheit sowie Fischerei gebündelt und über nationale und regionale Partnerschaftspläne vergeben werden. Aus Sicht der Kommission solle damit eine Vereinfachung der Fördervergabe erreicht werden. Totschnig sieht aber das Risiko, dass es zu einem Konkurrenzkampf um die Zuteilung der Mittel kommen könnte. Mit dem zuständigen EU-Kommissar? Raffele Fitto stimme er überein, dass die Kohäsionspolitik langfristig ausgerichtet und effizient sein müsse und dass sie auch wirtschaftlich starken Regionen zur Verfügung stehen solle. Für Totschnig muss der "Regionaltopf" der EU ausreichend Mittel zur Verfügung stellen, um eine flächendeckende Regionalpolitik und nicht nur Sektorenpolitik betreiben zu können.

Die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) sei ein wichtiges Finanzierungsinstrument für die österreichischen Bäuerinnen und Bauern. Die Lebensmittelproduktion entlang der gesamten Wertschöpfungskette trage 10 % des BIP bei und sichere insgesamt rund 500.000 Arbeitsplätze. Österreichs Landwirtschaft nehme nicht nur in der Bio-Landwirtschaft? einen Spitzenplatz ein. Sie sichere auch einen hohen Selbstversorgungsgrad mit Grundnahrungsmitteln und auch die Kulturlandschaft, die ein wichtiger Faktor für den Tourismus sei. Das sei das Ergebnis jahrzehntelanger Investitionen. Auch die Forstwirtschaft erziele eine hohe Wertschöpfung. In den Verhandlungen zum EU-Budget? werde sich Österreich daher weiter für eine starke GAP mit zwei Säulen sowie für Investitionen in die Regionalpolitik einsetzen. Der Vorschlag EK sehe für Österreich jedoch eine Kürzung der GAP - Mittel von 25 Prozent vor. Das sei nicht akzeptabel, denn wer Versorgungssicherheit und Umweltschutz wolle, müsse sie auch finanzieren, sagte Totschnig. Die österreichischen Forderungen seien daher klar: Eine starke GAP, eine wirkungsvolle Kohäsionspolitik und wirksamer Umweltschutz. Nur so könne man dem Auftrag nachkommen, lebenswerte Regionen zu erhalten.

Johanna Miesenberger (ÖVP/ O) hob die Leistungen der bäuerlichen Familienbetriebe hervor. Die Landwirtschaft sei das Fundament für funktionierende Regionen und müsse gestärkt werden. Aus ihrer Sicht muss die klare Zuständigkeit des Landwirtschaftsressorts gewahrt bleiben. Es dürfe kein Ausspielen von Interessen geben, etwa zwischen der Bergbauernförderung und der Umweltpolitik. Besonders wichtig ist Miesenberger die Entbürokratisierung. GAP - Programme müssten wieder einfacher und die Mittel effizient eingesetzt werden. Hier leiste die Digitalisierung einen wichtigen Beitrag. Miesenberger forderte auch Flexibilität für die Mitgliedsstaaten, um ihre Programme an die jeweiligen regionalen Herausforderungen der Land- und Forstwirtschaft anpassen zu können. All das brauche eine ausreichende Ausstattung mit Mitteln, um bewährte Programme fortführen zu können.

Ferdinand Tiefnig (ÖVP/ O) sah die EU-Pläne? eines gemeinsamen Fördertopfes für Landwirtschaft, Migration und Umwelt kritisch. Da der Landwirtschaftsminister mehrfach gezeigt habe, dass er sich für die Interessen der Landwirtschaft einsetze, gehe er davon aus, dass er das auch bei den Verhandlungen zum MFR tun werde. Seiner Wahrnehmung nach würden gerade junge Bäuerinnen und Bauern durchaus positiv in die Zukunft blicken. Die Investitionen der Landwirtschaft seien ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, gab Tiefnig zu bedenken. Die Fördermittel der GAP und vor allem die Programme der ländlichen Entwicklung hätten viele positive Effekte gezeigt, etwa beim Breitbandausbau oder für den Umweltschutz. Sie müssten daher weiterhin sichergestellt werden.

Christian Fischer (SPÖ/ N) wies auf die Herausforderungen vieler Gemeinden hin, die Wasserversorgung zu sichern. Gerade der ländliche Bereich bekomme die Auswirkungen des Klimawandels über die Zunahme extremer Wetterereignisse zu spüren. Als Bürgermeister wisse er, was es bedeute, wenn eine Gemeinde von Hochwasser betroffen sei. Da Extremwetterereignisse sich häufen, müsse etwa der Hochwasserschutz vorausschauend gedacht werden. Heute wisse man, dass technischen Flussregulierungen nicht ausreichend seien, und setze auf naturnahen Hochwasserschutz. Der Umgang mit der Ressource Wasser liege ihm besonders am Herzen. Hier gelte es, bessere Daten über die tatsächliche Wassernutzung zu erhalten, um langfristiger planen zu können. Landwirtschaftliche Betriebe würden große Mengen Wasser in Trinkwasserqualität benötigen. Um Interessenskonflikte zu vermeiden, sollte etwa die Erschließung neuer Wasserquellen besser unterstützt werden. Auch müsste die Wasserspeicherung der Böden verbessert und die Krisenfestigkeit der Betriebe gestärkt werden.

Der ländliche Raum sei nicht nur Landwirtschaft, diese sei aber ein zentraler Faktor, merkte Mario Trinkl (SPÖ/B) an. Die nächste GAP-Periode? müsse daher viel stärker auf die Förderung von kleinen und mittleren landwirtschaftlichen Betrieben ausgerichtet werden und Klima- und Umweltschutz einen stärkeren Stellenwert erhalten. Trinkl wies auf ein Problem hin, das vor allem die Ackerbauregionen im Südosten Österreichs betreffe. Hier sei eine starke Zunahme von intensiv bewirtschafteten Ackerflächen in Hanglagen erfolgt. Bei Starkregen werde viel Humus abgetragen, der Gräben und Straßen verfülle. Die Wiederherstellung verursache für die Gemeinden hohe Kosten. Hier brauche es eine Lösung, die die Gemeinde entlaste, ohne die Landwirtschaft zu belasten.

Ohne Landwirtschaft würde es keinen lebenswerten ländlichen Raum und keine lebenswerten Regionen geben, sagte der burgenländische FPÖ - Bundesrat Thomas Karacsony. Zweifellos sei die GAP ein wichtiges Instrument, doch müsse ihre Wirksamkeit hinterfragt werden. Immer mehr landwirtschaftliche Betriebe würden aufgeben. Österreich bleibe bei den Investitionen in die Landwirtschaft hinter den Nachbarländern zurück. Von Bürokratieabbau werde zwar viel geredet, es passiere aber zu wenig. Die landwirtschaftlichen Betriebe seien mit immer höheren Kosten und immer mehr Auflagen konfrontiert. Immer mehr Höfe würden aufgegeben, was sich auch auf das Leben der Gemeinden negativ auswirke. Österreichs Stärke seien immer die bäuerlichen Familienbetriebe gewesen. Wolle man diese erhalten, müssen man für sie faire Wettbewerbsbedingungen herstellen. Billigimporte von Lebensmittel von außerhalb der EU würden nicht nur den Fortbestand der europäischen Landwirtschaft gefährden, sie seien auch eine Gefahr für die Versorgungssicherheit. Die Politik müsse daher die Leistungen der Bäuerinnen und Bauern stärker anerkennen, folgerte Karacsony.

Die Probleme des ländlichen Raums seien seit Langem bekannt, sagte Michael Bernhard (FPÖ/N). Er frage sich nur, was der Landwirtschaftsminister in den letzten Jahren erreicht habe. Das Bauernsterben gehe weiter. Vor allem Familienbetriebe würden ums Überleben kämpfen und zu Bittstellern eines überkomplexen Fördersystems degradiert, kritisierte Bernhard. Sie fühlten sich von der Regierung im Stich gelassen. Der immer schärfer werdende Konflikt zwischen den Interessen der Landwirtschaft und steigenden Umweltschutzvorgaben werde vom Landwirtschaftsminister nicht gelöst. Die Landwirtschaftspolitik habe der Ausdünnung des ländlichen Raums nichts entgegenzusetzen.

Bundesrätin Simone Jagl von den niederösterreichischen Grünen betonte, dass die Erhaltung von lebenswerten Regionen eine gute Kohäsionspolitik erfordere. Die Renaturierung der Thaya - March - Auen sei ein gutes Beispiel, was gute Umweltpolitik etwa im Hochwasserschutz erreichen könne. Allerdings müsse noch viel mehr getan werden. Die Bilanz von Bundesminister Totschnig im Umweltschutz sei bisher leider sehr überschaubar. Er verweigere sich damit seiner Verantwortung für die Zukunft, kritisierte Jagl. Der Klimaschutz werde zwar gerne beschworen, sobald es jedoch um konkrete Maßnahmen gehe, gebe es Widerstand dagegen und es würden andere Interessen den Vorrang erhalten. Dabei seien die Auswirkungen des Klimawandels bereits sehr deutlich zu spüren. Der Ausbau von erneuerbaren Energien müsse daher vorangetrieben werden, fordert Jagl. Nachdem man bereits auf einem guten Weg gewesen sei, würden die CO2 - Emissionen wieder steigen. Auch hier müsse Bundesminister Totschnig endlich seine Verantwortung wahrnehmen.

11 Bildungsbegrifflichkeiten    

Der Begriff "Bildung" wird in deutschen Sprachraum mit der 1792 erschienenen Definition durch Wilhelm von HUMBOLDT verbunden.

Humanität, Inhalte, Bildungsprozesse, Bildungssystem und (gebildetes) Gemeinwesen lassen sich als Bezugspunkte für eine formale und informale Bildung ableiten. "Allerdings scheinen dieses Bildungsverständnis und der daraus abgeleitete Bildungskanon in Zeiten einer pluralisierten Gesellschaft nicht nur unzeitgemäß, sondern auch bedroht" (POLLAK 2014, 9).

Individualisierung, Milieubezogenheit, Freiheit und Mediennutzung benötigen einen Bildungsbegriff mit weniger Inhalt(en), dafür in einer demokratisch - pluralistischen Gesellschaft notwendigem garantiertem Umgang mit anzubietender und umsetzbarer Bildung im Kontext mit Kompetenzen. Bildungsanstrengungen - verstanden als Aus-, Fort- und Weiterbildung - verlangen umsetzbare Angebote.

Regionale Bildung bzw. regionales Lernen hat mit kompetenzbasierter Bildung eine besondere Bedeutung. Territoriale Verortung und soziale Konstruktionen des Raumes bedeuten Bildungsmaßnahmen an Ort und Stelle mit Einbindung der Akteure und Institutionen.

Sichere Ausformulierungen einer Bildungstheorie für eine Gesellschaft in einer kulturell vielfältigen Welt stehen nicht zur Verfügung. Das Humboldtsche Bildungsideal eines vollkommenen Individuums wurde durch politische, ökonomische und kulturelle Veränderungen und Wandlungsprozesse - bedingt durch die Industriegesellschaft seit dem 19. Jahrhundert und eine deutliche Politisierung bzw. Pluralisierung, Technisierung, Digitalisierung und in der Folge Globalisierung und Interkulturalität im 20. und 21. Jahrhundert - überholt (vgl. BECK 1997, 15 - 122).

Daher gibt es keinen gesamtgesellschaftlichen Konsens für die Begrifflichkeit "Bildung". Kennzeichnend sind Partikulargesellschaften, wie sie POLLAK (2014, 14) formelhaft für die gegenwärtige Gesellschaft vorstellt.

Mediengesellschaft > Risikogesellschaft

Googlegesellschaft > Erlebnisgesellschaft

Erwerbsgesellschaft > Fast - Food - Gesellschaft

Cyber Society > Netzwerkgesellschaft/ Beratende Gesellschaft

Stadtgesellschaft > Normalisierungsgesellschaft

Gegenwartsgesellschaft > Multioptionsgesellschaft

Spaßgesellschaft > Konsumgesellschaft

Deformierte Gesellschaft > Multieth(n)ische Gesellschaft

Wissensgesellschaft > Weltgesellschaft

Einwanderungsgesellschaft > Bürgergesellschaft

Zukunftsfähige Überlebensgesellschaft > Zivilgesellschaft

Fragestellungen ergeben sich daraus, wenn man die Beschreibungen empirisch als zutreffend ansehen kann,

  • wie welcher und ob ein Bildungswert der Partikulargesellschaften wirkt,
  • welche Bildungsgüter vorzufinden sind, wie viel Wissen, Können und Fähigkeiten der Einzelne besitzen soll und
  • welcher Bildungskanon in der Lage wäre, schulisch bzw. außerschulisch und beruflich Ausbildungsprozesse abzudecken.
Bezieht man Bildung auf das gegenwärtige Menschenbild, also auf Leitbilder wie politische Rechte und Pflichten, Ökonomie, Ökologie, Beruf, Freizeit, Kultur, Identität, Medien, Religion und Wertvorstellungen, Familie, Gender, Gesundheit, Schule und Erziehung sowie Interkulturalität, erkennt man den Wandel, der in der Bildungslandschaft mit Politischer Bildung mit den Themen Interkulturelle Kompetenz, Wertnormierungen, Religionskunde/ Ökumene, Gender, Ökologie, Medien und Ökonomische Grundbildung bzw. Globalem Lernen umschrieben wird (vgl. ALTHAMMER - ANDERSEN - DETJEN - KRUBER 2007; SANDER 2014).

12 Bildungsprozesse    

Die angesprochenen Bildungsgrade variieren von Bildungsschicht zu Bildungsschicht.

Traditionelle Werte wie Familienbindung, Freundschaft, Verantwortung, Pflichtbewusstsein und Sicherheit im engeren und weiteren Sinn werden in allen Milieus und von Heranwachsenden bzw. jungen Erwachsenen geteilt (vgl. CALMBACH - THOMAS - BORCHHARD - FLAIG 2011). Zudem werden in pluralistischen Gesellschaften individualistische und/ oder hedonistische Entfaltungsmöglichkeiten und Selbstgestaltung ergänzend bzw. relativierend umgesetzt.

Der plurale Wertemix im Kontext mit der westlichen Multioptionsgesellschaft bildet ein "Leben im Plural", bedeutsam für Heranwachsende und junge Erwachsene (vgl. VOGELGESANG - MINATS 2010, 37). In der Folge kommt es zu verfügbaren Rollen und Lebensplänen (vgl. die Patchwork - Situationen in/ mit Partnerschaften und Berufsleben). Interkulturell -situatives Verhalten kann (muss aber keineswegs) gesellschaftliche Widersprüchlichkeiten bilden, in dem jedenfalls das eigene Kulturverständnis mit dem "Anderen" verglichen wird bzw. angeglichen wird.

Diese Situation erzwingt eine Konzeption von Bildung mit den Bezugspunkten "Gesellschaft" und "Individuum". Pluralität muss gelehrt und praktiziert werden. Gesellschaft und Individuum müssen befähigt werden, mit Pluralität, Vielfalt/ Diversität in allen Gesellschaftsbereichen, demnach auch im Bildungsbereich, umzugehen. Neben Wissen und Empathie benötigt es Handlungswissen, auf das in der Folge einzugehen ist.

Für Regionales Lernen erscheint dieser Bildungsbereich deshalb wesentlich zu sein, weil entsprechende Dimensionen im politischen, ökonomischen, sozialen und kulturell - religiösen Leben sowie im Alltag vorhanden sind und man mit ihnen sinnvoll und bereichernd umgehen kann.

Der Bildungsbegriff besitzt damit eine Wechselwirkung zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft (vgl. ZIRFAS 2011, 13).

13 Kompetenzbegriffe    

In der Folge sollen zentrale Kompetenzbegriffe angesprochen werden, die zu einem mündigen Umgang mit Ideen, Visionen, Entwürfen und pluralen Bildern im Kontext regionalen Lernens befähigen. "Diese Bildungsprozesse zielen auf eine mündige Teilhabe an Gesellschaft, finden in formellen wie in informellen Lernorten statt und reichen über die gesamte Lebensspanne: So plural wie Welt, Gesellschaft und Individuum sich zeigen, so plural muss darauf bezogene Bildung sein" (POLLAK 2014, 19).

Kompetenzen definieren sich als in lebensbegleitenden Lernprozessen dauerhaft, aber veränderbar erworbene kognitive, emotionale, affektive, volitionale, psychomotorische Fähigkeiten, Fertigkeiten und Einstellungen, die zu subjektiver und objektiver Bewertung sachlich und situativ auf ambivalente Anforderungen im Umgang mit Pluralität, Unsicherheit und Orientierungslosigkeit in der Gestaltung der Biographie mündig agieren lassen (vgl. POLLAK 2014, 20).

Der angesprochene Wandel von Biographien und damit von Bildungsprozessen bringt die Notwendigkeit von Lern- und Qualifikationskompetenzen mit sich, die sich an zukünftig vermehrten Orientierungsmöglichkeiten für die Arbeits- und Berufswelt zeigt. Mit dem Begriff "Vorberufliche Bildung" wird diese Orientierung über berufliche Bildung und die Arbeits- und Berufswelt in der Berufspädagogik beschrieben und mit Berufswahlkompetenz bezeichnet.

  • Planbare Laufbahnkonzepte mit den Stationen schulische Bildung, berufliche Erstausbildung, Eintritt in das Erwerbsleben, Berufsausübung und Austritt werden schwieriger. Berufslaufbahnen haben sich teilweise in Richtung prekäre und diskontinuierliche Arbeitsverhältnisse angesichts unsicherer Wirtschaftsverhältnisse verändert.
  • Flexibilität und Mobilität, verbunden mit klaren Qualifikationen und dem Willen nach Fort- bzw. Weiterbildung, sind aktuell einzuplanen.
  • Beschäftigungsfähigkeit verlangt eine Vermittlung eines kompetenztheoretischen Bildungsbegriffs mit kognitiver und motivationaler Ausrichtung.
Kennzeichnend für einen kompetenztheoretischen Bildungsbegriff sind

  • die Fähigkeit und Bereitschaft zu lebensbegleitendem Lernen und Bilden (vgl. FATKE - MERKENS 2006),
  • das Wechselspiel von Erwerb - Erhalt - Wechsel von Qualifikationen in Form von Hard Skills und Soft Skills sowie
  • Anpassungszwänge zur Sicherung von Beschäftigung und individuellem Lebensentwurf zur Sicherung von Mündigkeit zur Grundlage von privatem und beruflichen Selbstmanagement(vgl. ERPENBECK - HEYSE 2007).
Festzuhalten ist das kritische Verständnis zu Bildung,

  • einmal nur als Anpassungsfähigkeit an Formen des Arbeitsmarkts und damit einer Aufgabe einer erfüllten persönlichen Biographie.
  • Zum Anderen bedarf es der Befähigung zur Achtsamkeit gegen die Gefährdung(en) des lebensbegleitenden Lernens als "überfordertes Selbst".
14 Teilkompetenzen    

Ergänzt werden diese Überlegungen durch Teilkompetenzen wie die Medienkompetenz, politische Lernkompetenz bzw. Politikkompetenz, Urteilskompetenz, Empathiekompetenz, Identitätskompetenz, Sozialkompetenz, Kommunikationskompetenz, Kulturkompetenz und Zukunftskompetenz sowie kompetenzorientierende Impulse für Bildungsarbeit im ländlichen Raum (vgl. POLLAK 2014, 22-33).

14.1 Medienkompetenz    

  • Bereitschaft und Fähigkeit zur kritischen und produktiven Nutzung multimedialer Kommunikations-, Informations-, Lehr- bzw. Lern- und Unterhaltungsmedien
  • Rezeption, Reflektion und Produktion medialer Inhalte
  • Medienkunde, Mediennutzung, Mediengestaltung und Medienkritik
Groeben N. (2002): Medienkompetenz: Voraussetzungen, Dimensionen, Funktionen, Weinheim




Pressearbeit

Quelle: Salzburger Nachrichten/ SN, 4. Oktober 2021

Regionale Bildung in ländlichen Kulturräumen

Unsere Gesellschaft verbindet regionale und ländliche Räume mit Rückständigkeit und geringer Bildung. Die Folgen sind eine Abwanderung durch die Wahl von Ausbildungsstätten in großstädtische Zentren. Es kommt damit für die Lebens- und berufliche Laufbahn zu ungünstigen Zukunftschancen. Dem entgegengesetzt fördert die EU Programme in der Erwachsenenbildung zur Belebung von Bildungsmöglichkeiten außerhalb urbaner Zentren in ländlichen europäischen Kulturräumen. Die Erwachsenenpädagogik bietet so ein attraktives Lernfeld für die Vermittlung von Einsichten und Kenntnissen zur Hinführung von Projekten, Bildung flächenübergreifend in abgelegenen ländlichen Gebieten vermitteln zu können. Angedacht wären die Gründung, Beratung, Betreuung und Begleitung von Bildungsangeboten mit IT - Möglichkeiten und Zweigstellen von Bildungsinstitutionen als Zentren in solchen Räumen. Damit wäre auch ein attraktives zusätzliches Berufsfeld für Lehrende in der Erwachsenenpädagogik vorhanden und die Regionalität erhält so zusätzliche Bedeutung.

Dr. Günther Dichatschek MSc, 6370 Kitzbühel

IT - Hinweis

Quelle: https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/regionale-bildung-in-laendlichen-kulturraeumen-110462254 (21.6.2024)

Quelle: Salzburger Nachrichten/ SN, 17. Mai 2024

Transitprobleme in Tirol

Die SN hat sich am 16. 5. 2024 mit der Brennerinntalautobahn und der verkehrspolitischen Problematik mit Deutschland und Italien beschäftigt. Im Leserforum der SN wird ebenfalls auf die Belastungen der Brennerautobahn eingegangen. Im Hinblick auf die Problematik der LKW- und PKW - Massen im Inntal muss darauf hingewiesen werden, dass die Ausweichrouten durch Tirol wie die Fernpass- und die Felbertauernstraße als Zubringer zunehmend mit Schwerlastverkehr und Stauproblemen sowie durch PKW-Reisewellen? belastet werden. Die Komplexität des Alpentransitverkehrs betrifft ebenso in Salzburg die Route durch den Tauerntunnel, in Vorarlberg das Rheintal und den Arlbergpass und natürlich die Regionen Südtirol und Oberbayern als Verkehrsregionen. Damit bedarf es einer geordneten Verkehrspolitik mit regionalpolitischen Schwerpunkten auf EU - Niveau. Der Alpenraum als Kultur- und Lebensraum mit seinen Aufgaben in Ökologie, Ökonomie und Sozialem benötigt schon lange konstruktive Lösungsansätze.

Dr. Günther Dichatschek MSc, 6370 Kitzbühel

IT - Hinweis

Quelle: https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/transitprobleme-tirol-158543524 (22.6.2024)

14.2 Politische Lernkompetenz - Politikkompetenz    

  • Bereitschaft und Fähigkeit zum "homo politicus/ ökonomicus"
  • Gestaltung von gesamtgesellschaftlichen Dimensionen im Kontext von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
  • Demokratie als Lebensform
  • persönliche Freiheit, Selbstbestimmung - soziale Verantwortung gegenüber Staat und Gesellschaft
  • Civil Society als Person, Gemeinschaft und Gesellschaft
  • Nachhaltigkeit - Generationen, Kultur, Ökologie und Ökonomie
Negt O. (2011): Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform, Göttingen: Steidl

Sander W. (Hrsg.) (2014): Handbuch Politische Bildung, Schwalbach/ Ts.

14.3 Urteilskompetenz    

  • Fähigkeit und Bereitschaft zur Differenzierung von Entscheidungen von privaten und öffentlichen Handlungsmöglichkeiten
  • ethisch - moralische Verpflichtungen
  • begründete Urteile und differenzierte Urteilskraft
Frankena W.K. (1981): Analytische Ethik. Eine Einführung, München

14.4 Empathiekompetenz    

  • Fähigkeit und Bereitschaft zur Mitmenschlichkeit
  • Sensibilität für das Mensch - Sein
  • angstfreie Nähe und respektvolle Distanz
Pollak G. (2014): Der kompetenztheoretische Bildungsbegriff - theoretische Begründung, empirische Stützung, praktische Vermittlung von Bildung, in: Born D. - Born K.M. - Bombeck H. (Hrsg.): Bildung im Dorf. Was leistet Bildung für ländliche Räume?, Göttingen, 26

14.5 Identitätskompetenz    

  • Fähigkeit und Bereitschaft einer eigenen Arbeit an Persönlichkeitseigenschaften
  • Wechselspiel von Eigen - Entwurf und Fremdentwurf
  • Erproben bzw. Verwerfen von Pluralität und Verschiedenheit/ "Diversity" im Kontext von Herkunft, Gender, Rolle und Biographie
Keupp H. - Höfer R.(1997): Identitätsarbeit heute. Klassische und aktuelle Perspektiven der Identitätsforschung, Frankfurt/M., 7 - 39

14.6 Sozialkompetenz    

  • Bereitschaft und Fähigkeit zu Sozialität und Solidarität
  • Anerkennung eigener und fremder Identität
  • Eigennutz und Gemeinsinn
Pollak G.(2014): Der kompetenztheoretische Bildungsbegriff-theoretische Begründung, empirische Stützung, praktische Vermittlung von Bildung, in: Schmied D. - Born K.M - Bombeck H. (Hrsg.): Bildung im Dorf. Was leistet Bildung für ländliche Räume?, Göttingen, 28

14.7 Kommunikationskompetenz    

  • Bereitschaft und Fähigkeit zu symbolischer Kommunikation
  • Sinnverständnis und Sinnschöpfung
  • Mündlichkeit, Schriftlichkeit und Visualität
  • Symbolverwendung
  • eigen- und fremdkulturelle Herkunft ("Interkulturalität") im Kontext von Hochkultur, Populärkultur und Subkultur
14.8 Kulturkompetenz    

  • Bereitschaft und Fähigkeit zu eigenkultureller, fremdkultureller und interkultureller Identität
  • Kenntnis und Akzeptanz eigener und fremder Kultur
  • Bewahren (Tradition) und Erneuern (Fortschritt)
Meyer Th. (2002): Identitätspolitik. Vom Missbrauch des kulturellen Unterschieds, Frankfurt/ M.

Fuchs M. (2008): Kulturelle Bildung. Grundlagen - Praxis - Politik, München

Nieke W. (2007): Interkulturelle Erziehung und Bildung. Wertorientierungen im Alltag, Wiesbaden

14.9 Zukunftskompetenz    

  • Bereitschaft und Fähigkeit zu einer Verbesserung von Gesellschaft
  • Kenntnis von Geschichtlichkeit (Gewordenem) und Zukunftsentwurf (Möglichem)
Negt O. (2011): Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform, Göttingen

Sander W. (Hrsg.) (2014): Handbuch politische Bildung, Schwalbach/ Ts.

15 Kompetenzorientierte Impulse für eine Bildungsarbeit im ländlichen Raum    

Thesenartig werden soziale Ebenen, Institutionen und Aspekte für eine Umsetzung von Erwachsenen- bzw. Weiterbildung im ländlichen Raum benannt.

  • Bildung im ländlichen Raum versteht sich als pädagogische Maßnahme im sozialen Raum als territoriale Verortung und soziale Konstruktion. Es geht um eine Erweiterung von Grundbedürfnissen.
  • Wesentlich ist die Beteiligung von Akteuren, Entscheidungsträgern und Institutionen als Teilnehmende einer Konstruktion eines Bildungsraumes.
  • In der Folge geht es um die Festlegung bzw. Schaffung von Orten formellen und informellen Lernens in Verbindung mit Erwachsenen- bzw. Weiterbildung. Objektive Bildungspotenziale sind zu erschließen.
  • Akteure, Träger und Vermittler für Bildung im ländlichen Raum sind zu aktivieren bzw. zu erschließen.
  • Ein Bildungsnetzwerk von Kindertagesstätten, Schulen, Jugendarbeit, Allgemeine und Berufliche Erwachsenenbildung, Politischer Bildung, Altenbildung, Museen, Theater, Vereine, Initiativen und Personen/ Gruppierungen ist hilfreich für Planungen und Kooperationen.
  • Die Nutzung von "Neuen Medien" ist vermehrt zu beachten (vgl. Virtuelles Lernen, E - Learning).
  • Die Überwindung von Bildungsdünkeln und Defiziten, insbesondere im Bezug auf eine Bildungsentwicklung in einem ländlichen Raum, der Dörfer und Kleinstädte, ist bildungspolitischer Auftrag und Aufgabe.

16 Elemente eines Regionalen Lernens    

Lernen im ländlichen Raum umfasst inhaltliche, didaktische und situativ - handlungsorientierte Elemente (vgl. SCHOCKEMÖHLE 2009; 2014, 46-48, 57-58; KELLNER 2015, 130-135).

- Lernen über ländliche Räume umfasst die räumlichen Gegebenheiten und das alltägliche Handeln. Im Vordergrund stehen das subjektive Erkennen und Verständnis regionaler Eigenheiten und die Verständigung über Problembereiche und Herausforderungen. Inhalte könnten etwa die Abwanderung aus dem ländlichen Raum, die Auswirkungen und ökonomische sowie ökologische Verluste sein.

- Lernen für den ländlichen Raum umfasst die Förderung des Lebensraumes , also Wechselwirkungen erkennen, zu bewerten, antizipierend und reflektiert zu denken. Wissen (Kognition) und Gefühle (Empathie)sollen ein konkretes Handeln ergeben. Dies ist die Voraussetzung für ein künftiges regionales Engagement.

- Lernen in und von ländlichen Räumen umfasst Lernumgebungen mit Lerngegenständen, die eine originale Begegnung ermöglichen. Diese sind Räume und Zeiten für persönliche Erlebnisse, praktische Auseinandersetzungen, Ausprobieren für Ideen und Pläne in Verbindung mit Reflexionen. Ländliche Räume bieten viele Möglichkeiten. Lokal-regionale Phänomene ergeben Verknüpfungen mit überregionalen Entwicklungen und globalem Denken (vgl. FOCALI 2007; etwa Verkehrsprobleme, Gewerbegebiete, Handel, Bildungsinstitutionen/ Angebote und Tourismus).

- Handlungsorientiertes Lernen (vgl. GUDJONS 2008) umfasst neben den Originalbegegnungen

  • ganzheitliches Lernen (Lernen mit allen Sinnen),
  • Selbstständigkeit und Selbsttätigkeit der Lernenden,
  • planvolles und zielgerichtetes Lernen,
  • Orientierung an den Erfahrungen,
  • Interessen und Neigungen der Teilnehmenden im Kontext mit aktuellen und zukünftigen Handlungssituationen,
  • Öffnung der Bildungssituation für ein Lernen in realen Problemsituationen ("komplexe Realität"),
  • Förderung der Partizipation durch Dokumentation der Ergebnisse, Reflexion von Zielen und Handlungsabläufen und Konsequenzen in Verbindung mit deren Bewertung.
Regionales Lernen kennzeichnet die enge Verbindung von Lehrenden und Lernenden bereits im Vorfeld in Form von Zielsetzung, Planung, Vorbereitung, Durchführung, Nachbereitung und Transfer. Die gemeinsamen Erfahrungen bedeuten in der Folge Veränderungen bzw. Bestätigungen in der Wertorientierung.

In der Erziehungswissenschaft wurde Ende der achtziger Jahre der von der Umwelterziehung geprägte Ansatz der Förderung regionaler Identität forciert (vgl. SALZMANN 1989). Das hier dargestellte Konzept des Regionalen Lernens beruht auf den Vorarbeiten von SALZMANN und wird als Aufgabe von Erwachsenenpädagogik verstanden.

Als Element einer Politischen Bildung vermag es einen Beitrag zu regionaler Identität, Persönlichkeitsbildung und Gestaltung in einer pluralen Gesellschaft leisten.

Angesprochen ist eine Bildung des Erwerbs von Gestaltungskompetenz.

Lerntheoretische Grundlage ist das situative Lernen. Sozialpsychologisch bezieht das Konzept sich auf die personale Identität bzw. Ich-Identität? von ERIKSON (1989).

Erst die Verbindung von regionaler Identität und Gestaltungskompetenz befähigt zu einer angestrebten Partizipation (vgl. HAAN 2002, 13-20).

Einflussfaktoren sind neben der Handlungsorientierung

  • die Altersgruppe mit dem Einfluss auf die Wirksamkeit bei Heranwachsenden, die sich in Merkmalsveränderungen nach dem Lernvorhaben zeigt. Erwachsene besitzen eine relativ hohe Resistenz gegenüber Interventionen von außen (vgl. KRAMPE 2007, 221-244).
  • Auch die persönlichen Voraussetzungen spielen eine Rolle. Bereits im Vorfeld können Merkmalsveränderungen die Konzeption unterstützen, womit außerschulisches Lernen in der Region einen Beitrag zu leisten imstande ist. Wesentlich ist der Beitrag engagierter Personen/ Gruppen, die zu fördern sind. Eine dauerhafte Beteiligung ist anzustreben. Als didaktisches Element erweist sich eine Binnendifferenzierung als individuelle Förderung der Lernenden.
  • Originale Begegnungen in Form von Erkundungen, Teilnehmerbefragungen, aktiver Selbstaneignung und alltäglichem Erkenntnisgewinn weisen auf eine didaktische Gestaltung von Lernprozessen hin. Außerschulisches Lernen zeigt sich in Lehrveranstaltungen der Erwachsenen- bzw. Weiterbildung, auf die in der Folge einzugehen ist.
17 Bildungskonzeption Regionales Lernen    

 Bildungskonzept - Übersicht 
Formales, non - formales Lernen Lebensbegleitendes Lernen
Regionale Identität
Wahrnehmen der Region
Partizipation in der Region
Kognition - Emotion - Motivation
Gestaltungskompetenz
Antizipation - Vernetzung - Nachhaltigkeit
 Gestaltung der Region 

18 Ehrenamtlichkeit/ Freiwilligkeit in der Erwachsenenbildung    

Will man Ehrenamtlichkeit bzw. Freiwilligkeit in ihrem Wirkungskreis erhöhen, sollte man die Organisationsstruktur neu ausrichten. Es bedarf eines Freiwilligenmanagements in der Erwachsenenbildung, damit es zu gesellschaftlichen Aktivitäten kommen kann. Ziel ist eine lebendige Zivilgesellschaft mit Motivation und Engagement.

Der Workshop "Ehrenamt - Freiwilligenarbeit/ Freiwilligenkoordination" der Arbeitsgemeinschaft Ehrenamt des Rings Österreichischer Bildungswerke (22. - 23. April 2013/ Wien) zeigt an, dass in Fortsetzung des "Internationalen Jahres der Freiwilligen" (2001) und des Workshop - Diskurses anlässlich des Festaktes "40 Jahre Konferenz der Erwachsenenbildung Österreich - 5 Jahre Weiterbildungsakademie"/ Strobl (2012) zur Freiwilligkeit bzw. "Ehrenamtlichkeit" die Diskussion um Strukturen und Rahmenbedingungen für eine Förderung des freiwilligen Engagements weiterhin zu führen ist.

Es bestehen gewisse Förderstrukturen, etwa Fortbildungen, Tagungen, Workshops und Publikationen, trotzdem ist die Thematik noch nicht im Mainstream angekommen (vgl. REIFENHÄUSER - HOFFMANN - KEGEL 2009). Zivilgesellschaftliches Engagement als Ausdruck von Freiwilligkeit/ Ehrenamtlichkeit ist wenig verbreitet.

Zwar spricht das Zahlenmaterial von Engagement - man denke an Freiwillige Feuerwehren, Musikkapellen, Sportvereine, Büchereien, Kulturvereine und soziale Hilfsorganisationen - aber im Bereich der Erwachsenenbildung als Organisationen und Systeme mit erwachsenenpädagogischem Auftrag fehlen Interessierte. Insbesondere im ländlichen Raum gibt es Nachwuchsprobleme in einem wichtigen Lern- und Handlungsfeld, das es auszubauen gilt.

19 Grenzen und Chancen einer Freiwilligkeit    

Unabhängig von der Notwendigkeit zeigen sich Grenzen im Zeitbudget und in einer Ausbildung, besonders für verantwortungsvolle Tätigkeiten. Die Notwendigkeit und Bedeutung einer internen und externen Anerkennung für freiwillige Tätigkeiten wird deutlich, geht es doch um öffentliche Bildungstätigkeit in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext.

Kompliziert ist die Aus-, Fort und ggf. Weiterbildung, weil im Regelfall nur kurzfristige Aktivitäten angenommen werden und finanziell Schwierigkeiten stoßen. Für die Erwachsenenbildung mit den Möglichkeiten an der "Weiterbildungsakademie Österreich" erscheint eine entsprechende Personal- und Finanzausstattung überlegenswert. Regional sollen auch kostengünstige Lehrgänge/ Fernlehre angeboten werden. Dies sollte für eine interne Ausbildung Freiwilliger nützlich und anerkannt werden.

Eine Anerkennung freiwilliger Tätigkeit im Bildungsbereich erkennt man auch an externem Engagement in kultureller und gesamtgesellschaftlicher Beteiligung. Diese Form einer öffentlichen Aktivität gilt als ideale Form von zivilgesellschaftlichem Engagement. Öffentlichkeitsarbeit dokumentiert zudem Engagement.

Ein umfassendes Handlungsfeld mit Lernmöglichkeiten ("Lernfeld") bietet persönliche Entwicklung, den Erwerb von Fachkompetenz und eine Einübung in öffentlichem Engagement an (vgl. die Bedeutung einer Bildungsberatung).

Freiwilligenengagement stärkt Erwachsenenbildung im regionalen Raum, die Zivilgesellschaft und kann Interessierten als Vorbild für ein künftiges Engagement dienen (vgl. DICHATSCHEK 2012/2013, 688-692).

20 Reflexive Phase    

Bildung konzentriert sich zunehmend durch allgemein bildende bzw. berufsbildende Schulen und hochschulmäßige bzw. universitäre Bildungseinrichtungen sowie außeruniversitäre Institutionen auf den städtischen Raum.

Zugleich ist Bildung ein Faktor für Chancengleichheit und damit Entwicklungsprozesse, gerade für den ländlichen Raum. Mit dem Entstehen von Wohnräumen außerhalb urbaner Zentren und Kleinstädten sind Bildungsentwicklungen gefordert, die Angebote erfordern, die vermehrt Beachtung verdienen.

Nicht - formale und informelle Bildung, zunehmend gefördert und gefordert von der Europäischen Union bzw. ihren Bildungsprogrammen, erhält Bedeutung. Regionales Lernen im Kontext mit Institutionen der Erwachsenenpädagogik für speziell - gesellschaftliche Bedürfnisse und Gruppierungen hilft Potenziale für die verschiedensten Bereiche zu aktivieren.

Nicht zu übersehen sind in diesem Zusammenhang auch formale Bildungsangebote.

Angesprochen sind bildungsinteressierte Schichten und die Klientel Engagierter für Weiterbildungsmaßnahmen.

  • Standorte für diese Interessenten können durchaus im ländlichen Raum sich etablieren, wie Beispiele es zeigen.
  • Dies gilt auch für Migrantinnen, Migranten und Einheimische, wie es beispielhaft die VHSn Salzburg mit Veranstaltungen der "Freude an Bildung" in Form der beiden Lehrgänge "Politische Bildung in der Erwachsenenbildung" und "Ökonomische Grundlagen in der Erwachsenenbildung" beweist(vgl. die IT - Autorenbeiträge http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index: Lehrgang Politische Bildung in der Erwachsenenbildung, Ökonomische Grundlagen in der Erwachsenenbildung/ 2011).
  • Migrantenspezifisch für die Türkische Community in Vorarlberg sind beispielhaft zehn Veranstaltungen zur Politischen Bildung verteilt über das Bundesland (2015/2016) (vgl. http://www.bizbize.at [19.7.2016]).
Im Diskurs um Bildungsintentionen um die Jahrtausendwende sind die Vermittlung persönlicher Schlüsselqualifikationen und formaler Kompetenzen wesentlich. Daneben sind Aspekte von Bildung als eine Art "Vorratslager" zunehmend bedeutungsvoll (vgl. AHLHEIM 2004, 41).

Aus der Sicht der Autoren ergeben sich Notwendigkeiten in der Erwachsenenpädagogik

  • für Politische Bildung im Kontext mit Interkultureller Kompetenz,
  • ökonomische Grundbildung,
  • interkulturelle Kompetenz für die Klientel der Einheimischen und
  • Medienkunde/ Medienbildung.
  • Netzbasiertes Lernen hat zunehmende Bedeutung.
"Just - in - time"-Lernen ist eine Aufgabe Beruflicher Erwachsenen- bzw. Weiterbildung, für die Allgemeine Erwachsenen- bzw. Weiterbildung sind die Vermittlung von kulturell - spezifischen Lerninhalten mit Handlungsorientierung wesentlich.

Institutionen der Allgemeinen Erwachsenenbildung haben hier ihre Chance, gerade(oder auch) als Orte für Bildung in ländlichen Räumen.

21 Literaturverzeichnis Regionale Bildung    

Ahlheim K. (2004): Scheingefechte. Zur Theoriediskussion in der politischen Erwachsenenbildung, Schwalbach/ Ts.

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Salzmann Chr. (1989): Modelle des regionalen Lernens und der Umwelterziehung in Europa. Zusammenfassender Bericht über das Wissenschaftliche Symposion "Regionales Lernen im Europäischen Horizont", 22.-24. Oktober 1987/ Universität Osnabrück, Heinsberg

Sander W. (Hrsg.) (2014): Handbuch politische Bildung, Schwalbach/ Ts.

Scheidig F. (2016): Professionalität politischer Erwachsenenbildung zwischen Theorie und Praxis. Eine empirische Studie zu wissenschaftsbasierter Lehrtätigkeit, Bad Heilbrunn

Schockemöhle J. (2009): Außerschulisches regionales Lernen als Bildungsstrategie für eine nachhaltige Entwicklung, Weinheim/ Selbstverlag des Hochschulverbandes für Geographie und ihre Didaktik

Schockemöhle J. (2014): Regionales Lernen und Partizipation in ländlichen Räumen, in: Schmied D. - Born K.M. - Bombeck H. (Hrsg.): Bildung im Dorf. Was leistet Bildung für ländliche Räume?, Göttingen, 45-70

Thuswaldner A. (2021): Migranten kommen in die Kleinstadt, in: Salzburger Nachrichten 2.9.2021, 9

Vogelgesang W. - Minats H. (2010): Digitale Medien - Jugendkulturen - Identität, in: Hugger K. - U.(Hrsg.): Digitale Jugendkulturen, Wiesbaden, 37-54

Zirfas W. (2011): Bildung, in: Kade J./ Helsper W./ Lüders Chr./ Egloff B./Radtke F.-U./ Thole W. (Hrsg.): Pädagogisches Wissen. Erziehungswissenschaft in Grundbegriffen, Stuttgart, 13-19

Teil 4 Umweltpädagogik    

22 Einführung    

Natur als Lebensgrundlage bezeichnet die Grundauffassung, durch die sich der Mensch von anderen Lebewesen unterscheidet (vgl. SCHWEIDLER 2018, 150-161).

In diesem Kontext unterscheidet sich der Mensch von der übrigen Natur durch die Vernunft. Aus der Vernunft folgt das Recht, die vernunftlosen Geschöpfe zum Nutzen des Menschen zu gebrauchen. Allerdings bedarf es eines vernünftigen Umganges mit der Natur.

Menschen sind Naturwesen, allerdings der sonstige Natur unterschieden. In diesem Kontext muss man neben der Vernunft auf die Kultur hinweisen. Kultur umfasst die Leistungen, mit denen der Mensch seine "Menschlichkeit" (Humanität) zum Ausdruck bringt. Unterschiedliche Lebensformen werden errichtet und aufrechterhalten.

Ergänzt werden diese Leistungen durch die Menschenwürde, also die Verantwortung für einen Umgang mit dem Anderen. Zur Regelung kommt in dieser kulturellen Entwicklung das Recht zur Durchsetzung institutioneller Verfahren.

Umwelt bedeutet hier die kulturelle Gestaltung humaner Lebensräume und gewachsener Identität (vgl. den alten Ausdruck "Heimat").

  • Durch Eingriffe in die Natur kommt es zur Notwendigkeit eines Umweltschutzes.
  • Aspekte sind das Verursacherprinzip (Verantwortung), Vorsorgeprinzip (Vermeidung) und das Kooperationsprinzip (nationale und internationale Zusammenarbeit).
Einführend zur Thematik meint man alltagssprachlich mit "Nachhaltigkeit" etwas wie dauerhaft, anhaltend oder auf längere Zeit auswirkend.

Wie sich die Menschheit entwickeln soll, wird mit "nachhaltiger Entwicklung" bezeichnet, betont in Prozesshaftigkeit natürlicher und gesellschaftlicher Veränderungen (vgl. FERNKURS NACHHALTIGE ENTWICKLUNG EINFÜHRUNGSHEFT 2014, 12).

23 Umweltschutz als Aufgabe    

Eine Nutzung von Ressourcen der Natur hinterlässt vielfältige Wirkungen wie Abfälle, Abgase, Abwässer, Staub, Strahlen und Lärm/ "Emissionen".

Beeinträchtigungen in Lebensbedingungen und Gesundheit, in der Verringerung nutzbarer Rohstoffe, in der Bedrohung der Tier- und Pflanzenwelt, im Verlust landschaftlicher Schönheit, mittel- und langfristiger Klimaänderungen mit Folgen einer Versorgung von Nahrungsmitteln, Trinkwasser und der Besiedelbarkeit werden hervorgerufen (vgl. Globale Schäden wie Ozonschwund und zusätzlicher Treibhauseffekt werden in Prognosen erfasst. Umweltschutz wird zu einer Daseinsvorsorge (vgl. KAHLERT 2007, 430-431).

Unterschiedliche Interessen, Risikowahrnehmungen, Einschätzungen von Kosten - Nutzen - Faktoren mit Konsequenzen ergeben ein Aufgabenfeld der Politik, damit einen Bildungsauftrag für Politische Bildung.

"Nachhaltige Entwicklung" für eine Zukunftsgestaltung wird zum Leitbild.

23.1 Nachhaltige Entwicklung - Zukunftsgestaltung    

Der normativer Kern "Nachhaltiger Entwicklung" ist die Idee der inter- und intragenerationellen Gerechtigkeit im Hinblick schwindender natürlicher Ressourcen und einer abnehmender Fähigkeit von Ökosystemen, Emissionen aufzunehmen und einer zunehmenden Umweltzerstörung.

Das Konzept verpflichtet eine Sicherstellung, ein sicheres und autonomes Leben führen zu können. Auszugehen ist, die Lebensgrundlagen für alle heute und zukünftig zu sichern und bestenfalls wiederherzustellen (vgl. MEISCH 2014, 6).

Irreführend wäre, von einem genau zu definierenden Zustand "Nachhaltiger Entwicklung" zu sprechen, zumal es kultur-, ort- und zeitabhängige unterschiedliche Gestaltungsräume gibt.

Gründe sind die physischen und soziokulturellen Voraussetzungen in ihrer Unterschiedlichkeit (vgl. Ökosysteme, Gesellschaften und kulturellen Identitäten).

Zu beachten sind außerdem der Wandel der Voraussetzungen im Laufe der Zeit durch natürliche und soziale Prozesse sowie ethisch zu prüfende Vorstellungen (vgl. Klimawandel; Demographie, soziopolitische Umbrüche; Gerechtigkeit).

Die Transformation zu einer nachhaltigeren Gesellschaft ist ein wissensbasierter und ethisch orientierter Such-, Lern- und Erfahrungsprozess (vgl. GRUNWALD - KOPFMÜLLER 2012, 12).

Die Wissenschaft trägt durch bestimmte Wissensformen zu diesen Prozessen bei.

23.2 Ökologische Nachhaltigkeit    

Gefordert wird die Umwelt und die natürlichen Ressourcen zu schonen. Unternehmen und Staaten sollen sich für einen bewussten Umgang mit Wasser, Energie und endlichen Rohstoffen einsetzen.

Die Säule "Ökologie" steht auch für eine bewussten Verbrauch natürlicher Rohstoffe der Erde und wie erneuerbare Rohstoffe ersetzt werden können. So will man Schäden an Ökosystem vermeiden und in der Folge Biodiversität fördern. Das bedeutet auch, Emissionen möglichst gering zu halten.

Ebenso steht die Säule für einen bewussten Umgang mit menschlicher Gesundheit, also Prävention und aktive Gesundheitsförderung.

23.3 Ökonomische Nachhaltigkeit    

Gefordert wird ein gutes Wirtschaften.

  • Auch nachhaltige Unternehmen müssen Gewinne erzielen. Investitionen sollen in technische Innovationen, neue Mitarbeiter und Fortbildungsmaßnahmen eingebracht werden. Profitmaximierung darf aber nicht das einzige Ziel sein. Zudem können nachhaltige Unternehmen neue Ziele verfolgen, etwa die Lebensqualität verbessern oder Projekte des Umweltschutzes, der Gesundheitsförderung, Familienfreundlichkeit, Fort- und auch Weiterbildung fördern.
  • Auf nationalstaatlicher Basis bedeutet ökonomische Nachhaltigkeit Staatsschulden gering zu halten, damit zukünftige Generationen nur gering belastet werden. Außenwirtschaftliches Gleichgewicht muss gewahrt bleiben, um andere Staaten nicht zu benachteiligen. Exportstarke Staaten machen andere Länder von den Exporten abhängig. Diese Länder können keine lokale konkurrenzfähige Wirtschaft aufbauen, in der Folge bedeutet dies hohe Arbeitslosigkeit. Verhindert werden soll eine Verschuldung des Landes.
23.4 Soziale Nachhaltigkeit    

Gefordert wird die Stellung des Menschen in den Mittelpunkt, seien Würde und freie Entfaltung. Diese Grundannahme stellt das Minimum dar.

Ausbeutung, Zwangs- und Kinderarbeit stehen daher im Widerspruch.

Die Säule "Soziales" fordert faire Bezahlung, die Umsetzung von Arbeitnehmerinteressen und die persönliche Entfaltung in der Lebensgestaltung, der Bildungsmaßnahmen und beruflicher Tätigkeit.

Gemeinwohlorientierung in der Gesellschaft ist das sozialpolitische Ziel.

23.5 Kritik    

Eine ganze Reihe von alternativen Nachhaltigkeitskonzepten, die deutlich komplizierter sind, stehen ebenfalls in der Kritik.

Ein großer Kritikpunkt ist die schwere Anwendbarkeit. Das Modell gibt Leitlinien, aber keine konkreten Lösungen vor. Aus diesem Grund ist es wohl auf viele Bereiche anwendbar, die Offenheit wird kritisiert.

Es heißt, die Säulen seien offen für nahezu sämtliche wirtschafts- und sozialpolitische Zielsetzungen wie ein Wirtschaftswachstum, Vollbeschäftigung oder Erhöhung des Steueraufkommens. Auf diese Weise weitet das Modell den Nachhaltigkeitsbegriff sehr aus.

Weiters wird kritisiert, dass die drei Säulen theoretisch, aber faktisch, nicht gleichrangig sind. Real ist die Nachrangigkeit in der Praxis der modernen Gesellschaft der ökologischen Säule ("schwache Nachhaltigkeit"). Natürliche Ressourcen werden durch Human- und Sachkapital ausgeglichen, es zählt nur der Wohlstand auch auf Kosten der Natur.

"Starke Nachhaltigkeit" sollte das Ziel der ökologischen Nachhaltigkeit mit einem Schutz der natürlichen Lebensbedingungen auch als Grundvoraussetzung für ökologische und soziale Stabilität sein.

Das Modell findet sich als Konzept auch in Art. 1 des Vertrages der Europäischen Gemeinschaft wieder.

Es gibt Forderungen einer Erweiterung nach einer vierten Säule mit einer politisch - institutionellen Dimension.

24 Umweltpädagogische Ansätze - Politische Bildung    

Im Laufe der letzten Jahrzehnte differenzierten sich die Ansätze und Konzeptionen mit umweltpädagogischer Didaktik.

24.1 Ansätze und Konzeptionen    

  • Über handlungsorientierte und situative Naturerfahrung zu Umweltlernen sollte motivieren werden (vgl. GÖPFERT 1987; GERSTENMAIER - MANDL 1995, 879; GRÄSEL 2002, 681-683; BEER - KRAUS - MARKUS - TERLINDEN 2002). Gewarnt wurde auch vor zu großen Erwartungen an handlungsorientierte Folgen.
  • Angemahnt wurde eine Urteilsfähigkeit über Risikolagen und die Notwendigkeit von Risikominderung.
  • Verbessert soll die Kompetenz zur Mitgestaltung eines Zusammenlebens mit Berücksichtigung der Interessensunterschiede und Möglichkeiten einer Konfliktregelung.
  • Ökopädagogische Krisenszenarien sollen reflexionsorientiert und verständigungskommuniziert behandelt werden (vgl. BEER - DE HAAN 1984, SCHREINER 1991).
24.2 Gestaltungkompetenz    

Für die Politische Bildung ergibt sich die Gestaltungskompetenz durch eine Ursachenbearbeitung, Urteilsfähigkeit, Interessensunterschiede und Mitgestaltungsmöglichkeiten ein Betätigungsfeld zur Hilfestellung für eine umsichtige Zukunftsgestaltung (vgl. WEINBRENNER 1995, 379 - 421).

Umweltpädagogik/ Umweltbildung ist eingebettet in den Nachhaltigkeitsdiskurs in der Form gesellschaftspolitischer Gestaltung (vgl. DE HAAN 1999/ 2002).

25 Umweltbildung - Politische Bildung    

Eine auf partizipativ und transformationsrelevante Bildung befähigt zu aktiver Beteiligung (vgl. die Bemühungen der Erziehungswissenschaft und Didaktik der Politischen Bildung; DE HAAN 2004, 39-46).

Der Beitrag soll zu einer "Bildung für Nachhaltige Entwicklung" (BNE) in allen Bildungsbereichen im Kontext Politischer Bildung ermutigen.

Im Folgenden werden beispielhaft Gesundheit, Wissenschaft, Nicht - Nachhaltigkeit - Risikopolitik, Kultur, Werte - Einstellungen und pädagogische Fallbeispiele vorgestellt.

25.1 Gesundheit    

In Österreich haben die Bundesgesundheitskommission und der Ministerrat 2011 zur nachhaltigen Verbesserung und einem Erhalt der Gesundheit in Verbindung mit einer Entastung der Gesundheitsversorgung Ziele beschlossen (vgl. BUNDESMINISTERIUM FÜR GESUNDHEIT UND FRAUEN 2012).

Ausgehend von einem leistungsfähigen Gesundheitssystem liegt Österreich in der Lebenserwartung unter dem EU - Durchschnitt. Deshalb ist es ein nachhaltiges Ziel, die gesunden Jahre zu erhöhen. Die gegenseitige Abhängigkeit von Gesundheit, sportlichen Aktivitäten, einer Nutzung einer erholenden und sinnerfüllten Freizeit ist gegeben.

Die Ziele beeinflussen im Sinne einer "Bildung für Nachhaltiger Entwicklung/ BNE" die Faktoren Bildung, Arbeitssituation, soziale Sicherheit und Umwelteinflüsse.

25.2 Wissenschaft    

Der Anspruch von Wissenschaft ist

  • die Erkenntnis von theoretischen und
  • in der Folge umsetzbaren praktischen Ergebnissen und Lösungen in der Vielfalt ihrer Diszipline etwa der
    • Naturwissenschaften,
    • Geisteswissenschaften,
    • Technikwissenschaften,
    • Wirtschaftswissenschaften,
    • Sozialwissenschaften,
    • Kulturwissenschaften,
    • Bildungswissenschaften und
    • jeweiligen Ethikansätzen (vgl. beispielhaft allgemein Analytische Ethik, Angewandte Ethik).
Grenzen und Unzulänglichkeiten ergeben sich aus der Anwendung der Erkenntnisse, der Wissenschaftskonzeption, der Pluralität der Wissensformen und der Erschütterung des Wissenschaftsoptimismus.

Wissenschaft ist ohne Zweifel die wichtigste Quelle der Information über Chancen und Risiken.

Die Aufgabe der Ethik ist die Ergebnisse aufgrund von Maßstäben des Gelingens einzubringen.

25.3 Nicht - Nachhaltigkeit - Risikopolitik    

Aus dem Verständnis von Nachhaltigkeit lässt sich die Besonderheit der Gegenwartsgesellschaft mit dem Konzept der Gesellschaft der "Nicht - Nachhaltigkeit" bezeichnen (vgl. VOLKMER - WERNER 2020, 229-230).

  • Wohlhabende Konsumgesellschaften des Globalen Nordens sind vom Virus befallen.
  • Die Zerstörungskraft ist in sozialer, ökologischer, ökonomischer und demokratiepolitischer Hinsicht bedeutungsvoll.
  • Bestimmte gesellschaftliche Gruppen, ganze Länder und auch ökologische und ökonomische Bedingungen sind betroffen. Trotz einer Systemrelevanz gibt es eine geringe Wertschätzung.
  • Die Gesellschaft verteidigt mit aller Entschlossenheit ihre Freiheiten, Werte und den Lebensstil, "koste es, was es wolle".
Die demokratische Dimension, besonders interessant für die Politische Bildung, hat mit Entschiedenheit und großer Handlungsfähigkeit in der ersten Phase mit einem gesellschaftlichen Schulterschluss und einer Solidarität in Verbindung mit systemrelevanten Gruppen reagiert.

  • In der Folge wurden die Maßnahmen durch Protestbewegungen als Bedrohung für Grundrechte und einen Rechtsstaat gewertet.
  • Tatsächlich beschleunigt die Pandemie Veränderungen, die davor sich schon abzeichneten (vgl. "postdemokratische Wende") und unterstützt eine Nicht - Nachhaltigkeit.
  • Die letzten Jahrzehnte wird auch in etablierten Demokratien zunehmend von Politikverdrossenheit, Parteienverdrossenheit und einer Krise der Demokratie gesprochen.
  • Reformen sollen politischen Phänomene überwinden.
  • Die zunehmende Komplexität politischer Prozesse, die Internationalisierung und Pluralität moderner Gesellschaften erscheint als Überforderung liberaler Demokratien.
  • Eine zunehmende Dysfunktionalität beziehen sich auf demokratische Institutionen und Verfahren, ihre Tauglichkeit und die Umsetzung moderner Ansprüche auf Freiheit und Selbstbestimmung.
  • Dieser politische Prozess bewirkt Aktivitäten vieler politischer Akteure wie von Entscheidungsträgern, liberaler Eliten, Klimaschützern, marginaler Minderheiten und Nationalpopulisten und anderer Gruppierungen, die ein ambivalentes Verhältnis zur Demokratie entwickeln (vgl. HIRSCHMANN 2017; VOLKMER - WERNER 2020, 233).
  • Demnach wäre zu erwarten eine Transformation der Demokratie zunehmender aktualisierter und ausgrenzender Verhältnisse von Freiheit und Selbstverwirklichung bzw. persönlicher Autonomie.
  • Diese Krise erweitert sich zu einer Nicht - Nachhaltigkeit der Demokratie.
  • Die liberale Demokratie trägt eine Mit - Verantwortung auch für die ökologisch - soziale Nicht - Nachhaltigkeit der Konsumgesellschaft.
  • In kultureller Hinsicht erscheint auch die liberale Demokratie ausgezehrt.
  • Es formiert sich hier eine verunsicherte politische Situation mit Bedrohungen der liberalen Demokratie in Konfliktsituationen mit illiberalen und autoritären politischen Phänomenen und Notwendigkeiten für eine Nachhaltigkeit (vgl. SCHEIDIG 2016, KOST - MASSING - REISER 2020).
25.4 Kultur    

Der Begriff Kultur bezeichnet kreative und künstlerische Arbeit. Eine bestimmte Form der Lebensart wird als Kultiviertheit benannt. Bestimmte Gewohnheiten sind für spezielle Bereiche typisch, etwa die Jugendkultur oder studentische Kultur - Kulturlandschaften, Brauchtumskultur und Sprachkultur.

Entsprechend der lateinischen Bedeutung "cultura" Pflege spricht man von Kulturlandschaften oder Monokultur.

Als Kulturbereich nach der UNESC0 2007 gelten das Kultur- und Naturerbe, Aufführungen und Feste, bildliche Kunst, Kunsthandwerk und Design, Bücher und Presse und audiovisuelle und digitale Medien (vgl. FREERICKS - HARTMANN - STECKER 2010, 197-198).

Nachhaltige Entwicklung stellt eine umfassende Herausforderung dar. Neben den gängigen Lösungsansätzen geht es um kulturelle Normen und Verhaltensweisen in einer modernen Gesellschaft. Immer lauter wird der Ruf nach einem kulturellen Wandel.

  • Auf Tauglichkeit müssen der Mythos Wachstum und in der Folge die Konsumkultur geprüft werden.
  • Hilfsbereitschaft, Kooperation, Eigen- und Gemeinnutz im Rahmen weltweiter Gerechtigkeit sind in ein Gleichgewicht zu bringen.
  • Aufhorchen lässt ein Staat wie Ecuador 2008, die "Rechte der Natur" in die Verfassung aufzunehmen.
  • Gefragt sind neue Leitbilder und Menschen, die bereit sind, neue kreative Wege in die Zukunft zu finden.
  • Das Aufbrechen alter Denkmuster ist das Kerngeschäft von Kultur und Kunst.
  • In der Studie "Grenzen des Wachstums" des Club of Rome 1972 hielt Donella Meadows als Mitautorin eine Veränderung der kulturellen Normen der westlichen Gesellschaften für unerlässlich (vgl. den "Brundtland - Bericht" 1987 geht auch von einem umfassenden Wandlungsprozess aus).
  • Die "UNESCO - Erklärung zur kulturellen Vielfalt" 2001 geht von der Vielfalt der Kulturen in ihrer Bedeutung und Integration von Kultur in die nachhaltige Entwicklung aus.
25.5 Werte - Einstellungen    

Die Frage der Werte und Einstellungen darf im Kontext mit Politischer Bildung nicht fehlen (vgl. den Bildungsauftrag der Fachbereiche Ethik, Religion, Politische Bildung und Interkulturalität).

Es geht um positive Zukunftsvisionen und Dimensionen für gelingendes Leben.

  • Das vorgestellte Projekt als Anregung zu größeren Projekten bietet die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen und eine Chance für eigene Entfaltung zu erleben.
  • Ein mitgestaltender Teil der Gesellschaft zu sein, lohnt zu pädagogischen Anstrengungen.
  • In der Folge ist es selbstverständlich, kulturelle Bildung im Kontext nachhaltiger Entwicklung zu sehen.
Es geht um die Stärkung der Kompetenzen Partizipation - Kooperation - Verantwortung - neue Denkmuster - Respekt vor der Natur und Vielfalt der Kulturen für einen Übergang in die postindustrielle Gesellschaft.

IT - Hinweise

Leipprand Eva (2013/2012): Kultur, Bildung und Nachhaltige Entwicklung, in: Kulturelle Bildung Online > https://kubi-online.de/artikel/kultur-bildung-nachhaltige-entwicklung (13.10.20)

Bildung 2030 > https://bildung2030.at/ (18.3.23)

26 Digitalisiertes Lernen und Lehren    

26.1 Bedeutung    

Erwachsenenpädagogik betrifft den tertiären Bildungsbereich (Hochschulen) und quartären Bildungsbereich mit Allgemeiner Erwachsenenbildung und der Breite der Beruflichen Erwachsenenbildung mit Berufsqualifikationen. Aus dieser Perspektive geht es in Bildungsprozessen um neues Wissen auf dem Hintergrund der Vorbildung (vgl. die Bedeutung einer professionellen Bildungsberatung).

  • Technologie wird dem Wunsch nach Selbststeuerung gerecht, indem sie zu einer Flexibilität in den Lern- und Lehrprozessen führt. Ein Zugang zum Lernen wird erleichtert und individuelle Lernwege unterstützt.
  • Technologiegestütztes Lernen ersetzt keinesfalls die notwendige Interaktion der Lernenden mit Lehrenden face -to - face und erreicht keine vergleichbare Qualität wie Präsenzveranstaltungen. Blended - Learning - Konzepte bilden einen Königsweg.
  • Ältere Erwachsene und medienaffine jüngere Erwachsene bedürfen eines sicheren Umgangs mit den Medien und einer Einsicht in einen Mehrwert.
  • Ein sinnvoller Technologieeinsatz setzt eine Medienkompetenz der Lehrenden voraus (vgl. die Bedeutung des Online - Kurses "Digitale Werkzeuge für Erwachsenenbildner*innen"/ TU Graz - CONEDU).
  • Erwachsenenpädagogik für Lehrende gilt als am wenigsten professionalisierter Bildungsbereich, zumal die Breite der Ausbildung der Lehrenden keineswegs eine professionelle Aus-und Fortbildung voraussetzt (vgl. für den Hochschulbereich die Angebote der internen Personalentwicklung bzw. Interne Lehrgänge für Hochschuldidaktik; für den Bereich der Allgemeinen Erwachsenenbildung die Weiterbildungsakademie Österreich, interne Aus- bzw. Fortbildungsangebote der einzelnen Institutionen; EBNER - SCHÖN 2011, 387-388).
26.2 Frage der Zukunft    

Erfolgreiche Bildungskonzepte setzen Medien und Technologie auf mehreren institutionellen und didaktischen Ebenen ein. In Frage kommen Web 2.0., Soziale Online -Netzwerke, Wikis oder Blogs. Web 2.0 bietet etwa "Peer - Learning" an und kann neben den anderen Möglichkeiten gut in "Blended - Leaning - Konzepte" eingebunden werden.

Die Frage der Zukunft technologiegestützter Erwachsenenpädagogik wird vermutlich die folgenden Ziele längerfristig betreffen.

  • Politische Ziele - Zugang zur Bildung
  • Ökonomische Ziele - Erhöhung der Kostenflexibilität, Reduktion von Leerlaufzeiten
  • Didaktische Ziele - Erhöhung der Lerneffizienz und Anwendungsorientierung
  • Inhaltliche Ziele - Förderung der Medien-, Selbstlern- und sozialen Kompetenz
27 Globalisierung    

Buchbesprechung

Annette Scheunpflug - Klaus Hirsch (Hrsg.)(2000): Globalisierung als Herausforderung für die Pädagogik, Frankfurt/M.-London ISBN 3-88939-521-X

Der Band erschien im Jahr 2000 anlässlich der Tagung "Globalisierung als Herausforderung für die Pädagogik", die im November 1998 in Kooperation zwischen der Evangelischen Akademie Bad Boll, der Kommission Bildungsforschung mit der Dritten Welt in der Sektion für Interkulturell und International Vergleichende Erziehungswissenschaft sowie der Zeitschrift für Internationale Bildungsforschung und Entwicklungspädagogik stattfand. Die Ungleichheiten im Nord - Süd - Verhältnis, die Entstehung und Ausbreitung von Rassismus und die pädagogischen Fragestellungen zu "global education"/ Globales Lernen haben sich, so die Meinungen bei der Tagung, jedenfalls verselbständigt und radikalisiert.

Bei der Tagung ging es um zwei Fragestellungen, die sich in unterschiedlicher Form kaum voneinander trennen lassen.

Zwei Paradigmen konkurrieren um Erklärungskraft,

  • eine handlungstheoretische Prämisse und
  • ein auf nicht - lineare Evolutionstheorien basierendes Paradigma.
Ebenso stand im Mittelpunkt die Frage von Erziehungsprozessen, die Rolle von Schule mit ihren Handlungsspielräumen und einem Bildungsauftrag ("kritischer Weltbürger", Erziehung im Kontext mit Globalisierung).

Ausgehend von der Tatsache, dass sich Globalisierung als Entwicklung zu einer Weltgesellschaft zeigt, ergeben sich die drei Ebenen einer sachlichen, sozialen und zeitlichen Perspektive (S. 5). Daraus folgen die Beiträge des Bandes (191 Seiten).

Die ersten beiden Beiträge beschreiben die Möglichkeiten und Grenzen menschlichen Lernens im Kontext der Weltgesellschaft. Reinhardt Kößler setzt sich mit der handlungstheoretischen Perspektive auseinander (S.17-26), Alfred Treml erläutert die evolutionstheoretische Sicht (S. 27-43). Beide Paradigmen ist die Zielvorstellung gemeinsam, komplexe Sachverhalten zu erklären. Die Unterscheidung liegt im Menschenbild und der Beschreibung der Weltgesellschaft. Kößler geht vom vernunftbegabten Subjekt aus, das autonome Entscheidungen treffen kann, beeinflusst durch Macht. Treml spricht vom durch Sinne und Gefühle evolutionär geprägten Nahbereichswesen, das über abstrakte Kognition den Umgang mit der Weltgesellschaft erlernen kann. Kößler erklärt die Weltgesellschaft unter der Prämisse des Kapitalismus. Treml geht davon aus, dass die Weltgesellschaft tiefer als eine auf Kommunikation beruhende Emergenzebene charakterisiert wird. Die beiden Entwürfe werden kontrovers diskutiert.

Eine gewisse Skepsis der Lernmöglichketen lässt sich bei beiden erkennen, die allerdings von den Diskutanten in der Folge nicht geteilt wurden. Zweifel traten auch bei der Beschreibung des Nahbereichswesens und bei Fragen mit ethischen Bezugspunkten und einer Konstruktion von Werten auf (vgl. S. 8).

Damit ergeben sich Herausforderungen an die Pädagogik im Folgenden.

Volker Lenhardt beschreibt das Bildungssystem der Weltgesellschaft und zeigt auf, wie sich Bildung globalisiert hat (S. 47-64). Damit ergeben sich Problembereiche wie die Ungleichheiten von Bildungssystemen,, Alphabetisierungsquoten, Einschulungsraten und unterschiedliche Schulqualitäten (S. 51-54). Eine Ursachenerklärung gemäß der UNESCO-Statistik? vervollständigt die Darstellung der Ungleichheiten, wobei ökonomische Merkmale, kulturelle Zuschreibungen (Geschlechterrolle, religiöse Tradition) und unzureichende bildungs-politische Vorsorge Einflussfaktoren darstellen (S. 54-55). Weltweite Bildungsaufgaben - Berufsbildung, Menschenrechtserziehung, Friedenserziehung und Interkulturelle Bildung - vervollständigen den Beitrag (S. 56-62).

Hans Bühler stellt in seinem Beitrag didaktische Herausforderungen folgerichtig zur Diskussion (S. 65-77). Die Frage nach didaktischen Arrangements im Umgang mit Komplexität ist eine wesentliche. Der Beitrag ist in ein szenisches Arrangement integriert und gibt Antwort in Form der Präsentation des Textes. Von Interesse sind auch die Definitionen von Globalisierung (Abgabe von Eigenständigkeiten), Globalität (Zunahme einer Weltgesellschaft) und Globalismus (Ideologie einer Weltmarktwirtschaft) (vgl. S. 66).

Tirmiziou Diallo kommentiert den Zugang zur Tagung und fragt nach dem Menschenbild der Moderne aus der Sicht einer Herausforderung für die Pädagogik in einer Weltgesellschaft (S. 78-82).

Klaus Seitz beschäftigt sich mit konkreten Folgerungen für pädagogische Theoriebildung und Handlungen nach unterschiedlichen Bildungskonzeptionen im Kontext von Globalisierung. Er fragt nach den Mythen und Problemen einer Erziehung zum Weltbürger und kommt zum Schluss, dass die Pädagogik auf Theorien außerhalb ihrer Disziplin angewiesen ist (S. 85-114).

Asit Datta beschäftigt sich mit den Anknüpfungspunkten der Bildungskonzeption von Adorno für die Weltgesellschaft, wobei die Bedingungen für eine Mündigkeit diskutiert werden (S. 115-123). Damit kommt für den aufmerksamen Leser konsequenterweise die Dimension der Politischen Bildung zum Tragen.

Heinz-Peter? Gerhardt bezieht sich auf die Befreiungspädagogik und Handlungsmöglichkeiten. Pädagogisches Handeln auf der Mikroebene weist auf globale Probleme hin und übersetzt sie in Lernprozesse (S. 124-136).

Bernd Overwien verbindet die Befreiungspädagogik mit Konzepten informellen Lernens. Damit ist eine Möglichkeit gegeben, auf die Herausforderungen der Globalisierung und des lebensbegleitenden Lernens mit einer anderen Lehrerrolle zu reagieren (S. 137-155).

Christel Adick verweist auf die Herausforderungen durch die Globalisierung für nationale Pflichtschulsysteme. Dazu gehören eine internationale Schulentwicklung, Muttersprachen- und Fremdsprachenangebote und neue Curricula mit neuen Bildungsinhalten (S. 156-168).

Renate Nestvogel stellt letztlich eine Sozialisationstheorie vor, die sich vom Subjekt auf die Weltgesellschaft verbreitert. Das Weltsystem hat demnach angemessen berücksichtigt zu werden (S. 169-194).

In der Diskussion während und am Abschluss der Tagung war man sich einig, dass Globalisierungsprozesse die neue Schlüsselqualifikation und Basiskompetenz "Umgang mit Komplexität" bedingen. Das individuelle Nichtwissen steigt angesichts der Diskrepanz von gesellschaftlichem Wissenswachstum und individueller Wissensmenge an. Diese Entwicklung fordert eine neue Qualität im Lernen (S. 10-11).

Durch die Komplexitätssteigerung und Diversität gibt es Schwierigkeiten bei der Erziehung zu Wertvorstellungen. Auf einen gesamtgesellschaftlichen Konsens wird man kaum vertrauen können. Kößler etwa verweist auf politische Strukturen und sieht diese in einem Prozess mit Lernvorgängen von Individuen (vgl. S. 23-25). Treml sieht etwa die Nahbereichsfixierung vor dem Hintergrund einer Handlungsorientierung, lange schon vor den Theorien der Sozialbiologen und Ethnologen (S. 38).

Bei dieser Entwicklung verändern sich naturgemäß die Bildungsziele der Schule. Das Bildungssystem hat sich universalisiert (siehe Lenhardt, S. 49-55), bildungspolitische Anstrengungen werden verstärkt notwendig. Adick nennt etwa die Garantierung der Grundbildung, Alphabetisierung in der Muttersprache, das Erlernen einer Fremdsprache und die Konstruktion eines Kerncurriculums sowie lebensweltlich besetzte Unterrichtsinhalte für einen Anschluss an die Weltgesellschaft (S. 161-167).

Die Diskussion in der Tagung machte hier deutlich, dass jedenfalls lokale und nationale Autonomie im Kontext mit globalen Phänomenen notwendig ist (S. 12).

27 Projektarbeit    

27.1 Grundlagenwissen    

  • Unterrichtsqualität - Lehr- und Lernkultur
  • Lehr- und Lernmethoden
  • Fachdidaktik
27.2 Lernformen    

  • Teamarbeiten
  • Aspekterkundungen - Expertengespräche
  • Fallstudien
  • Workshops - Arbeitsgemeinschaften
- - -

  • problembasiertes Lernen,
  • Lernen in Unterrichtsfächern bzw. Fachdisziplinen,
  • fächerübergreifendes Lernen,
  • kritisches Lernen und
  • netzbasiertes Lernen
27.3 Verortung eines Projekts    

28 Kulturraum Alpen    

28.1 Zukunft    

Für die Politische Bildung ist die Frage nach der Zukunft des alpinen Raumes eine wesentliche Fragestellung.

"Wenn die Entwicklung der Alpen so weitergeht wie bisher, dann werden die letzten noch erhaltenden Kulturlandschaften in absehbarer Zeit allmählich verschwinden und die Alpen werden ausschließlich aus verwaldeten und verstädterten Regionen bestehen" (BÄTZING 2018, 210).

28.2 Zielsetzungen    

Zielsetzungen eines solchen Projekts wären in Anlehnung an HAID (2005) und BÄTZING (2018)

  • eine Aufwertung als dezentraler Lebens- und Wirtschaftsraum,
  • in Anbindung an eine Modernisierung Europas die Erhaltung des alpinen Raumes als Freiraums mit eigenständiger Entwicklung,
  • dies bedeutet die Nutzung der wertvollen Ressourcen (etwa regionstypischer Qualitätsprodukte/Viehwirtschaft, Acker- und Obstbau, Holz, Energienutzung),
  • einen Umbau des Tourismus zur Nutzung der Regionalwirtschaft (vgl. Alpintourismus/Bewertung und Wandel > http://m.bpb.de/apuz/25886/alpentourismus-bewertung-und-wandel?p=all [2.2.2019]),
  • schnelleres Internet mit dezentralen Arbeitsplätzen,
  • neue Kulturlandschaften mit Schutz des Lebensraumes. Dazu bedarf es einer spezifischen Infrastruktur und Stützung, Betreuung und Beratung von Gemeinwesenprojekten,
  • den Ausbau von schulischen und außerschulischen Bildungseinrichtungen,
  • Versorgung mit Medizineinrichtungen und Krankenbetreuung,
  • Sozialbetreuung für Jugend und Senioren,
  • ausreichender Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr und einen tauglichen Verkehrsverbund,
  • ausreichende Verwaltungseinheiten,
  • Möglichkeiten von Arbeitsräumen,
  • Stützung und Förderung Berglandwirtschaft,
  • Schaffung von Freizeiträumen und
  • die vermehrte Beachtung der Bedeutung der Alpenkonvention zur Wahrung europäischer Interessen an den Alpen ist einzumahnen (vgl. Transitverkehr, Wassernutzung, Erholungsraum/ Schutzräume - Naturschutz - Nationalparks).
29 Reflexion    

Man wird davon auszugehen haben, dass der Erhalt der Vielfalt alles Lebendigen und der Umwelt als Lebens- und Wirtschaftsgrundlage für künftige Generationen mit dem Motiv der Erhaltung der Natur zusammenhängt.

Geht man in unserem Kulturkreis mit seiner Werthaltung davon aus, die Erde sich nutzbar zu machen, dann ist dies keine Legitimation zum Raubbau an der Natur oder ein Freibrief für Umweltkatastrophen, Klimaveränderung und Artensterben, sondern ein deutlicher Hinweis darauf, dass der Mensch verantwortlich für die anvertraute Natur ist.

Der Mensch ist verpflichtet, den Grundbestand der Natur in seiner gesamten Diversität zu wahren. Zwar soll und muss der Mensch die Natur gestalten, ihre Ressourcen nutzen und sein Leben in ihr einrichten, aber er darf sie nicht missbrauchen und Lebensräume zerstören. Das Lebendige soll leben können, nicht nur um der Nützlichkeit für den Menschen willen, auch um der Artenvielfalt und um der Erhaltung des Kulturraumes und seiner Möglichkeiten wegen.

Die Ökologiepädagogik verdeutlicht, dass aber gerade in unserer Zeit der menschliche Eingriff in die Natur, ein Ausmaß erreicht hat, das nicht nur zu ökologischen und gesundheitlichen Risiken für heutige und zukünftige Generationen, sondern zu irreparablen Schäden und endgültiger Zerstörung von Pflanzen und Tieren führt und damit eine ökologische Verantwortung ganz im Sinne nachhaltiger Entwicklung notwendiger denn je erscheinen lässt.

Dem Bildungsbereich mit seiner Hinführung zum Verursacherprinzip (Verantwortung), Vorsorgeprinzip (Vermeidung) und einem Kooperationsprinzip (nationale und internationale Zusammenarbeit) kommt mit seiner Interdisziplinarität zunehmend Bedeutung in einer ökologischen, ökonomischen, sozio - kulturellen und politisch - institutionellen Verantwortung zu.

IT - Hinweis

Bildung für nachhaltige Entwicklung. Weltdekade der Vereinten Nationen 2005-2014 (2005-2014) > https://www.bne-portal.de (2.5.2024)

30 Literaturhinweise Umweltpädagogik    

Agenda 21. Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung, Rio de Janeiro, Juni 1992 > http://www.un.org/Depts/german/conf/agenda21/agenda_21.pdf. (11.10.20)

Autorengruppe Fachdidaktik (2011): Konzepte der politischen Bildung, Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Bd. 1141, Bonn

Apel H. - Siebert H. - Haan, Gerhard de (1993): Orientierungen zur Umweltbildung, Bad Heilbrunn

Baumgartner Chr. (2021): Nachhaltige Tourismus Entwicklung. Erfahrungen aus ländlich-alpinen Regionen, in. Brandl St. - Berg W. - Herntrei M. - Steckenbauer Chr./ Lachmann-Falkner? S. (Hrsg.): Tourismus und ländlicher Raum. Innovative Strategien und Instrumente für die Zukunftsgestaltung, Berlin, 13-32

Bätzing W. (2018): Die Alpen. Das Verschwinden einer Kulturlandschaft, Darmstadt

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Teil 5 Aspekte eines gesellschaftlichen Wandels    

Im Folgenden sollen allgemeine Aspekte eines sozio - kulturellen Wandels im Kontext von Veränderungen im Kulturraum der europäischen Alpen am Beispiel der Politischen Bildung, Interkulturellen Kompetenz und Ökologie angesprochen werden.

31 Politische Bildung    

Jedes Wort hat Folgen. Jedes Schweigen ebenso (Jean Paul Sartre).

Politische Bildung hat die Aufgabe, die Menschen zu befähigen, dass sie ihren gesellschaftlichen Standort und ihre Interessen erkennen und und über ihre politischen Probleme urteilen und in der Folge handeln zu können.

Dazu ist es erforderlich, die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Prozesse und Strukturen zu durchschauen, den Zusammenhang zwischen Interessen und Politik und die Ursachen und Funktion von Ideologien aufzudecken.

Wie in allen sozialwissenschaftlich ausgerichteten Fachbereichen ergeben sich interdisziplinäre Themenbereiche, die unterschiedlich definiert werden. Sie lassen sich zusammenfassen zu Gestaltungen bzw. Themenbereichen sozialer Beziehungen, demokratischer Ordnung und politischer Willensbildung, nationaler und internationaler Politik, Friedenssicherung, Rechtsordnung, Wirtschaftsordnung und Wirtschaftspolitik, Medien, Arbeit und Beruf bzw. Vorberuflicher Bildung ("Berufsorientierung") und Vergleich politischer Systeme (vgl. HÄNDLE - OESTERREICH - TROMMER 1999, 104-114).

Ziel einer Politischen Bildung ist ein kritisches Bewusstsein, selbständiges Urteil und politisches Engagement.

Voraussetzung für demokratisches Engagement ist das Bewusstmachen der Zusammenhänge zwischen individuellem Schicksal, gesellschaftlichen Prozessen und Strukturen.

Politisches Bewusstsein bildet sich im Erkennen der eigenen Interessen und im Erfahren der gesellschaftlichen Konflikte und der Herrschaftsverhältnisse.

Der politisch bewusste und aufgeklärte Mensch soll nicht erleidendes Objekt der Politik sein, sondern als Subjekt in die Politik eingreifen (vgl. DRECHLSER - HILLIGEN - NEUMANN, München 1995, VII).

Wesentliche Aspekte theoretischer und praktischer Ansätze einer Politischen Bildung bedürfen zum besseren Verständnis einer Einführung in Bildungsinstitutionen, einer Darlegung gesellschaftlicher Funktionen und Grundintentionen, der Fachdidaktik und eines Ausblicks mit einer Reflexion.

Fragen der Inklusion in der Politischen Bildung sind vermehrt zu stellen. Fragestellungen der Didaktik ergeben sich konsequenterweise.

31.1 Anforderungen an die folgenden Bildungsepochen    

Im Folgenden werden Anforderungen an die folgenden Bildungsepochen formuliert. Von zentraler Bedeutung sind zunächst die siebziger Jahre mit ihrer Liberalität, die Demokratisierung, der Positivismus - Streit, didaktische Impulse, die Erwachsenen- und Weiterbildung und eine Erweiterung der Themenbereiche in der Politischen Bildung.

31.2 Anforderungen der siebziger Jahre    

Waren es die sechziger Jahre mit konservativen Moralvorstellungen, dem Schweigen zum Nationalsozialismus und ritualisierter politischer Ordnung, so erwies sich in den siebziger Jahren und in der Folge

mehr Liberalität (Demokratie als Prinzip),

eine Öffnung von Bildungs- und Berufszugängen (Vorberufliche Bildung/ Unterricht - Beratung - Realbegegnungen/ Grundbildung - Ausbildung - Studium, Fortbildung, Erwachsenen- und Weiterbildung),

eine Abkehr von vorgezeichneten Lebenswegen, Konventionen und Verhaltensweisen als hilfreich (Emanzipation, Gender).

Gesellschaftliche Autoritäten wurden in Zweifel gezogen (kritische Gesellschaftstheorie, kritischer Diskurs).

Es begann eine Zeit der Reformen (Innovationen).

Der Drang nach Freiheit und Mitbestimmung war nicht zu übersehen (vgl. beispielhaft HEINEMANN 1977, 28-32).

Wesentlich verändert(e) sich die Gesellschaft mit Zu- und Abwanderung bzw. Asylanten und Flüchtlingen (Migration).

31.3 Pädagogik einer Demokratisierung    

Im Streit über die Reichweite von Demokratie ging es um die Ausweitung auf das gesamte gesellschaftliche Leben, damit wurde Demokratie didaktisch eine Aufgabe als fortlaufender Prozess.

Wilhelm HENNIS bezeichnete die Forderung nach Demokratisierung noch als eine "Revolte gegen die Natur", an deren Ende die "Agonie der Freiheit" stehe (vgl. GREIFFENHAGEN 1973, 57, 70).

Konsequenzen zeigten sich in Erziehung und Bildung mit den Institutionen Kindergarten, Schule, Universität und Erwachsenen- bzw. Weiterbildung.

Den wunden Punkt der Zeit traf Urs JAEGGI (1970) mit dem Band "Macht und Herrschaft in der Bundesrepublik". Jaeggi fragte nach der Rechtfertigung von Herrschaft, Elitevorstellungen, sozioökonomischen Bedingungen und plädierte für eine Demokratisierung des Alltags (vgl. JAEGGI 1970, 216). Bildung und Bewusstsein waren ein wesentlicher Aspekt, ebenso kritisch-emanzipative Vernunft(vgl. ebda., 176, 184). Das System der Bildungspolitik müsse demokratisiert werden (vgl. zu "Bildungsklassen" JAEGGI 1970, 170).

Was aktuell kritisiert wird, hatte im deutschsprachigen Raum seinen Ausgangspunkt zu Beginn der siebziger Jahre (vgl. JAEGGI 1970, 162-163).

Fritz VILMAR (1973) bearbeitet und konkretisiert in zwei Bänden "Strategien der Demokratisierung" aus gewerkschaftlicher Nähe. Argumentiert wird gegen HENNIS und die marxistische Linke (vgl. hier die Kritik am Kapitalismus als inhumane Herrschaftsform[vgl. Bd. I, 22]; kritisiert wird auch die Bilanz des Marxismus und die falsche Einschätzung des subjektiven Faktors[vgl. Bd. I, 212-213]). Es entsteht eine neue Konfliktlinie mit den Themen "richtiger Sozialismus", "wissenschaftlicher Sozialismus" und "demokratischer Sozialismus" (vgl. VILMAR 1973, Bd. I, 23).

31.4 Positivismusstreit    

Im Positivismusstreit der deutschen Soziologie ging es darum, ob die Forschung der Sozialwissenschaften objektiv und wertfrei verfahren oder kritisch analysieren und verändern soll (vgl. POPPER - ALBERT vs. ADORNO - HABERMAS). In der Folge wurde Emanzipation zum gesellschaftspolitischen Programm.

1783 nannte Immanuel KANT auf die Frage "Was ist Aufklärung?" den fundamentalen Grundsatz "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus einer selbst verschuldeten Unmündigkeit[...]Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung"(KANT 1995, 162). Emanzipation meint demnach (Selbst-)Aufklärung und (Selbst-)Befreiung. Das handelnde Subjekt steht als selbstbewusste und selbstbestimmende Person im Mittelpunkt.

Emanzipation wurde zum Erziehungsprogramm in den sechziger Jahren. ADORNOs Credo, dass Auschwitz nicht nicht wiederholen darf, bestimmte das Erziehungsideal (vgl. ADORNO 1977, 88). Gefordert wurde Autonomie, Mündigkeit und Erziehung zum Widerspruch und Widerstand (vgl. ADORNO 1977, 144-145).

Die Erziehungswissenschaft der siebziger Jahre wurde neben der empirisch - analytisch orientierten Ausrichtung nun politisiert. Freiheit und Veränderung der Gesellschaft wurden in der Bildung angestrebt. Skepsis entstand durch alle pädagogischen Disziplinierungen. Pädagogisches Handeln soll für Mündigkeit und Emanzipation Partei ergreifen (vgl. MOLLENHAUER 1968, 10; vgl. auch HEYDORN, BLANKERTZ und KLAFKI).

Für Wolfgang KLAFKI waren etwa die drei Grundfähigkeiten Selbstbestimmung, Mitbestimmung und Solidarität. Gesellschaftskritik sei der politische Anspruch des Faches.

Die kritische Erziehungswissenschaft der siebziger und achtziger Jahre postulierte die Hoffnung, über Bildung und Erziehung eine Gesellschaftsveränderung zu erreichen und im pädagogischen Feld Bedingungen für die Entwicklung eines autonomen und vernunftbegabten Subjekts zu schaffen (vgl. KRÜGER 1999, 175).

31.5 Didaktische Impulse    

Damit erhielt die Didaktik der Politische Bildung eine wesentlichen Impuls. Die Ansätze von Wolfgang HILLIGEN, Hermann GIESECKE, Ernst - August ROLOFF und Rolf SCHMIEDERER stehen dafür. Die didaktischen Konzepte von Giesecke (linksliberal) und Schmiederer (radikaldemokratisch - sozialistisch) wurden heftig diskutiert (vgl. HUFER 2010, 18).

In der Bildungspolitik wurde die Demokratisierung und Emanzipation in den "Hessischen Rahmenrichtlinien" (1972) als Lernziel genannt. Selbst- und Mitbestimmung muss sich in Handeln qualifizieren. Kritik kam 1976 von Dieter GROSSER, Manfred HÄTTICH, Heinrich OBERREUTHER und Bernhard SUTOR.

Kritische Politische Bildung wurde erst in der Folge zu einem Themenbereich, wobei Schwerpunkte

  • Grundlagen und Erfordernisse (Theoriediskussion, Jugendbildung, Erwachsenenbildung, Gesellschaftskritik, Demokratieverständnis, Soziale Arbeit),
  • Politik - Staat (Demokratie, Herausforderungen für Politische Bildung/ etwa Foucault - Bourdieu, Ökologie),
  • soziale Ungleichheiten (Geschlechterverhältnisse, Rassismuskritik, postkoloniale Bildungsprozesse, Rechtsextremismus, Prekarität),
  • Handlungsfähigkeit (Subjektivität, soziales und politische Engagement, Migration, politische Partizipation),
  • pädagogische Praxis (Didaktik, Methodenwahl, politische und ökonomische Bildung, Mediendidaktik, Empowerment, Nationalsozialismus, Migrationspädagogik) und
  • institutionelle Kontexte der Politischen Bildung - Möglichkeiten und Grenzen schulischer Politischer Bildung, non - formale Politische Bildung, politische Jugendbildung, internationale Jugendbildung, Konflikte um Arbeit, Globalisierung, gewerkschaftliche Bildung - bilden (vgl. LÖSCH - THIMMEL 2010).
31.6 Politische Bildung in der Erwachsenen- bzw. Weiterbildung    

Die politische Erwachsenen- bzw. Weiterbildung verlief parallel zur Demokratie- und Emanzipationsbewegung. Das Erwachsenen- bzw. Weiterbildungssystem als tertiärer und quartärer Bildungsbereich wurde ausgebaut, 1973 in Österreich ein Gesetz zur Förderung beschlossen und die strukturell-organisatorischen Voraussetzungen geschaffen (vgl. den IT-Autorenbeitrag? http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index: Erwachsenenbildung).

Mit den jüngeren akademisch geprägten und kritisch - orientierten sozialwissenschaftlich geschulten Lehrenden bzw. Kursleiter/ innen entstand ein kritisches Korrektiv, eingeschränkt aber durch ein buntes Spektrum beruflicher Voraussetzungen in zehn Erwachsenenbildungsinstitutionen der Allgemeinen und Beruflichen Erwachsenen- bzw. Weiterbildung sowie Universitätslehrgängen.

Erst mit der Installierung der "Weiterbildungsakademie Österreich"/ Wien, Universitäts- bzw. Hochschullehrgängen und eigenen universitären Studienrichtungen der Erwachsenenpädagogik sowie dem Angebot des "Bundesinstituts für Erwachsenenbildung"/ Strobl a.WS. kam es zu einem Professionalisierungsschub.

Soweit eine Freiwilligkeit ("Ehrenamtlichkeit") Verantwortliche und Lehrende erwachsenenpädagogischer Bildungseinrichtungen bestimmen, ist die Personaldecke dünn.

Politische Bildung wird im Kurs- bzw. Lehrgangssystem zögernd angenommen (vgl. dazu den IT-Autorenbeitrag? http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index: Lehrgang Politische Bildung in der Erwachsenenbildung, Ökonomische Grundbildung).

Kritik gab es im deutschsprachigen Raum an der ideologischen Besetzung der Erwachsenenpädagogik und ihren Theorien im Kapitalismus (vgl. MARKERT 1973).

Mobilisierend ist Politische Bildung in der Erwachsenenpädagogik bei Projekten der Stadtteilarbeit und in der interkulturellen Bildungsarbeit (Sprachkurse, Diversität, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Rechtspopulismus, Religionen bzw. Weltanschauungen) sowie Migrationspädagogik geworden.

Gewerkschaftliche Politische Bildung hat ihre Grundlage im Konzept der Arbeiterbildung von Oskar NEGT (1971). An Erfahrungen der Teilnehmenden wurde hier angeknüpft, die zum Ausgangspunkt der Bildungsarbeit gemacht werden. Traditionelle Schulungen sind ureigener Bildungsauftrag (vgl. etwa die Betriebsräteschulung).

31.7 Literaturhinweise Politische Bildung    

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32 Interkulturalität    

Interkulturelle Kompetenz ist zunehmend von Bedeutung in einer Gesellschaft geworden, die von Pluralität, Wandel, Widersprüchen, Unterschiedlichkeiten und Universalität in Ethnien, Bildung und Erziehung, Wirtschaft, Politik, Kultur, Religion und Recht gekennzeichnet ist.

Ein Zusammenleben in der Gesellschaft ist als Anspruch zu betrachten. Problembereiche wie politische Dimensionen, Wirtschaft, Kultur - Religion, das soziale Umfeld, geschichtliche Entwicklung und gesellschaftliche Veränderungen sind in bestimmten Gesellschaftsbereichen deutlich sichtbar und nicht isoliert vom gesellschaftlichen Kontext und der Entwicklung, also situationsbedingt, sind zu betrachten.

Interkulturalität hat große Chancen, geht es doch um Bereicherung, neue Entwicklungen und Entdeckung von Gemeinsamkeiten. Zu einem Schlüsselbegriff in der Organisationsentwicklung ist Interkulturelle Öffnung geworden. Menschen öffnen interkulturell Organisationen, Unternehmen, Betriebe und Institutionen.

32.1 Entwicklungsprozess    

Die Studie spricht Handlungsfelder an, wobei "Interkulturelle Kompetenz", "Interkulturelles Lernen/ Lehren" und "Interkulturalität" einen fortlaufenden Entwicklungsprozess darstellen. Die Vielfalt der Begrifflichkeiten, Definitionen und Konzepte beruht auf einem Kulturbegriff, der sich an einem konstruktivistischen Kulturverständnis als Gesamtheit der von Menschen im Zuge ihrer Sozialisation hervorgebrachten Voraussetzungen sozialen Handelns wie Lebens- und Arbeitsformen, Denk- und Handlungsweisen, Wertvorstellungen und geistigen Lebensäußerungen orientiert. Dies erweist sich in den Begrifflichkeiten von Inter-, Multi- und Transkulturalität.

Die Studie geht in seinem grundlegenden Verständnis von Interkulturalität aus.

Der Diskurs zwischen den Menschengruppen findet in Theorien, Handlungsfeldern und Systemen statt, die wandelbar und widersprüchlich sein können. Konkret zeigt sich dies in der Grundannahme, dass Strukturen und Institutionen die kulturelle Vielfalt der Gesellschaft widerspiegeln (sollen). Diese Diversity - Dimension wie etwa ethnische Zugehörigkeit, Alter, Behinderung, Geschlecht, sexuelle Orientierung und Religion bzw. Weltanschauung berühren individuelle, organisatorische und strukturelle Ebenen.

32.2 Handlungsfelder    

Konkret zeigt sich Interkulturalität in den unterschiedlichen Handlungsfeldern, etwa in sprachlicher Bildung bzw. Unbildung, erfolgreichen bzw. misslungenen schulischen bzw. universitären Abschlüssen, Inklusion bzw. Exklusion im Sozialbereich und wirtschaftlichem Erfolg bzw. Misserfolg. Interkulturelle Öffnung berührt die strategische Dimension. In den Mittelpunkt werden Beteiligung und Selbstbefähigung gestellt.

Daraus folgt, dass Interkulturelle Kompetenz selbst kein eigenes Handlungsfeld oder Handlungssystem bildet, vielmehr ganz bestimmte Elemente/ Aspekte unter bestimmten theoretischen Erkenntnissen darstellt.

Interkulturelle Kompetenz beschränkt sich nicht nur auf bestimmte Anerkennungen und Werte, vielmehr ist sie auch bezogen auf die Interität - auf eine Verbindung von Kulturellem und Strukturellem in Form einer kulturell - sozialen Verteilung und wirtschaftlichen Interessen (vgl. NICKLAS - MÜLLER - KORDES 2006, 163).

32.3 Thematik    

Thematische Problembereiche sind die Identität(en), Geschlechter/ Mann - Frau, Generationen, Kulturen - Religion - Kulturindustrien, Migration, Bildungsinstitutionen, interkulturelles Management, interkulturelle Kompetenz, internationale Begegnungen, interkulturelle Bildung und rechtlich - politische Interventionen/ Mediation - Diskriminierung - Veränderungsperspektiven.

Bezugswissenschaften der zu behandelnden Thematik sind der eigenständige Wissenschaftsbereich Interkulturelle Kompetenz/ "Intercultural Competence"/ ICC im wissenschaftlichen Kontext mit Interkultureller Pädagogik/ Erziehung, Interkultureller Öffnung, Kulturwissenschaften, Gender Studies, Interkultureller Erwachsenenpädagogik, Kultur- und Sozialanthropologie, Migrationswissenschaft bzw. Migrationssoziologie, Bildungssoziologie, Religionspädagogik, Interkultureller Theologie, Interkultureller Psychologie und Politischer Bildung.

32.4 Kompetenzgrundlagen    

Die theoretischen Grundlagen und jeweiligen interdisziplinären Aspekte sowie die notwendige interdisziplinäre Sicht bedeuten die Grundlage einer notwendigen Kompetenz für

  • das Wissen, die Empathie und Handlungsbereitschaft,
  • die Entwicklung eigener Fragestellungen und
  • einen eigenen Überblick über die Ansätze des Fachbereichs.
Ziel ist eine Förderung einer zeitgemäßen gesellschaftlichen Integration unter pädagogischen Aspekten mit der Bearbeitung von theoretischen Ansätzen und fachdidaktischen Konsequenzen.

Interkulturelle Kompetenz mit Orientierung und Öffnung versteht sich in ihrem Bildungsauftrag - in allen vier Bereichen des Bildungssystems - an die Bezugswissenschaften gebunden und besitzt damit einen interdisziplinären Ansatz (vgl. THOMAS 2016, LANGENOHL - POOLE - WEINBERG 2015; SALZBRUNN 2014; VANDERHEIDEN - MAYER 2014; FISCHER - SPRINGER -ZACHARAKI 2013; BERTELS - BUSSMANN 2013; MATZNER 2012; MOEBIUS 2012, 48-62; BERGMANN - SCHÖSSLER - SCHRECK 2012; SANDFUCHS - MELZER - DÜHLMEIER - RAUSCH 2012, 686-692; HUCK 2011, TREICHEL - MAYER 2011, 269-335; FISCHER - SPRINGER 2011; ERTL - GYMNICH 2010; HAN 2010; ONNEN - ISEMANN/ BOLLMANN 2010; DEARDORFF 2004/2009; KOPP 2009; LANGE - POLAT 2009; SIX - HOHENBALKEN/TOSIC 2009; HUFER 2009, 71-73; NÜSSEL - SATTLER 2008, 7-44; SANDER 2007, 300-311; NICKLAS -MÜLLER-KORDES 2006; SCHWAB 2003, 38-42; SCHNEIDER - WOHLFAHRT/ PFÄNDER/ PFÄNDER/ SCHMIDT/ LANDESINSTITUT FÜR SCHULE UND WEITERBILDUNG 1990, 21-54).

Diese umfasst die

  • Hilfestellung bei der Einmündung in die schulische und außerschulische Gesellschaft, d.h. die aktive Förderung der Sozialisationsbedingungen,
  • Besserstellung sozial Benachteiligter,
  • Förderung der Bewusstseinsbildung und Haltungen und
  • Begleitung von Zuwanderern mit ihren Familien und praktischer Hilfestellung.
Das Prinzip Fördern steht im Vordergrund.

Dies bedeutet neben der gesellschaftlichen Einschätzung verschiedener Situationen, der Bewusstmachung verschiedener Einflüsse, dem Erkennen und der Akzeptanz einer Verantwortung die Notwendigkeit einer Erstellung eines Rahmenkonzepts für eine Gesellschaft mit Pluralität des Milieus (Kultur) und der Verschiedenheit (Pluralität).

Zu gestalten ist dies in Bildungsinstitutionen, im Berufsalltag, im Kultur- und religiösen Leben, in Politik und Wirtschaft und in einem demokratischen Leben mit Normen, Werten und Grundlagen einer Demokratie.

Zu den pädagogischen Grundprozessen im interkulturellen Kontext gehören jene der Sozialisation, Inkulturation, des Lernens, der Bildung/Erziehung und des Lehrens/der Didaktik. Mitunter wird auch die Beratung dazugezählt.

Alle pädagogischen Bemühungen beginnen beim Abholen am persönlichen Wissens- und Handlungsstand der jeweiligen Zielgruppe.

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33 Ökologie    

Ein Grundwissen der Ökologie zu bearbeiten erfordert einen interdisziplinären Zugang in der Politischen Bildung, weil sich die Thematik aus den verschiedensten Fachbereichen ergibt. Für die Autoren ergaben sich im Laufe der Zeit die breiten Möglichkeiten der Weiterbildung im tertiären und quartären Bildungsbereich.

Es werden daher persönliche Bezugspunkte in den folgenden Kapiteln der Studie bearbeitet.

Ökologie versteht sich als Wissen von den Beziehungen der Individuen bzw. Institutionen zur umgebenden Umwelt beispielhaft in den folgenden Themenbereichen.

Ebenso sind Impulse aus dem Kollegenkreis berücksichtigt, für die der Autor dankbar ist.

Die Fachliteratur zu beachten ist wesentlicher Bestandteil eines Grundwissens.

Grundwissen versteht sich als Basis für zukünftige Wissensbereiche, die sich aus der Thematik ergeben.

33.1 Klimawandel    

Das zunehmende Interesse einer Veränderung des Klimas (Klimawandel) und der daraus entstehenden Folgen ist für eine zeitgemäße Politische Bildung von Bedeutung, weil es Konsequenzen für

  • die Natur und Gesellschaft,
  • Handlungsmöglichkeiten,
  • die wissenschaftliche Klimaforschung und
  • daraus entstehende Folgen für politisches Handeln besitzt (vgl. DICHATSCHEK 2017a).
Der Klimawandel ist da, Veränderungen in Form von extremen Wetterbedingungen rund um den Globus sind wahrnehmbar. Den Temperatur- und Luftfeuchtigkeitsanstieg bekommt der Mensch, die Tier- und Pflanzenwelt zu spüren.

  • Diese und andere Phänomene werden sich verstärken und die Lebensbedingungen verändern.
  • Sie beeinflussen die Zukunft und werfen grundlegende Fragen auf, die eine Politische Bildung aufzugreifen hat. Zu beachten ist die schulische Fachbezogenheit bzw. der Fächerverbund mit Geographie und Wirtschaftskunde, Biologie und Umweltkunde, Geschichte - Sozialkunde - Politischen Bildung, Religion, Ethik und Gesundheitsbildung sowie die Aktualität in der Erwachsenenbildung und Weiterbildung (vgl. DICHATSCHEK, 2017c) .
    • Kann man sich auf die Veränderungen einstellen?
    • Wie kann man die Beobachtungen einordnen?
    • Welche Ursachen kann man den Veränderungen zuschreiben?
    • Sind Prognosen möglich?
    • Gibt es Möglichkeiten eines persönlichen Handelns?
Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen sind

  • die schulischen Lehrpläne der angesprochenen Fächer,
  • der Studienplan in der Lehramtsausbildung für Geschichte - Sozialkunde - Politische Bildung und
  • die Notwendigkeit einer Gestaltung einer zeitgemäßen Erwachsenenbildung.
Für die Autoren ergibt sich unterschiedlich die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit der Thematik aus der

  • Lehrtätigkeit in Didaktik der Politischen Bildung/ Lehramt Geschichte -Sozialkunde - Politische Bildung/ Universität Salzburg,
  • Lehrtätigkeit in der Erwachsenenbildung,
  • Absolvierung des Online - Kurses "Klima MOOC"/ Oktober - November 2017 und
  • Auseinandersetzung mit der Fachliteratur.
33.2 Alpinethik( Gastbeitrag Hans Nosko)    

33.2.1 Bergsport    

Im gesamten Bereich des Bergsportes sind es Prinzipien, die das menschliche Verhalten regeln.

Der ethische Grundgedanke setzt auf ein Verhalten, das

• den Wert des menschlichen Lebens schützt,

• andere Menschen durch das eigene Verhalten nicht gefährdet,

• Hilfe leistet und

• mit der Natur sorgsam umgeht.

Es fördert das Verständnis für einen natur- und umweltverträglichen Bergsport, den Vorrang von öffentlichen Verkehrsmitteln bei alpinen Aktivitäten und freier Zugang zur Bergwelt als Grundlage des Berg- und Naturerlebnisses.

Menschen jedes Alters sollen im alpinen Raum willkommen sein und entsprechend ihrem Leistungsvermögen tätig sein können. Der Sport soll von allen Gruppen verantwortungsbewusst ausgeübt werden.

Aus – und Weiterbildung soll auf breiter Ebene erfolgen und an die einzelnen Zielgruppen speziell angepasst werden.

33.2.2 Natur und Umwelt    

Derzeit sind keine genauen ethischen Richtlinien vorhanden.

Ein Ansatz ist die protestantische (puritanische) Ethik, die den Tourismus ab- und verurteilt. Genießen und Vergnügen gelten als negative Handlung, weder ernsthaft noch leistungsbezogen (vgl. Henning 1997, Antitourismus. Zur Geschichte des Antitourismus, 31-41).

Zahlen: 11 - 13 Millionen Alpenbewohner

180 000 Quadratkilometer

120 Millionen Gäste

500 Millionen Nächtigungen

5 Millionen Gästebetten

• Nur 7 % der österreichischen Landschaft sind unerschlossen und naturbelassen.

• 3/5 der alpinen Freiräume sind von großtechnischen Erschließungen nicht geschützt.

• 2/3 der alpinen Freiräume befinden sich in höchsten Gebirgsregionen.

• 40 % der alpinen Höhenstufen werden in irgendeiner Art erschlossen oder genutzt.

IT - Hinweis

https://www.wwf.at/de/wo-liegen-die-letzten-naturbelassenen-landschaftsraeume/ (bereits abgelaufen)

Es bleiben also nur allgemeine ethische Richtlinien.

Der globale Ethikkodex bezeichnet ethischen Tourismus als eine Art des Tourismus, der Rücksicht auf die Kultur und Gepflogenheit des Reiseortes genommen hat.

Schwerpunkte sind Toleranz, Gleichberechtigung und Respekt.

• Gegenseitiges tolerieren

• Recht der Menschen auf Tourismus

• Verständnis der Menschen zwischen den Völkern verbessern

• Grundrechte der Beschäftigten garantieren

• Bewegungsfreiheit gemäß nationalem Recht garantieren

Das gastgebende Land soll durch neue Arbeitsplätze vom sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung profitieren.

Derzeit haben nur zwölf Staaten die Aufnahme in die "Ethical Traveller - Liste " geschafft: Tuvalu, Mikronesien, Dominica, Kap Verde, Mongolei, Tonga, Uruguay, Grenada, Samoa und Panama

IT - Hinweis

https://de.wikipedia.org/wiki/Ethischer_Tourismus (16.6.2024)

Ausführung eines naturnahen Tourismus: BMFWFJ

 Erhalt beschränkter Ressourcen , sowenig Abfall wie möglich produzieren

 Förderung von Natur- und Ökotourismus

 Beschränkung touristischer Aktivitäten durch Anpassung der Infrastruktur in sensiblen Schutzgebieten

 Zeitliche Staffelung der Touristenströme durch Lenkungsmodelle

IT - Hinweis

https://www.bmnt.gv.at/tourismus/tourismuspolitische-themen/nachhaltige-entwicklung/ethik-im-tourismus.html (16.6.2024)

Die Diskussion bewegt sich hier zwischen kultureller Bereicherung und Idenditätsstärkung der Region auf der einen Seite bzw. Entfremdung/ Überfremdung auf der anderen Seite.

Der Alpintourismus kann durch seine Auswüchse die einheimischen Bewohner zum Abwandern zwingen bzw. ihnen ein alpines Disneyland zum Leben biete, falls sie sich das überhaupt leisten können > https://utopia.de/orte-tourismus-zerstoert-28777/ (16.6.2024)

Es stellt sich die Frage, ob Sölden, Venedig oder Barcelona, wer möchte dort noch im Zentrum leben? In manchen Bereichen wird die Ethik zweitrangig, wenn der Umsatz stimmt (siehe Ischgl).

Der Rückgang der Gletscher schreitet unaufhörlich voran und hat beängstigende Ausmaße angenommen. Der geringe Sommerschneefall und die herbstlichen Schönwetterperioden tragen zu einer vermehrten Eisschmelze und damit zur Schrumpfung der Gletscher bei. Sogenannte Sommerschigebiete können teilweise im Sommer nicht mehr betrieben werden und bieten oftmals ein fürchterliches Bild.

Ethische Grundsätze werde der Gewinnmaximierung geopfert, Ökologie und Sicherheit sind dann oft nur zweitrangig (Unglück Kaprun).

Die schwerpunktmäßige Ausrichtung auf den Gletscherschilauf wirft für kommende Generationen ethische Fragen auf

• Ist es richtig, diese Gebiete ohne Rücksicht auf Verluste zu erschließen (Pitztal, neue Trasse)?

• Werden die erwirtschafteten Mittel in die Zukunft des jeweiligen Tales investiert?

• Wird eine vernünftige Nachnutzung angedacht, falls diese überhaupt möglich ist?

• Welche touristischen Leitbilder werden für die Zeit danach formuliert und wird eine Struktur für diese Nachnutzung aufgebaut ("Sanfter Tourismus" als Gegenpol zu harten Tourismus)?

• Welche Nachhaltigkeit strebt man an?

• Werden die einzelnen Anlagen bei unmöglicher Weiterverwendung abgebaut und das Gebiet renaturiert?

• Hat der Gesetzgeber vorgesorgt und werden die Erbauer gezwungen, Kapital nachweislich für die Renaturierung bereitzulegen, anderenfalls keine Baugenehmigung erteilt wird (Wie baut man die riesigen Anlagen auf 3400 m ab?)?

Der klassische Hochgebirgstourismus kennt dieses Problem bereits, Mondlandschaften statt glitzerndem Firn, Steinschlaghölle statt Eistouren, wegbrechende Bergflanken und Wände.

Bergführer stellen sich schon seit Jahren um, da die Saisonen für Hochtouren zu kurz sind und das Spektrum an Angeboten in andere Themengebiete erweitert wurde.

Wir müssen diese Dinge jetzt aussprechen, trotz des aggressiven Wiederstandes der Tourismusindustrie und ihrer politischen Helfer.

Kommende Generationen werden damit leben müssen und wir können uns dann nicht ausreden und sagen: "Das haben wir nicht gewusst.“ Wir konnten es artikulieren- ohne Angst vor Repressionen- weil wir in einem freien Land leben.

Es ist eine Pflicht im Sinne der Ethik, diese Punkte aufzuzeigen, um auch später, wenn die Tourismuskarawane weitergezogen ist, das Leben in diesen Regionen lebenswert zu erhalten.

33.2.3 Bergsport und Alpinstil    

Generell setzt offensichtlich der Leistungsalpinismus auf Selbstregulation und moralische Werte.

Genaue Prinzipien, die das menschliche Verhalten am Berg regeln, sind eher freiwillig, sollten sich aber mit den anfänglich genannten ethischen und moralischen Grundsätzen übereinstimmen.

Erste Hilfe leisten bei Unfällen ist ethisch gut und richtig, einen Verunfallten im Stich lassen ist immer inhuman.

• Auslösen alpiner Gefahren wie Steinschlag, Lawinen vermeiden

• Faires Verhalten gegenüber anderen Bergsteigern

• Was darf man, was darf man nicht

Die Regeln am Berg sind allerdings nicht festgeschrieben, sie erfolgen in der Regel freiwillig.

Das Verhalten in Notsituationen muss zumutbar sein (Rechtsprechung)

Im Spitzenalpinismus herrscht Anarchie. Es gibt 3 Arten von Extremalpinismus:

1. Kommerzieller 8000er Alpinismus +7 Summit - Alpinismus kaum erste Hilfe, Doping, Bergung nur in der eigenen Gruppe

2. Versportelter Spitzenalpinismus, Sponsorenabhängig - Rekordabhängig - Beweisabhängig ( Foto, GPS, Zeuge) Akteure kontrollieren sich selbst, eigene Ethikregeln sind dann Charaktersache.

3. Echter Spitzenalpinismus abseits des Mainstreams ( Südpol solo, K2 Winter ). Eigene Regulatorien und Regeln am Berg. Externe Ethikregeln nehmen die Freiheit am Berg (Messner).

Und so verlieren sich die Bergsportler in selbstauferlegten Regeln. Bohrhaken, ja oder nein, 8000er mit oder ohne Sauerstoff, was zählt? Es ist auch nicht wichtig, da es nur für einen kleinen Kreis von Interesse ist und bestenfalls die alpine Szene interessiert.

Die selbst auferlegten Regeln hemmen allerdings die Weiterentwicklung des Bergsportes, ändern aber nichts an der moralischen Verpflichtung, meinen Partnern bzw. anderen Menschen in Not beizustehen, egal wo ich mich gerade befinde.

33.2.4 Berg als Grenze    

Die Sportethikerin Claudia Pawlenka bringt es auf den Punkt. Im Bergsport brauche es keine "künstliche Regelwillkür", die Grenzen setze, sondern der Berg selbst sei die Grenze oder die naturgegebene Physis des Alpinisten und ein informelles Regelwerk.

Die Frage bleibt, ob ein informelles Regelwerk allein noch taugt < https://www.nzz.ch/gesellschaft/lebensart/outdoor/ethik-und-moral-am-berg-1.18523583

"Der Kampfsport kennt Konkurrenten und Rivalen, aber der Alpinist konkurriert nur mit einem – und das ist er selbst" (Viktor Frankl).

Was passiert, wenn das Bergsteigen zu einer reinen Form der sportlichen Leistung ohne Ethik wird?

IT - Hinweis

https://www.dolomitenstadt.at/story/sisyphos-am-berg/ (16.6.2024)

Hier ist der Bergsteiger selbst gefordert, indem er den Sinn seines Handelns nicht in der Steigerung seines Bekanntheitsgrades sieht sondern wächst "auf dem Sockel der Pyramide aller Erfahrungen und Werte, die wir unterwegs gewonnen haben"( Walter Bonatti).

33.2.5 Alpine Infrastruktur    

Hier hat der Schweizer Alpenclub/ SAC Regeln formuliert.

• Alle Zielgruppen sind auf den Hütten willkommen

• Hütten werden nach ökonomischen und ökologischen Kriterien geführt

• Schwerpunkte auf Unterhalt und Sanierung

• Keine Neubauten in unerschlossenen Gebieten

• AV erwirbt und erhält schützenswerte Gebiete (Großglockner )

Der Bau und Erhalt und die einheitliche Markierung von Wegen erfolgt durch die alpinen Vereine und teilweise durch die Tourismusverbände.

Aufstiegshilfen sind unverzichtbar für den Erfolg des alpinen Tourismus. Ethische Richtlinien ökologischer Natur können vereinzelt wahrgenommen werden aber oft ökonomischen Interessen unterstellt.

Einzig Umweltzonen und Nationalparks sind einigermaßen geschützt, können aber mittels einfacher Gesetze in Bauvorhaben einbezogen werden.

Alpinausbildner, ob professionell oder als Amateure, sind immer Meinungsbildner und Multiplikatoren. Sie bieten ihr Können, ihr Wissen, ihre Erfahrungen aber auch alpine ethische Grundsätze an, die dann vielfach übernommen werden sollten. Fehler in diesem Bereich können verheerende Folgen nach sich ziehen. In Zeiten der "Ich AG" sollten Alpinlehrende das Gemeinsame vor das Einzelkämpfertum stellen.

Trendsportarten wie Hallenklettern, diverse Eiskletterarten, Freesoloclimbing etc. sind durch Ethikregeln überhaupt nicht erfasst und verfügen über ein eigenes seltsam anmutendes Regelwerk, dass nur für die Teilnehmenden von Interesse ist. Nur die roten Griffe zählen, bei jedem Sturz neu beginnen…usw.

Die Teilnehmenden nehmen beim Wettkampfklettern extrem ab, da in geringes Körpergewicht das Klettern erleichtert. Der Risikofaktor einer Essstörung ist dadurch gegeben.

Der erlaubte BMI (Body Mass Index) beträgt bei Frauen 18, bei Männern 18.5. Allerdings werden die kranken Athleten von der IFSC (International Federation of Climbing) nicht disqualifiziert, falls sie den BMI unterschreiten. Den Sponsoren ist das nicht wichtig. Hauptsache ist die erwünschte Leistung ohne Rücksicht auf Verluste. Die Wettkampfkletterer sind nicht bereit, eine entsprechende Regelung zu akzeptieren. Die Gesundheit begeisterter Menschen wird aus trivialen Gewinngründen auf das Spiel gesetzt.

Beim Schispringen gibt es die gleichen Probleme, bis der BMI auf 21 festgelegt wurde. Die Attraktivität dieser Schisportart blieb trotzdem erhalten.

Beim Hobbyklettern gibt es überhaupt keine Regulatorien, mit fatalen Auswirkungen auf die Gesundheit.

33.2.6 Trends - Entwicklungen    

Das Auftreten neuer Sportarten stellt den alpinen Raum vor neue Herausforderungen.

Das respektieren von Grenzen soll Natur und Umwelt schützen. Jeder Einzelne soll ein Verhalten an den Tag legen, das ethischen Grundsätzen von Naturverträglichkeit und Respekt vor der Umwelt zeigt.

700 000 Schitourengeher sind alleine im Winter in Österreich unterwegs.

IT - Hinweis

https://www.land-oberoesterreich.gv.at/Mediendateien/LK/PKHiegelsberger1132019Internet.pdf (16.6.2024)

Mountainbikezahlen sind überholt, 2015 waren es 600 000, mit der E - Bikewelle hat sich alles verändert.

Hier geht es um ein Miteinander von naturbegeisterten Menschen, die sich gegenseitig aufeinander Rücksicht nehmen sollen. Ethik regelt auch hier das menschliche Verhalten und lässt jedem seinen Platz in der Natur.

Das Befahren von Wildbächen erfolgt soll naturverträglich erfolgen, da es sich um sensible Ökobereiche handelt. Rafting ist eine sehr in Mode gekommene Sportart, die gewerblich intensiv vermarktet wird. Der vorsichtige Umgang mit der Natur nach ethischen Grundsätzen ist nicht wirklich gewährleistet und wenn, dann ist er freiwillig.

Die gemeinsame Raftingtour als integrationsfördernde Aktivität ist nicht zu unterschätzen. Das gemeinsame Erlebnis im Wildwasser, der Zusammenhalt, die Verantwortung, das Erlebnis Natur lassen Klassen – und Kulturunterschiede kurzzeitig verschwinden.

Vom ethischen Standpunkt aus ist das gegenseitige füreinander da sein, die moralischen Grundsätze der Verantwortung füreinander und auch das gemeinsame Abenteuer jene Dinge, die das Gemeinsame über das Trennende stellen.

33.2.7 Bergführerwesen (Wanderführer)    

Der Ehrenkodex des Österreichischen Bergführerverbandes legt folgendes fest.

Der Bergführer trägt unabhängig von seiner Stellung die Verantwortung für alle seine Entscheidungen und muss jedes Projekt, das ihm entweder zu riskant oder ethisch fragwürdig erscheint, ablehnen.

Er lehrt seinen Gäste, sich den Umständen entsprechend verantwortungsbewusst zu verhalten und entwickelt ihre Fähigkeit zur Selbstkontrolle und Eigenverantwortung.

Übertragen auf Alpinlehrende heißt das, dass man eigene ethische Grundsätze haben muss, um in diesem gefährlichen Bereich ausbilden zu können, und dass man dem Gruppendruck der Auszubildenden standhalten muss. Ausbildungskurse und Trainingskurse alpiner Organisationen

Hier gibt es ein breit gefächertes Ausbildungsprogramm, das vom Kind bis zum Senior, alle Altersgruppen erreicht.

Hauptamtliche und Ehrenamtliche werden ebenso ausgebildet wie Anfänger und Fortgeschrittene.

Laut Wikipedia sieht der Alpenverein die Erziehung zum Umweltbewusstsein als anthropologisch - ethische Aufgabe (Zeitschrift des DAV und ÖAV).

Im Wettkampfsport werden unter ethischen Kategorien:

• Keine sexuellen Übergriffe

• "Cool and clean" Schweizer Alpenclub SAC zitiert.

Die "Internationale Vereinigung der nationalen Alpinverbände" (UIAA) versucht unter Ethik die Frage der Bohrhaken zu klären (wann, wo, ob überhaupt, wie viele, wer ?).

Der UIAA ist es wichtiger, "den alpinistischen Geist und die Tradition zu bewahren“, was immer das bedeutet.

Zum Schluss ist noch die Weltdopingagentur (WADA) mit dem Wettkampfsport verlinkt, da müssen noch praktische und ethische Regeln erdacht werden. Doping im Amateursport ist ja im Gegensatz zum Profisport nicht sonderlich bekannt, aber doch ein nicht zu unterschätzender Faktor. An der Praxis sollte man langsam arbeiten, vom ethischen Standpunkt aus muss endlich Klartext gesprochen werden und Doping kategorisch abgelehnt werden.

Ein Appell an den „ alpinistischen Geist“ und die „Tradition“ ist auch hier zu wenig.

Wenn man sieht, welches Engagement gerade die Vereine auf den Gebieten von

• Sport

• Ausbildung

• Wettkampf und

• Umwelt

an den Tag legen, ist im Bereich der Ethik noch viel zu tun.

IT - Hinweis

https://www.nzz.ch/gesellschaft/lebensart/outdoor/ethik-und-moral-am-berg-1.18523583 (16.6.2024)

33.2.8 Militärische Alpinausbildung    

Die größte alpine Ausbildungsstätte Österreichs ist das Österreichische Bundesheer. Seit 100 Jahren werden Heeresbergführer ausgebildet, um Soldaten in schwierigstem Gelände einsetzen zu können.

Heeresbergführer, militärische Erfordernisse und ethische Problematik:

• Der Soldat handelt gehorsam, auch wenn es gefährlich ist.

• Er ist an ethische und fachliche Normen gebunden.

• Eine gefechtsmäßige Risikoverminderung und eine Risikoverminderung der Lawinengefahr kann oft einen gewagten Kompromiss erfordern (30 000 Lawinentote an der Dolomitenfront im 1. Weltkrieg).

• Verschüttetensuchgeräte können vom militärischen Gegner oft geortet werden und eine Bedrohung bedeuten (der militärische Kommandant entscheidet über ihre Verwendung).

• Eine Bergung nach einem Lawinenunfall kann unmöglich sein.

• Hier greifen im Einsatzfall unter Umständen ethische Grundsätze zu kurz.

• Er muss aber richtige Maßnehmen setzen, um seine Soldaten im Gebirge umsichtig vor vermeidbaren alpinen Gefahren zu schützen und alle nötigen Rettungstechniken beherrschen. Das ethische Dilemma der Einsatzmöglichkeit existiert.

• Der Abtransport von Verwundeten und Toten ist eine ethische Pflicht, ein Versagen auf dieser Ebene würde sich verheerend auf die Moral und die Kampfkraft der Soldaten und der Truppe auswirken. Militärische Zwänge stehen dem aber manchmal entgegen.

• Die gegenseitige Hilfeleistung ist also auch hier das höchste Gut, kann aber militärischen Zielen untergeordnet werden und die Kampfkraft der Truppe nachhaltig herabsetzen.

IT - Hinweis

http://miles.ac.at/download/IntOffice/AlleDokumenteZumDownlaod/Incoming/Thesis/2011_Netherlands_nonacademic_Dehm.pdf https://www.heeresbergfuehrer.at/Archiv/TextuFotos/2010/10BdLimGebirge_Gaisw-Pfluegl.pdf (16.6.2024)

33.2.9 Literaturhinweise Alpinethik    

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Bätzing, Werner: Bildatlas Alpen: Eine Kulturlandschaft im Portrait, Darmstadt 2005

Bahrdt, Hans Paul: Schlüsselbegriffe der Soziologie: Eine Einführung mit Lehrbeispielen, München 1984

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Eisenberg, Christiane: Kulturtransfer als historischer Prozess: Ein Beitrag zur Komparatistik, in: Hartmut Kaelble Hartmut u.a. (Hrsg.): Vergleich und Transfer: Komparatistik in den Sozial-, Geschichts- und Kulturwissenschaften, Frankfurt am Main u.a. 2003, S. 399–417

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Wiegelmann, Günter: "Materielle" und "geistige" Volkskultur: Zu den Gliederungsprinzipien der Volkskunde, in: Ethnologia Europaea 4 (1970), S. 187–193

Williams, Cicely: A Church in the Alps: A Century of Zermatt and the English, 5. Aufl., Warwick 1999

Zebhauser, Helmuth (Hg.): Handbuch Alpingeschichte im Museum: Katalog der Säle 2–7 des Alpinmuseums Kempten, München 1991

Langjährige Erfahrung als staatlich geprüfter Bergführer und Heeresbergführer im Ausbildungsbereich und staatlich geprüfter Schilehrer im Ausbildungsbildungsbereich.

33.3 Nachhaltigkeit    

Der normativer Kern "Nachhaltiger Entwicklung" ist die Idee der inter- und intragenerationellen Gerechtigkeit im Hinblick schwindender natürlicher Ressourcen und einer abnehmender Fähigkeit von Ökosystemen, Emissionen aufzunehmen und einer zunehmenden Umweltzerstörung.

33.3.1 Konzept    

Das Konzept verpflichtet eine Sicherstellung, ein sicheres und autonomes Leben führen zu können. Auszugehen ist, die Lebensgrundlagen für alle heute und zukünftig zu sichern und bestenfalls wiederherzustellen (vgl. MEISCH 2014, 6).

Irreführend wäre, von einem genau zu definierenden Zustand "Nachhaltiger Entwicklung" zu sprechen, zumal es kultur-, ort- und zeitabhängige unterschiedliche Gestaltungsräume gibt.

Gründe sind die physischen und soziokulturellen Voraussetzungen in ihrer Unterschiedlichkeit (vgl. Ökosysteme, Gesellschaften und kulturellen Identitäten).

Zu beachten sind außerdem der Wandel der Voraussetzungen im Laufe der Zeit durch natürliche und soziale Prozesse sowie ethisch zu prüfende Vorstellungen (vgl. Klimawandel; Demographie, soziopolitische Umbrüche; Gerechtigkeit).

33.3.2 Umsetzung    

Die Transformation zu einer nachhaltigeren Gesellschaft ist ein wissensbasierter und ethisch orientierter Such-, Lern- und Erfahrungsprozess (vgl. GRUNWALD - KOPFMÜLLER 2012, 12).

Die Wissenschaft trägt durch bestimmte Wissensformen zu diesen Prozessen bei.

Die drei Säulen "Ökonomie - Ökologie - Soziales" sind in den neunziger Jahren entstanden und wurden 2002 beim Weltgipfel von Johannisburg als Maßstab für Nachhaltigkeit verwendet.

Die Gleichgewichtigkeit und Gleichrangigkeit der drei Bereiche sind zentral für eine nachhaltige Entwicklung. Die drei Ziele bedingen sich gegenseitig. Auf diese Weise soll die ökonomische, ökologischer und soziale Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft sichergestellt und verbessert werden.

Eine ganze Reihe von alternativen Nachhaltigkeitskonzepten, die deutlich komplizierter sind, stehen ebenfalls in der Kritik.

Ein großer Kritikpunkt ist die schwere Anwendbarkeit. Das Modell gibt Leitlinien, aber keine konkreten Lösungen vor. Aus diesem Grund ist es wohl auf viele Bereiche anwendbar, die Offenheit wird kritisiert.

Es heißt, die Säulen seien offen für nahezu sämtliche wirtschafts- und sozialpolitische Zielsetzungen wie ein Wirtschaftswachstum, Vollbeschäftigung oder Erhöhung des Steueraufkommens. Auf diese Weise weitet das Modell den Nachhaltigkeitsbegriff sehr aus.

Weiters wird kritisiert, dass die drei Säulen theoretisch aber faktisch nicht gleichrangig sind. Fakt ist die Nachrangigkeit in der Praxis der modernen Gesellschaft der ökologischen Säule ("schwache Nachhaltigkeit"). Natürliche Ressourcen werden durch Human- und Sachkapital ausgeglichen, es zählt nur der Wohlstand auch auf Kosten der Natur.

"Starke Nachhaltigkeit" sollte das Ziel der ökologischen Nachhaltigkeit mit einem Schutz der natürlichen Lebensbedingungen auch als Grundvoraussetzung für ökologische und soziale Stabilität sein.

Das Modell findet sich als Konzept auch in Art. 1 des Vertrages der Europäischen Gemeinschaft wieder.

Es gibt Forderungen einer Erweiterung nach einer vierten Säule mit einer politisch-institutionellen Dimension.

Die UN hat 2015 die "Agenda 2030" für nahhaltige Entwicklung verabschiedet. Dem "UN Global Compact" haben sich über 13 000 Unternehmen angeschlossen. Sie verpflichten sich zu universellen Prinzipien aus den Bereichen Menschenrechte, Arbeitsnormen, Umwelt und Korruptionsprävention. Diese Bereiche lassen sich auf das Modell zurückführen.

33.3.4 Literaturhinweise Ökologie    

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Teil 6 Alpenwanderungen (Gastbeitrag Hans Nosko)    

Vom Going, Parkplatz Weiler Aschau über den Schleierwasserfall zu Ackerlhütte 1456 m/ Wilder Kaiser    

Von Going (Parkplatz) zum Schleierwasserfall: Auf der Forststraße (Schranken) zuerst links des Baches, dann rechts in Schleifen zur Graspoint - Niederalm (bis hierher Winterwanderweg und Rodelbahn). Dort rechts über Wald- und Almgelände zu einer Forststraße, auf dieser fast bis zu ihrem Ende, dann links noch ein kurzes Stück auf einem Steig zum Schleierwasserfall hinauf. Vom Schleierwasserfall zur Ackerlhütte: Am Wasserfall links abbiegen und am Sockel der Felswände, durch die viele Sportkletterrouten führen, etwas mühsam durch lichten Wald zur Graspoint Hochalm (Stanglalm). Am Hang entlang und über einen Rücken zu weithin sichtbaren Ackerlhütte. Abstieg über die gleiche Route. Dauer 3 Stunden 30 Minuten.

Der Ostkaiser ist ein relativ naturbelassenes Gebiet, es existiert keine bewirtschaftete Hütte, nur 2 Almen (Stanglalm und Regalm) mit rudimentärem Angebot während der Almzeit. Die Aussicht auf den Wilden Kaiser ist atemberaubend, eine Wanderung zur „Alten Ackerlhütte“, bei der nur die Grundmauern stehen, ist ein Erlebnis (40 Minuten).

Durch das Dorfertal zum Kalser Tauernhaus/ Nationalpark Hohe Tauern    

Durch die eindrucksvolle Dabaklamm betritt man das Kalser Dorfertal, das auch als Wiege des Nationalparks Hohe Tauern gilt – einen Höhepunkt dabei stellt die spektakuläre Aussichtskanzel mitten in der Dabaklamm dar. Am Weg Nr. 711 startet man beim bim Taurerwirt in die Dabaklamm. Nach passiert der Schlucht gelangt man ins breite Dorfertal und gelangt auf gutem Almweg in 1Stunde 40 Minuten zum Kalser Tauernhaus auf 1755 m Höhe. Hat man das Almtal durch die Klamm erreicht, erzählen in sogenannten Hörbäumen Stimmen von Sennerinnen, Bergbauern, Bergführern, Hüttenwirten und anderen kundigen Kalsern vom Leben im Tal. Es sind Geschichten, die man sonst nur erfährt wenn man die Erzähler persönlich kennt - spannende, lustige, aber auch erschütternde Begebenheiten aus vielen Jahrzehnten. Daneben geben aber auch Schautafeln Einblick in die Natur und Kultur des Dorfertales. Ein Speichersee gigantischen Ausmaßes sollte dieses Naturjuwel nachhaltig zerstören. Erste Ideen zur Nutzung des Speichersees entstanden bereits 1920.

Dort, wo man heute in ein wunderschönes geschütztes Tal hingewandert, sollte eine 220 m hohe Staumauer entstehen. Das ganze Tal hätte man überflutet und eine unvergleichliche Naturlandschaft unwiderruflich zerstört. 1989 kam Wiederstand durch die „Frauen von Kals“ Bei einer Volksbefragung 1987 stimmten 63,7 % gegen ein Kraftwerk. Das war nach Zwentendorf und Hainburg und unvergesslicher Triumph. Ohne dieses Engagement gäbe es heute keinen Nationalpark. Heute kann man in einer unvergleichlichen Naturlandschaft wandern und unvergessliche Eindrücke genießen. Hier trug die Ethik, dass die Natur geschützt werden muss, dazu bei hemmungsloses Gewinnstreben zu verhindern.

Von der Kaiser - Franz - Josefs Höhe - zur Oberwalderhütte/ Großglockner    

Von der Franz - Josefs - Höhe führt der Naturlehrweg Gamsgrube, Wanderweg 02, Teil des Zentralalpenweges relativ flach in Richtung Gletscher. Der Weg führt immer wieder durch Tunnel. Bald erreicht man die Stelle, an der früher die geschichtsträchtige Hofmannshütte stand. Die schon seit langer Zeit verfallene Hütte wurde abgerissen und die Stelle renaturiert. Beim Eschbergl im Wasserfallwinkel endet der Gamsgrubenweg. Ab hier führt der Pfad über den Gletscher in Richtung Großer Burgstall und Oberwalderhütte 2947m (Dauer 3 Stunden bei 652 m Höhendifferenz).

Von der turbulenten Franz - Josefs - Höhe verlässt man den Trubel durch den Tunnel und kommt auf einen Höhenweg, der unglaubliche Ausblicke auf den Großglockner bietet. Durch den Gletscherrückgang der letzten Jahrzehnte entstand am unteren Pasterzengletscher, auf den man hinabblickt, eine Mondlandschaft Vor 40 Jahren stand knapp unter dem Weg die heute renaturierte Hoffmannshütte von der der Gletscher in 5 Minuten erreicht werden konnte.

Je nach Kondition kann man die Wanderung beim Wasserfallwinkel nach einer Stunde beenden. In weiterer Folge sind am Boden des ehemaligen Gletschers große Markierungen angebracht, die im Juli und August gut sichtbar sind. In diesem Gebiet wird einem durch den Blick von oben, die Gletscherschmelze drastisch vor Augen geführt.

Teil 7 Alpensagen (Gastbeitrag Herbert Jenewein)    

Einleitung    

Der alpine Kulturraum ist geprägt von Almregionen. Neben ihrer Bedeutung für die Berglandwirtschaft, bieten die Almregionen auch Erholungsraum, die Erhaltung von Schutzräumen für die Siedlungsstruktur in den Alpen.

Für die Volkskunde weisen Sagen und Mythen auf eine rege literarisch - sprachliche Kultur hin.

1 Sagenwelt Österreich    

Für den europäischen Kulturkreis bilden bis zum Ende des 19. Jahrhunderts die Kategorien Aussaat und Ernte, Geburt, Hochzeit und Tod die wichtigsten Interessendominanten der Agrarkultur.

Grundsätzlich lässt sich die Erzählüberlieferung und Motivik alpiner Provenienz in zwei Gruppen einteilen.

Zur ersten Gruppe gehören Erzählungen, die primär aus dem Denken und Leben der Alpenbewohner entstanden sind. Hierzu gehören die Sagen, wie die von der „Sennenpuppe“, vom „Wintersenn“, dem „Alperer“ und den „Saligen“.

Die zweite, wesentlich größere Gruppe umfasst Sagen, die das spezifische Milieu wiedergeben, deren Protagonisten jedoch nur modifizierte Gestalten aus Sagentypen allgemeiner Verbreitung sind. Das bedeutet, dass es sich um Motive und dramatis personae handelt, die oikotypisch sich dem Milieu der Almsagen anverwandelt haben. Hierzu gehören Sagen von der „Todesbotschaft“, vom „Aasgeschenk des Wilden Jägers“ u.a., die in den meisten Regionen Mitteleuropas verbreitet sind, weiters die Sagen von betrügerischen Hirten und Sennen , die nach dem Tod umgehen müssen (Wiedergänger), von Grenzfrevlern, die den Grenzstein zu ihren Gunsten versetzen. Sie sind überall dort verbreitet, wo fruchtbares Land knapp ist, so auch auf den Almen.

Quelle: L. Petzoldt, in: G. Hirschfelder u.a. (Hg.): Kulturen – Sprachen – Übergänge, Weimar 2000, 277 - 290

Anmerkung: Oikotyp=griech.Oikos, Haus, zum Haus gehörig. Allgemeiner bezeichnet man unterschiedliche regionale Züge in Erzählungen desselben Typs als Oikotypen. Ätiologisch = griech.aitia, die Ursache. Bezeichnet Erzählungen, die von der Entstehung eines Brauchs, eines Bauwerks u.ä. berichten und diese aus einem Ereignis der Vergangenheit ableiten (Erklärungs- oder Ursprungssagen).

1.1 Steiermark    

Das Kasmandl und der Steirerkäse

Die Grafenbergalm wurde von ein paar tüchtigen Sennerinnen mustergültig bewirtschaftet. Gab es länger keinen Regen, mussten sie zu einer Quelle absteigen, um Wasser zu holen.

Eines Tages war eine Sennerin bei der Quelle und bemerkte ein kleines, grau gekleidetes Männchen. Als sie auch noch das faltige Gesicht sah, wusste sie, dass es ein Kasmandl war. Sie schlich sich an, packte es und obwohl es sich mit Leibeskräften wehrte, trug sie es zur Almhütte hinauf. Als sie mit dem kleinen Mandl bei der Almhütte angekommen war, kamen die anderen Sennerinnen herbei. Da das Männchen so zierlich und liebenswert aussah, wollten es die Frauen unbedingt behalten und steckten es in eine leere Milchkanne.

Das Kasmandl aber flehte um seine Freiheit und sagte: "Wenn ihr mir meine Freiheit wiedergebt, beschenke ich euch. Ich zeige euch, wie man aus Milch einen besonderen Käse machen kann!" Die drei Sennerinnen waren von diesem Vorschlag begeistert und bald wussten sie, wie man den Steirerkäse machen kann. Das Kasmandl bekam seine Freiheit und lief davon. Doch eine der Sennerinnen meinte: "Wie wär´s, wenn wir das Mandl noch einmal einfangen, damit es uns noch ein anderes Geheimnis verrät?"

Sie liefen rasch zur Wasserquelle hinunter und erwischten gerade noch das Kasmandl, bevor es es verschwinden wollte. Sie hielten es fest und ließen es nicht mehr los. Da flehte das Kasmadl: "Bitte, lasst mich aus! Ich verrate euch dafür ein weiteres Geheimnis!" Die Sennerinnen waren einverstanden und gingen auf den Vorschlag ein. Jetzt erfuhren sie vom Kasmandl, wie man aus Buttermilch einen bröseligen Topfen (Schotten) machen kann. Damit waren die Frauen zufrieden und ließen das Mandl aus, das sicherlich noch einige Geheimnisse gewusst hätte.

Quelle: Sagen aus der Steiermark/ Hrsg. Peter Stelzl (2012), 112, Graz

Anmerkung: „Kasmandl - Sagen“ geben auf einer symbolischen Ebene Nachricht von Ängsten und Nöten sowie Wertvorstellungen der früheren bäuerlichen Gesellschaft. Als Verbindungsglieder zwischen kontrollierbarer Kultur und unberechenbarer Natur dienen sie dazu, plötzliche Unglücksfälle oder nicht vorhersehbare Ereignisse zu erklären. Das Kasmandl ist ein koboldartiger Dämon, der nach dem Abzug der Senner auf Almhütten haust. Oft tragen diese Dämonen die Züge von Sennern, die zu Lebzeiten schuldhaft Nahrung, Tiere und Geräte verkommen ließen. Damit müssen sie so lange auf den Almen ihr Unwesen treiben, bis sie durch bewusste oder unbewusste Hilfe die erhoffte Erlösung finden.

1.2 Vorarlberg    

Die schwarze Kuh

Ein Hirt hatte einmal im Herbst bei der Abfahrt von der Alpe Latonz eine schwarze Kuh vergessen. So blieb ihm nichts anderes übrig, als noch einmal auf die Alm zu gehen, um sie zu suchen. Er fand die Kuh richtig am "Stafel" liegen. Da aber bereits die Dämmerung einsetzte, stellte er dieselbe in die Alphütte. Er selbst legte sich dort auf die Pritsche, um oberhalb der Küche über Nacht zu schlafen.

Es mochte so um Mitternacht gewesen sein, als er durch einen großen Lärm aus seinem Schlummer geweckt wurde. Da sah er unter ihm im "Deihja - Gmach" (Deihsa, Sennhütte) einen Haufen fremder Leute, die eifrig mit Kochen, Sieden und Braten beschäftigt waren. Der Hirt schaute ihnen eine Weile zu, aber es war ihm ganz unheimlich zumute.

Auf einmal rief einer der Leute:"Los, du da oben auf der Pritsche, magst du kein Fleisch?" Der Hirt antwortete: "Ja, ich mag", und darauf musste er herab von seiner Lagerstätte, um mit den Unbekannten mitzuhalten. Das Fleisch war gut, aber auf einmal merkte der Hirt, dass seine schwarze Kuh im Stall draußen ein ungeheures Loch in ihrem Leibe hatte. Er dachte sich, "die Kerle haben das Fleisch meiner Kuh aus dem Leibe geschnitten, und bis es morgen wird, fressen sie dieselbe ganz auf". Trotzdem machte er wohlweislich vor den fremden Gästen seinem Ärger nicht Luft.

Nachgerade fingen die Leute an zu musizieren und zu tanzen, dass die Alphütte fast aus den Fugen geriet. Der Hirt schaute stillschweigend zu, bis ihn einer der Fremden fragte: "Willst du nicht unsere Musik lernen?" "Ja, gerne", sagte er, "besonders flöten. Da gab man ihm eine Flöte in die Hand mit der Weisung, nun tüchtig zu blasen. Er tat wie man ihm sagte. Und siehe da, er konnte die Flöte so zierlich und lieblich blasen, als ob er es jahrelang eingeübt hätte. Er selbst musste sich eingestehen: "Habe ich doch nie gewusst, dass ich ein so guter Musikus bin".

In seiner Freude über die so plötzlich errungene Kunstfertigkeit vergaß er im Stall draußen ganz und gar auf die schwarze Kuh.

Bei des Tages Grauen machten sich die Fremden alle auf den Weg. Der Hirt schaute ihnen noch nach. Doch danach sah er in der Dämmerung an der Tür der Alphütte eine Haut ausgespannt, die er fast als die seiner schwarzen Kuh zu erkennen vermeinte. Als es vollends Tag geworden war, konnte er die Kuhhaut an der Tür plötzlich nicht mehr entdecken. Der Hirt sah seine Kuh unversehrt in der Alphütte stehen. Die Flöte, die er die Nacht über so trefflich geblasen hatte, war ihm geblieben. Er machte sich mit der Flöte und der schwarzen Kuh auf den Rückweg ins Tal.

Quelle: Die Sagen Vorarlbergs, herausgegeben von Richard Beitl, Feldkirch 1950, 142

Anmerkung: In den Sagen ist Putz ein Name für Dämonen. Man versteht darunter ein kleines, verunstaltetes Geisterwesen, das sich durch undeutliche Geräusche offenbart. Jacob Grimm bezeichnet Pütze in seiner Deutschen Mythologie als eine "gesonderte Gesellschaft". Diese fasst er in "Wichte und Elbe" zusammen. Den Pützen wird in den Sagen Vorarlbergs meist ein gutmütiges Wesen zugeschrieben. Während des Sommers hausen sie im Inneren der Berge. In den Herbst- und Wintermonaten wohnen sie in verlassenen Alphütten. Über ihre Tagesarbeit ist wenig überliefert, doch ist ihnen etwas Übermenschliches beigemischt. Meistens können sie sich auch unsichtbar machen. Weiters besitzen sie einerseits die Kraft einem Menschen zu schaden, andererseits können sie einem in Not geratenen Menschen auch helfen. Die rund 2OO Jahre alte Sage, die in ähnlichen Fassungen heute noch im Montafon lebt, gehört in die Überlieferung vom schmausenden und danach abziehenden Nachtvolk.

1.3 Oberösterreich    

Der tote Schnee

Noch heute wird im Gebiet um den Dachstein von „verwunschenen“ oder „verschniebenen“ Almen erzählt. Die Namen dieser ehemaligen Almen heißen „Gosau - Gletscher“, „Karls - Eisfeld“ und „Der tote Schnee“.

Die zuletzt genannte Alm zeichnete sich durch gesunde Kräuter und fette Milch aus. Kaum irgendwo sah man so stattliches Weidevieh wie auf dieser Alm. Doch wegen der großen Arbeitsbelastung konnte die Brentlerin die Alm nicht mehr allein betreiben. Sie stellte daher mehrere arbeitsame junge Dirnen in den Dienst. Nun konnte man Unmengen von Schmalz, Butter, Käse und Schotten herstellen. Schließlich wusste die Brentlerin aber nicht mehr, wohin mit dem Ganzen? Es kam dazu, dass sie übermütig wurde.

Eines Tages wurde die Alm von einem schweren Unwetter, das sich über dem mächtigen Dachstein zusammenbraute, heimgesucht. Riesige Wassermassen ließen die Wildbäche anschwellen und über die Ufer treten. Mit unheimlicher Gewalt wurden große Bäume, Brücken und Stege mitgerissen. Am nächsten Tag erkundigten sich die Dirnen bei der Brentlerin, ob man nicht Holzknechte holen sollte, um die zerstörten Brücken wieder herstellen zu können? Doch sie wollte davon nichts wissen und meinte:“Ich pfeife auf die Holzknechte, denn wir bauen die neuen Brücken aus Butter und Käse“.

So wurden nun die Teile der Brücken und Stege aus dem besten Almkäse hergestellt und mit wertvoller Almbutter verleimt. Kaum waren die Dirnen mit der Arbeit fertig, kam für die Frevlerinnen die gerechte Strafe. Plötzlich versank die weitum bekannteste und beste Alm. Von der Hütte blieb nur mehr ein vereister Schneehaufen übrig. Seither ist der einst so fruchtbare Boden vergletschert. Sowohl die Brentlerin mit ihren Dirnen als auch das Almvieh erstarrten zu Eis.

Quelle: Sagen aus Oberösterreich/ Hrsg. L. Petzoldt, München 1993, 39

Anmerkung: Von „verschniebenen“ und „verwunschenen“ Almen ist im gesamten Alpenraum die Rede. Ob in Zeiten des fortschreitenden Klimawandels mit dem Abschmelzen von Gletschern jene untergegangenen blühenden Almen, von denen diese Sagen zu berichten wissen, wieder ans Tageslicht kommen, bleibt vorerst dahingestellt. Erwiesen ist jedoch, dass die Alpen seit ihrem Bestehen von größeren und kleineren Eiszeiten heimgesucht wurden. So gab es zum Beispiel ab 1550 eine „Kleine Eiszeit“.

1.4 Salzburg    

Die Melkerlöcher

Auf der „Häuslalm“ im Kapruner Tal war ein Melker, der samt den Hütern nichts als prasste, spielte und fluchte. Eines Tages als der Melker gerade nach alter Tradition ein Vollmilchbad nahm, kam ein riesiger Teufel in die Almhütte und trug dem Melker das „Hosenrecken“ an. So heißt im Salzburger Pinzgau der ortsübliche Ringkampf. Dabei versuchen die jungen Burschen den Gegner aufzuheben und auf den Boden zu werfen.

Der Melker war nicht faul , stieg aus dem Bad und fing mit dem Teufel den Kampf an. Mit aller Wucht warf er den Gehörnten gegen die Wand, sodass er sich dabei sein linkes Horn abbrach. Es dauerte nicht lange, bis ein zweiter, viel kleinerer Höllenbewohner bei der Tür herein schaute. Der Melker machte mit ihm kurzen Prozess und tauchte ihn tief in den “Schargkast" (Mistbehälter)ein, sodass er vom Kuhmist ganz grün wurde.

Bald nachdem der Überwundene das Weite gesucht hatte, kam ein ganz kleines Teufelchen , das dem Melker als Gegner viel zu schwach erschien, um mit ihm das „Hosenrecken“ zu beginnen. Da geriet der Melker aber an den Falschen, denn dieser erfasste die Wanne samt dem Melker und fuhr damit auf und davon. Man sieht heute noch sieben „Melkerlöcher“ an den Felswänden der Leoganger Steinberge, durch die seine Fahrt zur Hölle ging. Am Birnhorn bei Saalfelden ist eines davon.

Quelle: Sagen aus Salzburg/ hrsg. L. Petzoldt, München, 1993, 169

Anmerkung: Der Teufel steht in vielen Sagen als große Straf- und Sanktionsfigur hinter allem, was verboten und tabuisiert ist und erzeugt somit bei Übertretungen ein schlechtes Gewissen.

1.5 Kärnten    

Der Teufel als Liebhaber

Es ist schon lange her, dass das Lesachtal eine einzige Alpe war. Diese wurde nur von einer Handvoll Hirten bewohnt. Mehrmals kam zur Tochter eines der Hirten ein fremder Mann mit einem grünen Rock und einem grünem Hut mit einer Spielhahnfeder darauf. Der Fremde hatte es auf die Tochter eines Hirten abgesehen. Ihr erzählte er immer wieder vom Heiraten. Einmal kam der Jägersmann gar mitten in der Nacht zu ihr. Er versuchte mit allen Mitteln das gute Kind auf die abiche Seite (verkehrte, schlechte Seite) zu bringen. Da bemerkte das Mädchen erst, dass der fremde Jägersmann einen hohlen Rücken ohne Rückgrat hatte.

Dies ging dem Mädchen so durch den Kopf, dass sie am nächsten Tag den Pfarrer von St. Daniel im Gailtal aufsuchte, um ihm die ganze schaurige Geschichte zu erzählen. Der Pfarrer erkannte gleich, dass es sich beim fremden Mann um das „Ganggerle“ handeln musste! Darauf erklärte er dem um Rat bittenden Mädchen: „Man kann nicht sagen, dass der Teufel hinterlistig ist, sondern er ist einfach dumm. Sollte er aber wieder zu dir kommen, so gibst du dich besonders freundlich. Frage ihn einfach, wovor er sich am meisten fürchtet? Die Hirtentochter bewahrte diesen Rat für sich.

Beim nächsten Besuch befragte sie nun den Teufel, wovor er sich am meisten fürchtet? Wie vom Blitz getroffen erwiderte er:“Hobrat (arabratum), Widertot und Speik sind gut fürs „Alpenreiten“. Einen Tag später begab sich das Mädchen wieder zum Pfarrer. Dieser weihte die Kräuter und band sie dem gläubigen Mädchen um den Hals. In der folgenden Nacht erschien der Teufel unter einem furchtbaren Lärm beim Mädchen. Doch plötzlich ergriff er unter Feuer und Flammen die Flucht. Seitdem ist es bei den Bauern im Lesachtal üblich, alle Jahre einen Buschen Alpenkräuter in der Kirche weihen zu lassen. Die Kräuter Hobrat, Widertot und Speik bilden dabei drei wichtige Bestandteile.

Quelle: Sagen aus Kärnten/ Hrsg. L. Petzoldt, München 1993, 47

Anmerkung: Fraglos ist der Teufel eine der häufigsten und wichtigsten Figuren der Volksüberlieferung. In Sagen aus Kärnten und Tirol tritt der Teufel auch als Liebhaber auf.

1.6 Niederösterreich    

Eine Kröte melkt eine Kuh

In Luden im südöstlichen Waldviertel erzählte einmal ein alter Bauer namens Schmid dem Ziering, der damals Wirt war, folgende Geschichte: In Fratting (gehört heute zu Tschechien) im benachbarten Deutsch-Mähren?? beschwerte sich eine Bäuerin beim Halter: „Meine Kuh gibt seit vier Wochen zu wenig Milch. Entweder spielt da eine Hexe mit und diese zapft Milch von meiner Kuh ab oder du bist ein Spitzbub und holst dir von meiner Kuh die Milch!“ Der Halter wies jeden Verdacht energisch von sich. Er erklärte der Bäuerin: „Ich werde auf deine Kuh besonders achtgeben. Mir ist aber bereits aufgefallen, dass deine Kuh auf dem Heimweg immer neben einer Mauer halt macht und dort längere Zeit herum steht.

Am nächsten Tag ging die Kuh, wie sonst auch, dem anderen Vieh voraus. Im Bereich der Mauer blieb die sie aber wieder stehen. Der Halter ging zur Kuh und erblickte eine große Kröte, die an einer Zitze der Kuh saugte. Er reagierte schnell und versetzte der Kröte mit seinem Stock zwei Schläge. Darauf ließ sie von der Zitze los, sodass sie auf den Boden fiel. Kurz darauf setzte sich der Viehtrieb wieder in Bewegung. Bald darauf erreichte der Halter mit dem Vieh das Dorf. Die Leute erzählten ihm, dass man gerade ein altes Weiblein, das schon seit längerem der Hexerei bezichtigt wurde, halb erschlagen in ihrer Kammer aufgefunden habe. Für den Halter war damit das Rätsel gelöst, denn er wusste nun, wer die Kröte war. Der Bäuerin verriet er aber nichts. Erst Jahre später, als schon längst niemand mehr an die Geschichte dachte, machte die Frau des Halters diese wieder publik.

Quelle: Sagen aus Niederösterreich/ Hrsg. L. Petzoldt, München 1993, 197

Anmerkung; Die Hexen sind als große Kröten in die Kuhställe gegangen und haben, wenn die Kühe am Boden gelegen sind, aus dem Euter der Kühe die Milch ausgesoffen. Kröten und Frösche sind oft ehemalige Menschen, die wegen begangener Sünden verwünscht wurden. Meist können sie aber mit Hilfe der Menschen wieder erlöst werden. Andererseits sind sie aber auch mit dem Bösen verknüpft.

1.7 Tirol    

Der Almgeist und die Eierschalen

In der Gegend von Ellmau am Wilden Kaiser war früher eine der größten Almen des Tiroler Unterlandes. An die Alm grenzte ein mythischer Wald, den man den Awald nannte. Auf der Awaldalm geisterte es aber auch. Der Geist arbeitete nur während der Nachtstunden „umeinander“. Am nächsten Morgen war dann einiges in der Hütte anders aufgestellt als am Abend des Vortages. Um den Geist wieder los zu werden, holte man den Rat eines Kapuziner Paters ein. Dieser meinte, man sollte die ganzen Hafelen, Schalen und Eierschalen zur Abwehr des Almgeistes auf den Herd legen. Danach vergingen die Jahre , ohne dass man den Rat des Paters umgesetzt hätte.

Endlich kam eine neugierige und mutige Sennerin auf die Awaldalm. Sie hatte keine Ängste vor einem Geist, sondern wollte den Dingen, die nicht ganz geheuer waren, auf den Grund gehen. Bald sollte sich eine Gelegenheit dazu ergeben. An einem Sonntag im Juli erreichte eine Gruppe von Männern und Frauen die Alm. Die Sennerin packte die Gelegenheit beim Schopf und kochte ihnen einen großen Topf vollk Eier. Nach dem Essen sammelte sie die Eierschalen ein. Doch damit hatte sie noch nicht genug. Die Sennerin holte zusätzlich auch von den anderen Hütten die übriggebliebenen Eierschalen.

Danach legte sie die Eierschalen auf den Boden, auf die Bänke sowie auf den Herd. Sie war voller Erwartung, dass der Geist bestimmt auf eine Eierschale treten müsste. Nachher machte es sich die Sennerin im Schlafkasten der Nebenkammer gemütlich und wartete. Bald danach vernahm die Sennerin eine wehmütig klingende Stimme: “Ich bin schon alt und weiß den Awald neunmal Wiese und neunmal Wald, aber so viele „Hafelen“ und „Hiefelen“ wie heut, hab ich überhaupt noch nie gesehen!“ Danach suchte der Geist das Weite und ließ sich nie mehr auf der Awaldalm blicken.

Quelle: Volkssagen, Bräuche und Meinungen aus Tirol/ Hrsg. Johann A. Heyl, Brixen 1897, 67

Die wilden Fräulein von der Baumgartner Feldalm (Kitzbüheler Alpen)

Es ist schon lange her, als auf der Baumgartner Feldalm eine Gruppe wilder Fräulein lebte. Die Alm gehörte einem reichen Bauern, der seine Kühe zu Sommerbeginn auf die Feldalm trieb. Damals war diese Alm reich an saftigen Gräsern und Kräutern. Die Kühe gaben doppelt so viel Milch als auf anderen Almen.

Etwas oberhalb der Alm lebten die wilden Freil (=Fräulein). Oft baten sie den Senner um Butter und Milch. Gerne erfüllte dieser ihre Wünsche, weil er dadurch für die Alm viel Segen bekam. Nachdem ein neuer Senner die Geschicke der Alm lenkte, war es aber mit dem übergroßen Segen vorbei. Die Almleute wurden übermütig, hart und gottlos. Sie lebten in Saus und Braus und spielten mit den Butterknollen Kegel.

Diesen übermütigen Frevel konnten die wilden Freil nicht ertragen und weinten viel über diese Zustände. Sie beklagten sich beim Senner, dass sie nun dem Hungertode ausgeliefert seien. Durch die Luft hörte man die Worte "Pero, Pero (= bergab) - wir sehen uns nimmermehr!" Seitdem wurden die Erträgnisse, die auf der Feldalm erwirtschaftet wurden, immer schlechter.

2 Sagenwelt Südtirol    

Der "Kuinzen"

Im „Thole“ (Tal) - so heißt in der Gegend von Bruneck das Ahrntal – erzählt man folgende Geschichte: „Endern“ Gebirge, auf Zillertaler Boden, lag eine Almhütte, welche die „Kuinzenhütte“ genannt wurde. Die Alma (Almleute) haben mit der Gottesgabe öfters Schindluder getrieben. Einer der Knechte schnitzte eine hölzerne Puppe, die den Almputz darstellen sollte. Nachher setzten sie der Puppe einen Hut auf und nannten sie den „Kuinzen“.

Sie strichen ihm mit einem Löffel Mus ein. Da er sich noch immer nicht rührte, versuchten die Alma dem „Kuinzen“ Schnaps einzugeben. Auf einmal ist der kohlrabenschwarze Putz aber lebendig geworden. Er hat alles wie ein Mensch zu sich genommen. Die Alma fürchteten sich immer mehr vor dem Putz. In ihrer Not fiel ihnen ein Kapuziner Pater ein. Sie befragten den Pater, wie sie den Putz wieder loswerden könnten. Der Pater verlangte von ihnen, dass sie ein schwarzes Stierkalb sieben Jahre lang mit Milch aufziehen und zügeln müssten.

Als die Zeit um war, sind sie dann mit dem schwarzen Stier an der Spitze gegen Alm gefahren. Dieser ist dabei auch in die „Rachhütten“, hinein gekommen. Es ist dies der erste Stall im Sondergrund. Dabei hatte der Stier plötzlich angefangen ganz wild zu brüllen. Als der Stier dann zur „Kuinzenhütte“ gekommen ist, da hat er den Lotter (Mann) mit voller Wucht niedergestoßen und getötet.

Erzähler: Johann Kottersteeger, vulgo Waldner, 75 Jahre, Senner; Ort: Prettau/ Ahrntal

Quelle: Sagen aus Südtirol/ Hrsg. von M. Direder - Mai und L. Petzoldt, München 1993, 112

3 Sagenwelt Bayern    

Der Unnütz

Zwischen Achenkirch und Steinberg am Rofan (Grenzgebiet Tirol - Bayern) gibt ein schroffer und kahler Bergrücken den Blick sowohl ins bayerische obere Isartal frei als auch zum in Tirol liegenden Achensee. Vor langer Zeit war dies aber ganz anders. Damals bestand der größte Teil des Berges aus grasreichen Almböden mit vielen gesunden Kräutern und bunten Blumen.

Dort lag die ertragreichste Alm des ganzen Grenzgebietes. Das Almvieh konnte ohne abzustürzen auf seinen Hängen grasen. Die Kühe wurden ob der guten Futter - Situation dreimal am Tage gemolken. Dicke Käselaibe und feine Almbutter füllten die Speicher. Dadurch wurden die Almleute immer reicher. Sie errichteten in einer Senke sogar eine Kegelbahn. Die Butter benutzten sie zur Herstellung der Kegel. Aus den aromatischen Käselaiben formten sie die Kugeln.

Als die Sonne bereits etwas tiefer stand , beschäftigte sich eine lustige Gesellschaft wieder einmal mit dem Kegelscheiben. Währenddessen braute sich langsam ein Gewitter zusammen. Immer mehr schwarze Wolken türmten sich auf und verdunkelten die Gegend. Plötzlich entlud sich unter heftigem Donnern und Blitzen ein schweres Unwetter. Die Wassermassen schwemmten den kostbaren Almboden hinweg und verwandelten kleine Bäche in reißende Wildbäche. Anstelle der Alm ragte nur mehr ein unfruchtbarer, kahler Berg in den Himmel.

Quelle: Günther Kapfhammer: Bayerische Sagen, Düsseldorf - Köln, 1971, 39

Anmerkung: Die nachlassende Fruchtbarkeit der Almböden sowie der sinkende Futterwert der Almgräser wurde früher als Strafe des Himmels angesehen.

4 Sagenwelt Schweiz    

Eine der scheinbar genuin dieser Landschaft zugehörigen Sage ist die vom Grenzverlauf, deren bekannteste Version, der Grenzstreit zwischen den Kantonen Uri und Glarus in der Schweiz, bei den Brüdern Grimm zu finden ist (nach Wyss).

Es ist eine ätiologische Sage, die eine strittige Grenzziehung auf die Weise festlegt, dass, wie es im Sagentext heißt, „Zur Tag- und Nachtgleiche (….) von jedem Teil (Ort) frühmorgens, sobald der Hahn krähte, ein rüstiger, kundiger Felsgänger ausgemacht werden und jedweder nach dem jenseitigen Gebiet zulaufen solle und da, wo sich die beiden Männer begegneten, die Grenzscheide festgesetzt bleiben“ solle.

Beide Parteien versuchen das Schicksal zu manipulieren, indem sie nach einem Hahn suchen, der möglichst früh krähe. Die Urner geben ihm – im Gegensatz zu den Glarnern – nur wenig zu essen und trinken und der schmachtende Hahn kräht zuerst, so dass der Urner Läufer einen groß en Vorsprung hat. Als der Glarner zu spät auf ihn stößt, bittet er den Urner, ihm noch ein Stück des Weidelandes zuzugestehen. Schließlich lässt sich der Urner erweichen und sagt: „So viel will ich dir noch gewähren als du, mich an deinem Hals tragend, bergan läufst.“ Der Glarner Senn läuft nun mit dem Urner auf dem Rücken bergan bis er tot zusammenbricht: „Und noch heutigentags wird das Grenzbächlein gezeigt, bis zu welchem der einsinkende Glarner den siegreichen Urner getragen habe.“

Anmerkung: Ohne auf die Geschichte dieser Sage näher einzugehen, sie reicht bis in die Antike zurück und ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie Sagenstoffe wandern und sich in dem Milieu festsetzen, dem ihre inhaltliche und logische Struktur am besten entspricht.

Die Klaridensage (Schächental im Kanton Uri/ Zentralschweiz)

Vor langer Zeit bestand eine große Fläche des Clariden, einem über 3200 Meter hohen Gebirgsstock im Kanton Uri, aus fetten Alpweiden. Damals lebte ein Senn auf der Claridenalp, der eine leichtfertige Dirn namens Kathry bei sich aufnahm. Die Kühe wurden dreimal am Tag gemolken. Für den Senn und seine Dirn war die beste Kost gerade gut genug. Damit sich die Dirn rund um die Alphütte nicht dreckig machte, pflasterte der Senn mit vielen Käselaiben den Vorplatz sowie den Weg von der Sennhütte zum Käsgaden (Käsespeicher). Die Zwischenräume verfugte er fein säuberlich mit Almbutter. Sobald die Käselaibe verschmutzt waren, wischte er diese mit frisch gemolkener Milch wieder sauber. Die Füße von Senner und Dirn sollten dadurch immer sauber bleiben. Beide verbrachten den Almsommer in Saus und Braus.

Für ein paar Wochen blieb auch die Mutter des Senners auf der Alp. Während für sie zuhause Schmalhans Küchenmeister war, wollte sie auf der Alp ihren ausgehungerten Magen mit Süffi verwöhnen. Aber ihr undankbarer Sohn hatte sich für die Mutter eine besondere Speise ausgedacht. Er vermischte die Milchspeisen mit Pferdeharn. Die Mutter fühlte sich von ihrem eigenen Sohn schwer geschädigt und verließ unter heftigem Fluchen die Alp. Während des Abstieges von der Alp ins Tal verwünschte sie ihren undankbaren Sohn und erbat sich von Gott eine gerechte Bestrafung ihres gottlosen Sohnes.

Bald braute sich über dem Gebirgsstock des mächtigen Clariden ein noch nie dagewesenes Unwetter zusammen. Die Begleitmusik dazu lieferte ein extrem lautes Donnern und Krachen. Plötzlich fing der Boden der Alp zu beben an. Innerhalb weniger Minuten stürzten vom Clariden riesige Fels- und Eisbrocken auf die Alp. Gleichzeitig taten sich im Alpboden große Spalten auf, in denen sowohl die gealpten Tiere als auch der Senner mit seiner Dirn versanken. Gegen Abend fing es plötzlich zu schneien an. Der heftige Schneefall hielt zwei Tage lang an. Dadurch verwandelte sich der einst fruchtbare Boden der Alp in eine riesige Schnee- und Eisfläche. Damit war es mit der grasreichen Claridenalp endgültig vorbei.

Quelle: Müller Josef: Sagen aus dem Kanton Uri, Basel, 1. – 3. Bd. (Neudruck 1969)

Anmerkung: In der Klaridensage tritt das Motiv des Speisen - Vergeudens zutage. Das im christlichen Bereich so wesentliche Moment der Vergebung einer Sünde ist dieser Sagengruppe fremd. Deshalb ist der Kern dieser Sage tiefer und breiter verwurzelt. Auffallend ist, dass der früher verbreitete Glaube vorherrschte, wonach die Almweiden einst viel ertragreicher gewesen seien.

Literaturhinweis

Herbert Jenewein (2002): "Wandern zu Sagen und Mythen im Wilden Kaiser", Tyrolia Verlag, Innsbruck

Herbert Jenewein (2022): "Volkskundliche Aspekte. Kulturwissenschaftlich - volkskundliche Beiträge aus Tirol", Akademiker Verlag

Herbert Jenewein: Almsagen in den Regionen Tirol, Südtirol, Vorarlberg, Salzburg, Kärnten, Oberösterreich, Steiermark, Bayern und die Schweiz, in: Fachzeitschrift Der Alm- und Bergbauer 1 - 2/ 2020 und 1 - 2/ 2021

Teil 8 Der Wolf in Europa    

Vorbemerkung    

Der Wolf ist in den mitteleuropäischen Raum zurückgekehrt. Die Begeisterung ist ebenso groß wie die Unsicherheit und die Einschätzung von Gefahrenmomenten.

Erkenntnisse der Wildkunde, Verhaltenskunde, Volkskunde und Politischer Bildung werfen Fragen auf, die ein komplexes Thema betreffen und einen Beitrag zu einem Diskurs anbieten.

Ausgangspunkt der Überlegungen und des Interesses sind die

  • Absolvierung des Studiums der Erziehungswissenschaft/ Universität Innsbruck,
  • Absolvierung des Universitätslehrganges Politische Bildung/ Universität Salzburg - Klagenfurt,
  • Absolvierung des Fernstudiums Nachhaltige Entwicklung/ Comenius - Institut Münster und
  • Auseinandersetzung mit der Fachliteratur.
Nutztiere fallen dem Wolf zum Opfer. Für Naturschutzorganisationen steht der Schutz des Wolfes an erster Stelle.

Die Studie gliedert sich in eine Vorbemerkung, Einleitung, Allgemeines zur Wolfspopulation, Wolfspopulation in Europa, Wölfe in Österreich, Wölfe in der Schweiz, Aspekte der Landwirtschaft und einer Politischen Bildung, einen Mediendiskurs, Wölfe in Märchen und Mythologie und eine Zusammenfassung.

Angestrebt wird eine Versachlichung der komplexen Thematik. Unabhängig davon versteht es sich selbstverständlich, den aktuellen Diskurs vielschichtiger anzuregen.

Aus der Sicht Politischer Bildung sind daher die verschiedenen Aspekte der relevanten Institutionen und gesellschaftspolitischen Vertretungen von Interesse.

1 Einleitung    

Der Wolf im Tal und Almregionen

SN - Online 18. 05. 2026, 14:00 Uhr

Die neuerliche Diskussion in Form einer sachlichen Darstellung der Problematik einer Rückkehr von Wölfen in die alpine Region mit allen Schwierigkeiten steht der Realität einer Berglandwirtschaft und Tourismusregion mit ihrer Bipolarität und Komplexität des Sachverhalts entgegen.

Die Beutegreifer bzw. Wildtiere kümmern sich nicht um den Tierschutz und richten mitunter ein Blutbad unter Schafherden an und gefährden zunehmend die Alm- und Erholungszone im Gebirge und kommen bis in die dicht bewohnten Täler.

Was in den Westalpen mit einem Herdenschutz möglich ist, kann man nicht deckungsgleich in der Region der Ostalpen umsetzen, fehlen doch ein Hirtenwesen für die Almregion und die organisatorischen Voraussetzungen. Ein Wunschdenken einer Rückkehr in die mehr und mehr dicht besiedelte und genutzte Gebirgszone und Täler hat die Realitäten anzuerkennen.

Die zunehmende Weigerung eines Almauftriebs in gefährdete Bergregionen bringt notwendige Konsequenzen mit sich.

Dr. Günther Dichatschek MSc

6370 Kitzbühel

IT - Hinweis

https://www.sn.at/briefe-an-die-sn/leserbrief/der-wolf-im-tal-und-almregionen-art-651549 (19.5.2026)

2 Wolfspopulation allgemein    

Wölfe leben in einer sozialen Gruppe (Rudel) als Beutegreifer, die sich vor allem von wilden Huftieren wie Rehe, Rotwild oder Wildschweinen ernähren. Wölfe lassen sich mit großen Haushunden leicht verwechseln, vor allem bei flüchtigen Begegnungen, wenn man nicht alle Merkmale erkennen kann.

Für eine gute Unterscheidung sollte man wissen, dass Wölfe hochbeiniger als Hunde sind. Sie haben einen großen breiten Kopf, im Vergleich kleine, dreieckige Ohren und der Schwanz hängt nach unten. Das Fell ist grau mit gelblichen bis dunkelbraunen Untertönen. Auffällige Fellmerkmale sind der helle Sattelbereich, scharf abgegrenzt von der dunklen Sattellinie, die schwarze Schwanzspitze und der helle weiße Bereich an Unterkiefer und Kehle. Die Spuren Wolf und Hund sind von Ungeübten nicht leicht voneinander zu unterscheiden. Das Trittsiegel (Abdruck der Pfote) eines großen Hundes kann dem eines Wolfs sehr ähneln. Nur durch die Verknüpfung verschiedener Merkmale wie Schrittlänge, Gangart und Details im Trittsiegel kann man eine Wolfsfährte von der eines Hundes unterscheiden.

Als Ausdauerläufer bewegen sich Wölfe, wie auch der Fuchs, vorwiegend im energiesparenden geschnürten Trab. Dabei wird die Hinterpfote genau in den Abdruck der Vorderpfote der gleichen Seite gesetzt. Auf diese Weise legen Wölfe jede Nacht Strecken von mehr als 20 km zurück. Während der Abwanderung kann die Laufleistung bis zu 80 km in 24 Stunden betragen. Mit Hilfe von besenderten Jungwölfen konnten Wildbiologen Abwanderungen dokumentieren, bei denen einige Tiere mitunter extrem weite Wanderungen zurücklegten. So wanderte der Wolf "Alan" von Sachsen bis nach Weißrussland mindestens 1 550 km. Dabei wurden Autobahnen und breite Flüsse überwunden. Sein Bruder "Karl" lief nur in 16 Tagen zum 400 km entfernten Berlin und wieder zurück.

Ein anderer besenderter Wolf machte sich auf den Weg nach Norden, überquerte die Alpen und hielte sich zwei Jahre lang in der Umgebung von Bonn auf. Somit können auch in Österreich einzelne Wölfe aus weit entfernten Gebieten auftauchen.

Nach 61-64 Tagen Tragzeit werden vier bis sechs Welpen Ende April in einer Höhle geboren und etwa acht Wochen gesäugt. Mit ca. 22 Monaten werden die Jungtiere geschlechtsreif. Zwischen dem zehnten und 22. Lebensmonat wandern sie aus ihrem Elternrudel ab und suche nach einem eigenen Revier. In freier Wildbahn können Wölfe acht bis 16 Jahre alt werden. Die Sterblichkeit ist besonders in den ersten beiden Lebensjahren hoch.

Im Rudel können Wölfe Beutetiere wie Elche oder Rothirsche erlegen, die um ein Vielfaches größer und schwerer sind. Die körperliche Unversehrtheit ist für Wölfe überlebenswichtig. Huftritte dieser Tiere können tödlich sein. Deshalb jagen sie überwiegend Jungtiere, alte und kranke Tiere. Damit erfüllen die Wölfe eine wichtige ökologische Funktion.

Unter den Angriffen von Wölfen auf landwirtschaftliche Nutztiere gehören Schafe und Ziegen wegen ihrer Körpergröße und Lebensweise zu den meisten betroffenen Nutztieren.

Gesunde Wölfe, die nicht von Menschen angefüttert wurden, haben in der Regel kein Interesse am Menschen. Jungtiere können Neugierde zeigen, die mit dem Alter und ausbleibenden Anreizen wie Fütterung wieder verschwinden. Ausgewachsene Wölfe gehen Menschen eher aus dem Weg, wenn sie diese bemerken. Es ist normal, wenn sie zunächst stehen bleiben und die Lage einordnen, bevor sie traben.

Nach über 100 Jahren gab es seit 2016 mit dem Rudel in Allensteig/ Niederösterreich die erste Reproduktion von Wölfen in Österreich.

3 Wolfspopulation in Europa    

Anfang des Jahres 2000 konnte im deutschsprachigen Raum erstmals seit der Ausrottung des Wolfes im 19. Jahrhundert wieder eine regelmäßige Reproduktion in freier Wildbahn nachgewiesen werden (vgl. HERZOG 2016, 227-237).

3.1 Mitteleuropa    

Nach Mitteleuropa erfolgten bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts regelmäßige Zuwanderungen aus der baltisch-osteuropäischen Population, welche sich nicht etablieren konnte. Erst durch die ökonomische Umbruchsituation im östlichen Mitteleuropa und eine hohe Dichte von Beutetieren mit gesetzlichem Schutzstatus und einer Gesetzestreue bei Tierhaltern und Jägern kam es zur Etablierung von Wolfsrudeln.

Es handelte sich zunächst um Tiere aus dem baltisch-ostpolnischen-ukrainischen Raum. Hier und am Balkan gab es schon immer ein stabiles Wolfsvorkommen. Weitere Vorkommen existieren in Teilen Spaniens, Italiens und Frankreichs. In der Schweiz und Teilen Österreichs geht die Wiederbesiedelung von Frankreich bzw. Italien aus.

Von Interesse ist die Frage, wie sich die Wolfsvorkommen bestimmten Populationen oder Subpopulationen zuordnen lassen. Eine Population wird als eine biologisch oder geographisch abgegrenzte Zahl von Individuen einer Art beschrieben (vgl. OKARMA 2002).

3.2 Alpenraum    

In Bayern und Südtirol, Ost- und Nordtirol besteht eine interessante Konstellation populationsbiologisch im Alpenraum. Mit der ersten gemeinsamen Rudelbildung eines ost-mitteleuropäischen und einem abruzzo - alpinen Individuum wird die eigene abruzzo - alpine Population durchbrochen.

Bezogen auf die auf die aktuelle mitteleuropäische Situation des Wolfes bedeutet dies, dass im Hinblick auf die Artenschutzmaßnahmen aus biologischer Sicht der Begriff "mitteleuropäische Flachlandpopulation" nicht haltbar ist.

3.2.1. Wolf in französischen Alpen    

Der Wolf starb in Frankreich in den dreißiger Jahren, nach jahrhundertelangen staatlich organisierten Kampagnen zur Ausrottung der Art im Land praktisch aus. Frankreich verfügte sogar über eine paramilitärische Einheit, die vor etwa 1000 Jahren geschaffen wurde und sich im 18. und 19. Jahrhundert ausschließlich der Vernichtung des Wolfes widmete. Diese Einheit ist auch heute noch aktiv, hat aber andere Ziele.

Die Wiederbesiedlung Frankreichs durch Wölfe begann im Jahr 1992, als im Mercantour - Nationalpark in der alpinen Region nahe der italienischen Grenze, erstmals zwei Individuen gesichtet wurden. Inzwischen ist genetisch nachgewiesen, dass die Individuen, die das Land neu besiedelten, aus der Wolfspopulation in Italien stammten, die sich nach dem internationalen Schutz in den siebziger Jahren etwa 20 Jahre lang erholte und schließlich nach Nordwesten ausbreitete. Von ihrem ursprünglichen Einzugsgebiet in den südfranzösischen Alpen aus haben die Wölfe den größten Teil der französischen Alpen im Norden und Westen sowie das Zentralmassiv, im Südwesten (Pyrenäen, an der Grenze zu Spanien) und im Nordosten (Vogesen, nahe Deutschland) neu besiedelt.

Die jüngste Bewertung des Zustands der Population, die im Winter 2019 - 2020 durchgeführt wurde, weist 81 reproduzierende Wolfsrudel im Land aus. Basierend auf dieser Zählung wird die Zahl der Wölfe im Jahr 2020 auf 530 bis 630 Individuen geschätzt, wobei die Zuwachsrate etwas geringer ist als die aus den Vorjahren geschätzte durchschnittliche Zuwachsrate von 13 Prozent. Die Anzahl und Verbreitung der Wölfe in Frankreich nimmt also weiterhin zu.

Die Verbreitungsgebiete des Wolfes in Frankreich überschneiden sich weitgehend mit Gebieten, die durch das Vorhandensein großer Viehherden, meist Schafe auf Almen, gekennzeichnet sind. Berggebiete mittlerer Höhe und Tiefebenen stellen die derzeitigen Ausbreitungsgrenzen für den Wolf dar und sind deshalb auch immer mehr betroffen. Die größte Herausforderung für die Erhaltung des Wolfs in Frankreich ist zweifellos die Verhinderung von Angriffen auf Schafherden durch Wölfe. Das Land verzeichnet jedes Jahr eine relativ hohe Zahl von Angriffen, die sich vor allem in den Südalpen konzentrieren, wo die Herden das ganze Jahr über auf alpinen Weideflächen gehalten werden können. Darüber hinaus ist die Jägerschaft in Frankreich über die Auswirkungen der Wölfe auf die Anzahl, die Verbreitung und das Verhalten der wildlebenden Beutetiere, insbesondere des Schalenwilds, besorgt. Sowohl Schafzüchter als auch Jäger haben oft das Gefühl, dass ihre Sorgen wegen dem Wolf vom Staat nicht ausreichend berücksichtigt werden. Illegale Abschüsse kommen zwar vor, sie werden aber derzeit nicht als großes Problem betrachtet. Schließlich ist, wie auch in anderen Ländern, der Widerstand gegen die Rückkehr des Wolfes bei denjenigen, die mit Nutztieren leben und arbeiten, ziemlich hoch, aber in der allgemeinen Bevölkerung gering. Dieser Gegensatz führt zu Spannungen und Meinungsverschiedenheiten über die Stellung der Wölfe und macht das Management der Wölfe zu einem besonders kontroversen und umstrittenen Thema in der öffentlichen Debatte.

Der Wolf ist in Frankreich eine streng geschützte Art, nachdem die Bestimmungen der Berner Konvention und die Flora -Fauna - Habitat - Richtlinie der EU in nationales Recht umgesetzt wurden. Seit 2004 existiert ein Managementplan. Neben dem Monitoring des Zustands der Population finanziert der französische Staat auch Maßnahmen zum Schutz der Nutztiere und entschädigt die Züchter und Halter für Verluste, die durch Übergriffe von Wölfen entstehen. Die Flora -Fauna - Habitat - Richtlinie erlaubt den Abschuss der Wölfe zum Schutz von Nutztieren, wenn andere Maßnahmen fehlgeschlagen sind und wenn die Lebensfähigkeit der Wolfspopulation durch den Eingriff nicht bedroht ist. Frankreich hat daher ein Protokoll aufgesetzt, das auf schrittweisen Interventionen beruht, je nach Schwere und Wiederauftreten von Wolfsangriffen auf eine bestimmte Herde. Die Interventionen werden von öffentlichen Akteuren streng überwacht und durchgesetzt. Im schlimmsten Fall führt eine spezielle Einheit der französischen Agentur für biologische Vielfalt die Entnahme durch.

3.2.2 Wolf in den italienischen Alpen    

Eine kontinuierliche Verfolgung führte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur Ausrottung des Wolfes in den italienischen Alpen. In den Westalpen begann die natürliche Erholung der Art in den 1990er Jahren: In den Jahren 1996 - 97 wurden die ersten grenzüberschreitenden Rudel zwischen Italien und Frankreich dokumentiert. Obwohl illegale Verfolgung immer noch ein aktuelles und lokal problematisches Phänomen ist, hat sich der Bestand der Wölfe in den Alpen in den letzten 20 Jahren positiv entwickelt. In den Jahren 2017 - 2018 erreichte die Wolfspopulation in den italienischen Alpen insgesamt 51 stabile Wolfsrudel bzw. Paare mit mindestens 293 Wölfen, die meisten davon leben in den Westalpen. Der Teil der Population in den zentralen und östlichen Alpen Italiens befindet sich in starker Expansion, obwohl er weitgehend vom ersten Paar stammt, das 2012 in Lessinia gebildet wurde.

Die italienischen Alpen sind derzeit wichtig als Verbindungsgebiet zwischen der italienischen Population im Apennin und der Wolfspopulation in den Dinariden. Die natürliche Wiederbesiedlung findet hauptsächlich in ländlichen Gebieten und im Gebirge statt, wo die Nutztierhaltung mehr oder weniger intensiv ist und von der Rückkehr des Wolfs beeinflusst wird.

Die Wechselwirkungen zwischen der Präsenz des Wolfes und der Nutztierhaltung sind seit jeher die Hauptquelle für Konflikte zwischen Wölfen und menschlichen Aktivitäten: Es ist von grundlegender Bedeutung, vor Ort in Systeme zu investieren, um Angriffe auf Nutztiere zu verhindern und die Arbeit der Landwirt Innen zu unterstützen, um die Koexistenz zwischen Wolf und Mensch zu fördern. In letzter Zeit kehren die Wölfe auch in die hügeligen, an Flüssen gelegenen und stärker vom Menschen geprägten Gebiete zurück. Das erzeugt neue Ängste in der Bevölkerung, die mit angemessener Information gelöst werden können.

Der Wolf ist in Italien nach der Berner Konvention (1979) und der Flora - Fauna - Habitat Richtlinie (1992) der EU eine streng geschützte Art, die durch spezifische nationale Gesetze implementiert wurden. Italien arbeitet seit 2015 an einem neuen nationalen Managementplan für diese Tierart, der jedoch noch nicht in Kraft getreten ist.

Erst ab 2020 beauftragte das italienische Umweltministerium ISPRA mit der Durchführung eines ersten nationalen Monitoringssystems. Neben der Überwachung des Zustands der Population finanzieren einzelne Regionen und Nationalparks auch Maßnahmen zum Schutz von Nutztieren und entschädigen die Landwirt Innen für Verluste aufgrund von Wolfsrissen.

3.2.3 Wolf in Slowenien    

Anders als in vielen europäischen Ländern sind Wölfe auf slowenischem Staatsgebiet nie ganz verschwunden. Während der Jahrzehnte der systematischen Wolfsverfolgung im 18. und 19. Jahrhundert überlebten die Wölfe in den entlegensten Teilen des Dinarischen Gebirges. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und erneut während des Zweiten Weltkriegs begann die Wolfspopulation in Slowenien zu expandieren. Doch diese Phase war nur von kurzer Dauer, denn schon bald nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann die systematische Verfolgung der Wölfe erneut.

Obwohl in den siebziger Jahren die Prämien für das Töten von Wölfen und die Jagdzeiten abgeschafft wurden, wird vermutet, dass es in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts nur noch wenige Individuen in Slowenien gab. Nach dem ganzjährigen Schutz des Wolfes im Jahr 1993 begann die dritte Phase der Ausbreitung der Art im Dinarischen Gebirge, nachdem die Population zu wachsen begann und einige ihrer historischen Lebensräume wieder besiedelte.

Das systematische Wolfsmonitoring auf der Grundlage molekularer Analysen nicht - invasiver genetischer Proben, Capture -Recapture - Modellierung und systematischer Wolfsnachweise mittels „Verhören“ begann im Jahr 2010. Zwischen 2010 und 2011 lag die geschätzte Wolfspopulationsgröße in Slowenien zwischen 34 und 42 Individuen. Seitdem ist die Ausbreitung und das Wachstum der Wolfspopulation in Slowenien gut dokumentiert. Die letzte verfügbare Schätzung der Populationsgröße stammt aus der Monitoringsaison 2018/ 2019. Es wurde geschätzt, dass es zwischen 86 und 110 Wölfe (ohne grenzüberschreitende Individuen) in Slowenien gibt, die 14 Rudel bilden.

Seit Beginn der dritten Ausbreitungsphase war die Anwesenheit von Wolfsrudeln auf die südlichen und westlichen Teile Sloweniens beschränkt. Als das systematische Monitoring begann, gab es nur sporadische Vorkommen von Einzeltieren in den voralpinen und alpinen Regionen des Landes. Doch in den Monitoring - Saisonen 2018/ 2019 und 2019/ 2020 gab es einen rasanten Sprung in der räumlichen Ausdehnung der Wolfspopulation. Zunächst wurden drei Paare in den alpinen und voralpinen Regionen nachgewiesen, und während des Verhörens 2019 wurde die Anwesenheit von drei neu gegründeten Wolfsrudeln festgestellt. Dies markiert die Rückkehr des Wolfs in ein Gebiet, aus dem er im 18./ 19. Jahrhundert verschwunden war.

In Slowenien sind, wie auch in anderen Ländern mit permanenten Wolfspopulationen, die Hauptprobleme im Zusammenhang mit diesem großen Beutegreifer die Risse von Nutztieren und bis zu einem gewissen Grad die Konkurrenz mit Jägern um die natürliche Beute, meist wilde Huftiere. Die Schäden an Nutztierbeständen schwanken periodisch. In der ersten Hälfte des letzten Jahrzehnts gab es einen Rückgang der Wolfsschäden, seit 2017 steigt die Zahl der Wolfsangriffe auf Nutztiere (meist Schafe und Ziegen). In den letzten Jahren gab es auch einen Anstieg der von Wölfen verursachten Schäden an größeren Weidetieren (meist Rinder), was ein Problem darstellt, da die meisten lokalen Technologien zur Schadensvermeidung für kleinere Tiere getestet und entwickelt wurden.

Darüber hinaus stellt die räumliche Ausbreitung von Wölfen in voralpine und alpine Regionen eine neue Herausforderung für den Schutz großer Almen dar, insbesondere von Almen, die gleichzeitig ein beliebtes Erholungsziel sind. Darüber hinaus hat die Rückkehr der Wölfe in die alpinen Regionen starke Gefühle der Angst innerhalb der lokalen Gemeinden geweckt, die eine permanente Wolfspräsenz nicht gewohnt waren.

Neben der illegalen Verfolgung ist die Hybridisierung mit Hunden eine zunehmende Bedrohung für die slowenische Wolfspopulation. Obwohl dieses Phänomen nicht so gravierend ist wie in einigen anderen Ländern, haben wir in letzter Zeit bereits zwei Rudel mit Wolf-Hund-Hybriden? entdeckt.

In Slowenien genießt der Wolf einen vollständigen gesetzlichen Schutz, wobei ausnahmsweise Entnahmen erlaubt sind, um größere Konflikte mit der Landwirtschaft zu verringern. Bestimmungen zum Wolfsschutz sind in der nationalen Gesetzgebung im Naturschutzgesetz, im Umweltschutzgesetz, im Jagdgesetz und im Forstgesetz enthalten. Seit 2015 finanziert das slowenische Umweltministerium nationale Wolfsmonitoringprojekte, zahlt Entschädigungen für Wolfsschäden und finanziert Herdenschutzmaßnahmen.

3.2.4 Wolf in Österreich    

Früher lebten Wölfe in ganz Österreich. Aufgrund von verursachten Schäden an Nutztieren, Konkurrenz um das Wild und einer direkten Bedrohung für Menschen – bedingt durch die damalige Lebensweise – wurden Wölfe in Österreich verfolgt und Mitte des 19. Jahrhunderts ausgerottet. Bis ins Jahr 2008 tauchten sie nur noch gelegentlich auf. Seit 2009 wandern Wölfe regelmäßig aus den Nachbarpopulationen ein, seit 2016 mit steigenden Zahlen. Österreich ist zu rund 48 Prozent mit Wald bedeckt und weist die höchste Schalenwilddichte Europas auf. Die allgemeine Habitatqualität ist daher als gut einzustufen.

Die Wölfe in Österreich stammen aus vier verschiedenen Populationen, aus den West- und Südalpen (Italien, Frankreich und Schweiz), dem Dinarischen Gebirge (Slowenien, Kroatien), den Karpaten (Slowakei) und dem mitteleuropäischen Tiefland (Deutschland, Westpolen und Tschechien). Am Anfang kamen die meisten Wölfe aus dem Süden und siedelten sich in den Alpen an, aber in den letzten Jahren gelangten immer mehr Wölfe aus der mitteleuropäischen Tieflandpopulation nach Österreich, wahrscheinlich aufgrund des Populationsanstiegs und ihrer Ausdehnung nach Tschechien.

Das erste Rudel gründete sich 2016 auf dem Truppenübungsplatz Allentsteig. In den folgenden Jahren gab es ein Rudel im Jahr 2017, jeweils drei Rudel in den Jahren 2018 und 2019, und wahrscheinlich nur ein Rudel im Jahr 2020. Die Zahl der bestätigten erwachsenen und subadulten Wölfe stieg von sechs im Jahr 2016 auf 32 im Jahr 2019. Alle bisher bekannten Rudel befinden sich im Waldviertel in Niederösterreich.

Wölfe in Österreich weisen hohe Fluktuationsraten auf. Einzige Ausnahme sind die Elternwölfe aus dem Allentsteiger Rudel. Einzelne Wölfe in den Alpen sind im Durchschnitt 5 Monate lang genetisch nachweisbar, wenn man alle Hinweise berücksichtigt sind es sieben Monate. Die entsprechenden Zeiträume in nicht - alpinen Gebieten liegen bei fünf bzw. 13 Monaten. Die hohen Fluktuationsraten der einzelnen Wölfe führen zu einem ähnlichen Muster bei den Rudeln. Außerhalb des Truppenübungsplatzes blieben die Rudel nicht länger als ein Jahr erhalten und in den alpinen Gebieten hat sich noch kein Rudel gebildet. Jungwölfe die in Österreich geboren wurden, wurden später nie wieder außerhalb des Territoriums des jeweiligen Rudels in Österreich nachgewiesen.

In Österreich wird über die Rückkehr der Wölfe heftig diskutiert. Während sich die Mehrheit der Bevölkerung dafür ausspricht, lehnen einige Teile der Gesellschaft die Rückkehr gänzlich ab und fordern wolfsfreie Zonen oder gar ein wolfsfreies Österreich. Am prominentesten unter diesen Gruppen sind Schafzüchter und Jäger. Die Schafhalter sind in der öffentlichen Debatte sehr laut und offen. Sie argumentieren, dass Maßnahmen zur Schadensprävention schwer oder gar nicht durchführbar sind. Jäger verhalten sich in der öffentlichen Debatte gemäßigter, aber viele Jäger akzeptieren den Wolf nicht. Aussagen wie „wenn ich einen Wolf sehe, werde ich ihn schießen“ sind sehr verbreitet. Die Öffentlichkeit kann die Ängste der Schafzüchter nachvollziehen. Die Verwendung von Steuergeldern zur Unterstützung der Schafhalter für die Schadensverhütung wird allgemein akzeptiert. Weniger akzeptiert ist die Sichtweise der Jäger, da ihre Motivation als egoistische Haltung angesehen wird.

Um die Rückkehr des Wolfes in diesem schwierigen öffentlichen Kontext zu bewerkstelligen, haben die österreichischen Bundesländer und die Bundesministerien eine Dachorganisation gegründet, das „Österreichzentrum Bär, Wolf, Luchs“. Außerordentliche Mitglieder sind Interessensvertretungen und wissenschaftliche Institutionen. Die Idee dieser Organisation ist es, die öffentlichen Verwaltungen bei der Bewältigung dieser Herausforderungen innerhalb des gesetzlichen Rahmens zu unterstützen und ein konfliktarmes Zusammenleben von großen Beutegreifern und Menschen, insbesondere Landnutzern, zu ermöglichen. Diese Organisation wurde Anfang 2019 gegründet.

Der Wolf ist im Anhang IV der FFH - Richtlinie gelistet und daher streng geschützt. Die Umsetzung von Maßnahmen zum Herdenschutz und anderer Maßnahmen, die das Zusammenleben von Wolf und Mensch unterstützen, stehen noch ganz am Anfang.

IT - Hinweis Quelle

https://www.lifewolfalps.eu/de/il-lupo-sulle-alpi/ (12.5.26)

3.3 Populationen    

Vielmehr muss man davon ausgehen, dass in Europa derzeit vier bzw. fünf Populationen im Sinne der biologischen Definition eines Abstammungszusammenhanges existieren. Wir sprechen von einer baltisch - osteuropäischen, einer abruzzo -alpinen, einer iberischen und einer skandinavischen Population. Zu diskutieren wäre das Wolfsvorkommen in den Karpaten mit derjenigen des Balkans im Zusammenhang steht. Wenn dies nicht der Fall wäre, käme eine fünfte, die balkanische - dinarische Population dazu.

Empfohlen wird, die Definitionen einer Population im Rahmen der Gesetzgebung und Verordnungspraxis sowie des praktischen Wolfsmanagements übereinzustimmen und ökologische Kriterien zu berücksichtigen. Dies sollte im Hinblick auf den Erhaltungszustand des Wolfbestandes als Festlegung sinnvoll und günstig sein.

3.3 1 Fakten und Daten zum Wolf in Europa    

In Österreich wurden zwischen 2009 und 2015 jeweils zwischen zwei und sieben einzelne Individuen genetisch nachgewiesen. 2016 gab es erstmals nach mehr als 100 Jahren wieder Nachwuchs und damit Rudelbildung. 2024 wurden in Österreich 9 Wolfsfamilien nachgewiesen.

Während der Wolf im Osten und Süden Europas überlebt hat, wurde er in Westeuropa, inklusive Deutschland, Mitte des 19. Jahrhunderts ausgerottet. Der „letzte Wolf Österreichs“ wurde 1882 im Wechselgebiet geschossen. Vor allem in den letzten 20 Jahren kehren die Europäischen Wölfe (C. l. lupus) jedoch wieder in die früher von ihnen besiedelten Gebiete Europas zurück. Von den Abruzzen (Italien) über die Poebene wanderten sie Ende der 1990 Jahre wieder in die französischen Alpen ein. In der Schweiz leben seit 2012 ebenfalls wieder Wolfsfamilien. In Deutschland hat sich seit dem Jahr 2000 der Wolf wieder etabliert. Seither gibt es regelmäßig Nachwuchs. In Österreich hat es 2016 erstmals Nachwuchs gegeben. Insgesamt leben derzeit mehr als 23.000 Wölfe in Europa (ohne Russland).

3.3 2 Gliederung der Populationen    

Alpen

Diese Population ist italienischen Ursprungs. Aus dem Apennin abwandernde Individuen siedelten sich 1992 erstmals in den Alpen an und konnten mit Erfolg eine dauerhafte und expandierende Population etablieren, die eine überaus dynamische räumliche Struktur mit Verbreitungstendenzen nach Westen und Norden aufweist. Die Gründerpopulation bestand aus 8 - 16 Tieren. Derzeit umfasst die Population etwa 2000 Individuen.

Italienische Halbinsel

Die Population ist laut Beschreibung von 1921 (Altobello 1921) und Bestätigung von 1999 (Nowak 1999) eine getrennte Unterart (Canis lupus italicus). Nach dem in den 1960er Jahren, als der Gesamtbestand auf etwa 100 Tiere geschätzt wurde, hat sich die Population stetig erholt und weiter in die Westalpen ausgedehnt. 2023 wurde die Population auf 2500 Wölfe geschätzt. Trotz der Kontinuität zwischen den beiden Populationen in den Alpen und im Appenin ist ihr ökologischer und sozioökonomischer Kontext so unterschiedlich, dass eine Trennung für Managementzwecke gerechtfertigt ist.

Dinarische / Balkan - Population

Die Population scheint in der gesamten Region relativ zusammenhängend zu sein. Schätzungen zufolge wird sie mit etwa 4700 Individuen angesetzt, wobei die Dichte örtlich sehr unterschiedlich sein kann. Der demografische Gesamttrend scheint stabil zu sein.

Karpaten

Diese Population wird auf rund 4000 geschätzt. Sie lebt vor allem in Rumänien (etwa 2700), aber auch in der Ukraine, der Slowakei und Polen. Wahrscheinlich findet ein gewisser genetischer Austausch mit der dinarischen/ Balkanpopulation in Westbulgarien und mit der baltischen Population über Ostpolen statt, doch diese Verbindung ist fragmentiert.

Zentraleuropa

In Deutschland wurden die Wölfe bereits im 19. Jahrhundert ausgerottet, im 20. Jahrhundert wurden hin und wieder aus Polen eingewanderte Einzeltiere abgeschossen. Im Jahr 2000 begann eine Familie, in Sachsen Nachwuchs aufzuziehen. Im Moment umfasst der Bestand mehr als 200 Familien. Mit Polen, Tschechien, Danemark, Luxembourg, Belgien, den Niederlanden und Österreich zusammen umfasst diese Population ca. 3000 Individuen.

Iberische Halbinsel

Der iberische Wolf (Canis lupus signatus) ist möglicher Weise eine eigene Unterart. Nach dem Rückgang bis in die 1960er Jahre verzeichnet die Population inzwischen einen Bestandszuwachs und erweitert ihr Verbreitungsgebiet quer durch Zentralspanien. Die nordwestliche Population dehnt sich aus und hat den Duero-Fluss? in Spanien überschritten. Die Population besteht aus zwei verschiedenen Populationsteilen und umfasst etwa 2400 Tiere. Der größte ist der Teil nördlich des Duero in beiden Ländern. Südlich des Duero in Portugal gibt es einen kleinen Populationsteil mit rund 300 Wölfen. Aufgrund des unterschiedlichen Managementstatus des Gebiets nördlich und südlich des Duero in Spanien ist es wichtig, dass diese beiden Gruppen als getrennte Populationsteile betrachtet werden.

Baltikum

In der gesamten Region scheint der Trend sehr einheitlich zu sein. Zu Beginn des 20. Jahrhundert gingen die Bestandszahlen zwar zurück, doch die Wölfe blieben weithin präsent und während und nach dem Ersten Weltkrieg nahmen die Bestände zu. In den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen wurden die Bestände erneut stark dezimiert, erholten sich aber während des Zweiten Weltkriegs und in der Nachkriegszeit und erreichten damals Spitzenwerte. Anschließend wurden die Wölfe in den 1950er Jahren so stark verfolgt, dass die Bestände in den sechziger Jahren und Anfang der 1970er Jahre erneut auf ein sehr niedriges Niveau zurückgingen. Sie scheinen sich danach wieder erholt zu haben und erreichten Anfang der 1990er Jahre einen neuen Höchststand – bevor sie Ende der neunziger Jahre erneut runtergeschossen wurden. Inzwischen scheint sich der Trend in den EU-Staaten? stabilisiert zu haben. In Polen und in den baltischen Staaten leben etwa 3000 Wölfe.

Karelische Population

Diese Population ist in Finnland und in den russischen Oblasten Karelien und Murmansk beheimatet. In Russisch - Karelien sind Wölfe weit verbreitet, in Murmansk kommen sie jedoch nur vereinzelt vor. Die höchste Wolfsdichte in Finnland gibt es im Südosten, doch nach und nach sind reproduzierende Familien auch im Zentrum des Landes und im Westen aufgetaucht. In Finnland leben derzeit etwa 300 Wölfe.

Skandinavien

Die Ursprünge der Population gehen auf ein Wolfspaar zurück, das aus Finnland einwanderte und sich 1983 erstmals in Schweden reproduzierte. Durch einen dritten 1991 eingewanderten Wolf wurde die Reproduktion verstärkt. Der Großteil der Population befindet sich in Schweden und nur ein Teil in Norwegen. Derzeit umfasst der Bestand ca. 500 Individuen.

IT -Hinweis - Quelle

https://www.wwf.at/artikel/wolfspopulationen-in-europa/ (10.5.26)

4 Wölfe in Österreich    

für die Politische Bildung besteht in der IT - Publikation der Koordinierungsstelle für den Braunbären, Luchs und Wolf (KOST) "Wolfsmanagement in Österreich - Grundlagen und Empfehlungen. Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie, Veterinärmedizinische Universität Wien", Dezember 2012 die Basis für die Herausforderung der Behandlung der Thematik im Kontext Politischer Bildung.

Verfügbare Nachweise stammen von Rissbegutachtungen, der Jägerschaft, den Bundesländern sowie Privatpersonen.

Dargestellt werden ausschließlich C1 Nachweise entsprechend den SCALP - Kriterien.

In Europa werden aktuell neun Populationen unterschieden, siehe „Large Carnivore Initiative for Europe“.

Nach Österreich wandern aktuell Individuen aus folgenden Populationen ein:

  • Alpine Population,
  • Dinarisch - balkanische Population,
  • Karpatenpopulation,
  • Mitteleuropäische Tieflandpopulation.
IT - Hinweise

https://baer-wolf-luchs.at/verbreitungskarten/wolf-verbreitung/ (10.5.26)

http://tinyurl.com/wolfsmanagement (10.5.26)

https://vorarlberg.at/-/wolfsmanagement (10.5.26)

4.1 Allgemeines    

Die letzten autochthonen Wolfspopulationen in Österreich sind im Laufe des 19.Jahrhunerts durch Verfolgung erloschen. Im 20. Jahrhundert erreichten nur vereinzelt Wölfe aus den Nachbarländern Österreich. Mit strengeren Schutzbestimmungen stabilisierten sich in Europa die Wolfspopulationen. Besonders gilt das für die italienische Population, die sich über den Apennin bis in die Westalpen in den letzten 30 Jahren ausbreitete.

In den letzten 15 Jahren erreichten Wölfe Österreich häufiger. 2009 hat sich die Situation merkbar verändert. 6-8 Wölfe konnten genetisch nachgewiesen werden. Dieselbe Anzahl zum Teil anderer Individuen konnte auch 2010 festgestellt werden. Mit mehr Zuwanderung und Gründung von Rudeln ist zukünftig zu rechnen.

Die Rückkehr der Wölfe ist neben der Bereicherung der Natur auch ein Konfliktstoff in der Kulturlandschaft im Sinne der Interessen der Landnutzer. Es ist Aufgabe des Wolfmanagements, Strukturen und Maßnahmen für ein möglichst konfliktfreies Zusammenleben zu schaffen und durchzuführen, wobei der Mensch im Mittelpunkt steht (vgl. KOST 2021, 4).

Wildtiermanagement liegt in der Kompetenz der Bundesländer. Diese nationale Aufgabe gibt den Rahmen vor. Bei einer großräumigen Art wie den Wölfen ist eine Abstimmung der bundesländerspezifischen Regelungen und Vorkehrungen sowie der Einrichtung bundesländerübergreifender Programme erforderlich.

Der Managementplan für diesen Rahmen wurde von der KOST (2021) entwickelt und mit den Interessenvertretungen abgestimmt.

Ausgerichtet ist er auf die aktuelle Situation und soll alle fünf bis zehn Jahre überarbeitet werden. Als Vorlage dienten der österreichische Bärenmanagementplan sowie Wolfsmanagementpläne in Deutschland.

4.2 Ziele und Grundsätze    

Ziele und Grundsätze sind

  • der Schutz des Wolfs in dem nach den Bestimmungen der Fauna - Flora - Habitat - Richtlinie, sonstiger internationaler Übereinkommen und der nationalen Gesetze erforderlichen Umfang und
  • die Gewährleistung eines möglichst konfliktfreien Zusammenlebens mit dem Wolf unter Berücksichtigung der Interessen der unterschiedlichen Landnutzer wie der Land- und Forstwirtschaft und Jagd sowie des Naturschutzes.
  • Damit leistet Österreich einen Beitrag zu einem langfristig gesicherten, staatenübergreifenden Wolfsbestand.
  • Die Maßnahmen des Managements werden auf der Grundlage der rechtlichen Rahmenbedingungen mit Interessensgruppen abgestimmt.
  • Kein Aussetzen von Wölfen in Österreich.
4.3 Management    

Das Management erfolgt bundesländerübergreifend und in Abstimmung mit Nachbarstaaten.

  • Maßnahmen zur Abwendung von Schäden werden propagiert und gefördert. Prävention sollte auf ihre Anwendbarkeit überprüft und weiterentwickelt werden.
  • Schäden sollen in Abstimmung mit den Interessensvertretungen abgegolten werden.
  • Das Monitoring von Wölfen sowie die Beratung vor Ort und Begutachtung von Nutz- und Wildtierrissen erfolgt durch beauftragte, erfahrende Personen.
  • Monitoring bildet die Grundlage für Entscheidungen.
  • Die Sicherheit der Menschen hat Vorrang vor dem Schutz der Wölfe.
  • Die Öffentlichkeit wird über Biologie, Ökologie und Situation der Wölfe in Österreich sowie über Maßnahmen des Managements informiert (vgl. KOST 2021, 4-5).
4.4 Entwicklungen - Rückblick    

Veränderungen in der Einstellung zu Wölfen, Ausbau von Schonvorschriften bzw. gänzliche Unter - Schutz - Stellung sowie Zunahme von Wildbeständen haben die negative Bestandsentwicklung europäischer Wolfspopulationen aufgehalten und sogar umgekehrt. Das hat die Situation in Österreich grundlegend geändert.

Interessant für Österreich ist die Situation im Nachbarland Italien. 1972 wurde der Wolf unter Schutz gestellt. Zusätzlich wurden im Apennin aus Gründen der Jagd Schalenwild angesiedelt.

Anfang der neunziger Jahre haben die Wölfe den Sprung in die Westalpen geschafft. Abwandernde Wölfe sind schon in Hessen, Bayern und Ostösterreich festgestellt worden. Auch aus dem Dinarischen Gebirge und der Karpatenpopulation sind Jungwölfe in Österreich bereits aufgetreten.

Seit 2000 haben sich die Wolfsnachweise in Österreich in der Folge entwickelt, wie

2002 - ein Wolf bei Bad Ischl irrtümlich als wildernder Hund geschossen

2004 - ein Fotofallenbild vom Dobratsch

2005 - Risse an Rotwild - Winterfütterungen in den steirisch - niederösterreichischen Kalkalpen

2009 - DNA - Nachweise von 6 - 8 Wölfen im Wechselgebiet und Fischbacher Alpen, bei Knittelfeld, in den Nockbergen, am Grundlsee, bei Imsterberg und im Lechtal bei Warth

2010 - DNA - Nachweise von 6 - 8 Wölfen im Schneebergebiet, bei Langenlois, in den Fischbacher Alpen, in den Nockbergen, in den Karawanken, im Raum Thiersee und in Piller bei Fließ

2011 - DNA - Nachweise von je einem Wolf im SW von Niederösterreich und im oberen Drautal

2012 - DNA - Nachweise von je einem Wolf im Schneeberggebiet, dem Gleinalmgebiet und den Karawanken, im Jänner Wanderung eines in Slowenien besenderten einjährigen Wolfes durch den Süden Österreichs

Bei den wenigen Proben war es nicht möglich, die genaue Anzahl und auch Aufenthaltsdauer einzelner Wölfe zu bestimmen. Der Wolf im Schneeberggebiet ist bisher das einzige nachweislich stationäre Individuum von einer Aufenthaltsdauer von einem Jahr.

Fest steht, dass Wölfe aus dem Westen, Süden und Osten nach Österreich eingewandert bzw. durchzogen sind. Der deutliche Rückgang 2011 sagt nichts über die Entwicklung in den kommenden Jahren.

Es ist weiterhin mit einem Besiedelungsdruck aus den umliegenden Populationen zu rechnen. Besonders wenn es Wölfen gelingen sollte, in den angrenzenden Alpen der Schweiz und Italiens Fuß zu fassen, ist eine Beschleunigung der Entwicklung in Österreich zu erwarten (vgl. KOST 2021, 6-7).

4.5 Rechtsgrundlagen    

Die folgenden Rechtsgrundlagen sind in KOST 2021, 7-8 angeführt.

4.5.1 Internationale Abkommen    

Der Wolf ist in Anhang II der Berner Konvention des Europarates 1979 als streng geschütztes Tierart angeführt.

Der Handel wird geregelt im Washingtoner Artenschutzübereinkommen (CITES, Convention on International Trade in Endangered Species of the Wild Fauna and Flora, Anhang II) und in der Verordnung (EG) Nr. 338/97 des Rates vom 9. Dezember 1996 über den Schutz von Exemplaren wild lebender Tier- und Pflanzenarten durch Überwachung des Handels (zuletzt geändert durch Verordnung (EG) Nr. 407/ 2009 der Kommission vom 14. März 2009, Anhang A).

4.5.2 Europarecht    

Der Wolf ist in Anhang II der Fauna - Flora - Habitat Richtlinie 92/43/EWG als prioritäre Art aufgelistet und in Anhang IV der FFH - Richtlinie als streng zu schützende Art angeführt.

4.5.3 Landesgesetze    

Jagd und Naturschutz fallen in Österreich in die Kompetenz der Bundesländer. Die internationalen Verpflichtungen zum Schutz der Wölfe wurden in Landesjagd- bzw. Landesnaturschutzgesetze übernommen. Mit der Umsetzung entsprechender Regelungen sind Landesregierungen, Bezirksverwaltungsbehörden oder Jägerschaften betraut.

4.6 Managementstruktur    

Die KOST (2021) hat bereits vor Erstellung dieses Wolfsmanagementplans ihre Zuständigkeit auf Wolf und Luchs erweitert (vgl. in der Folge KOST 2021, 9-11).

Die KOST ist ein länderübergreifendes Gremium mit der Aufgabe, Maßnahmen im Management von großen Beutegreifern zwischen den Landesbehörden abzustimmen und ein fachlich fundiertes einheitliches Vorgehen sicherzustellen. Es steht ihr das Wissen von Fachleuten zur Verfügung.

Aufgabe der Koordinierungsstelle für Wölfe betreffen

  • Entwicklung und Koordinierung des Wolfsmanagements in Österreich,
  • Abstimmung des Wolfmanagements mit Interessensgruppen,
  • Stärkung von länderübergreifenden Schutzmaßnahmen wie Herdenschutzprogramme,
  • Koordination mit Nachbarländern und
  • Zusammenführung von Informationen und Weitergabe an die Entscheidungsträger.
Die Koordinierungsstelle wird von jeweils einem Vertreter der Jagdrechts-und Naturschutzbehörden der Bundesländer, in denen Wölfe (Bären und Luchs) vorkommen (derzeit Nieder- und Oberösterreich, Steiermark, Salzburg, Kärnten, Tirol und Vorarlberg), einem Vertreter des Umweltministerium sowie beauftragten Experten gebildet.

Außerdem sind Vertreter der Interessensgruppen Jagd (Zentralstelle der Landesjagdverbände), Naturschutz (WWF) und Grundeigentümer (Landwirtschaftskammer, Land- und Forstbetriebe Österreich) als ständige Mitglieder der Koordinierungsstelle eingeladen.

Regelmäßige Treffen finden abwechselnd in den einzelnen Bundesländern statt. Zu den Sitzungen werden bei Bedarf weitere Vertreter von Interessensgruppen und wissenschaftlichen Institutionen beigezogen sowie Fachmeinungen eingeholt.

Wenigstens einmal im Jahr werden Vertreter betroffener Interessensgruppen und wissenschaftlicher Institutionen zu einer erweiterten Sitzung der Koordinierungsstelle eingeladen zum Zwecke der Information über die aktuelle Entwicklung der Wolfssituation und Diskussion offener Fragen des Managements. Das institutionalisierte Feedback bietet die Möglichkeit einer laufenden Evaluierung des Wolfsmanagements.

4.6.1 Wolfsbeauftragte    

Aufgaben sind

  • die Beratung und Information der zuständigen Behörden und der Koordinierungsstelle,
  • Schulung der betroffenen Mitarbeiter von Bezirksverwaltungsbehörden (Amtstierärzte, Jagd-Sachverständige?, Bezirksnaturschutzbauftragte),
  • Sachverständigentätigkeit in Wolfsfragen im Auftrag der Behörden,
  • Sammeln und Prüfen vor Ort Daten über die aktuelle Verbreitung und den Status der Wolfspopulation, Erheben von Daten zum Verhalten der Wölfe, Analyse von Zwischenfällen mit Wölfen und Vorschlag von zur Lösung kritischer Situationen,
  • Zusammenarbeit mit geschulten Schadenbegutachtern für eine objektive Schadenabwicklung und Abgabe von Erstinformationen über Möglichkeiten der Schadensprävention, Sorge für die fachliche Ausbildung von Schadensbegutachtern,
  • Leistung von Öffentlichkeitsarbeit vor Ort, Ansprechpartner für die Bevölkerung, Halten von Vorträgen und Seminaren, Schreiben von Fachartikeln und Ansprechpartner für Medienanfragen und
  • Teilnahme an Einsätzen des Eingreifteams und Unterstützung bei der Kommunikation mit zuständigen Behörden und lokalen Grundbesitzern und Jägern.
4.6.2 Schadensbegutachter    

Sie dokumentieren und beurteilen Schadenfälle in Absprache mit den Wolfsbeauftragten. Sie helfen den Geschädigten bei der Schadensmeldung und arbeiten mit den Präventionsberatern zusammen.

Sie werden in Spurenkunde und Rissbeurteilung von Wolfsbeauftragten und externen Experten ausgebildet und weiterführend geschult.

Sie rekrutieren sich aus der örtlichen Bevölkerung (Jägerschaft, Gemeinde, Tierärzten) und ermöglicht eine rasche direkte Kontaktaufnahme mit den Geschädigten und Begutachtern. Eine schnelle Reaktion auf eine Schadensmeldung ist eine Voraussetzung für eine effektive Schadensabgeltung. Der Aufwand für die Tätigkeit soll abgegolten werden.

4.6.3 Nationale Beratungsstelle für Herdenschutz    

Die Beratungsstelle für Herdenschutz soll österreichweit aus einem Team von zwei Personen bestehen, das an eine landwirtschaftliche Institution angegliedert werden sollte.

Aufgaben ergeben sich

  • in der Aufarbeitung und einem Überblick über das Wissen und die Erfahrungen mit Herdenschutz in anderen Ländern und einer Anwendbarkeit der Schutzmaßnahmen in Österreich,
  • in der Überwachung und Evaluierung der in Österreich eingesetzten Herdenschutzmaßnahmen, im Erfahrungsaustausch mit Herdenschutzprogrammen anderer Länder und in der Arbeit an der Weiterentwicklung der Schutzmaßnahmen,
  • in der Zusammenarbeit mit den Präventionsberatern. die von der nationalen Beratungsstelle ausgebildet, regelmäßig geschult und über aktuelle Erkenntnisse informiert werden, die Beratungsstelle steht für regionale Informationsveranstaltungen zur Verfügung,
  • in der Organisation und Vermittlung von Hirten im Rahmen des Herdenschutzes, Organisation und Koordinierung der Beschaffung, Ausbildung und einem Einsatz von Herdenschutzhunden und Information über Herdenschutzhunde sowie
  • im Testen von Herdenschutzmaßnahmen in Modellregionen.
4.6.4 Präventionsberater    

Sie arbeiten mit der Beratungsstelle für Herdenschutz zusammen und übernehmen die Betreuung der Landwirte vor Ort in Gebieten mit Wolfsvorkommen bzw. Wolfsschäden. Die besitzen landwirtschaftliche Fachkenntnisse, sind vorzugsweise Mitarbeiter von in der landwirtschaftlichen Beratung tätigen Organisationen und werden von der nationalen Beratungsstelle für Herdenschutz ausgebildet.

Sie informieren über Schutzmaßnahmen und Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung und Abgeltung.

Sie arbeiten mit Schadensgutachtern zusammen und unterstützen Landwirte bei der Abwicklung von Schadensfällen.

Sie analysieren die spezielle regionale Situation und arbeiten entsprechende Herdenschutzmaßnahmen aus.

Bei der Umsetzung von Schutzmaßnahmen unterstützen sie Landwirte, helfen bei der Abwicklung der Finanzierung und dokumentieren die Schutzmaßnahmen und schätzen deren Zumutbarkeit für den Landwirt ein.

Der Aufwand für die Tätigkeit soll abgegolten werden.

4.6.5 Eingreifteam    

Das Team wird bei Vorliegen kritischer Situationen oder Entwicklungen aktiv.

Die Bewilligung erfolgt durch die zuständige Behörde im gesetzlichen Rahmen.

Die Aufgaben werden derzeit vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie, Wien (FIWI) übernommen. Der örtlich zuständige Wolfsbeauftragte wird beigezogen.

Aufgaben des Eingreifteams sind

  • Vergrämung,
  • Fang,
  • Narkotisierung,
  • (Sender) Markierung,
  • Temporäre Senderüberwachung und
  • Mitwirkung bei der Entnahme aus der Population.
4.7 Monitoring    

Österreichweit ist ein einheitliches Monitoringsystem einzurichten. Zweck des Monitorings ist es, aktuelle und verlässliche Daten über die Wölfe in Österreich zu liefern (vgl. KOST 2021, 11-12).

Entscheidungen des Wolfmanagements sollen auf Grund von ausreichenden Monitoringdaten getroffen werden.

Jedenfalls sollen die folgenden Daten erhoben werden wie

  • Anzahl und Verbreitung (Unterscheidung von wandernden Individuen, stationären Individuen, Rudeln),
  • Schäden (Art, Rissbild, Wirksamkeit von Schutzmaßnahmen) und
  • Verhalten (bei Begegnungen, Anzeichen von Habituierung oder Futterkonditionierung),
Die folgenden Methoden stehen zu Verfügung wie

  • Sammlung und Überprüfung von Hinweisen ( Sichtbeobachtung, Schäden, Spuren, Losungen),
  • Genetische Untersuchung von Losungs-, Haar- und Urinproben sowie von Speichelproben aus Bisswunden von Rissen zur Bestätigung des Wolfs als Verursacher eines Hinweises, zur individuellen Unterscheidung von Individuen und Bestimmung des Geschlechts,
  • zur Abklärung des Vorhandenseins von Rudeln, aktive und systematische Suche nach Hinweisen auf Plätzen von Zusammenkünften wie Aufenthaltsort der Welpen nach Verlassen der Höhle und Heulanimation sowie
  • Besenderung und radiotelemetrische Verfolgung von ausgewählten Individuen zur Überwachung auffälligen Verhaltens.
Durchgeführt wird das Monitoring von den Wolfsbeauftragten und den Wildbiologen der Jägerschaften/ Landesregierung. Die Daten werden einheitlich nach SCALP - Kriterien bewertet. Die Weitergabe von Daten aus der gemeinsamen österreichischen Wolfsdatenbank unterliegt abzustimmenden Richtlinien.

Die SCALP - Kriterien sind im Monitoringkonzept für Braunbären, Luchs und Wolf definiert (vgl. Monitoringkonzept > https://www.dbb-wolf.de/Wolfsmanagement/monitoring/scalp-kriterien > http://tinyurl.com/wolfsmanagement [7.4.22]).

Es wird angestrebt, ausreichend geeignete Personen dahingehend zu schulen, wie Wolfshinweise zu erkennen und zu dokumentieren sind. Die endgültige Bewertung von Hinweisen wird auf jährlichen Treffen der Wolfsbeauftragten unter Beiziehung weiterer Experten abgestimmt.

Monitoraktivitäten werden mit Jagdausübungsberechtigten und Grundeigentümern abgestimmt. Die Kooperation der Wolfsbeauftragten mit lokalen Jägern, Grundeigentümern und in der Land- und Forstwirtschaft Beschäftigten ist ein Grundpfeiler eines effektiven Monitorings. Mit zunehmender Wolfspräsenz ist das Informationsnetzwerk mit den örtlichen Jägern und den Jagdverbänden auszubauen.

4.8 Schadenkompensation und Schadensprävention    

Der Lebensraum der Wölfe in Österreich ist eine von Menschen geprägte und genutzte Kulturlandschaft. Unter diesen Umständen sind Schäden in der Landwirtschaft, vor allem an landwirtschaftlichen Nutztieren, zu erwarten. Die Schäden können allerdings durch geeignete Maßnahmen wesentlich reduziert werden (vgl. KOST 2021, 12-15).

Nutztierhalter in Wolfsgebieten werden deshalb rechtzeitig über die wichtigsten Techniken der Vorsorge und finanzieller Unterstützung für deren Installierung informiert. Die Abgeltung von Präventionsmaßnahmen und Schäden sind eine Voraussetzung für die Akzeptanz durch die lokale Bevölkerung.

Prävention und Kompensation sind nicht voneinander unabhängig und sollen einander ergänzen. Das Grundprinzip soll sein, dass Schäden soweit wie möglich durch Prävention verhindert und dennoch auftretende Schäden kompensiert werde.

Im Einzelnen heißt das.

  • Sind durch Haltungsbedingungen und Anwesenheit von Wölfen Schäden zu erwarten, soll geprüft werden, welche Maßnahmen der Schadenprävention diese Schäden verhindert verhindern können. Der betroffene Landwirt wird entsprechend durch kompetente Stellen beraten. Die empfohlenen Maßnahmen sollen von öffentlicher Hand im erforderlichen Ausmaß finanziert werden.
  • Grundsätzlich sollen von Wölfen verursachte Schäden ersetzt werden.
  • Schäden sollen nicht ersetzt werden, wenn empfohlene Maßnahmen nicht bzw. nicht fachgerecht umgesetzt werden.
  • Die Vorgangsweise der Schadenabwicklung wie Nachweispflicht, Begutachtungsstellen der Schadenhöhe, soll von den schadensabgeltenden Organisationen und den Interessentenvertretern der Viehhalter vorab ausverhandelt werden.
Die Forderung von Herdenschutzmaßnahmen und die Abwicklung und Abgeltung von Schäden sollten in allen (Bundes-) Ländern einheitlich geregelt werden. Dabei sind folgende Lernpunkte zu beachten.

  • Einheitliche Gestaltung der Förderungen, Beihilfen, Entschädigungen, finanzielle Anreize.
  • Eigenverantwortlichkeit der Tierhalter. Jeder Tierhalter ist für den Grundschutz seiner Tiere selbst verantwortlich. Gefordert werden sollten nur Maßnahmen, die erst durch die Anwesenheit von Großraubtieren erforderlich werden.
  • In Gebieten mit permanenter Wolfspräsenz (Territorien von Rudeln oder stationären Einzeltieren mit einem Puffer von 30 Kilometern) sollte eine flächendeckende wolfssichere Haltung von Schafen, Ziegen und Gatterwild angestrebt werden.
4.9 Herdenschutzmaßnahmen    

Die Maßnahmen bieten keinen vollkommenen Schutz, können aber Schäden effektiv verringern (vgl. KOST 2021, 15-16).

Folgende Schutzmaßnahmen können auf Grund internationaler Erfahrungen empfohlen werden.

  • Nicht elektrischer Festzaun (Maschendraht), Mindesthöhe 120 cm, besser 140 cm und mit Untergrabeschutz oder als Wildgatterzaun mit Untergrabeschutz,
  • E - Zaun mit Draht oder Litzen, 5 Drähte/ Litzen in 20, 40, 60, 90 und 120 cm Höhe, mind. 5000 V,
  • E - Netzzaun Mindesthöhe 110 cm, vorzugsweise mit verstärkten Vertikalstreben zur Erhöhung der Stabilität und Sichtbarkeit. Als Schutz vor Überspringen kann noch eine nicht stromführende Litze über den Zaun gespannt werden,
  • Lappenzaun nur für kurzzeitigen Einsatz wie etwa als Sofortmaßnahme nach Wolfangriffen,
  • Behirtung auf Almflächen mit frei weidenden Schafen/ Ziegen als Grundklage für den effizienten Einsatz bzw. die Durchführung anderer Herdenschutzmaßnahmen wie Herdenschutzhunde und Nachtpferch,
  • Herdenschutzhunde, die sich der zu bedachenden Herd zugehörig fühlen und diese selbständig verteidigen. Entscheidend für den Erfolg ist sorgfältige Zucht und Ausbildung (Aufwachsen der Welpen in der Herde, Korrektur von Fehlverhalten). Sozialisiert werden solche Hunde auch mit Rindern, Pferden und anderen Arten. Damit solche Hunde wirksam sein können, darf sich die Herde nicht zu sehr zerstreuen, daher werden Herdenschutzhunde oft zusammen mit Behirtung oder Zäunung eingesetzt,
  • Nachtpferch ist nächtliches Zusammentreiben einer frei weidenden Herde in eine wolfssicher gestaltete Koppel.
Nicht empfohlen werden nach derzeitigen Wissensstand Herdenschutzesel und Herdenschutzlamas, negative Konditionierung durch Vergälung von Kadavern oder Beschuss mit Gummigeschoßen (damit kann man einen Wolf von einem Ort vertreiben, aber nicht das Jagen abgewöhnen), nur zur kurzfristigem Einsatz akustische und visuelle Abwehrmethoden wie Böller und Blinklichter.

Im alpinen Gebiet ist Herdenschutz ungleich schwieriger als im Flachland. Herdenschutz für die Almwirtschaft im Wolfsgebiet ist von wesentlicher Bedeutung.

Oft müssen mehr als eine Methode gleichzeitig verwendet werden.

In einigen Gebieten kann das Zusammenlegen kleiner Herden zu größeren Einheiten sinnvoll sein, um den Aufbau eines effektiven Herdenschutzes wirtschaftlich möglich zu machen.

Herdenschutz ist fachlich anspruchsvoll. Es ist Aufgabe der nationalen Beratungsstelle für Herdenschutz, lokal abgestimmte Schutzmaßnahmen auszuarbeiten.

Bei permanenter Wolfspräsenz sollen Maßnahmen flächendeckend empfohlen und gefördert werden und sollte der Grundsatz "Prävention vor Kompensation" gelten. Die Wolfsbeauftragten liefern den Landesbehörden die facghliche schläge für die Identifizierung der Gebiete mit ständiger Wolfspräsenz.

4.10 Vorgehen im Schadensfall    

Wird ein Kadavergefunden und möglicherweise es sich um einen Wolfsriss handelt, wird der Vorfall an eine der folgenden Stellen gemeldet wie Landwirtschaftskammer, Ortsbauernobmann, Schafzuchtverband, Bezirksverwaltungsbehörde, Polizei, Gemeinde, Jagdausübungsberechtigten oder Präventionsberater bzw. Schadensbegutachter (vgl. KOST 2021, 16-17).

Der Schadensbegutachter untersucht den Kadaver nach Bisspuren und/ oder Fraßspuren und den Fundort nach Spuren, Losung und Haaren. Er erstellt ein Rissgutachten. In nicht eindeutigen Fällen bzw. im Rahmen des Monitorings kann der Gutachter DNA-Proben? nehmen und mit dem endgültigen Gutachten bis zum Vorliegen der Analyseergebnisse zuwarten.

Erbringt die Untersuchung des Kadavers Hinweise, die einen Wolfsriss sicher/ wahrscheinlich/ möglich erscheinen lassen, wird auch der Präventionsberater verständigt.

Beide Berater unterstützen nach Bedarf den Landwirt bei der Schadensmeldung an die zu zahlende Institution. Der Präventionsberater unterstützt bei der Überprüfung den Landwirt, ob weitere Tiere abhängig sind und klärt welche Maßnahmen ergriffen werden können/ sollen.

Der Präventionsberater verständigt die benachbarten Betriebe/ Almen.

4.11 Jagd    

Das Jagdrecht ist mit Grund und Boden untrennbar verbunden. Jagdbares Wild ist bis zum Zeitpunkt der Aneignung durch den Jagdausübungsberechtigten zwar herrenlos, das zu erlebende Wild ist aber jedenfalls ein Teil des Jagdbetriebes und stellt einen wirtschaftlichen Wert dar (vgl. KOST 2021, 17).

Der Einfluss der Wölfe auf die Population ihrer Beutetiere ist von vielen Faktoren abhängig wie der Anzahl, Verteilung, Produktivität und Populationsgröße der Beutearten, Landschaftsstruktur und andere Habitatsfaktoren und für Österreich nicht ohne weiteres vorherzusagen.

Rotwildfütterungen und Wintergatter dienen in Ermangelung der früheren Wander- und Überwinterungsmöglichkeiten in den Tieflagen der Versorgung des Rotwildes und der Verhinderung von Wildschäden.

Die Möglichkeit einer Vertreibung des Rotwildes aus Fütterungseinstand oder Wintergatter und das daraus resultierende Schadenspotential stellt ein erhebliches Risiko für den Jagdausübungsberechtigten dar, der persönlich verschuldensunabhängig haftet.

Es ist daher wichtig, den Einfluss der Wölfe auf den Jagdbetrieb in Österreich in den nächsten Jahren gut zu dokumentieren und wissenschaftlich zu untersuchen. Darauf aufbauend sollten fachliche Empfehlungen zur Wildschadensprophylaxe erarbeitet werden - insbesondere zur Erhaltung der Objektschutzwirkung von Schutz-und Bannwäldern. Die Beratung von Forstbehörde, Jägern und Grundeigentümern vor Ort soll eine Risikoprognose und Anpassungsmöglichkeiten für Rotwild aufzeigen.

Gut geführte Jagdhunde sind unentbehrlich für eine weidgerechte Jagdausübung und haben auch abgesehen von der emotionalen Komponente einem hohen Wert. Es kann an Hand der Beispiele in Skandinavien nicht ausgeschlossen werden, dass Hunde im jagdlichen Einsatz von Wölfen verletzt oder getötet werden.

Unter österreichischen Bedingungen ist am ehesten bei Bewegungsjagden mit Stöberhunden und in der Schweißarbeit, in denen der Hund geschnallt wird, mit Problemen zu rechnen.

Jagdlich geführte Hunde sollten im Schadensfall versicherungstechnisch wie Nutztiere hehandelt werden.

Bei der Nachsuche sollte der Hund erst in kurzer Entfernung vom angeschweißten Wild geschnallt werden.

4.12 Öffentlichkeitsarbeit    

Aufgabe ist eine aktuelle, sachliche und unvoreingenommene Information über den Wolf zu verbreiten und Vertrauen in das Wolfsmanagement zu schaffen. Wölfe polarisieren wie keine andere Tierart din der Gesellschaft. Deshalb ist es wichtig, Probleme offen anzusprechen und Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

Die Bereitstellung von Informationen zu aktuellen und begleitenden Managementmaßnahmen ist Aufgabe der Behörden und der Wolfsbeauftragten. Die Bundesländer informieren die Öffentlichkeit durch

  • Presseaussendungen,
  • Vorträge der Wolfsbeauftragten,
  • Etablierung und Aktualisierung einer Website,
  • Jahresberichte und
  • Informationsblätter.
Materialien der befassten Verbände und Interessensvertretungen spielen eine wesentliche Rolle. Die einzelnen Aktivitäten sollten aufeinander abgestimmt werden und auf der fachlichen Ebene ein einheitliches Bild darstellen. Die Wolfsbeauftragten sind Teil der Öffentlichkeitsarbeit und stellen ihr Fachwissen zur Verfügung.

4.13 Wölfe in besonderen Situationen    

Wenn Wölfe in einer Kulturlandschaft in Mitteleuropa leben, kommen sie zwangsläufig in engen Kontakt mit Menschen. Der Mythos vom Tier, das unberührte Wildnis und weiträumig menschenleere Gebiete braucht, wird von der Realität überholt (vgl. KOST 2021, 18-22).

Es gehört zum normalen Verhalten, wenn Wölfe auch tagsüber von bewohnten Gebäuden aus gesehen werden, nachts gelegentlich Dörfer durchqueren und nach unzureichend geschützten Nahrungsgütern des Menschen, besonders Schafen, greifen. Die Erfahrung zeigt, dass ein solches Verhalten keine erhöhte Gefährdung des Menschen darstellt und Schäden durch Wölfe mittels Vorsorgemaßnahmen erfolgreich begrenzt werden können.

Wölfe sind reine Fleischfresser und das Töten von Wild- wie Haustieren ist keine Form der Aggression, sondern einfach Nahrungserwerb. Trotzdem gibt es gelegentlich Wölfe, die davon abweichende Verhalten zeigen und deswegen dem Menschen besondere Probleme bereiten.

Wölfe in besonderen Situationen können als Bedrohung empfunden werden oder tatsächlich darstellen wie etwa

  • Laufen bei Dunkelheit direkt an Ortschaften entlang, im Hellen in Sichtweite von Ortschaften/ Einzelgehöften,
  • Wolf flüchtet nicht beim Anblick von Menschen und Autos,
  • Wolf reagiert unprovoziert aggressiv auf Menschen,
  • Wolf tötet einen Jagdhund im Jagdeinsatz,
  • Wolf hält sich längere Zeit in der Nähe eines Dorfes auf,
  • Wolf nähert sich mehrfach Menschen mit Hunden,
  • Wolf tötet wiederholt Hunde im Umfeld menschlicher Wohnstätten,
  • Wolf tötet ungeschützte Nutztiere und
  • Wolf tötet sachgerecht geschützte Nutztiere und überwindet den Schutz.
Problemsituationen können durch Wölfe entstehen, deren Verhalten außerhalb der Bandbreite des Verhaltens der meisten Wölfe liegt und die für den Menschen größere wirtschaftliche und/ oder sicherheitsrelevante Probleme verursachen. Wölfe verursachen in manchen Gegenden mit schlechtem Schutz der Nutztiere hohe Schäden, lässt dies nicht automatisch auf auffällige Wölfe schließen.

Habituierung bezeichnet in diesem Kontext die Gewöhnung des Tieres an die Anwesenheit des Menschen. Solch Tiere lassen den Menschen relativ nahe an sich heran. Sie haben gelernt, dass Menschen keine Gefahr darstellen. Sie sind nicht aggressiv. Sie nähern sich dem Menschen auch nicht gezielt. Es besteht kein positiver Reiz durch den Menschen, vielmehr ist der negative Reiz ist lediglich weggefallen. Habituiertes Verhalten entsteht durch individuelles Lernen oder wird von den Elterntieren auf die Jungen übertragen.

Als Futterkonditionierung wird ein Verhalten bezeichnet, bei dem Tiere bestimmte Situationen mit dem Erhalt von Futter verknüpfen. Im Bereich auffälliger Individuen bei Wölfen versteht man darunter in der Regel die Verknüpfung von menschlichen Einrichtungen mit verfügbarer Nahrung.

Futterkonditionierte Tiere suchen diese also gezielt auf, ohne dass sie wissen, ob es in diesem konkreten Fall dort Futter gibt, sondern weil sie aus Erfahrung wissen, dass dies oft der Fall ist. Hier besteht also ein positiver Reiz.

Aversive Konditionierung bezeichnet eine Verknüpfung bestimmter Situationen mit negativen Erlebnissen wie Schmerzen oder Gefahr. In diesem Kontext stellen diese Situationen die Anwesenheit des Menschen oder die Nähe zu Häusern oder Siedlungen dar. Diese Konditionierung kann man durch Vergrämen erreichen.

Unter Vergrämen versteht man etwa das Beschießen auffälliger Individuen mit Gummikugeln oder Leuchtraketen. Das ausschließliche Vertreiben von Tieren stellt keine Maßnahme der aversiven Konditionierung dar, da damit nur ein Ortswechsel und keine grundsätzliche Verhaltensänderung erreicht wird. Es kann sich aber durchaus schadensmindernd auswirken.

Unter Besendern versteht man das Anbringen von Telemetriesendern am Tier. Der heutige Stand der Technik für Wölfe sind kombinierte Sender mit GPS - GSM - und VHF - Einheiten (Satelliten - Telemetzriesender mit Mobilfunknetzübertragung und zusätzlicher Funksendeeinheit).

Zum Vergrämen von auffälligen Wölfen gibt es noch wenig Erfahrung. Bisherige Erfahrungen mit Problembären in Europa zeigen, dass erfolgreich Vergrämen keine Selbstverständlichkeit, sondern eher die Ausnahme ist.

Daraus lassen sich folgende Empfehlungen ableiten.

  • "Normale" Schäden lassen sich in der Regel durch Vergrämen nicht verhindern, sondern nur durch Maßnahmen der Schadensprävention.
  • Je früher eingeschritten wird, desto höher ist die Erfolgswahrscheinlichkeit.
  • Die Tiere müssen mehrmals im Laufe einiger Wochen/ Monate intensiv vergrämt werden.
  • In dieser Zeit dürfen sie nach Möglichkeit keine gegenteiligen Erfahrungen machen wie etwa futterkonditionierte Tiere dürfen nicht in Siedlungen kommen, ohne vergrämt zu werden.
  • Bei habituierten Tieren ist es leichter, eine aversive Konditionierung zu erreichen als bei futterkonditionierten Tieren.
  • Besenderung ist für das Auffinden der auffälligen Wölfe zur gezielten Vergrämung notwendig.
Entlaufene Gehegewölfe sind aus einem gewissen Maße habituiert. Auch wenn sich manche Tiere gut in der freien Wildbahn eingewöhnen können, stellen sie immer ein erhöhtes Risiko für den Menschen dar. Sie sind auf jeden Fall unter Beachtung der gesetzlichen Rahmenbedingungen zu entfernen, nach Möglichkeit durch Einfangen und Verbringen in ihr ursprüngliches Gehege

Zur Vermeidung von Konflikten wird auf die Wichtigkeit der ausbruchssicheren Haltung von Gehegewölfen nachdrücklich hingewiesen. In diesem Kontext kommt der Kennzeichnungs- und Aufzeichnungspflicht besondere Bedeutung zu und wird hinsichtlich der lückenlosen Erfassung Verbesserungsbedarf festgestellt.

4.14 Ausnahmen von Schutzbestimmungen    

Nach Artikel 12 der FFH - Richtlinien ist der Wolf streng geschützt und alle Formen des Fangs oder Tötung sowie absichtlichen Störung verboten. Nach Artikel 16 Abs. 1 sind jedoch Ausnahmen möglich, sofern es keine anderweitige Lösung gibt und unter der Bedingung, dass die Populationen der betroffenen Art in ihrem Verbreitungsgebiet trotz Ausnahmeregelungen ohne Beeinträchtigung in einem günstigen Erhaltungszustand verweilen und zwar (vgl. KOST 2021, 22-23)

  • zum Schutz der wildlebenden Tiere und Pflanzen und zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume,
  • zur Verhütung ernster Schäden insbesondere an Kulturen und in der Tierhaltung sowie an Wäldern, Fischgründen und Gewässern sowie an sonstigen Formen von Eigentum,
  • Im Interesse der Volksgesundheit und der öffentlichen Sicherheit oder aus anderen zwingenden Gründen des öffentlichen Interesses, einschließlich solcher sozialen oder wirtschaftlicher Art oder positiver Folgen für die Umwelt,
  • zu Zwecken der Forschung und des Unterrichts, der Bestandsauffüllung und Wiederansiedelung und der für diese Zwecke erforderlichen Aufzucht, einschließlich der künstlichen Vermehrung von Pflanzen und
  • um unter strenger Kontrolle, selektiv und in beschränktem Ausmaß der Entnahme oder Haltung einer begrenzten und von den zuständigen staatlichen Behörden spezifizierten Anzahl von Exemplaren bestimmter Tier- und Pflanzenarten zu erlauben.
4.15 Sonderfälle    

Alle Hunderassen stammen vom Wolf ab. Trotz der Domestikation über Tausende von Jahren können sich Haushunde und Wölfe weiterhin gemeinsam fortpflanzen (Hybride). Das kann, neben der gewollten Einkreuzung von Wölfen von Haushunderassen, auch in der freien Natur vorkommen. Besonders gefährdet sind stark zersplitterte Wolfspopulationen geringer Dichte.

Das Eindringen von Hundegenen in den Genpool einer Wolfspopulation kann nachteilige Folgen haben. Wolf -Haushund -Hybriden sind weniger angepasst an ein Leben in freier Natur und weniger scheu als Wölfe. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, in Konflikt mit Menschen zu geraten. Die geringere Lebensfähigkeit können Hybriden teilweise durch höhere Produktivität ausgleichen (Wölfe haben eine Paarungszeit im Jahr, Haushunde haben keine festen Paarungszeiten und Hündinnen werden 2-3 mal im Jahr läufig).

Aus Artenschutzgründen sollten alle Hybriden aus der freien Wildbahn entfernt werden. Bis zur Entnahme sollten durch freilebende Hybriden verursachte Schäden wie Wolfsschäden behandelt werden.

Wird ein Kadaver gefunden und besteht Verdacht, dass es sich um einen Wolf handeln könnte, soll der Jagdausübungsberechtigte oder die Polizei verständigt werden. Umgehend sollte der Fund dem Wolfsbauftragten oder der zuständigen Behörde (Bezirksverwaltungsbehörde, Landesregierung) gemeldet werden. Ziel ist die rasche Untersuchung der Fundstelle sowie die sachgerechte Kühlung und Obduktion des Kadavers.

Wird ein verletzter oder kranker Wolf aufgefunden oder besteht der Verdacht, dass es sich um einen verletzten oder kranken Wolf handeln könnte, soll der Jagdsausübungsberechtigte oder die Polizei verständigt werden. Umgehend soll in der Folge der Vorfall dem Wolfsbeauftragten oder der zuständigen Behörde gemeldet werden. Die Entscheidung, ob das Tier schmerzlos getötet werden muss oder in freier Wildbahn belassen werden kann, sollte unter Berücksichtigung der landesgesetzlichen Regelungen durch die Einschätzung eines Tierarztes sowie des Wolfsbeauftragten erfolgen. Eine Unterbringung in einem Gehege sollte auf Ausnahmefälle und auf kurz Zeit beschränkt bleiben (vgl. KOST 2021, 23).

5 Wölfe in der Schweiz    

Im Folgenden geht es um die Projektbeschreibung der Universität Zürich - Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft "Wölfe: Wissen und Praxis. Ethnographie zur Wiederkehr der Wölfe in der Schweiz", Projektdauer 01/ 2016 - 12/ 2019, Prof. Dr. Bernhard TSCHOBEN

Um die Jahrtausendwende wurden zunehmend einzelne umherstreifende Wölfe auf der Suche nach einem neuen Territorium in der Schweiz gesichtet. Seit 2012 wurde in der Calandaregion der erste Wolfsnachwuchs nachgewiesen. Daher wird von einer "Rückkehr des Wolfes" gesprochen. Die Wiederbesiedelung der Schweiz durch Wölfe der Schweiz stellt eine neuartige Situation dar.

5.1 Forschungsprojekt    

Das Forschungsprojekt fragt danach, welche Veränderungen diese Rückkehr mit sich bringt, auf welchen Ebenen diese Veränderungen stattfinden und wie verschiedenen Akteure damit umgehen. Interessant sind die Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Wissensbeständen und Praktiken des Wolfsmanagement, Natur-, Kultur- und Raumkonzepte, die in der Debatte rund um den Wolf verhandelt, besetzt und mit Bedeutung versehen werden sowie Mensch - Tier - Beziehungen.

Im Zentrum steht der in der Politik und Ökologie übliche Begriff "Wolfsmanagement". Neben der institutionalisierten Verwaltung der Wölfe, dem Wolfmanagement im engeren Sinne, beinhaltet der Begriff in diesem Projekt aber auch individuelle, populäre und alltägliche Umgangsformen und Auseinandersetzungen mit den Wölfen und ihrer Präsenz.

Das auf einer praxeologischen und rationalen theoretischen Grundlage aufbauende Projekt begreift den Begriff als ein komplexes Akteurs - Netzwerk: eine Vielzahl von vernetzten, miteinander in unterschiedlichen Verbindungen stehenden und interagierenden Akteuren, die das untersuchte Phänomen durch ihre Handlungen und Interaktionen immer wieder aufs Neue hervorbringen und es dabei fortlaufend verändern. Zudem fragt das Projekt danach, inwiefern auch Tiere und Objekte an der Mitgestaltung des Phänomens beteiligt und somit Teil des Akteurs-Netzwerk? sind.

5.2 Teilprojekte    

Umfang und Komplexität erfordern das Projekt in zwei Teilprojekte aufzuteilen, welche sich unterschiedlichen Ausschnitten des Akteurs - Netzwerks zuwenden, die sich durch die tatsächliche Präsenz der Wölfe unterscheiden.

Das Teilprojekt von Nikolaus HEINZER hat den Schwerpunkt der unmittelbaren Nähe von Wolfsterritorien lebenden Menschen und ihren Umgang mit der alltäglichen Präsenz der Wölfe (vgl. HEINZER 2021). Geographisch orientiert sich dieses Feld am Territorium des Calanda - Wolfsrudels und weiteren Wolfsaktivitäten in betroffenen (Berg )Gebieten wie etwa im Wallis oder im Tessin.

Das von Elisa FRANK bearbeitete Teilprojekt nimmt die indirekt betroffenen Akteure in einem den Wolfsterritorien ferneren Umfeld in den Blick (vgl. FRANK - HEINZER - TSCHOFEN 2019, 17-32). Hier interessiert man sich, welche visuellen und symbolischen Repräsentationen und Diskurse von und über Wölfe im Umfeld produziert werden und wie diese die menschliche Wahrnehmung und den Umgang mit Wölfen im Wolfsmanagement beeinflussen.

Das Forschungsprojekt versucht die Vorgänge und Konflikte rund um die Rückkehr des Wolfs in die Schweiz sowie die unterschiedlichen Haltungen und Positionen in ihrer sozialen Situiertheit zu verstehen und dadurch einen Beitrag zu einem besseren Verständnis des aktuellen Phänomens zu leisten. Ein zentrales Anliegen des Projekts ist es dabei, die Debatte um die Rückkehr der Wölfe aus einer rein ökologischen Perspektive herauszuholen und als kulturellen Prozess bewusst und sichtbar zu machen.

6 Aspekte der Landwirtschaft/ Beispiel Deutschland    

Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Heimat

02. Apr. 2026 Artikel

Die hohe Wolfspopulation führt zunehmend zu großen Problemen für die Weidetierhalter und zu Sorgen der Bevölkerung in den ländlichen Regionen.

Der Wolf verbreitet sich inzwischen flächendeckend in Deutschland. Durch die vermehrte Ausbreitung nehmen Wolfsrisse zu. Besonders gefährdet sind ungeschützte Weidetiere. Die Anzahl von verwundeten und getöteten Tieren ist von 40 Tieren im Jahr 2006 auf rund 4.300 Tiere bei rd. 1.100 Übergriffen im Jahr 2024 angestiegen. Ein Großteil der Wolfübergriffe erfolgte auf Schafe und Ziegen. Die Ausgaben für Herdenschutzmaßnahmen in Deutschland beliefen sich 2024 auf rund 23.4 Mio. Euro. Die Ausgleichzahlungen für Nutztierübergriffe beliefen sich 2024 auf rund 780.400 Euro.

Auch andere Gruppen, zum Beispiel Jäger, begegnen Schwierigkeiten. Wölfe ernähren sich vor allem von Wild. In Wolfsgebieten kann es deswegen zu vermehrter Rudelbildung von Schwarz- und Rotwild kommen und das Wild wird scheuer. Dies kann wiederum zu erschwerter Bejagung führen.

Deutschland hat zum 31. Juli 2025 seinen aktuellen FFH - Bericht zum Erhaltungszustand geschützter Arten an die EU übermittelt – darunter auch neue Daten zum Wolf. Für die atlantische Region konnte erstmals ein „günstiger“ Erhaltungszustand gemeldet werden. Inzwischen hat Deutschland nun auch für die kontinentale Region diesen günstigen Zustand an die EU - Kommission übermittelt. Die Bewertung basiert auf dem mehrheitlichen Votum der Länder und schafft eine wissenschaftlich abgesicherte Grundlage für ein faktenbasiertes Wolfsmanagement. Ziel bleibt, den gestiegenen Wolfbestand realitätsnah abzubilden und gleichzeitig den Schutz von Weidetieren zu stärken – auch durch Anpassungen im Natur- und Jagdrecht.

Mehr Wölfe und deren umfassender Schutz dürfen nicht zu weniger Nutztierhaltung im Freien führen. Denn Weidehaltung trägt zum Tierschutz und Erhalt von Grünland bei und ist insbesondere für ökologisch wirtschaftende Betriebe relevant.

Aufnahme ins Bundesjagdgesetz zum Zweck des Weidetierschutzes

Dafür sind Präventionsmaßnahmen notwendig. Im Umgang mit dem Wolf muss eine für alle Beteiligten sachgerechte Lösung gefunden werden, die den Artenschutz respektiert, ökologisch sinnvoll und gesellschaftlich akzeptiert ist. Das BMLEH führt daher Gespräche mit Betroffenen und Vertretern der Weidetierhalter zur Erarbeitung von Lösungsansätzen zwischen Wolfsschutz und Nutztierhaltung. Auch auf europäischer Ebene setzt sich das BMLEH aktiv für eine Entschärfung der Konfliktsituation und einen angemessenen Interessenausgleich zwischen der Weidetierhaltung und dem Artenschutz ein.

Nachdem der Schutzstatus des Wolfs in der Berner Konvention zum 7. März 2025 von „besonders geschützt“ auf „geschützt“ herabgestuft wurde und in der Folge die EU - Kommission diesen Beschluss durch eine Umstufung des Wolfs aus Anhang IV (bisher) in Anhang V (künftig) der Fauna - Flora - Habitat - Richtlinie (FFH - Richtlinie) umgesetzt hat, liegen seit 14. Juli 2025 auf europäischer Ebene die notwendigen Voraussetzungen vor, um beim Wolf Flexibilisierungen im nationalen Recht vornehmen zu können.

Der Wolf wurde – wie im Koalitionsvertrag vereinbart – in das Bundesjagdgesetz (BJagdG?) aufgenommen. Das Gesetz zur Änderung des BJagdG? und zur Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes (BNatSchG?) wurde am 5. März 2026 vom Deutschen Bundestag beschlossen und am 27. März 2026 vom Bundesrat gebilligt. Das Gesetz wurde am 1. April 2026 im Bundesgesetzblatt verkündet und ist am 2. April 2026 in Kraft getreten.

Durch die Gesetzesänderung wird den Ländern die Möglichkeit für ein aktives Bestandsmanagement bei einem günstigen Erhaltungszustand eröffnet. Wo Wölfe Herdenschutzmaßnahmen überwinden, können sie zeitnäher und mit deutlich weniger bürokratischem Aufwand unabhängig vom Erhaltungszustand entnommen werden. In Gebieten, in denen präventiver Herdenschutz unzumutbar ist – etwa in der alpinen Region – ist eine Entnahme zur Vermeidung von Weidetierrissen ebenfalls möglich.

Der präventive Herdenschutz ist weiterhin zentral für den Schutz der Weidetiere. Die Finanzierung von Zäunen oder Herdenschutzhunden wird weiterhin im Rahmen der Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes unterstützt.

Mit der Aufnahme des Wolfs in das BJagdG? wird den Ländern die Möglichkeit eines regionalen Bestandsmanagements gegeben. Das bedeutet: Wo der günstige Erhaltungszustand festgestellt wurde, sind Managementpläne aufzustellen. So kann die Zahl der regional lebenden Wölfe reguliert werden. In diesem Rahmen ist eine Jagdzeit von 1. Juli bis 31. Oktober vorgesehen.

Haben Wölfe Herdenschutzmaßnahmen überwunden und Weidetiere verletzt oder getötet, können sie zeitnäher und mit deutlich weniger bürokratischen Aufwand entnommen werden, unabhängig vom Erhaltungszustand.

In einigen Regionen Deutschlands ist präventiver Herdenschutz, zum Beispiel das Aufstellen von Zäunen, aufgrund der geografischen Gegebenheiten, wie Hangneigung, Bodenbeschaffenheit oder Lage an Gewässern nicht möglich oder zumutbar. Das ist beispielsweise in den Alpen (Almwiesen) oder an den Küsten (Deiche) der Fall. Die Bundesländer bekommen nun die Möglichkeit, bestimmte Weidegebiete auszuweisen, um hier den Schutz der Weidetiere durch die Entnahme der Wölfe sicherzustellen.

Derzeit ist die Finanzierung von Herdenschutzmaßnahmen über die Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur und Küstenschutz (GAK) geregelt. Wir überprüfen diese Regelungen mit dem Ziel, Verbesserungen bei der Förderung des Herdenschutzes zu erzielen.

Die Regeln der EU - Artenschutzverordnung gelten auch weiterhin für den Wolf. Damit sind Zurschaustellung und Handel mit toten Wölfen auch künftig verboten.

Das im Geschäftsbereich des BMLEH befindliche "Bundeszentrum Weidetiere und Wolf (BZWW) soll u.a. folgende Aufgaben erfüllen.

  • Erstellung einer länderübergreifenden Übersicht – jährlich aktualisiert – der angewandten Herdenschutzmaßnahmen (Zaun, Herdenschutzhunde etc.), insbesondere in Wolfsgebieten einschließlich der Erfassung, der bei diesen Herdenschutzmaßnahmen dennoch stattgefundenen Übergriffe, möglichst mit Ursachenforschung. Optimierung von aktuell angewandten Schutzmaßnahmen u.a. durch Rückkopplung mit Vertretern der Wissenschaft, Wirtschaft, betroffenen Praktikern und betroffenen Verbänden (ggf. Gründung einer AG).
  • Vorschlag neuer Forschungsprojekte zur Entwicklung neuer Herdenschutzmaßnahmen und ggf. neuer Verfahren u.a. durch Nutzung der Digitalisierung.
  • Entwicklung und Optimierung von Abläufen des Verfahrens nach einem Übergriff sowie Verbesserung der Verfahren der Entschädigungspraxis in Zusammenarbeit und enger Abstimmung mit den Ländern, Klärung von Fragen der Finanzierung und Erarbeitung von Vorschlägen zur Verbesserung der Finanzierung des Herdenschutzes, inklusive Arbeitszeitaufwand.
  • Förderung des Dialogs zwischen Weidetierhaltern, den Verbänden des Naturschutzes und der Öffentlichkeit.
Beratung und Unterstützung des BMLEH bei strategischen Überlegungen zum Management des Wolfes aus Sicht der Weidetierhaltung.

  • Weidetierhalterinnen und -halter finden auf der Internetseite des Bundeszentrums Weidetiere und Wolf (BZWW) fundierte und praxisrelevante Inhalte zu Herdenschutzmaßnahmen, Fördermöglichkeiten in den Bundesländern, praxis- und forschungsbezogene Projekte zum Herdenschutz sowie zu Konfliktlösungsansätzen.
  • Es ist erforderlich, der ansteigenden Wolfspopulation mit geeigneten Herdenschutzmaßnahmen zu begegnen. Dafür eignen sich vor allem: Herdenschutzhunde, Elektrozäune, Wildgatterzäune oder eine Behirtung.
  • Doch die Präventionsmaßnahmen sind kostenintensiv und zeitaufwändig. So kostet die Anschaffung eines Herdenschutzhundes etwa 4.000 Euro und die artgerechte Haltung des Hundes weitere 1.000 Euro pro Jahr. Vor allem Halter von kleineren Viehbeständen können diese finanziellen Belastungen kaum leisten. Prinzipiell können Herdenschutzmaßnahmen wie der Bau von Zäunen gefördert werden – dies ist jedoch abhängig von den jeweiligen Regelungen der Länder zur Unterstützung von Präventionsleistungen. Zudem können Herdenschutzmaßnahmen nicht in allen Fällen umfassenden Schutz garantieren
  • Präventionsförderung zum Herdenschutz gegen Wolfsübergriffe durch den Bund (GAK): Im sogenannten GAK - Rahmenplan sind zwei Maßnahmen zum präventiven Herdenschutz implementiert. Der GAK-Förderungsgrundsatz? "Investitionen zum Schutz vor Schäden durch den Wolf" fördert u.a. den Erwerb und die Installation wolfsabweisender Schutzzäune, Nachrüstung vorhandener Zäune, Anschaffung von Herdenschutzhunden, einschließlich Qualifikation von Personen, die mit den Herdenschutzhunden arbeiten sowie die Ausbildung der Hunde. Der GAK-Förderungsgrundsatz? "Laufende Betriebsausgaben zum Schutz vor Schäden durch den Wolf" fördert die laufenden Betriebsausgaben für die Wartung von Herdenschutzzäunen und die Unterhaltungskosten von Herdenschutzhunden. Für die Umsetzung der Maßnahmen sind die Länder zuständig.
IT - Hinweis Quelle

https://www.bmleh.de/DE/themen/landwirtschaft/artenvielfalt/wolf.html (22.5.2026)

7 Aspekte einer Politischen Bildung    

Im Folgenden wird auf die Wichtigkeit einer Didaktik, den Diskurs zur Thematik in der Politischen Bildung und den notwendigen Wandel von Lehr- und Lernkonzepten eingegangen.

Lehr- und Lernprozesse kennzeichnen eine Behandlung der Wolfsproblematik in der pädagogischen Herausforderung in den Bildungsbereichen.

7.1 Didaktik der Politischen Bildung    

Für die Politische Bildung ist die zentrale Frage die Abwägung von einem Schutz des Wildtieres oder seiner Verdrängung aus einem alten Kulturraum.

Ziel einer Politischen Bildung als Bestandteil der Gesamtbildung ist

  • kritische Urteilsfähigkeit,
  • Erkennen politischer, sozialer, rechtlicher und wirtschaftlicher Zusammenhänge und
  • Ausgleich unterschiedlicher Aspekte im Sinne gesamtgesellschaftlicher Zielvorstellungen.
Die soziale Aufgabe eines Bildungssystems eines Staates bzw. einer Gesellschaft ist Lernende auf ein Leben in der Gesellschaft vorzubereiten. Dies bedeutet einen Lernprozess zu eigenem Handeln, demokratischen Entscheidungen und Interessen an öffentlichen Aufgaben zu ermöglichen.

Als Klammerbegriff von Wissen und Verhalten versteht sich politisches Bewusstsein.

Es bildet sich

  • im Erkennen eigener Interessen,
  • in gesellschaftlichen Konflikten,
  • in institutionellen Machtansprüchen und
  • im persönlichen Engagement.
Wie in allen sozialwissenschaftlich ausgerichteten Fachbereichen ergeben sich interdisziplinäre Themenbereiche.

Sie lassen sich zusammenfassen zu

  • Gestaltungen sozialer Beziehungen, demokratischer Ordnung und
  • politischer Willensbildung nationaler und internationaler Politik (vgl. DICHATSCHEK 2017, 1-2, 32-33).
Die Ansätze machen es möglich, die Lernzielarten zu verwenden. Es zeigt sich, dass strukturelles Lernen sich an kognitiver Struktur orientiert. Ein Problem stellt sich in dieser Kombination. Folgerungen für eine Politische Bildung ergeben sich aus der Theorie der kognitiven Komplexität. Wissen ist gegenüber Bewertungen und Handlungen zweitrangig, weil diese und nicht die Inhalte Merkmale für die Verarbeitung enthalten.

  • Unterricht bzw. Lehre wirkt weniger durch Inhalte als durch Lernsituation, Unterrichtsarbeit und " (un) heimlichen Lehrplan/ Studienplan".
  • Kommunikative Didaktik wirkt stärker als der Inhaltsaspekt. Kognitive Komplexität wirkt so als Lernumwelt, weniger als Vermittlung von Inhalten.
  • Didaktik kann nicht auf Inhalte verzichten. Es geht um die Orientierung in der Umwelt bzw. dem Alltag. , die Betroffenheit der Subjekte und die existentielle Bedeutsamkeit von Situationen und Problembereichen.
  • Politische Bildung verlangt die Einübung sachbezogener kognitiver Prozesse, damit der Bereich Politik in seiner Realität erschlossen werden kann.
Kognitive Komplexität ist Voraussetzung zur Bewältigung neuartiger und komplexer Situationen hängt mit Persönlichkeitsmerkmalen zusammen ( Selbstsicherheit, positive Einschätzung eigener Fähigkeiten).

- - -

Modell des Aufbaues kognitiver Strukturen

Erste Stufe - Orientierung an Regeln und Standards, Aufnahme eines Standpunkts

Zweite Stufe - zunehmende Differenziertheit, Standpunkterweiterung und von Aktionsmöglichkeiten

Dritte Stufe - Erweiterung und Integration kognitiver Strukturelemente (sozialer Kontext - Abhängigkeiten, Bewertungen, Vermeidung von Ablehnungen)

Vierte Stufe - Synthese verschiedenartiger Aspekte, Neuinterpretation(en), vermehrte Unabhängigkeit von Vorgaben und Vorschriften

Stufe 3 und 4 sind Lernziele der Politischen Bildung zuzuordnen.

7.2 Politischer Diskurs    

In diesem Verständnis sind die Pro- und Contra - Argumente als Aspekte einer gesamtgesellschaftlichen Herausforderung und einvernehmlichen Lösung zu sehen.

  • Unumgänglich ist bei einer Weidetierhaltung eine konsequente Zurückdrängung des Wildtieres ("Beutegreifers"), wenn es nicht zu einem Aus kommen soll.
    • Die Beweidung wird noch schwieriger werden. Aufwändiges Aufstellen von wolfabweisenden Zäunen mit mehr Arbeit und psychischer Belastung um die Sorge der Tiere sind Folgerungen.
    • Auch die finanzielle Unterstützung von Herdenschutzhunden löse das Problem nicht. Dies kommt nur für wenige Tierhalter in Frage, weil die Arbeit mit den Hunden sehr arbeitsintensiv ist.
    • Fatal ist die Weidetierhaltung aufzugeben. Einige beweidete Lebensräume sind nach europäischem Recht genauso geschützt wie der Wolf. Im Unterschied zum Wolf sind Lebensräume wie etwa Weiden in ihrem Bestand gefährdet. Problemwölfe sind daher zu verfolgen.
  • Der wachsende Wolfspopulation darf nicht tatenlos zugesehen werden. Dass der Wolf immer öfter in Menschennähe gerate, ist gefährlich.
    • Ein unkontrolliertes Wachstum der Wolfspopulation ist eine Zeitbombe. Weil es an Rückzugsgebieten mangele, dringe der Wolf immer öfter in besiedelte Gebiete ein.
    • Gleichzeitig sei das Wildtier heute heute bedingungsloser geschützt. Nach jahrhundertlanger Jagd bis zu seiner fast Ausrottung ist man in das gegenteilige Extrem verfallen.
    • Als intelligentes Tier lernt der Wolf, dass die Nähe des Menschen keine Gefahr bildet. Vielmehr ergeben die Weidetiere ihm eine reichhaltige Futterquelle.
  • Lange wurde die Behauptung, den Wolf abzuschießen, sei rechtlich nicht möglich.
    • Die hohen Ausgaben für einen Herdenschutz ergeben mitunter einen Meinungsumschwung.
    • Offen bleibt die Länge des Genehmigungsverfahren. Die Gefahr der Wilderei und des Auslegens von Giftködern ist gegeben.
  • Weidetierrisse werden mehr rund nicht weniger als Folgen eines Abschusses.
    • Nach der Tötung eines wichtigen Rudelmitgliedes wird die Struktur der Gruppe zerstört. Um die Verluste zu kompensieren, vermehre sich das Rudel häufig schneller.
    • Im Diskus wird oft außer Acht gelassen, dass Wölfe hauptsächlich Wild fressen, Es gebe einen ohnehin zu hohen Wildbesatz.
  • Ein Zusammenleben von Mensch und Wolf ist möglich.
    • Die Wildbestände befinden ich auf einem Höchststand. Die Wölfe finden genügend Nahrung im Wald. Es sei eher unwahrscheinlich, dass ein Mensch angegriffen wird.
    • Weidetierhalter müssten keine Angst haben, zudem gibt es gute technische Schutzmöglichkeiten.
7.3 Lehr- und Lernkonzepte    

Für den Erfolg von Lehre, Lernen und einen Bildungsprozess sind Lernkonzepte in ihrer Anwendung wesentlich (vgl. DIECKMANN - SCHACHTSIEK 1998). Eine Zukunft der Bildung bedarf Überlegungen, was Menschen wissen und können müssen.

Für die Politische Bildung ist ein Kompetenzmodell unabdingbar (vgl. WEISSENO - DETJEN - JUCHLER - MASSING - RICHTER 2010).

7.3.1 Zukunft der Bildung    

Ausgehend von der Bedeutung von Wissen als zusätzliches Element von Arbeit und Kapital bedarf es Überlegungen, was Menschen als Teilhabe an einer ausgebauten Bildungsgesellschaft selbst oder mit anderen an Fähigkeiten und Umsetzungsmöglichkeiten benötigen (vgl. Modell Theorie - Praxis - Handlungsorientierung; BECK 1998, 11-20, DICHATSCHEK 2022).

12 Thesen in einer Welt gesellschaftlicher Umbrüche

  • Bildung eine Ökonomie von Ideen und der Erneuung
  • Qualifikationen relativieren sich zunehmend
  • Bildungspolitik dringend notwendig
  • Orientierung am Bildungsideal zur Selbständigkeit, Selbstverantwortung und Humanität
  • Ausbildung orientiert sich an einer Bildung zum lebensbegleitenden Lernen
  • Stärkung der Verantwortung der Schulen und Hochschulen - Erneuerung und Eigeninitiativen
  • Demokratische Mitbestimmung, Mitverantwortung und Mitgestaltung
  • Kompetenz- und Kontextwissen - Sozialkompetenz
  • Praxis- und Arbeitsplatzbezug des Wissens
  • Internationalisierung der Ausbildung in Schulen, Hochschulen und Fort- bzw. Weiterbildung
  • Inklusionspädagogik verstärken und
  • Bildung gesellschaftlich aufwerten (vgl. Finnland mit seiner Bildungswertschätzung).
7.3.2 Kompetenzmodell Politische Bildung    

Politikkompetenz umfasst lernpsychologische Kompetenz wie kognitive, affektive, motivationale und soziale Bereiche (vgl. WEISSENO - DETJEN - JUCHLER - RICHTER 2010, 16-19).

Bereichsspezifische Kenntnisse, Fertigkeiten und Strategien gehören dazu.

- - -

Politische Grundbildung ("Clinic Litenacy") umfasst vier Stufen. Dieser Ansatz und die Stufung verdeutlicht, dass die Grundbildung nicht aus der Politikwissenschaft abgeleitet werden kann.

  • Kenntnis politischer Themen, Namen und Wörter,
  • Verwendung von Begriffen,
  • Verständnis politischer Konzepte und Verfahren sowie
  • Besonderheiten politischen Denkens zur Einordnung von Zusammenhängen.
Politische Bildung konstituiert in den Bildungsbereichen sich durch die didaktische Konstruktion des fachwissenschaftlichen Wissens. In diesem Zusammenhang steht die politische Wirklichkeit und Erfahrung.

7.3.3 Konzept des Faches Politische Bildung    

Politische Bildung steht heute als Sammelbegriff für schulische und außerschulische Bemühungen zur Vermittlung politischer Kompetenz.

Pluralität der Fakten, Meinungen und Mündigkeit mit Urteilsfähigkeit sind Gegenstand des Faches, die auf die Praxis politischen Handelns ausgerichtet sind.

Der Fachbereich umfasst den

  • primären < Sachunterricht,
  • sekundären > Geschichte - Sozialkunde- Politische Bildung/ NMS, AHS - eigenes Fach in PTS und BS
  • tertiären > Lehramtsausbildungen - Universitätslehrgänge und
  • quartären Bildungsbereich > Allgemeine Erwachsenenbildung (vgl. DICHATSCHEK 2022b).
Schwerpunkte schulischer Politischer Bildung sind ein umfassender Politikbegriff wie ökonomische Prozesse, historische Bedingungen, ökologische Prozesse, rechtliche und gesellschaftliche Themen.

In der Erwachsenenbildung liegt der Schwerpunkt auf politischem Grundwissen in Verbindung mit Vorwissen. Ein Lehrgangssystem vermittelt Basiswissen und ermöglicht in der Folge projektorientiertes Arbeiten mit Themenwahl.

Bürgermodelle wie der reflektierte Zuschauer, Interventionsbürger, Aktivbürger und Desinteresseierte unterscheiden sich in der Partizipationsfähigkeit am politischen Prozess.

Grundsätzlich gelten die Prinzipien des "Beutelsbacher Konsens" (1976) mit dem Kontroversitätsgebot, Überwältigungsverbot und der Urteilsfähigkeit der Lernenden (Altersgemäßheit).

8 Mediendiskurs    

Die Medienarbeit bzw. Publikationstätigkeit konzentriert sich hier auf eine fachbezogene Thematik im Rahmen von IT -Netzwerke, Presseorgane und den ORF.

Unabdingbar ist sprachliche Präzession, der Umgang mit Fakten und Erkenntnissen.

Kritikfähigkeit und konstruktive Kritik sind Voraussetzung für Mündigkeit. Elektronischen Medien und IT-gestützten Netzwerken kommt neben der Fachliteratur Bedeutung zu.

Zu beachten sind längerfristige Netzwerke, damit auch ein Informations- und Kooperationswert erreicht werden kann.

8.1 Österreich    

8.2 Deutschland    

8.3 Schweiz    

9 Wölfe in Märchen und der Mythologie    

Es sollen noch Aspekte der Wolfsthematik in Märchen und der Mythologie behandelt werden.

9.1 Märchenwelt    

Rotkäppchen und der böse Wolf

Das Märchen von "Rotkäppchen" ist in Europa eine der bekanntesten Erzählungen. Zum Leidwesen des Wolfs wird dieser hier als bösartiges Bestie dargestellt, die am liebsten arglose kleine Kinder verspeist. Erwachsenen ist klar, dass das Raubtier hier vielmehr den "fremden Mann" symbolisiert. vor dem sich besonders junge Mädchen in Acht nehmen sollen. "Rotkäppchen" sorgt seit mehreren Jahrhunderten dafür, dass schon Kinder kein besonderes gutes Bild vom Wolf haben. Dabei ist längst bekannt, dass gesunde Wölfe sich niemals mit Menschen anlegen.

Die drei kleinen Schweinchen

Auch im englischen Märchen "The Three Pigs" kommt dem Wolf die Rolle des gewieften Bösewichts zu, dessen Opfer dieses Mal nicht ganz unschuldig an ihrem Schicksal sind. Denn die zwei (faulen) Schweinchen, die ihre Häuser nur aus Stroh bzw. Holz bauen, hätten eigentlich wissen müssen, dass derart schwache mit relativ wenig Mühe errichtete Konstruktionen echter Bedrohung nicht standhalten können. Am Steinhaus des dritten Schweinchen beißt sich der Wolf dann die Zähne aus und landet (in der Originalfassung) am Ende noch im Kochtopf.

9.2 Mythologie    

Werwolf

Der mythologischen Vorstellung liegt zugrunde, dass ein Mensch die Fähigkeit besitzt, sich in einen Wolf zu verwandeln. Die meisten Sagen berichten von Männern, die einen Pakt mit dem Teufel eingingen und von ohm einen Gürtel aus Wolfsfell erhielten, mit dessen Hilfe sie sich verwandeln konnten. Das Wesen wird als unheilvoll und raubtierhaft beschrieben.

Romulus und Remus

Ein positives Bild des Wolfs zeichnet die römische Mythologie im Bezug auf die Gründung Roms. Nachdem die Gotteskinder Romulus und Remus in einen Korb auf einen Fluss ausgesetzt wurden, nahm eine Wölfin sich ihrer an, säugte sie und sichert so ihr Überleben, bis sie von einem Hirten endgültig in Sicherheit gebracht wurden. Später gründeten Romulus und Remus die Stadt Rom. Das alles wäre niemals möglich gewesen ohne den Einsatz der hilfsbereiten Wölfin.

Fenrirwolf

In der nordischen Mythologie wimmelt es von Wölfen. Neben dem Fenrirwolf, der vom Gott Loki und der Riesin Angrboda gezeugt wurde, tummeln sich noch Odins Wölfe Geri und Preki sowie die Wolfsbrüder Skalli und Hati, welche dem Wagen der Sonnengöttin und des Mondgottes hinterherjagen. Die Darstellung als göttliches Wesen in der Mythologie Skandinaviens zeigt die Bedeutung des Wolfes in der germanischen Mythologie.

Heiliges Tier und Urahn

Die Völker Zentralasiens, Turkvölker und Mongolen, sahen im Wolf einen direkten Vorfahren und verehrten ihn als heiliges Tier.

Der große Respekt der Mongolen vor dem Tier und dessen Verbindung mit dem heiligen Himmel "Tengri" wird auch im Film "Der letzte Wolf"/ China - Frankreich 2015 thematisiert > https://www.epd-film.de/filmkritiken/der-letzte-wolf (31.3.22).

10 Zusammenfassung    

10.1 Reflexion    

Die Beziehung zu Hunden und ihrer Abstammung von Wölfen prägt die Menschen. Der Kontakt in der "Jäger und Sammler - Gesellschaft" der Altsteinzeit mit dem Wolf wurde die Grundlage zu einer gemeinsamen Eroberung des Lebensraumes.

  • Wölfe kommen nach langer Zeit zurück. Widerstand und Konflikte ergeben sich in unserer Gesellschaft, wobei die Wilddichte und die Schutzfunktion eine Rolle spielen. Zu diskutieren ist daher, wie man nachhaltig und konfliktarm den Umgang gestalten kann.
  • Immer mehr erkennt man die Notwendigkeit einer ökologischen Wende. Dazu gehört ein gesundes und respektvolles Verhältnis zu der Natur, mit ihr zu den Wildtieren.
  • National und international benötigt es Kooperationsmodelle, mit der Problematik sinnvoll umzugehen.
  • Für den politischen Bildner ist die Trias der ökologischen - ökonomischen - soziokulturellen Perspektive im Kontext von (politischer) Bildung bedeutungsvoll. Am Beispiel der Wölfe in Europa erweist sich das notwendige Verhältnis deutlich.
  • Der Wolf war einst in ganz Europa verbreitet. In weiten Teilen seines ursprünglichen Verbreitungsgebietes, insbesondere in West- und Mitteleuropa, wurde die Art aber von Menschen ausgerottet. Durch verstärkte Schutzbemühungen und ein Jagdverbot nehmen die Bestände in manchen europäischen Ländern seit einigen Jahren wieder zu, wie zum Beispiel in Italien, Polen und Kroatien. Seit Ende der neunziger Jahre hat sich der Wolf wieder angesiedelt. Zunächst vom Osten ausgehend ist der Wolf mittlerweile in fast allen Bundesländern heimisch geworden.
  • Wölfe sind sehr anpassungsfähige Tiere und bewohnen die unterschiedlichsten Regionen und Lebensräume. Dass die meisten Wölfe in Wäldern leben, liegt daran, dass sie jahrhundertelang verfolgt und in weniger zugängliche Gebiete zurückgedrängt wurden. Ein ausreichendes Angebot von Wasser und Beutetieren sowie ungestörte Plätze zur Jungenaufzucht sind die Grundvoraussetzung dafür, dass sich Wölfe in einer Region dauerhaft ansiedeln.
  • Wölfe sind die Vorfahren unserer Haushunde. Bei einigen Rassen, wie Schäferhunden oder Huskys ist die Verwandtschaft nicht zu übersehen. Im Gegensatz zu wolfsähnlichen Haushunden weisen Wölfe einen längeren Rumpf auf und sind hochbeiniger. Wölfe erreichen eine Körperlänge von 100 bis 150 Zentimeter, eine Schulterhöhe von 60 bis 90 Zentimeter und ein Gewicht von 30 bis 70 Kilogramm, wobei die Weibchen im Allgemeinen kleiner und leichter sind als ihre männlichen Artgenossen.
  • Wölfe sind sehr variabel gezeichnet. In den gemäßigten Breiten Europas ist das Fell der Wölfe überwiegend dunkelgrau bis -braun gefärbt. Der typische Pfotenabdruck eines erwachsenen Wolfes ist 8-10 Zentimeter lang. Die Krallen sind deutlich zu erkennen, was das Trittsiegel des Wolfes zum Beispiel von dem des Luchses unterscheidet. Im Gegensatz zu den Katzenartigen können Wölfe ihre Krallen nämlich nicht einziehen.
  • Wölfe können ähnlich alt werden wie Hunde, nämlich 10 bis 12 Jahre. Zu einem vorzeitigen Tod kommt es bei Wölfen aus unterschiedlichen Gründen. Neben allen Krankheiten, die auch Hunde betreffen – etwa Staupe oder Tollwut – ist für Wölfe insbesondere der Straßenverkehr lebensbedrohlich.
  • Je nach Jahreszeit und Verbreitungsgebiet schwankt die Zusammensetzung der Nahrung beträchtlich. Im Winter sind große pflanzenfressende Säugetiere die Hauptbeute, wie zum Beispiel Elche und Rentiere in Nordeuropa oder Rehe, Hirsche und Wildschweine in südlicheren Verbreitungsgebieten. Dabei macht der Wolf vor allem auf ältere, kranke oder junge Tiere Jagd, da sie eine leichte Beute sind. So übernimmt der Wolf eine wichtige Rolle im Ökosystem, weil er die Bestände etwa von Huftieren kontrolliert.
  • Im Sommer stehen auch kleinere Säugetiere, Vögel, Fische, Lurche und sogar Obst auf dem Speiseplan. In der Nähe von menschlichen Siedlungen kann es vorkommen, dass Wölfe auch Schafe und junge Rinder erbeuten. Dagegen helfen Elektrozäune und Herdenschutzhunde. Wenn Beutetiere knapp sind, fressen Wölfe auch Aas und Abfälle.
  • In Mitteleuropa ist die Paarungszeit der Wölfe, die auch als Ranzzeit bezeichnet wird, von Januar bis März. Die jungen Wölfe kommen zwischen April und Juni zur Welt. Ein Wurf besteht in der Regel aus vier bis sechs, maximal elf Welpen. Die Geburt erfolgt meist in einem Erdbau, den die Wölfin selbst gegraben oder von anderen Tieren wie Füchsen übernommen und entsprechend vergrößert hat.
  • Die frisch geborenen Welpen sind nur 300 bis 500 Gramm schwer, blind und taub und haben ein dunkles, feines Fell. Die Mutter säugt ihren Nachwuchs sechs bis acht Wochen, die jungen Wölfe können aber bereits ab etwa dem zwanzigsten Tag feste Nahrung zu sich nehmen. Mit acht Monaten sind die Jungtiere ausgewachsen. Doch frühestens nach zwei Jahren, wenn die Geschlechtsreife erreicht ist, verlassen sie das Rudel, um sich eigene Partner zu suchen und neue Wolfsfamilien zu gründen. Bis dahin leben die jungen Erwachsenen mit ihren Eltern im Wolfsrudel zusammen und helfen bei der Aufzucht der jüngeren Geschwister.
  • Insgesamt nehmen die Wolfsbestände in Europa seit einigen Jahren wieder zu. Dennoch genießen die großen Beutegreifer bei vielen Menschen immer noch wenig Akzeptanz. Und obwohl Wölfe mittlerweile in den meisten Ländern Europas gesetzlich geschützt sind, werden immer wieder Tiere vorschnell geschossen, wenn es zu Konflikten mit Interessen von Nutztierhaltern und Jägern kommt. Zudem ist der Wolf vor allem im dicht besiedelten Mitteleuropa durch die Zerschneidung seiner Lebensräume gefährdet. Junge Wölfe, die das Rudel verlassen, legen bei ihren Wanderungen bis zu 1 000 Kilometer zurück. Nicht wenige von ihnen werden dabei überfahren.
  • In Europa ist der Wolf durch das Washingtoner Artenschutzabkommen, die Berner Konvention sowie die FFH - Richtlinie geschützt. Dennoch gibt es in einigen europäischen Ländern Jagdquoten für Wölfe.
10.2 Wolfsmanagement Europa    

Das Wolfsmanagement im Ausland wird in den Debatten um Wölfe oft als Argument genannt, sowohl pro als auch contra Wolf.

  • Auch wenn fast überall der Bestand an Wölfen zahlenmäßig steigt, spricht das allein nicht immer für einen günstigen Erhaltungszustand. Die Apennin - Population in Italien beispielsweise hat mit Hybridisierung von Wölfen und Hunden zu kämpfen. In der Toskana sind bis zu 30 Prozent des Wolfsbestandes Hybriden.
  • Nachdem in den sechziger Jahren Wölfe in Europa fast ausgerottet waren, gehen die Wölfe in Spanien, wie die meisten heutigen Populationen, auf nur sehr wenige Tiere zurück. Da die iberische Population größtenteils isoliert ist, es also kaum Zuwanderer aus anderen Gebieten gibt, ist ihre genetische Vielfalt beschränkt, auch wenn sie zahlenmäßig mit geschätzt 290 Rudeln gut dasteht. 2021 wurde in Spanien die Wolfsjagd verboten – ein großer Erfolg für den Artenschutz.
  • Ähnlich in Polen wäre rechtlich gesehen eine Regulierung des Wolfsbestandes unter strengen Auflagen möglich. Das Land hat sich jedoch dagegen entschieden – es gibt dort keine Bejagung von Wölfen. Das zeigt: Nur weil es viele Wölfe gibt, besteht kein Automatismus, diese auch zu regulieren.
  • Andere Länder wie Schweden und Finnland genehmigen Lizenzjagden auf Wölfe, obwohl diese unter strengem Schutz stehen. Das führte jedoch schon mehrfach zu Urteilen der EU, die auf die strenge Einhaltung der Schutzvorschriften pocht. Diese Länder als Vorbild zu nehmen, ist nicht ratsam, wenn es kein Vertragsverletzungsverfahren riskieren möchte.
  • Auch abseits der juristischen Ebene kritisiert man die Bestandsreduzierung der skandinavischen und karelischen Population. Die skandinavische Population gilt als isoliert, weil es kaum ein Wolf von Südfinnland bis nach Mittelschweden schafft und so frisches Genmaterial in die Population einbringen könnte.
    • Der Weg führt durch die Gebiete der Rentierwirtschaft, wo Wölfe verhältnismäßig schnell geschossen werden dürfen. Der Inzuchtkoeffizient der schwedischen Wölfe liegt bei 0,23 – was fast dem einer Verpaarung von Geschwistern gleicht. Eine genetisch so lädierte Population ist weniger resilient gegenüber Umweltänderungen und Krankheiten.
    • Diese auch noch zu bejagen, ist aus biologischer Sicht fatal. Hinzu kommt, dass in fast allen Ländern hohe Verluste durch illegalen Abschuss von Wölfen nachgewiesen oder zumindest vermutet werden.
  • Allen europäischen Ländern ist gemein, dass Wölfe per Gesetz geschützt sind und ihre Anwesenheit je nach Region unterschiedliche Herausforderungen mit sich bringt.
    • Herdenschutz ist überall nötig, wo es Weidetierhaltung gibt. Herdenschutzsysteme müssen an die Gegebenheiten vor Ort angepasst eingesetzt werden.
    • Die finanzielle staatliche Förderung unterscheidet sich sehr stark von Land zu Land. In einigen Ländern wird eher auf Entschädigungszahlungen gesetzt als auf die Verhinderung von Rissen.
  • Aktuell ist man überzeugt, dass der Schlüssel für ein konfliktarmes Zusammenleben in der Prävention von Schäden liegt. Es ist nötig, über weitere Verbesserungen des Fördersystems zu diskutieren. So wird zum Beispiel nicht von allen Regionen die Möglichkeit ausgeschöpft, auch den Unterhalt und Arbeitsaufwand von Herdenschutz zu finanzieren. Dies ist dringend nötig, um den oft ohnehin schon förderrechtlich schlechter gestellten Weidebetrieben ein zukunftssicheres Arbeiten zu ermöglichen.
  • Der Debatte um eine Regulierung des Wolfsbestandes erteilt man eine klare Absage.
    • Die Zahl der Weidetierrisse hängt nicht vorrangig von der Zahl der vorhandenen Wölfe, sondern vor allem von der Qualität des Herdenschutzes ab.
    • Länder wie Frankreich verzeichnen trotz pauschaler Abschüsse hohe Risszahlen und können somit nicht als Vorbild dienen.
  • Man plädiert für einen engen fachlichen Austausch zwischen den europäischen Nachbarländern, um voneinander zu lernen und Wissen von Best - Practice - Projekten weiterzugeben.
IT - Hinweis Quelle

https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/saeugetiere/wolf/europa/index.html (21.5.2026)

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Angeführt sind jene Titel, die für den Beitrag verwendet und/ oder direkt zitiert werden.

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Zum Autor    

APS - Lehramt (VS - HS - PL 1970, 1975, 1976), zertifizierter Schülerberater (1975) und Schulentwicklungsberater (1999), Mitglied der Lehramtsprüfungskommission für die APS beim Landesschulrat für Tirol (1993-2002)

Absolvent Höhere Bundeslehranstalt für alpenländische Landwirtschaft Ursprung - Klessheim/ Reifeprüfung, Maturantenlehrgang der Lehrerbildungsanstalt Innsbruck/ Reifeprüfung - Studium Erziehungswissenschaft/ Universität Innsbruck/ Doktorat (1985), 1. Lehrgang Ökumene - Kardinal König Akademie/ Wien/ Zertifizierung (2006); 10. Universitätslehrgang Politische Bildung/ Universität Salzburg - Klagenfurt/ MSc (2008), Weiterbildungsakademie Österreich/ Wien/ Diplome (2010), 6. Universitätslehrgang Interkulturelle Kompetenz/ Universität Salzburg/ Diplom (2012), 4. Interner Lehrgang Hochschuldidaktik/ Universität Salzburg/ Zertifizierung (2016) - Fernstudium Grundkurs Erwachsenenbildung/ Evangelische Arbeitsstelle Fernstudium, Comenius - Institut Münster/ Zertifizierung (2018), Fernstudium Nachhaltige Entwicklung/ Evangelische Arbeitsstelle Fernstudium, Comenius - Institut Münster/ Zertifizierung (2020), Onlinekurs Grundkurs - Aufbaukurs/ Theologie für Ehrenamtliche - Kolleg für Gemeindedienst/ Bodelschwingh - Studienstiftung Marburg/ Zertifizierung (2025)

Lehrbeauftragter Institut für Erziehungs- bzw. Bildungswissenschaft/ Universität Wien/ Berufspädagogik - Vorberufliche Bildung VO - SE (1990-2011), Fachbereich Geschichte/ Universität Salzburg/ Lehramt Geschichte - Sozialkunde - Politische Bildung - SE Didaktik der Politischen Bildung (2016-2017)

Mitglied der Bildungskommission der Evangelischen Kirche Österreich (2000-2011), stv. Leiter des Evangelischen Bildungswerks Tirol (2004 - 2009, 2017 - 2019), Mitglied des Evangelischen Bildungswerks Salzburg -Tirol (1924 - heute)

Kursleiter der VHSn Salzburg Zell/ See, Saalfelden und Stadt Salzburg/ "Freude an Bildung" - Politische Bildung (2012 - 2018)

MAIL dichatschek (AT) kitz.net

 
© die jeweiligen Autoren zuletzt geändert am 16. Oktober 2026