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Gemeinwesenorientierung
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= Reihe Bildung in Europa =
= Studien zur Anwendbarkeit in Erwachsenenpädagogik =
Helmut Leitner - Günther Dichatschek
[[Inhaltsverzeichnis]]
= Hinführung =
Die Studie beschäftigt sich mit Randthemen der Erwachsenenbildungswissenschaft in ihrem Selbstverständnis und einer Verwertbarkeit.
Das Bundesinstitut für Erwachsenenbildung in Strobl a.W./ bifeb veranstaltet 2026 mit dem Themenbereich "Gemeinwesenarbeit" einen Kurs, der umfassend den quartären Bildungsbereich betrifft.
In der Europäischen Union wird von einer Gemeinsamkeit des tertiären und quartären Bildungsbereich/ Erwachsenenpädagogik ausgegangen. Der deutschsprachige Raum geht von einer Hochschuldidaktik und Erwachsenenbildungswissenschaft/ Erwachsenenpädagogik als Bezugswissenschaften mit Überschneidungen aus.
Zunehmend gewinnen Politische Bildung/ "politische Pädagogik" und Interkulturelle Kompetenz/ ICC/ interkulturelle Bildung an Bedeutung.
Anregung für die Themenbearbeitung war der Lehrgang "Beratung + Kompetenz" am Bundesinstitut für Erwachsenenbildung und ein Seminar zum Gemeinwesen in Bad Radkersburg 2026.
= 1 Gemeinwesenarbeit =
== 1.1 Tagung Gemeinwesenarbeit 2026 =
Gemeinwesenarbeit/ GWA in stürmischen Zeiten. Welche Konfliktfähigkeit brauchen wir für Frieden?
Bundesinstitut für Erwachsenenbildung Strobl a.W.
Dauer: 07.10.2026 bis 09.10.2026 Anmeldung bis: 23.09.2026
Referierende: Werkstätte Gemeinwesenarbeit
Termine - Arbeitszeiten
Mittwoch, 07. Oktober 2026: 14:00 - 18:00
Donnerstag, 08. Oktober 2026: 09:00 - 18:00
Freitag, 09. Oktober 2026: 09:00 - 12:00
Politische, soziale und zwischenmenschliche Konflikte nehmen zu. Anstatt jedoch mehr Stimmen zuzulassen und Möglichkeiten demokratischer Teilhabe zu erweitern, werden Konflikte weltweit zunehmend in Form von direkter militärischer, physischer und psychischer Gewalt ausgetragen.
Die Auswirkungen sind auch in Europa und Österreich spürbar wie etwa Autoritarismus, Polarisierung und Nationalismus greifen um sich. Durch politische Angriffe auf demokratische Rechte, Aushandlungen und Verfahren sind stärkere Spannungen in den Gemeinwesen und der Gemeinwesenarbeit wahrzunehmen. Initiativen im Gemeinwesen sind durch knapper werdende Ressourcen und unsichere Bedingungen herausgefordert.
Gleichzeitig existieren vielfältige Formen von Wissen und Praktiken in der Gemeinwesenarbeit, der Sozialen Arbeit und der Erwachsenenbildung, die eine konfliktfähige, gewaltfreie Arbeit ermöglichen und sich einer Zukunft des kritischen Miteinanders verschreiben. Konfliktfähigkeit ist Voraussetzung für Frieden, da sie Unrecht richten und zu sozialer Gerechtigkeit beitragen kann.
Auf der diesjährigen GWA - Tagung möchten wir eine Vielfalt an Ansätzen versammeln, die andere Antworten auf die aktuellen sozialen, ökologischen und politischen Fragen geben, als das Recht des Stärkeren oder die Gewalt der Überlegenheit.
Wie reagieren Akteur/ innen der Gemeinwesenarbeit auf die Tendenz zu gewaltsamem Handeln und wahrnehmbarer Kriegsbegeisterung?
Inwiefern sind autoritäre Stärke und Führung wirklich effizienter als demokratisches Aushandeln?
Welche Konzepte, Methoden und Inhalte aus der Gemeinwesenarbeit stärken Konfliktfähigkeit als Werkzeug demokratischer Interessenfindung?
Wie kann Gemeinwesenarbeit politisch, diskursiv und institutionell so gefördert werden, dass sie ihr Potential im Hinblick auf eine konfliktfähige Demokratie bestmöglich entfaltet?
IT - Hinweis
https://www.bifeb.at/bildungszentrum/programmbereiche/tagung-gemeinwesenarbeit-2026/T3-1450 (14.8.2026)
== 1.2 Silke Helfrich =
Silke Helfrich (* 13. Juli 1967 in Thüringen; † 10. November 2021 in Liechtenstein) war eine deutsche Autorin, Herausgeberin, Forscherin und Aktivistin zu Gemeingütern und Commons.
Helfrich studierte Philologie/ Romanistik, Sozialwissenschaften mit ökonomischem Schwerpunkt und Pädagogik an der Karl - Marx - Universität Leipzig. Von 1996 bis 1998 arbeitete sie für die Heinrich - Böll - Stiftung in Thüringen, leitete deren Landesstiftung und von 1999 bis 2007 stiftungseigene Regionalbüros für Zentralamerika, Kuba und Mexiko in San Salvador und Mexiko - Stadt. Sie veröffentlichte mit der US - amerikanischen Ökonomin Elinor Ostrom und übersetzte ihre Schriften.
Sie war Mitgründerin des deutschsprachigen Commons - Instituts, betrieb das Commons Blog und war Teil der Commons Strategies Group. 2014 studierte sie Master Ökonomie der Cusanus - Hochschule und half beim Aufbau von Stipendienmodell und Studierendenvertretung der Hochschule. 2018 und 2019 war sie Fellow des Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) in Potsdam. Helfrich war Mitglied der Kulturland - Genossenschaft. Sie sprach fließend Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch und Portugiesisch. Zudem verfügte sie über Grundkenntnisse in Katalanisch, Latein, Russisch und Japanisch.
Silke Helfrich verunglückte am 10. November 2021 bei einer kurzen Wanderung bei Schaan im Fürstentum Liechtenstein tödlich.
Silke Helfrich veröffentlichte mehrere Sachbücher und Sammelbände zu materiellen und geistigen Gemeingütern sowie Peer - to - Peer - Netzwerken und -produktion. Sie wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Ihr besonderer Fokus lag dabei auf den sozialen Prozessen und Mustern, in denen gemeinschaftliche Güter entstehen und erhalten bleiben (Commoning), sowie den Begriffen, die selbige beschreiben können. Um derartige „Muster des Commonings“ festzuhalten, entwarf sie eine von Christopher Alexander inspirierte Theorie und Mustersprache.
== 1.3 Überblick Gemeinwohlökonomie/ Auswahl =
Freiheit - Gerechtigkeit - Nachhaltigkeit
Staat und Markt - selbstorganisierte und nachhaltige Ressourcennutzung
Commonslogik - Menschenbild soziales Wesen - Konsensprinzip
Selbstorganisation und Monotorierung
gemeinsam genutzter Besitz - Schwerpunkt: nutzungsgerechtes Gemeinwohl
Mensch - Erziehung
Selbstentfaltung
Ressourcen - Selbstorganisation - Bedürfnisorientierung
IT - Hinweis
https://www.ltdg.net/wp-content/uploads/2021/11/211009_Commons_Eine_Einfuehrung_GWOe-komprimiert.pdf (17.8.2026)
== 1.4 Commons =
Commons sind gemeinsam hergestellte, gepflegte und genutzte Produkte und Ressourcen unterschiedlicher Art. Im Deutschen gibt es dafür das Wort Gemeingüter, was aber zu sehr auf die Ressourcen oder Produkte („Güter“) fokussiert. Daher verwenden wir auch im Deutschen das Wort Commons. Das Wort Commons mit „s“ steht dabei sowohl für die Einzahl wie für die Mehrzahl, es gibt also das Commons und die Commons.
Commons haben drei Bausteine.
(1) Die Ressource oder das Produkt, das gemeinschaftlich hergestellt, erhalten und genutzt wird. Das können etwa Gewässer, Böden, Räume, Software, Saatgut, Fahrräder, die Wikipedia, Erkenntnisse, Produktionsmittel, die Atmosphäre oder die Ozeane sein oder irgendetwas anderes. Grundsätzlich kann alles zum Commons werden.
Manche Commons - Ressourcen sind von der Natur gemacht (Gewässer, Atmosphäre), andere von Menschen (GNU/ Linux, Wikipedia, Produktionsmittel). Üblicherweise kommt aber beides zusammen – Böden und Saatgut haben eine natürliche Basis, müssen aber von Menschen gepflegt und entwickelt werden, um für Menschen nutzbar zu werden und zu bleiben.
Manche Ressourcen/ Produkte sind universell. Jeder Mensch hat das gleiche Recht, sie zu nutzen. Kein Mensch hat das Recht, sie zu zerstören oder sie einzuhegen und dadurch andere von ihrer Nutzung abzuhalten. Das gilt etwa für die Atmosphäre und die Ozeane, Freie Software wie GNU/ Linux und Firefox sowie Freies Wissen wie die Wikipedia oder Open Street Map.
Andere sind lokal. Sie sind an einen bestimmen Ort gebunden und können nur von den vor Ort lebenden Menschen genutzt und gepflegt werden. Das gilt etwa für einzelne Gewässer und Bewässerungssysteme, Ländereien und Gebäude. Auch lokale Commons brauchen Schutz vor Einhegung und Zerstörung, um als solche erhalten zu bleiben.
(2) Die Community oder Gemeinschaft der Menschen, die das Commons herstellen, erhalten und nutzen. Ohne konkret handelnde Menschen in bestimmten sozialen Umgebungen ist kein Commons denkbar. Produkte werden von Menschen gemacht, und wenn sie nicht von Menschen genutzt werden, sind sie nutzlos. Commons - Ressourcen mit natürlicher Basis müssen bewahrt und gepflegt werden. Unentdecktes und ungenutztes Land ist kein Commons, es ist im Wortsinne „Niemandsland“.
(3) Die Regeln der Selbstorganisation, die die Community für den Umgang mit dem Commons setzt und durchsetzt. Selbstbestimmte Regeln sind die Grundlage der Selbstorganisation. Ohne verabredete Regeln kann kein Commons funktionieren, doch welche Verabredungen im Einzelfall die richtigen sind, hängt von der Art des Commons und den Präferenzen der Community ab. Es ist ein Unterschied, ob die Nutzung von Bytes und Informationen geregelt werden muss oder jene natürlicher Ressourcen wie Wasser und Wald.
Unterschiedliche Commons brauchen unterschiedliche Regeln, die aber in allen Fällen von der jeweiligen Community (Nutzer*innen- und Kümmerer*innen-Gemeinschaft) weitgehend selbst gefunden und durchgesetzt werden. Das gelingt nur, wenn eine Gruppe von Menschen ein gemeinsames Verständnis im Umgang mit dem Commons entwickelt. Den komplexen sozialen Prozess des selbstorganisierten Umgangs mit Commons bezeichnet der Historiker Peter Linebaugh als „Commoning“. Aus diesem „Commoning“ ergeben sich die in oft konfliktreichen Prozessen ausgehandelten Regeln.
Jedes Commons ist anders, weil die Regeln und Gestaltungsprinzipien den lokalen Gegebenheiten und Bedürfnissen angepasst werden. Es gibt keinen „Masterplan“ für alle Commons, wohl aber einige Gemeinsamkeiten:
Commoning ist ein Prozess von unten nach oben (bottom - up) statt von oben nach unten (top - down). Entscheidungen werden lokal von denen getroffenen, die von ihnen betroffen sind und sie umsetzen müssen. Es gibt keine von oben oder von einer zentralen Institution durchgesetzte Vorgaben, an die sich alle halten müssen.
In Commoning - Prozessen werden konsensorientierte Lösungen gegenüber Mehrheitsentscheidungen und willkürlichen Entscheidungen einzelner bevorzugt. Bei exklusivem Privateigentum hat eine Eigentümer/ in die fast uneingeschränkte Verfügungsgewalt – wenn andere die Ressource/ das Produkt nutzen möchten, brauchen sie die Erlaubnis der Eigentümer/ in und müssen sich ihren Vorgaben unterordnen. Bei Mehrheitsentscheidungen dürfen zwar alle mit abstimmen, doch bei jeder tatsächlich getroffenen Entscheidung muss eine unter Umständen beträchtliche Minderheit damit leben, dass sie überstimmt wurden. Das kann schnell zu Frust und Rückzug führen. Beim Streben nach Konsens haben hingegen alle die Möglichkeit, ein begründetes Veto einzulegen und eine Entscheidung, die ihnen gar nicht passt, auf diese Weise zu blockieren. Das macht es schwieriger und langwieriger, sich zu einigen, bedeutet aber auch, dass mit der schließlich gefundenen Lösung alle leben können und niemand das Gefühl hat, immer wieder überstimmt zu werden.
Beim Commoning geht es um die Bedürfnisse der Beteiligten, nicht um Profit. Commons werden gemacht und gepflegt, um genutzt zu werden und Bedürfnisse zu befriedigen, nicht um Profite „abzuwerfen“. Die notwendige Finanzierung der Projekte läuft über vielfältige Formen. Dabei ist zentral, dass das Projekt nicht oder nicht wesentlich für den Markt produziert wird, um eine Ausrichtung am Markt statt an den Bedürfnissen zu verhindern.
Die Logik des Commoning geht davon aus, dass bei richtiger Nutzung „genug für alle“ da ist. „Rivale“ Güter, die nicht von allen gleichzeitig genutzt werden können – ob Bewässerungssysteme oder Fahrzeug - Pools – werden so aufgeteilt, dass alle die wollen zum Zug kommen und niemand leer ausgeht. Nichtrivale Güter, die von beliebig vielen Menschen parallel genutzt werden können – das gilt für jede Art von Wissen und Informationsgütern, etwa Software und Musik – stehen allen ohne Einschränkungen zur Verfügung.
Folgende Gelingensbedingungen für Commoning kann man identifizieren.
* Commoning gelingt besser, wenn Selbstorganisation als ständiger selbstkritischer, selbstreflexiver Prozess verstanden sowie eingeübt und praktiziert wird. Je mehr Selbstorganisationsfähigkeit, umso selbstverständlicher erscheint Commoning.
* Commoning braucht Transparenz. Transparenz braucht umfassende und geduldige Dokumentation von Prozessen, Problemen und Erfahrungen des Gelingens und des Scheiterns.
* Commoning gelingt immer besser, je mehr es dazu beiträgt, unsere Handlungsmöglichkeiten unter den Bedingungen transparenter Selbstorganisation zu erweitern.
IT- Hinweis
https://commons-institut.org/theorie/was-sind-commons/ (19.8.2026)
== 1.5 Lebensweltorientierung =
Lebensweltorientierung ist ein pädagogischer und sozialarbeiterischer Ansatz, der die alltäglichen Lebensbedingungen, Erfahrungen und Perspektiven der Menschen in den Mittelpunkt stellt, um ihre Selbstbestimmung, Teilhabe und Bewältigungskompetenzen zu fördern.
Die Lebensweltorientierung wurde von Hans THIERSCH (1986) entwickelt und zielt darauf ab, professionelle Hilfe nah an der Realität der Menschen zu gestalten. Dabei wird die Person als Experte ihres eigenen Lebens betrachtet, während Fachkräfte Unterstützung zur Selbsthilfe leisten, anstatt als alleinige Experten zu agieren.
IT - Hinweis
https://www.socialnet.de/lexikon/Lebensweltorientierung (17.8.2027)
== 1.6 Literaturhinweise/ Auswahl =
Acksel B. - Euler J. - Gauditz L. - Helfrich S.- Kratzwald, B.- Meretz S.- Tuschen S. (2015): Commoning: Zur Kon - struktion einer konvivialen Gesellschaft, in: Adloff F. - V. Heins V. (Hrsg.): Konvivialismus: Eine Debatte, Bielefeld, 133 - 145
Habermann, F. (2016): Ecommony: Um CARE zum Miteinander. Sulzbach am Taunus
Helfrich S./ Heinrich - Böll - Stiftung (Hrsg.) (2009): Wem gehört die Welt? Zur Wiederentdeckung der Gemeingüter, München, 218 - 228
Helfrich S. (Hrsg.) - Ostrom E. (2011):: Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, München
Helfrich S. - Bollier D./ Heinrich - Böll - Stiftung (Hrsg.) (2015): Die Welt der Commons: Muster gemeinsamen Handelns, Bielefeld
Helfrich S./ Heinrich - Böll - Stiftung (Hrsg.) (2012). Commons: Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat, Bielefeld
Knigge - Bietschau J.- Witt D. (2025): Lebensweltorientierung, Frankfurt/ M.
Leitner H. (2015): Mit Mustern arbeiten. Eine Einführung, in: Helfrich S./ Bollier D./ Heinrich - Böll - Stiftung (Hrsg.): Die Welt der Commons - Muster gemeinsam Handeln, Bielefeld, 26-35
Leitner H. (2016): Mustertheorie. Einführung und Perspektiven auf den Spuren von Christopher Alexander, Reihe Musterforschung 001 Erstveröffentlichung 2007 bei Nausner & Nausner Verlag Graz
Meretz, S. (2014): Grundrisse einer freien Gesellschaft, in: Konicz T. - F. Rötzer (Hrsg.), Aufbruch ins Ungewisse: Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise, Hannover, 152 - 182
Thiersch H. (1986): Die Erfahrung der Wirklichkeit: Perspektiven einer alltagsorientierten Sozialpädagogik, Weinheim
Thiersch H. (1999): Lebenswelt und Moral: Beiträge zur moralischen Orientierung Sozialer Arbeit, Weinheim
Thiersch H. ( 2003): „25 Jahre alltagsorientierte Soziale Arbeit – Erinnerung und Aufgabe“, in: Zeitschrift für Sozialpädagogik, 1 - 2/ 2003, 118 − 124
Thiersch H. (2015): Soziale Arbeit und Lebensweltorientierung: Handlungskompetenzen und Arbeitsfelder. Gesammelte Aufsätze. Band 2, Weinheim
Thiersch H. (2016): Alltag und Lebenswelt im 21. Jahrhundert. In: Sozialpädagogische Impulse, 4 /2016, 6 − 11
Thiersch H. (2020): Lebensweltorientierte Soziale Arbeit – revisited, Weinheim
= 2 Mustertheorie =
Muster (pattern) und Mustersprache (pattern language) sind zentrale Begriffe in einem Forschungsansatz, der im Zeitraum 1964 - 2004 begründet wurde vom österreich - englisch - amerikanischen Architekten und Architekturtheoretiker Christopher Alexander.
Die besondere Bedeutung der Musterheorie besteht in der Übertragbarkeit von den Entstehungssachgebieten Architektur/ Kunst auf andere Sachgebiete mit kreativen Prozessen, etwa die Bereiche Bildung/ Pädagogik/ Didaktik und Demokratie/ Politik/ Zivilisation, die dem NetzwerkGegenGewalt nahe liegen.
Diese Studie der Übertragung und Ausdifferenzierung steckt noch in den Kinderschuhen. Im unten referenzierten Artikel "A Bird’s - Eye View on Pattern Research" spreche ich von den "100 Anwendungsfeldern der Mustertheorie".
== 2.1 Buchprojekt =
Das Buchprojekt Mustertheorie setzte sich zum Ziel, das umfangreiche Werk Alexanders - 16 Bücher, 200+ Fachartikel, 100 + Architekturprojekte - in seiner geistigen Essenz so kompakt wie möglich zusammen zu fassen bei aller Kürze trotzdem verständlich zu machen und für die persönliche Anwendung aufzubereiten.
Entstanden ist ein Taschenbuch mit 160+ Seiten, das man an einem Wochenende lesen kann.
Das vorliegende Buch Mustertheorie beschäftigt sich mit dem Werk eines großen zeitgenössischen Denkers, des amerikanischen Architekten, Systemtheoretikers und Philosophen Christopher Alexander, emeritierter Professor der renommierten Universität Berkeley, Kalifornien. Von seinen vielen Büchern liegt nur ein frühes Buch (A Pattern Language 1979) in deutscher Übersetzung (Eine Mustersprache) vor. Das umfangreiche vierbändige The Nature of Order wurde erst 2002-2004 veröffentlicht. Dieses Werk ist im deutschen Sprachraum bisher weitgehend unrezipiert.
Das Werk Alexanders ist bedeutend. Er entwickelt eine allgemeine Theorie von Lebendigkeit, eine Systemtheorie rund um die Begriffe Zentrum, Ganzheit und Transformation, sowie die methodische Umsetzung durch Muster und Mustersprachen. Dahinter steckt ein komplettes gedankliches Universum mit großer Bandbreite. Einerseits schlägt er ein neues wissenschaftliches Paradigma vor, das er dem traditionellen kausal - mechanistischem Paradigma der Naturwissenschaft entgegensetzt, andererseits bildet die Methode eine neue Form der Wissensaufbereitung und Wissenschaftsvermittlung mit starker partizipativer Anwendungsorientierung.
Es gibt erste fruchtbare Anwendungen in der Softwareentwicklung, der Permakultur, der Regionalentwicklung oder der Dialogtheorie, um nur einige der im Buch referierten Strömungen zu nennen. Die Mustertheorie ermöglicht ein Neudenken und Umdenken in Richtung auf eine Praxis mit mehr Nachhaltigkeit und Partizipation. Es ist ein gedanklicher Werkzeugkasten für Innovation.
Die 2. Auflage ist um Diagramme zu den fünfzehn Lebenseigenschaften und eine ausführliche Bibliographie ergänzt. Der Text selbst ist, bis auf geringfügige Korrekturen, unverändert.
Ausgaben
Leitner, Helmut (2007). Mustertheorie: Einführung und Perspektiven auf den Spuren von Christopher Alexander. Graz, Nausner & Nausner, ISBN 3-901402-50-0, nur mehr antiquarisch verfügbar.
Leitner, Helmut (2016). Mustertheorie: Einführung und Perspektiven auf den Spuren von Christopher Alexander. Zweite erweiterte Auflage. Graz: HLS Software. Gedruckt bei KDP. ISBN - 1978-3950424706, Amazon https://www.amazon.de/dp/3950424709
Leitner, Helmut (2015). Pattern theory. Introduction and Perspectives on the Tracks of Christopher Alexander. Graz: HLS Software. Printed by KDP. ISBN-13: 978-1505637434, Amazon https://www.amazon.de/dp/1505637430/
Leitner, Helmut (2024). Pattern theory. Introduction and Perspectives on the Tracks of Christopher Alexander. Japanische Übersetzung basierend auf der englischen Übersetzung. Printed by KDP.
ISBN-13: 979-8339124658, Amazon https://www.amazon.de/dp/B0DJBL1LT9/ https://www.amazon.co.jp/dp/B0DJBL1LT9/ ˧
Die Konzepte von Christopher Alexander (Mustertheorie) standen am Anfang der Entwicklung der Wiki - Software ab 1945 durch den amerikanischen Entwickler Ward Cunningham; Ausgangspunkt für die Pro Wiki Software, die für das Netzwerk Gegen Gewalt verwendet wird. Diese Art von Software unterstützt das inkrementelle Entstehen der Inhalte und das partizipative Zusammenarbeiten der Autoren (analog im Großmaßstab in der Wikipedia).
== 2.2 Didaktisierung des Muster - Ansatzes von Christopher Alexander =
Reinhard BAUER hat in seiner umfangreichen Dissertation den Muster - Ansatz von Christopher ALEXANDER und Implikationen für die Unterrichtsgestaltung bzw. Didaktisierung untersucht (vgl. BAUER 2015).
Wesentliche Erkenntnisse für eine neue Sichtweise der Allgemeinen Didaktik sind von Interesse und sollen verkürzt eingebracht werden (vgl. auch den IT - Autorenbeitrag http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index: Ethik, Pkt. 12).
Literaturhinweis
Bauer R. (2015): Didaktische Entwurfsmuster. Der Muster - Ansatz von Christopher Alexander und Implikationen für die Unterrichtsgestaltung, Münster - New York
=== 2.2.1 Einleitung =
Christopher ALEXANDER sieht als Architekt in einem Muster (pattern) bzw. Entwurfsmuster (design pattern) eine Lösung für ein Problem in einem bestimmten Kontext. Architektur und Software - Programmierung nutzen dieses Wissen. Für die Didaktik ergeben sich Problemstellungen (vgl. BAUER 2015, 26 - 41).
Unterschiedliche Sichtweisen auf den Musterbegriff und Musteransätze werden analysiert. Neben der Vorstellung der Umgebung (context) wird das Problem beschrieben. Eine Lösung wird angestrebt. Auch die beste Problemlösung hat potenziell Nebeneffekte, die einer weiteren Bearbeitung bedürfen.
Diese Struktur spiegelt sich in einem Entwurfmuster mit
Exposition (Personen, Beziehungen, Kernkonflikt und Hintergründe) > Umfeld / Kontext
steigender Handlung (Spannungsaufbau, wirkende Kräfte, Konfliktverschärfung) > Problem
Peripeti (Wendepunkt, Höhepunkt) > Spannungsfeld und
fallender Handlung (Katastrophe bzw. Lösung) > Lösung wider.
Diese Kategorien stehen in einer Wechselbeziehung.
Ein Muster ist nach Alexander gleichzeitig ein Objekt und der Gestaltungsprozess, der zum Objekt führt.
Sprachlich hat das Wort die Bedeutung einer sich wiederholenden Zeichnung, Figur, Verzierung/Stichwort Ornament. Ebenso hat es die Bedeutung von Vorlage bzw. Modell/Stichwort Schema, Schablone (vgl. das vorhandene Definitionsproblem).
Englisch werden "pattern" und "model" unterschieden.
=== 2.2.2 Didaktische Problemstellungen =
Die klassische Didaktik folgt dem Modell Einstieg, Erarbeitung und Anwendung. Man geht vom gleichzeitigen Lernen aus. Binnendifferenzierung und Individualisierung des Lernens sind hier kaum möglich. Für Unterrichtsversuche ist diese Vorbereitung ausreichend.
Berufserfahrende Lehrende folgen dem Komplexitätsmanagement. Implizites Wissen, komplexe Situationen und Alternativen benötigen ein Entwurfsmuster und müssen zu Eigenschaften der Lernenden und der Lehrsituationen passen.
Kennzeichen sind
* eine wiederkehrende Entwurfsstruktur,
* Lösungsformen als Methoden, Szenen und Werkzeuge/ Hilfsmittel sowie
* Gestaltungsspielräume.
Die Mustersprache als Kommunikationsmittel im Unterricht bzw. der Lehre vermittelt erfolgreiche Lösungen in einem wiederholbaren didaktischen Problem.
Der Kontext zu Alexanders Pattern - Ansatz besteht in der Vorbereitung bzw. Gestaltung des Unterrichts. Mit Hilfe von Entwurfsmustern könnte Praxiswissen dokumentiert und zugänglich gemacht werden. Didaktiker können sich mit E - Learning - Szenarien und Blended - Learning in Ideen, Konzepten und Lösungen austauschen.
Didaktische Entwurfsmuster verlangen die Beschäftigung mit Alexanders Architekturtheorie (vgl. LEITNER 2007), der Informatik und der Lehr - Lern - Forschung.
=== 2.2.3 Didaktisches Bezugssystem =
Neben dem didaktischen Entwurfssystem ist ein didaktisches Bezugssystem von Interesse (vgl. BAUER 2015, 440-41).
Die Gestaltung von Unterricht hat das Einzelkämpfertum Lehrender zu durchbrechen, geht es doch nicht nur um die persönliche Vorbereitung von Lehrenden, vielmehr auch um die betroffene Zielgruppe der Lernenden, die nicht mit beliebigen pädagogischen Ansprüchen und Verfahren zurückbleiben sollen.
Ein gemeinsames didaktisches Bezugssystem bzw. die Basis für eine gemeinsame didaktische Mustersprache gibt es dann, wenn allgemein didaktische Theorien, Verfahren und Konzepte aus der Mustertheorie betrachtet werden, Gemeinsamkeiten im Entwurfsmuster aufgezeigt und eine gemeinsame Unterrichtssprache verwendet werden (vgl. BAUER 2015, 52-59 ausführlich zum gegenwärtigen Stand der Rezeption in der Didaktik).
=== 2.2.4 Ergebnisse aus Studien =
BAUER (2015, 64-65) zieht aus seinen Interviews mit Lehrenden zwei Schlüsse.
Zumeist verfügen Lehrende über ein didaktisch - methodisches Repertoire für Problemstellungen (Planung, Unterrichtsgestaltung). Basis ist das Erfahrungswissen. Gegebenenfalls wird die Verschriftlichung von Unterrichtsentwürfen, der Medieneinsatz oder die Kooperation mit den anderen Lehrenden als fächerübergreifend angesehen.
Fehlend ist die gemeinsame Sprache. Damit werden erfolgreiche Praktiken und ein Raum für Innovationen nicht gespeichert.
== 2.3 Entwicklung eines Diskurses =
Es geht bei den Klassifikationsprinzipien zunächst um die Bestimmung der Begrifflichkeit von didaktischen Entwurfsmustern.
=== 2.3.1 Teaching - Learning =
* Im Englischen ist "teaching" und "learning" klar unterschieden.
* "Teaching Patterns" sind Lehrmuster, "Learning Patterns" dagegen Lernmuster.
* "Pedagogical Patterns" (Didaktische Entwurfsmuster) müssen den Unterschied zwischen "teaching" und "learning" beachten.
=== 2.3.2 Lernmuster =
Der Begriff Lernmuster ("learning patterns") muss allerdings umfassender gefasst werden. Individuelle Lernprozesse - Wissensmanagement und Lernstrategien - unterscheiden sich in formale, non - formale und informelle Lernsituationen.
Didaktische Entwurfsmuster ("Pedagogical Patterns") beziehen alle Lernsituationen in allen Lebensbereichen mit ein (vgl. lebensbegleitendes Lernen).
Daraus unterscheidet man didaktische (Allgemeine Didaktik) und methodische Muster (Fachdidaktiken).
Analog dazu wird von E - Lehr- und E - Lernmustern gesprochen.
Zusätzlich kommt es zu Überlegungen einer Unterscheidung zwischen Didaktischen Entwurfsmustern und Mathetischen Entwurfsmustern.
Mathetik bedeutet schulisches Lernen aus dem Blickwinkel Lernender im Kontext mit dem auf einer Ebene bestehenden Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden (Lehrender ist Lernberater und helfender Erzieher).
Instrumentelle Mathetik bedeutet eine Auswahl der Inhalte und ihre kulturelle Bedeutung, Lernvoraussetzungen und Lernmöglichkeiten.
Additive Mathetik bedeutet die Fähigkeit zum Lernen (Lernen des Lernens).
Komplementäre Mathetik bedeutet Lehren und Lernen gemeinsam zu sehen (wechselseitige Ergänzung).
In der Didaktik ist das Verhältnis von Lehren und Lernen asymmetrisch.
=== 2.3.3 Musteransatz =
Der Muster - Ansatz (Muster - Denkweise, Muster - Methode, Mustertheorie) erscheint als trans - disziplinäre Methode für kreative Anwendungsbereiche. Genannt wurden bisher Architektur (Gebäude), Informatik (Software und Informationssysteme) und Didaktik (Lernen bzw. Lehren). Es gibt die These von 100+ solchen kreativen Anwendungsbereichen (domains; z.B. Musik) und Teilbereichen (subdomain; z.B. Musikkomposition). Gemeinsam sind allen diesen Bereichen Gestaltungsspielräume bzw. Kontingenz der Gestaltungsobjekte.
Ziel des Muster - Ansatzes ist eine verständliche und nützliche Bündelung von Erfahrungswissen für die Zielgruppe (n), im Idealfall für alle Gruppen von Beteiligten bzw. Betroffenen (stakeholder). Das ist oft auch bewusste Sprachentwicklung, mit dem Ziel einer gemeinsamen Sprache, auch für verschiedene Berufsgruppen und Interessengruppen.
Typisch für den Muster - Ansatz ist das empirische Sammeln (pattern mining, Schürfen) von Mustern (alias: Problem -Lösungs - Muster, Gestaltungs - Muster, Entwurfs - Muster, Grund - Muster, Generische Muster) in der Form von Musterbeschreibungen und, in weiterer Folge, die Publikation als Buch oder Seminarkarten - Stapel. Damit ist jedenfalls auch eine Nähe zu einer eklektischen und pragmatischen Arbeitsweise feststellbar, die offen ist für den Diskurs und Partizipation.
Muster und Mustersprachen sind offene Systeme, die selbst einer Entwicklung unterliegen und bedürfen. Mustersprachen sind etwa offen für das Hinzufügen von Mustern und Zusammenhängen (Muster - Sequenzen, Muster - Diagramme). Muster sind etwa offen für das Hinzufügen weiterer Kräfte bzw. Aspekte. ("a pattern [language] is never ever finished").
Ein Muster kann Teil verschiedener Mustersprachen sein oder auch bei entsprechender innerer Komplexität zum Gegenstand einer eigenen Mustersprache werden.
Der Muster - Ansatz ist wesentlich transdisziplinär.
Erstens durch die breite Anwendbarkeit, im Sinne einer Epistemologie (Erkenntnistheorie).
Zweitens durch den systemischen Blick, der jedes Muster durch Wechselwirkungen (Kräfte) zu seiner Umgebung (context, Kontext) bestimmt sieht, die sowohl beim allgemeinen Verständnis, als auch bei der konkreten Ausprägung eine Rolle spielen.
=== 2.3.4 Mustersprache =
Es gilt sogar als erforderlich, dass eine Mustersprache der Architektur nicht nur bauliche und technische, sondern auch soziale, politische, wirtschaftliche, ökologische, topologische, situative und bewohnerbezogen Aspekte und Kräfte einbezieht, wenn sie denn eine wichtige Rolle spielen.
Als Stichwort für eine Reflektion der Potenziale des Muster - Ansatzes möge die Schularchitektur dienen, die einerseits als Teilbereich der Architektur, andererseits als Teilbereich der Didaktik in Erscheinung tritt.
Forderungen nach einer überfälligen Bildungsreform sind nicht nur etwa inhaltlich, organisatorisch und gesetzlich zu bestimmen, sondern treffen auch auf ökonomische, architektonische, humane und politische Kräfte und auf einen generell sehr beharrungsfähigen Status Quo.
Erforderlich ist eine ganzheitliche systemische Sichtweise, vermittelt in einer Sprache und Sichtweise, die allen Beteiligten selbstverständlich werden kann und die transparent nicht im Dienst von Partikularinteressen steht.
Muster und Mustersprachen bilden nur ein formales Gerüst für Gestalter, ähnlich Werkzeug und Werkzeugkasten eines Handwerkers.
=== 2.3.5 Beziehungsethik =
Nicht zu vergessen ist die Beziehungsethik, die sich um das geistige Umfeld erfolgreichen und erwünschten Gestaltens kümmert.
Jede ist eine (Mit-) Gestalterin. Jeder ist ein (Mit-) Gestalter. Wir alle sind (Mit-) Gestalter*innen unseres Lebens, von Beziehungen, von Erziehung, von Gesprächen, von Lehr - Lernsituationen, von Gemeinschaft, von Demokratie, von Gesellschaft und von Organisationen).
Ziel der Beziehungen muss eine möglichst gute Gestaltung sein. Zu berücksichtigen ist das Gesamtsystem und alle seine Beteiligten (Synergie). Ziel ist somit die Lebendigkeit als nicht - biologische Qualität: der lebendige Unterricht, die lebendige Schule, die lebendige Stadt, die lebendige Gemeinschaft, die lebendige Kirche und die lebendige Demokratie.
Ermögliche als Gestalter möglichst viel Beteiligung und Partizipation, eventuell bis hin zur Mit - Gestaltung. Dies ergibt sich als Notwendigkeit der Gestaltung in meist komplexen Systemen, deren notwendige Gesamtwahrnehmung vor und während der Gestaltung ausschlaggebend für die Qualität der Gestaltung ist. Keine Gestaltung soll über die Köpfe der Betroffenen hinweg, vom einsamen Gestalter "am Reißbrett" und "im stillen Kämmerlein" erfolgen. Partizipation an Gestaltung führt zu Akzeptanz und Identifikation.
Egolosigkeit von externen Gestaltern als Ideal. Das Ego bzw. die Eigeninteressen von externen Gestaltern steht der Qualität von Gestaltungen oft entgegen. Das gleiche gilt für Auftraggeber und ihre Interessen. Gestaltung soll nicht im Dienst persönlicher Image- oder Profitbedürfnisse stehen. Profitstreben darf nicht als Profitmaximierung die Gestaltungsqualität marginalisieren.
Gestaltungsethik ergibt sich als kapitalismus - kritische bzw. post - kapitalistische Theorie. Unsere heutige Welt mit ihrer Krisenvielfalt braucht nachhaltige Problemlösungen, die sich vor allem durch mehr soziale und ökologische Sinnhaftigkeit auszeichnen. Dies wird erst wirklich möglich, wenn man die ökonomische Perspektive in der Priorität nachrangig macht. Die Ökonomie muss sich in den Dienst des Lebens stellen.
== 2.4 Gestaltungsethik - Alexander'sche Ethik =
Der Muster - Ansatz und die Umsetzung für eine Unterrichtsgestaltung/ Didaktisierung hat Reinhard BAUER als Dissertation am "Institut für Interdisziplinäre Forschung und Weiterbildng"/ IFF der Universität Klagenfurt bearbeitet(vgl. BAUER 2015).
=== 2.4.1 Einführung =
Gestaltungsethik entstand als Ethik für Architekten bzw. professionelle Gestalter. Sie wird zu einer Ethik für alle Menschen durch die Erkenntnis, dass jeder Mensch als Gestalter oder Mitgestalter in vielen verschiedenen Kontexten tätig ist.
Jeder Mensch kann als Gestalter und seine Freiheit primär als Gestaltungsfreiheit gesehen werden.
Richtiges Handeln ergibt sich
* als gemeinsames lebensförderliches Gestalten,
* als gemeinsames Erforschen und Bewusstmachen der verfügbaren Gestaltungsmöglichkeiten
* sowie als gemeinsames Entfalten der dazu gehörenden Kompetenzen (Wolfgang KELLNER danke ich in diesem Zusammenhang für seine Expertise in Beratung + Kompetenz).
=== 2.4.2 Entstehung =
Gestaltungsethik ergibt sich ursprünglich aus den Schriften und Arbeiten von Christopher Alexander und seinen Kollegen und Mitautoren als eine Theorie der Architektur.
Alexander sucht ein Gestalten in höchster Qualität und dies führt ihn zur Zielsetzung einer lebendigen (lebensförderlichen) Architektur, lebendiger Regionen und Städte, die durch das Zusammentragen des besten Wissens der Welt in Verbindung mit Mitbestimmung und Mitgestaltung möglich wird. Das erforderliche Wissen wird in Gestaltungsmustern erforscht, beschrieben, mitgeteilt bzw. gelehrt. Dieser Denkansatz wurde in andere Disziplinen übernommen und ist einsetzbar, wo es um Gestaltung im weitesten Sinne geht (LEITNER 2007).
Hervorzuheben sind die Bücher "A Pattern Language (1977)" als Mustersammlung der wichtigsten Konzepte der Architektur, "The Timeless Way of Building" (1979) mit der Beschreibung universeller gestalterische Prozesse, "The Production of Houses" (1985) als Pionierprojekt der partizipativen Gestaltung in einem mexikanischen Slum, und das vierbändige "The Nature of Order" (2002 - 2005) mit einer Theorie der Entfaltung des Lebens (als Natur und Kultur) schlechthin.
Alexander untersucht die gesamte Baugeschichte mit einer Darstellung dieser Praxis und eine Umsetzung der gefundenen Qualität in eigene Projekte. Er vollzieht den Übergang von der Schönheit zur Lebendigkeit als Ziel (der Optimierung, als Maxime). Die neue Maxime heißt Lebendigkeit.
Gestaltungsentscheidungen fallen in kleinen Entwicklungsschritten, immer um die Lebendigkeit zu steigern. Entscheidend dafür ist ein angeborenes Gefühl für Lebendigkeit, das jeder Mensch mitbringt, das aber auch entwickelt werden kann (vergleichbar einem musikalischen Gehör). Es entsteht ein Wechselspiel zwischen einem wachsenden intellektuell - funktionellen Verständnis für Lebendigkeit und einem Gefühl für Lebendigkeit.
Alexander wendet er sich gegen den Mainstream der Architektur und die kapitalistischen Bauindustrie. Er erteilt der Maximierung des Profits eine Absage. Um als Gestalter erfolgreich zu sein und glücklich zu werden gilt die Regel: Gestalte für das Leben (und nicht für Profit).
Grundlegend sind ein neues Konzepts von Mustern, die Gestaltungsmuster, die Sinn tragen, Gestaltungsmöglichkeiten aufzeigen und Gestaltungsfreiheit ermöglichen. Ihre Verwendung ermöglicht die systematische Beschreibung eine leichte Kommunikation gemeinsamer Ideen in komplexen systemischen Zusammenhängen, sowohl im Kontext von theoretischer Forschungsarbeit als auch praktischer Anwendung, also das Teilen von Wissen mit dem Ziel der Partizipation über alle Stakeholder - Gruppen bzw. Beteiligten hinweg (vgl. LEITNER 2015, 26 - 35). Es geht um essenzielles Gestaltungswissen als Gemeingut.
Die Bedeutung des Musterdenkens zeigt sich etwa bei Wikipedia, das es ohne Christopher ALEXANDER nicht gäbe. Aus der Praxis wird gemeinsam nützliches Erfahrungswissen erarbeitet, dieses theoretisch reflektiert, verfeinert und vertieft als Muster einer Text- und Datensammlung. Neben Buchpublikationen kommt es etwa zu Broschüren und Websites sowie Seminarkarten - Stapel(vgl. LEITNER 2015, 30 - 31).
ALEXANDER verwendet zur Beschreibung seiner Architektur - Gestaltungsmuster eine einen bestimmte systematische Gliederung, die teilweise in anderen Anwendungsbereiche übernommen wird, teilweise von den Forschergruppen variiert order weiterentwickelt wird. Jedes Muster ist mit anderen Mustern verknüpft; so beschreiben Muster vor allem auch die Verbundenheit aller Dinge. Veränderungen unserer Welt erscheinen als das Entstehen neuer Muster oder als die Veränderung der vorhandenen Muster.
Gestaltungsmuster werden nach Themen in sogenannten Mustersprachen geordnet. Jede Mustersprache kann mit einem mentalen Werkzeugkasten verglichen werden, der eine bestimmte Gestaltungsaufgabe unterstützt.
Alle Gestaltungsmuster zusammen bilden in ihrer Einheit das kulturelle Erbe der Menschheit, "[...]das uns nur allen gemeinsam gehören kann"(LEITNER 2015, 29; vgl. die Intention der Interkulturellen Kompetenz/ ICC > IT - Autorenbeitrag > http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index: Interkulturelle Kompetenz).
Muster erfordern ethische Prinzipien, um gemeinschaftlich wirksam zu werden. "Andernfalls würde es sich nur einen wertfreien und wertlosen Mechanismus handeln, der wie jedes andere Werkzeug auch missbraucht werden kann" (LEITNER 2015, 32).
=== 2.4.3 Verallgemeinerung =
Es versteht sich von selbst, dass mit einem solchen Konzept ein Transfer auf andere gestalterische Strukturen und Prozesse möglich ist.
Damit tauchen (lebensförderliche und mit Leben erfüllte) lebendige Systeme als Ziele auf: die lebendige Stadt, die lebendige Gemeinschaft, das lebendige Gespräch, die lebendige Organisation, die lebendige Beziehung (Partner, Familie, zur Natur), die lebendige Entwicklung und Entfaltung des eigenen Lebens und allen Lebens schlechthin, das lebendige Spiel, die lebendige Gesellschaft, die lebendige Demokratie, der lebendige Unterricht, die lebendige Story (Roman, Film) und vieles andere mehr.
Unmittelbare Folgen ergeben sich in der Mitbestimmung und Mitgestaltung in vielen Bereichen wie etwa im Bildungssystem, der Organisationsgestaltung, im Gesundheitssystem, in der Demokratie im allgemein und in der Persönlichkeitsentwicklung individuell(vgl. die Bedeutung von Partizipation in der Politischen Bildung). Es bedarf nach ALEXANDER einer Veränderung gemeinschaftlicher Vernunft und Mitbestimmung, damit auch stärkeres Bewusstsein für die Mitverantwortung aller Menschen.
Österreich ist ein wichtiger Knotenpunkt dieser Entwicklung der Muster und der Gestaltungsethik. Die Notwendigkeit über das Nachdenken über Muster für einen gesellschaftlichen Wandel fokussiert sich in der internationalen Konferenzserie PURPLSOC 2015, 2017 "PURsuit of Pattern Languages für SOcietal Change" in Krems (vgl. http://purplsoc.org [7.5.2016]).
Eine PURPLSOC Konferenz ist im Herbst 2019 wiederum an der Donau - Universität Krems.
=== 2.4.4 Zusammenfassung – zentrale Gedanken =
Die philosophisch - ethische Grundfrage "Was soll ich tun?" wird unter dem Gesichtspunkt des Menschen als "Gestalter" beantwortet.
Das übergeordnete Ziel des Handelns (von Gestaltung) ist Lebendigkeit.
Gestalte für das Leben (und nicht für Profit).
Gestaltung bedarf ganzheitlicher Wahrnehmung, die sich nur erreichen lässt, wenn der Gestalter vor Ort mitlebt und es zu wirklicher Partizipation kommt.
Optimale Gestaltung gelingt nur mit persönlichem Engagement und breiter Partizipation (nicht isoliert am Zeichenbrett).
Der lebendige kreative Prozess, der allen zugänglich gemacht wird, besteht im Auswählen und Anpassen von Mustern, an dem alle jeweils Beteiligten mitwirken sollen.
Jeder ist ein Gestalter – Jede ist eine Gestalterin – Wir alle sind Gestalter (man beachte lebendige Beziehungen, lebendiges Gespräch, lebendige Gemeinschaft).
Dazu ist erforderlich, dass die professionellen Gestalter ihr Expertenwissen mit den Beteiligten auf verständliche Weise teilen.
Dazu dienen die nach Anwendungsbereich in Mustersprachen geordneten Gestaltungsmuster.
Gestaltungsmuster und Mustersprachen dienen zum Teilen von Wissen bzw. zur Entfaltung von Gestaltungskompetenzen.
Alle Gestaltungsmuster sind in historischer Entwicklung entstanden, von allen Menschen erarbeitet, aufeinander aufbauend; ein Gemeingut, das deshalb auch allen Menschen frei zugänglich sein muss, und gemeinsam gepflegt werden soll.
Gestaltungsmuster sind ein gemeinsames Kulturerbe (kein einhegbares und ausbeutbares Wirtschaftsgut).
Das wiederkehrendes Grundthema "Ich und der/die/das Andere" im Gestaltungsprozess erfordert einerseits gedankliches Verstehen und andererseits intuitive Einfühlung.
Streben nach einer Synthese von Denken und Fühlen (erfordert in der westlichen Welt vor allem auch eine Rehabilitation des Fühlens).
In der gemeinsamen Gestaltung bzw. Entfaltung lebendiger Systeme erfüllt sich die Freiheit und Verantwortung des Menschen.
Der Sinn des Lebens besteht in der Teilhabe an den lebendigen Entfaltungprozessen, die wir Leben (Natur, Schöpfung) nennen.
== 2.5 Mustertheorie - Frieden =
Aus der Perspektive der Musterforschung erscheint Friede nicht als ein Zustand, schon gar nicht als die Abwesenheit von Konflikten und Krieg, sondern als eine zivilisatorische Architektur, eine aus vielen Elemente gebaute Struktur, die Stabilität und Resilienz haben kann, jedoch auch fragil und einsturzgefährdet sein kann.
Daraus kann man den Schluss ziehen, dass es einer laufenden Aufbau- und Erhaltungsarbeit bedarf, um Frieden zu schaffen und zu abzusichern, die von einem Spektrum von Rollen - Bildern und Berufsgruppen zu leisten sind, die man u.a. als Friedens - Arbeiter (peace worker), Friedens - Architekten (peace architects), Friedens - Erbauer (peace builder), Konflikt - Mediatoren (conflict mediators) beschreiben lassen.
Angesichts der Bedeutung des Friedens für die Menschen, die Menschheit, ist es aus Sicht der Musterforschung und Gestaltungsethik nur schwer verständlich, warum die menschlichen Gesellschaften – historisch gesehen und gegenwärtig – nicht mehr Energie aufwenden, um das Frieden als Phänomen zu verstehen und als Menschheitsprojekt zu realisieren.
Es wäre beispielsweise zu erwarten und zu fordern, dass jede Volluniversität über eine Institution der Friedens- und Konfliktforschung verfügen bzw. einen solchen aufbauen solle.
[[Tabelle][Abstand=50][Texthintergrund=weiß][Titelhintergrund=hellgrau][Trennzeichen=//][Ausrichtung=lll][Luft=7][Formatzeichen=@]Sub - Domänen - Skizze zu „Muster des Friedens”@3z#hellgelb
Sub - Domäne @#hellgelb // Mustersprachen (Beispiele für ca. 300) @#hellgelb // Gestaltungsmuster (Beispiele für ca. 5000) @#hellgelb
Muster des inneren Friedens // Muster der Selbsterkenntnis Muster der Selbstarbeit Muster der Meditation // "Niemand ist perfekt" "Das Lernen lernen" "Die Atemtechnik"
Muster des friedlichen Handelns // Muster der friedlichen Kommunikation Muster der Notfallhilfe Muster des Teilens// "Das Angebot" (statt Antimuster: "Der Befehl") "Erste Hilfe Leistung" "Die karitative Spende"
Muster des Friedens mit der Natur // Muster des Naturgenusses Muster einer Ökologischen Wirtschaft Muster des Artenschutzes // "Das Bergerlebnis" "Erneuerbare Energie" "Das Naturschutzgebiet"
Muster des Friedens in Beziehungen // Muster der Zusammenarbeit // "Das Versprechen" "Treue und Offenheit in Partnerschaft" "Das Vertrauen" "Die Augenhöhe"
Muster des Friedens in Familien // Muster der Selbstbestimmung in Familien .-. // "Die freie Partnerwahl" "Die freie Berufswahl" "Die freie Religionswahl"
Muster des Friedens in Gruppen // Muster der Gesprächskultur Muster der Musik Muster des Sports // "Jeder wird gehört" "Das gemeinsame Musizieren" "Magische Momente in Gemeinsamkeit"
Muster des Friedens in Gemeinschaften // Muster der Organisation .-. .-. // "Mitgestaltung durch Mitglieder" "Freiwilligkeit der Mitgliedschaft” "Eine kollegiale Atmosphäre"
Muster des Friedens in Gesellschaften // Muster der Existenzsicherung Muster der Gerechtigkeit // "Die allgemeine Krankenversicherung" "Chancengleichheit im Bildungssystem" "Das Soziale Netz" "Das Recht auf Integration" "Bedingungsloses Grundeinkommen" "Ethik des Tätigseins für die Allgemeinheit"
Muster des Friedens zwischen Staaten // Muster der Diplomatie Muster der wirtschaftlichen Zusammenarbeit // "Das Im - Gespräch - Bleiben" "Der Freie Warenverkehr"
Muster des Friedens zwischen Religionen // Muster der religiösen Toleranz .-. Muster einer gemeinsamen Ethik .-. // "Die gemischt - religiöse Ehe" "Die gemischt - religiöse Veranstaltung" "Du sollst nicht töten" "Alle Menschen sind Geschwister"
Muster des Friedens im Story - Telling // Muster des Märchens Muster des Friedenslieds Muster des Antikriegsfilms // "Das gute Herz obsiegt" "Ein starkes Wir - Gefühl" "Die Sinnlosigkeit des Kriegs"
Muster von Theorien des Friedens // Muster der Konflikttransformation Muster der Synergie // "Die Rolle des Mediators" "Gemeinsam sind wir stark" "Leben ist Vielfalt"
... (offene Liste) ... @3z
]
Friede ergibt sich logisch und zwangsläufig als Rückgrad der zivilisatorischen Entwicklung der Menschheit im größeren Rahmen der Evolution des Lebens bzw. der Natur.
=== 2.5.1 Friedensunterricht =
Angesichts der Reichhaltigkeit des sich ergebenden Themenspektrums drängt sich die Erkenntnis auf, dass der diskutierte Ethik - Unterricht an Schulen - der als eine Art säkularisierter Religionsunterricht auf einen pluralistischen Religions - Ethik - Unterricht zur wechselweisen Kenntnis und Toleranz limitiert ist – wohl besser durch einen Friedensunterricht zu ersetzen wäre (vgl. die Möglichkeiten einer standortgebundenen bzw. regionalgebundenen Schulentwicklung) .
=== 2.5.2 Buchbesprechung =
Helmut Leitner: Mustertheorie. Einführung und Perspektiven auf den den Spuren von Christopher Alexander, 2. ergänzte Auflage 2016, Graz, ISBN 978-3-9504247-0-6
Mit 154 Seiten erhebt das Buch den Anspruch, eine Einführung in handlicher Form anzubieten. Die Verallgemeinerung und Verdichtung der Mustertheorie sei gewagt. Es bestehe die Chance auf Klarheit und die Möglichkeit, mit einem kurze und übersichtlichen Text mehr Leser zu erreichen. Natürlich bestehe auch das Risiko einer unzulässigen Vereinfachung. Der vorliegende Text solle als Interpretation aufgefasst werden (S. 8). Dieser Intention kommt der Autor in seiner klaren und verständlichen Sprache - allein schon in der Einleitung - nach (S. 9 - 14).
Im Vorwort wird für den Leser einführend die Mustertheorie dargelegt (S. 6 - 8).
"Muster" steht für eine neue wissenschaftliche Denkweise, um die Welt besser zu verstehen und für eine neue Methode zur Gestaltung lebendiger Systeme. "Lebendig" meint eine graduelle Lebendigkeit. "Graduell" bedeutet diese Lebendigkeit allen Dingen in entsprechendem Ausmaß zuzuschreiben. Die "Mustertheorie" stellt ein umfassendes Konzept für alle Bereiche des Lebens dar. "Je nach Blickwinkel kann man auch die Begriffe Leittheorie, Denkweise, Methode oder Paradigma verwenden" (S. 6).
Entgegen den umfassenden Problemen des 21. Jahrhunderts in Politik, Wirtschaft, Ökologie und dem Sozialbereich bietet die Alexander'sche Denkweise Möglichkeiten zur Lösung dieser Probleme. Jedermann kann die Konzepte verstehen und als Mittel in seinen Interessenbereichen verwenden (vgl. Kapitel 6.2; vgl. dazu auch die Analytische Ethik von FRANKENA in seinem Anspruch der Allgemeinheit im IT - Autorenbeitrag Ethik > http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index: Ethik).
Im Folgenden wird auf den Aufbau des Buches eingegangen, der didaktisch sehr strukturiert und verständlich konzipiert ist.
In der Einleitung werden Ausgangspunkte der Kritik angeführt (S. 9-12). Für den Leser kritisch zu betrachten ist die Aussage des Buchautors, "[...]Wissenschaft ist nach wie vor eine Disziplin, die den Menschen kaum Antworten auf ihre Lebensfragen gibt" (S. 11) (vgl. beispielhaft die Aussagen der Ethikdisziplinen; der Erkenntnisstand der Medizin, Pflegewissenschaft, Erziehungswissenschaft - Pädagogischen Psychologie, Religionspädagogik und Familienwissenschaft).
Das Ziel, eine Wissenschaft des Lebens zu entwerfen, wird mit der Problematik fehlender Werte, der Alexander'schen Analogie zwischen den gewachsenen Ordnungen, gemeinsamen Bedingungen, der Lebendigkeit, Qualität des Lebens und Problemlösungsmustern begründet (S. 12-14).
Als Ausgangspunkte der Mustertheorie gelten die Wirkung der physikalischen Strukturen der Welt als Rahmen für die Aktivitäten der Menschen, wobei die Architektur den Menschen stark beeinflusst.
Negativ wirkt Stress und der Verlust an Problemlösungskapazität bzw. der Verlust der Fähigkeit, angemessen zu handeln. Mit der Gestaltung einer lebensgerechten Umgebung wird ein Maximum an Lebensqualität und Freiheit ermöglicht (S. 15-16).
Kritisch wird das mechanistische Weltbild gesehen (S. 17-18).
Mit dem Verständnis von Leben meint Alexander gemischte Systeme mit verschiedensten Komponenten. Das ganzheitliche Konzept ergibt sich aus dem Verlangen, die Welt als System zu verstehen und ihre Ganzheit zu entwickeln und zu entfalten. Leben als allgemeines Phänomen hat typische Erscheinungsformen, angepasst an Situationen, individuell, mit Ecken und Kanten. Dies klingt einfach, ist aber nicht ohne weiteres zu etablieren (S. 19-22).
Alexander fordert passende Konzepte zur Beschreibung von Ordnungen in der Natur und wendet sich gegen eine Analyse. Man benötigt sprachliche Grundbegriffe, um über die Phänomene der Welt synthetisch sprechen zu können. Objekte einer Untersuchung sind etwa die Natur, die Kunst und Architektur. Gesucht ist ein Neudenken des Objektiven und Subjektiven, eine Verbindung von Intellekt und Gefühl (S. 22-24).
Im Kapitel "Die Mustertheorie" wird didaktisch durchdacht sich vom einfachen zum komplizierten und vom statischen zum dynamischen Konzept durchgearbeitet. Es geht um die Grundbegriffe "Zentrum und Ganzheit", "Eigenschaften des Lebens" und "Wahrnehmung", "Transformation und Prozesse" und schließlich "Muster und Mustersprache" (S. 25 - 82).
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Studien zur Anwendbarkeit in Erwachsenenpädagogik |  |
Helmut Leitner - Günther Dichatschek
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Hinführung |  |
Die Studie beschäftigt sich mit Randthemen der Erwachsenenbildungswissenschaft in ihrem Selbstverständnis und einer Verwertbarkeit.
Das Bundesinstitut für Erwachsenenbildung in Strobl a.W./ bifeb veranstaltet 2026 mit dem Themenbereich "Gemeinwesenarbeit" einen Kurs, der umfassend den quartären Bildungsbereich betrifft.
In der Europäischen Union wird von einer Gemeinsamkeit des tertiären und quartären Bildungsbereich/ Erwachsenenpädagogik ausgegangen. Der deutschsprachige Raum geht von einer Hochschuldidaktik und Erwachsenenbildungswissenschaft/ Erwachsenenpädagogik als Bezugswissenschaften mit Überschneidungen aus.
Zunehmend gewinnen Politische Bildung/ "politische Pädagogik" und Interkulturelle Kompetenz/ ICC/ interkulturelle Bildung an Bedeutung.
Anregung für die Themenbearbeitung war der Lehrgang "Beratung + Kompetenz" am Bundesinstitut für Erwachsenenbildung und ein Seminar zum Gemeinwesen in Bad Radkersburg 2026.
1 Gemeinwesenarbeit |  |
1.1 Tagung Gemeinwesenarbeit 2026 |  |
Gemeinwesenarbeit/ GWA in stürmischen Zeiten. Welche Konfliktfähigkeit brauchen wir für Frieden?
Bundesinstitut für Erwachsenenbildung Strobl a.W.
Dauer: 07.10.2026 bis 09.10.2026 Anmeldung bis: 23.09.2026
Referierende: Werkstätte Gemeinwesenarbeit
Termine - Arbeitszeiten
Mittwoch, 07. Oktober 2026: 14:00 - 18:00
Donnerstag, 08. Oktober 2026: 09:00 - 18:00
Freitag, 09. Oktober 2026: 09:00 - 12:00
Politische, soziale und zwischenmenschliche Konflikte nehmen zu. Anstatt jedoch mehr Stimmen zuzulassen und Möglichkeiten demokratischer Teilhabe zu erweitern, werden Konflikte weltweit zunehmend in Form von direkter militärischer, physischer und psychischer Gewalt ausgetragen.
Die Auswirkungen sind auch in Europa und Österreich spürbar wie etwa Autoritarismus, Polarisierung und Nationalismus greifen um sich. Durch politische Angriffe auf demokratische Rechte, Aushandlungen und Verfahren sind stärkere Spannungen in den Gemeinwesen und der Gemeinwesenarbeit wahrzunehmen. Initiativen im Gemeinwesen sind durch knapper werdende Ressourcen und unsichere Bedingungen herausgefordert.
Gleichzeitig existieren vielfältige Formen von Wissen und Praktiken in der Gemeinwesenarbeit, der Sozialen Arbeit und der Erwachsenenbildung, die eine konfliktfähige, gewaltfreie Arbeit ermöglichen und sich einer Zukunft des kritischen Miteinanders verschreiben. Konfliktfähigkeit ist Voraussetzung für Frieden, da sie Unrecht richten und zu sozialer Gerechtigkeit beitragen kann.
Auf der diesjährigen GWA - Tagung möchten wir eine Vielfalt an Ansätzen versammeln, die andere Antworten auf die aktuellen sozialen, ökologischen und politischen Fragen geben, als das Recht des Stärkeren oder die Gewalt der Überlegenheit.
Wie reagieren Akteur/ innen der Gemeinwesenarbeit auf die Tendenz zu gewaltsamem Handeln und wahrnehmbarer Kriegsbegeisterung?
Inwiefern sind autoritäre Stärke und Führung wirklich effizienter als demokratisches Aushandeln?
Welche Konzepte, Methoden und Inhalte aus der Gemeinwesenarbeit stärken Konfliktfähigkeit als Werkzeug demokratischer Interessenfindung?
Wie kann Gemeinwesenarbeit politisch, diskursiv und institutionell so gefördert werden, dass sie ihr Potential im Hinblick auf eine konfliktfähige Demokratie bestmöglich entfaltet?
IT - Hinweis
https://www.bifeb.at/bildungszentrum/programmbereiche/tagung-gemeinwesenarbeit-2026/T3-1450 (14.8.2026)
1.2 Silke Helfrich |  |
Silke Helfrich (* 13. Juli 1967 in Thüringen; † 10. November 2021 in Liechtenstein) war eine deutsche Autorin, Herausgeberin, Forscherin und Aktivistin zu Gemeingütern und Commons.
Helfrich studierte Philologie/ Romanistik, Sozialwissenschaften mit ökonomischem Schwerpunkt und Pädagogik an der Karl - Marx - Universität Leipzig. Von 1996 bis 1998 arbeitete sie für die Heinrich - Böll - Stiftung in Thüringen, leitete deren Landesstiftung und von 1999 bis 2007 stiftungseigene Regionalbüros für Zentralamerika, Kuba und Mexiko in San Salvador und Mexiko - Stadt. Sie veröffentlichte mit der US - amerikanischen Ökonomin Elinor Ostrom und übersetzte ihre Schriften.
Sie war Mitgründerin des deutschsprachigen Commons - Instituts, betrieb das Commons Blog und war Teil der Commons Strategies Group. 2014 studierte sie Master Ökonomie der Cusanus - Hochschule und half beim Aufbau von Stipendienmodell und Studierendenvertretung der Hochschule. 2018 und 2019 war sie Fellow des Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) in Potsdam. Helfrich war Mitglied der Kulturland - Genossenschaft. Sie sprach fließend Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch und Portugiesisch. Zudem verfügte sie über Grundkenntnisse in Katalanisch, Latein, Russisch und Japanisch.
Silke Helfrich verunglückte am 10. November 2021 bei einer kurzen Wanderung bei Schaan im Fürstentum Liechtenstein tödlich.
Silke Helfrich veröffentlichte mehrere Sachbücher und Sammelbände zu materiellen und geistigen Gemeingütern sowie Peer - to - Peer - Netzwerken und -produktion. Sie wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Ihr besonderer Fokus lag dabei auf den sozialen Prozessen und Mustern, in denen gemeinschaftliche Güter entstehen und erhalten bleiben (Commoning), sowie den Begriffen, die selbige beschreiben können. Um derartige „Muster des Commonings“ festzuhalten, entwarf sie eine von Christopher Alexander inspirierte Theorie und Mustersprache.
1.3 Überblick Gemeinwohlökonomie/ Auswahl |  |
Freiheit - Gerechtigkeit - Nachhaltigkeit
Staat und Markt - selbstorganisierte und nachhaltige Ressourcennutzung
Commonslogik - Menschenbild soziales Wesen - Konsensprinzip
Selbstorganisation und Monotorierung
gemeinsam genutzter Besitz - Schwerpunkt: nutzungsgerechtes Gemeinwohl
Mensch - Erziehung
Selbstentfaltung
Ressourcen - Selbstorganisation - Bedürfnisorientierung
IT - Hinweis
https://www.ltdg.net/wp-content/uploads/2021/11/211009_Commons_Eine_Einfuehrung_GWOe-komprimiert.pdf (17.8.2026)
1.4 Commons |  |
Commons sind gemeinsam hergestellte, gepflegte und genutzte Produkte und Ressourcen unterschiedlicher Art. Im Deutschen gibt es dafür das Wort Gemeingüter, was aber zu sehr auf die Ressourcen oder Produkte („Güter“) fokussiert. Daher verwenden wir auch im Deutschen das Wort Commons. Das Wort Commons mit „s“ steht dabei sowohl für die Einzahl wie für die Mehrzahl, es gibt also das Commons und die Commons.
Commons haben drei Bausteine.
(1) Die Ressource oder das Produkt, das gemeinschaftlich hergestellt, erhalten und genutzt wird. Das können etwa Gewässer, Böden, Räume, Software, Saatgut, Fahrräder, die Wikipedia, Erkenntnisse, Produktionsmittel, die Atmosphäre oder die Ozeane sein oder irgendetwas anderes. Grundsätzlich kann alles zum Commons werden.
Manche Commons - Ressourcen sind von der Natur gemacht (Gewässer, Atmosphäre), andere von Menschen (GNU/ Linux, Wikipedia, Produktionsmittel). Üblicherweise kommt aber beides zusammen – Böden und Saatgut haben eine natürliche Basis, müssen aber von Menschen gepflegt und entwickelt werden, um für Menschen nutzbar zu werden und zu bleiben.
Manche Ressourcen/ Produkte sind universell. Jeder Mensch hat das gleiche Recht, sie zu nutzen. Kein Mensch hat das Recht, sie zu zerstören oder sie einzuhegen und dadurch andere von ihrer Nutzung abzuhalten. Das gilt etwa für die Atmosphäre und die Ozeane, Freie Software wie GNU/ Linux und Firefox sowie Freies Wissen wie die Wikipedia oder Open Street Map.
Andere sind lokal. Sie sind an einen bestimmen Ort gebunden und können nur von den vor Ort lebenden Menschen genutzt und gepflegt werden. Das gilt etwa für einzelne Gewässer und Bewässerungssysteme, Ländereien und Gebäude. Auch lokale Commons brauchen Schutz vor Einhegung und Zerstörung, um als solche erhalten zu bleiben.
(2) Die Community oder Gemeinschaft der Menschen, die das Commons herstellen, erhalten und nutzen. Ohne konkret handelnde Menschen in bestimmten sozialen Umgebungen ist kein Commons denkbar. Produkte werden von Menschen gemacht, und wenn sie nicht von Menschen genutzt werden, sind sie nutzlos. Commons - Ressourcen mit natürlicher Basis müssen bewahrt und gepflegt werden. Unentdecktes und ungenutztes Land ist kein Commons, es ist im Wortsinne „Niemandsland“.
(3) Die Regeln der Selbstorganisation, die die Community für den Umgang mit dem Commons setzt und durchsetzt. Selbstbestimmte Regeln sind die Grundlage der Selbstorganisation. Ohne verabredete Regeln kann kein Commons funktionieren, doch welche Verabredungen im Einzelfall die richtigen sind, hängt von der Art des Commons und den Präferenzen der Community ab. Es ist ein Unterschied, ob die Nutzung von Bytes und Informationen geregelt werden muss oder jene natürlicher Ressourcen wie Wasser und Wald.
Unterschiedliche Commons brauchen unterschiedliche Regeln, die aber in allen Fällen von der jeweiligen Community (Nutzer*innen- und Kümmerer*innen-Gemeinschaft) weitgehend selbst gefunden und durchgesetzt werden. Das gelingt nur, wenn eine Gruppe von Menschen ein gemeinsames Verständnis im Umgang mit dem Commons entwickelt. Den komplexen sozialen Prozess des selbstorganisierten Umgangs mit Commons bezeichnet der Historiker Peter Linebaugh als „Commoning“. Aus diesem „Commoning“ ergeben sich die in oft konfliktreichen Prozessen ausgehandelten Regeln.
Jedes Commons ist anders, weil die Regeln und Gestaltungsprinzipien den lokalen Gegebenheiten und Bedürfnissen angepasst werden. Es gibt keinen „Masterplan“ für alle Commons, wohl aber einige Gemeinsamkeiten:
Commoning ist ein Prozess von unten nach oben (bottom - up) statt von oben nach unten (top - down). Entscheidungen werden lokal von denen getroffenen, die von ihnen betroffen sind und sie umsetzen müssen. Es gibt keine von oben oder von einer zentralen Institution durchgesetzte Vorgaben, an die sich alle halten müssen.
In Commoning - Prozessen werden konsensorientierte Lösungen gegenüber Mehrheitsentscheidungen und willkürlichen Entscheidungen einzelner bevorzugt. Bei exklusivem Privateigentum hat eine Eigentümer/ in die fast uneingeschränkte Verfügungsgewalt – wenn andere die Ressource/ das Produkt nutzen möchten, brauchen sie die Erlaubnis der Eigentümer/ in und müssen sich ihren Vorgaben unterordnen. Bei Mehrheitsentscheidungen dürfen zwar alle mit abstimmen, doch bei jeder tatsächlich getroffenen Entscheidung muss eine unter Umständen beträchtliche Minderheit damit leben, dass sie überstimmt wurden. Das kann schnell zu Frust und Rückzug führen. Beim Streben nach Konsens haben hingegen alle die Möglichkeit, ein begründetes Veto einzulegen und eine Entscheidung, die ihnen gar nicht passt, auf diese Weise zu blockieren. Das macht es schwieriger und langwieriger, sich zu einigen, bedeutet aber auch, dass mit der schließlich gefundenen Lösung alle leben können und niemand das Gefühl hat, immer wieder überstimmt zu werden.
Beim Commoning geht es um die Bedürfnisse der Beteiligten, nicht um Profit. Commons werden gemacht und gepflegt, um genutzt zu werden und Bedürfnisse zu befriedigen, nicht um Profite „abzuwerfen“. Die notwendige Finanzierung der Projekte läuft über vielfältige Formen. Dabei ist zentral, dass das Projekt nicht oder nicht wesentlich für den Markt produziert wird, um eine Ausrichtung am Markt statt an den Bedürfnissen zu verhindern.
Die Logik des Commoning geht davon aus, dass bei richtiger Nutzung „genug für alle“ da ist. „Rivale“ Güter, die nicht von allen gleichzeitig genutzt werden können – ob Bewässerungssysteme oder Fahrzeug - Pools – werden so aufgeteilt, dass alle die wollen zum Zug kommen und niemand leer ausgeht. Nichtrivale Güter, die von beliebig vielen Menschen parallel genutzt werden können – das gilt für jede Art von Wissen und Informationsgütern, etwa Software und Musik – stehen allen ohne Einschränkungen zur Verfügung.
Folgende Gelingensbedingungen für Commoning kann man identifizieren.
- Commoning gelingt besser, wenn Selbstorganisation als ständiger selbstkritischer, selbstreflexiver Prozess verstanden sowie eingeübt und praktiziert wird. Je mehr Selbstorganisationsfähigkeit, umso selbstverständlicher erscheint Commoning.
- Commoning braucht Transparenz. Transparenz braucht umfassende und geduldige Dokumentation von Prozessen, Problemen und Erfahrungen des Gelingens und des Scheiterns.
- Commoning gelingt immer besser, je mehr es dazu beiträgt, unsere Handlungsmöglichkeiten unter den Bedingungen transparenter Selbstorganisation zu erweitern.
IT- Hinweis
https://commons-institut.org/theorie/was-sind-commons/ (19.8.2026)
1.5 Lebensweltorientierung |  |
Lebensweltorientierung ist ein pädagogischer und sozialarbeiterischer Ansatz, der die alltäglichen Lebensbedingungen, Erfahrungen und Perspektiven der Menschen in den Mittelpunkt stellt, um ihre Selbstbestimmung, Teilhabe und Bewältigungskompetenzen zu fördern.
Die Lebensweltorientierung wurde von Hans THIERSCH (1986) entwickelt und zielt darauf ab, professionelle Hilfe nah an der Realität der Menschen zu gestalten. Dabei wird die Person als Experte ihres eigenen Lebens betrachtet, während Fachkräfte Unterstützung zur Selbsthilfe leisten, anstatt als alleinige Experten zu agieren.
IT - Hinweis
https://www.socialnet.de/lexikon/Lebensweltorientierung (17.8.2027)
1.6 Literaturhinweise/ Auswahl |  |
Acksel B. - Euler J. - Gauditz L. - Helfrich S.- Kratzwald, B.- Meretz S.- Tuschen S. (2015): Commoning: Zur Kon - struktion einer konvivialen Gesellschaft, in: Adloff F. - V. Heins V. (Hrsg.): Konvivialismus: Eine Debatte, Bielefeld, 133 - 145
Habermann, F. (2016): Ecommony: Um CARE zum Miteinander. Sulzbach am Taunus
Helfrich S./ Heinrich - Böll - Stiftung (Hrsg.) (2009): Wem gehört die Welt? Zur Wiederentdeckung der Gemeingüter, München, 218 - 228
Helfrich S. (Hrsg.) - Ostrom E. (2011):: Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, München
Helfrich S. - Bollier D./ Heinrich - Böll - Stiftung (Hrsg.) (2015): Die Welt der Commons: Muster gemeinsamen Handelns, Bielefeld
Helfrich S./ Heinrich - Böll - Stiftung (Hrsg.) (2012). Commons: Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat, Bielefeld
Knigge - Bietschau J.- Witt D. (2025): Lebensweltorientierung, Frankfurt/ M.
Leitner H. (2015): Mit Mustern arbeiten. Eine Einführung, in: Helfrich S./ Bollier D./ Heinrich - Böll - Stiftung (Hrsg.): Die Welt der Commons - Muster gemeinsam Handeln, Bielefeld, 26-35
Leitner H. (2016): Mustertheorie. Einführung und Perspektiven auf den Spuren von Christopher Alexander, Reihe Musterforschung 001 Erstveröffentlichung 2007 bei Nausner & Nausner Verlag Graz
Meretz, S. (2014): Grundrisse einer freien Gesellschaft, in: Konicz T. - F. Rötzer (Hrsg.), Aufbruch ins Ungewisse: Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise, Hannover, 152 - 182
Thiersch H. (1986): Die Erfahrung der Wirklichkeit: Perspektiven einer alltagsorientierten Sozialpädagogik, Weinheim
Thiersch H. (1999): Lebenswelt und Moral: Beiträge zur moralischen Orientierung Sozialer Arbeit, Weinheim
Thiersch H. ( 2003): „25 Jahre alltagsorientierte Soziale Arbeit – Erinnerung und Aufgabe“, in: Zeitschrift für Sozialpädagogik, 1 - 2/ 2003, 118 − 124
Thiersch H. (2015): Soziale Arbeit und Lebensweltorientierung: Handlungskompetenzen und Arbeitsfelder. Gesammelte Aufsätze. Band 2, Weinheim
Thiersch H. (2016): Alltag und Lebenswelt im 21. Jahrhundert. In: Sozialpädagogische Impulse, 4 /2016, 6 − 11
Thiersch H. (2020): Lebensweltorientierte Soziale Arbeit – revisited, Weinheim
2 Mustertheorie |  |
Muster (pattern) und Mustersprache (pattern language) sind zentrale Begriffe in einem Forschungsansatz, der im Zeitraum 1964 - 2004 begründet wurde vom österreich - englisch - amerikanischen Architekten und Architekturtheoretiker Christopher Alexander.
Die besondere Bedeutung der Musterheorie besteht in der Übertragbarkeit von den Entstehungssachgebieten Architektur/ Kunst auf andere Sachgebiete mit kreativen Prozessen, etwa die Bereiche Bildung/ Pädagogik/ Didaktik und Demokratie/ Politik/ Zivilisation, die dem NetzwerkGegenGewalt nahe liegen.
Diese Studie der Übertragung und Ausdifferenzierung steckt noch in den Kinderschuhen. Im unten referenzierten Artikel "A Bird’s - Eye View on Pattern Research" spreche ich von den "100 Anwendungsfeldern der Mustertheorie".
2.1 Buchprojekt |  |
Das Buchprojekt Mustertheorie setzte sich zum Ziel, das umfangreiche Werk Alexanders - 16 Bücher, 200+ Fachartikel, 100 + Architekturprojekte - in seiner geistigen Essenz so kompakt wie möglich zusammen zu fassen bei aller Kürze trotzdem verständlich zu machen und für die persönliche Anwendung aufzubereiten.
Entstanden ist ein Taschenbuch mit 160+ Seiten, das man an einem Wochenende lesen kann.
Das vorliegende Buch Mustertheorie beschäftigt sich mit dem Werk eines großen zeitgenössischen Denkers, des amerikanischen Architekten, Systemtheoretikers und Philosophen Christopher Alexander, emeritierter Professor der renommierten Universität Berkeley, Kalifornien. Von seinen vielen Büchern liegt nur ein frühes Buch (A Pattern Language 1979) in deutscher Übersetzung (Eine Mustersprache) vor. Das umfangreiche vierbändige The Nature of Order wurde erst 2002-2004 veröffentlicht. Dieses Werk ist im deutschen Sprachraum bisher weitgehend unrezipiert.
Das Werk Alexanders ist bedeutend. Er entwickelt eine allgemeine Theorie von Lebendigkeit, eine Systemtheorie rund um die Begriffe Zentrum, Ganzheit und Transformation, sowie die methodische Umsetzung durch Muster und Mustersprachen. Dahinter steckt ein komplettes gedankliches Universum mit großer Bandbreite. Einerseits schlägt er ein neues wissenschaftliches Paradigma vor, das er dem traditionellen kausal - mechanistischem Paradigma der Naturwissenschaft entgegensetzt, andererseits bildet die Methode eine neue Form der Wissensaufbereitung und Wissenschaftsvermittlung mit starker partizipativer Anwendungsorientierung.
Es gibt erste fruchtbare Anwendungen in der Softwareentwicklung, der Permakultur, der Regionalentwicklung oder der Dialogtheorie, um nur einige der im Buch referierten Strömungen zu nennen. Die Mustertheorie ermöglicht ein Neudenken und Umdenken in Richtung auf eine Praxis mit mehr Nachhaltigkeit und Partizipation. Es ist ein gedanklicher Werkzeugkasten für Innovation.
Die 2. Auflage ist um Diagramme zu den fünfzehn Lebenseigenschaften und eine ausführliche Bibliographie ergänzt. Der Text selbst ist, bis auf geringfügige Korrekturen, unverändert.
Ausgaben
Leitner, Helmut (2007). Mustertheorie: Einführung und Perspektiven auf den Spuren von Christopher Alexander. Graz, Nausner & Nausner, ISBN 3-901402-50-0, nur mehr antiquarisch verfügbar.
Leitner, Helmut (2016). Mustertheorie: Einführung und Perspektiven auf den Spuren von Christopher Alexander. Zweite erweiterte Auflage. Graz: HLS Software. Gedruckt bei KDP. ISBN - 1978-3950424706, Amazon https://www.amazon.de/dp/3950424709
Leitner, Helmut (2015). Pattern theory. Introduction and Perspectives on the Tracks of Christopher Alexander. Graz: HLS Software. Printed by KDP. ISBN-13: 978-1505637434, Amazon https://www.amazon.de/dp/1505637430/
Leitner, Helmut (2024). Pattern theory. Introduction and Perspectives on the Tracks of Christopher Alexander. Japanische Übersetzung basierend auf der englischen Übersetzung. Printed by KDP.
ISBN-13: 979-8339124658, Amazon https://www.amazon.de/dp/B0DJBL1LT9/ https://www.amazon.co.jp/dp/B0DJBL1LT9/ ˧
Die Konzepte von Christopher Alexander (Mustertheorie) standen am Anfang der Entwicklung der Wiki - Software ab 1945 durch den amerikanischen Entwickler Ward Cunningham; Ausgangspunkt für die Pro Wiki Software, die für das Netzwerk Gegen Gewalt verwendet wird. Diese Art von Software unterstützt das inkrementelle Entstehen der Inhalte und das partizipative Zusammenarbeiten der Autoren (analog im Großmaßstab in der Wikipedia).
2.2 Didaktisierung des Muster - Ansatzes von Christopher Alexander |  |
Reinhard BAUER hat in seiner umfangreichen Dissertation den Muster - Ansatz von Christopher ALEXANDER und Implikationen für die Unterrichtsgestaltung bzw. Didaktisierung untersucht (vgl. BAUER 2015).
Wesentliche Erkenntnisse für eine neue Sichtweise der Allgemeinen Didaktik sind von Interesse und sollen verkürzt eingebracht werden (vgl. auch den IT - Autorenbeitrag http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index: Ethik, Pkt. 12).
Literaturhinweis
Bauer R. (2015): Didaktische Entwurfsmuster. Der Muster - Ansatz von Christopher Alexander und Implikationen für die Unterrichtsgestaltung, Münster - New York
2.2.1 Einleitung |  |
Christopher ALEXANDER sieht als Architekt in einem Muster (pattern) bzw. Entwurfsmuster (design pattern) eine Lösung für ein Problem in einem bestimmten Kontext. Architektur und Software - Programmierung nutzen dieses Wissen. Für die Didaktik ergeben sich Problemstellungen (vgl. BAUER 2015, 26 - 41).
Unterschiedliche Sichtweisen auf den Musterbegriff und Musteransätze werden analysiert. Neben der Vorstellung der Umgebung (context) wird das Problem beschrieben. Eine Lösung wird angestrebt. Auch die beste Problemlösung hat potenziell Nebeneffekte, die einer weiteren Bearbeitung bedürfen.
Diese Struktur spiegelt sich in einem Entwurfmuster mit
Exposition (Personen, Beziehungen, Kernkonflikt und Hintergründe) > Umfeld / Kontext
steigender Handlung (Spannungsaufbau, wirkende Kräfte, Konfliktverschärfung) > Problem
Peripeti (Wendepunkt, Höhepunkt) > Spannungsfeld und
fallender Handlung (Katastrophe bzw. Lösung) > Lösung wider.
Diese Kategorien stehen in einer Wechselbeziehung.
Ein Muster ist nach Alexander gleichzeitig ein Objekt und der Gestaltungsprozess, der zum Objekt führt.
Sprachlich hat das Wort die Bedeutung einer sich wiederholenden Zeichnung, Figur, Verzierung/Stichwort Ornament. Ebenso hat es die Bedeutung von Vorlage bzw. Modell/Stichwort Schema, Schablone (vgl. das vorhandene Definitionsproblem).
Englisch werden "pattern" und "model" unterschieden.
2.2.2 Didaktische Problemstellungen |  |
Die klassische Didaktik folgt dem Modell Einstieg, Erarbeitung und Anwendung. Man geht vom gleichzeitigen Lernen aus. Binnendifferenzierung und Individualisierung des Lernens sind hier kaum möglich. Für Unterrichtsversuche ist diese Vorbereitung ausreichend.
Berufserfahrende Lehrende folgen dem Komplexitätsmanagement. Implizites Wissen, komplexe Situationen und Alternativen benötigen ein Entwurfsmuster und müssen zu Eigenschaften der Lernenden und der Lehrsituationen passen.
Kennzeichen sind
- eine wiederkehrende Entwurfsstruktur,
- Lösungsformen als Methoden, Szenen und Werkzeuge/ Hilfsmittel sowie
- Gestaltungsspielräume.
Die Mustersprache als Kommunikationsmittel im Unterricht bzw. der Lehre vermittelt erfolgreiche Lösungen in einem wiederholbaren didaktischen Problem.
Der Kontext zu Alexanders Pattern - Ansatz besteht in der Vorbereitung bzw. Gestaltung des Unterrichts. Mit Hilfe von Entwurfsmustern könnte Praxiswissen dokumentiert und zugänglich gemacht werden. Didaktiker können sich mit E - Learning - Szenarien und Blended - Learning in Ideen, Konzepten und Lösungen austauschen.
Didaktische Entwurfsmuster verlangen die Beschäftigung mit Alexanders Architekturtheorie (vgl. LEITNER 2007), der Informatik und der Lehr - Lern - Forschung.
2.2.3 Didaktisches Bezugssystem |  |
Neben dem didaktischen Entwurfssystem ist ein didaktisches Bezugssystem von Interesse (vgl. BAUER 2015, 440-41).
Die Gestaltung von Unterricht hat das Einzelkämpfertum Lehrender zu durchbrechen, geht es doch nicht nur um die persönliche Vorbereitung von Lehrenden, vielmehr auch um die betroffene Zielgruppe der Lernenden, die nicht mit beliebigen pädagogischen Ansprüchen und Verfahren zurückbleiben sollen.
Ein gemeinsames didaktisches Bezugssystem bzw. die Basis für eine gemeinsame didaktische Mustersprache gibt es dann, wenn allgemein didaktische Theorien, Verfahren und Konzepte aus der Mustertheorie betrachtet werden, Gemeinsamkeiten im Entwurfsmuster aufgezeigt und eine gemeinsame Unterrichtssprache verwendet werden (vgl. BAUER 2015, 52-59 ausführlich zum gegenwärtigen Stand der Rezeption in der Didaktik).
2.2.4 Ergebnisse aus Studien |  |
BAUER (2015, 64-65) zieht aus seinen Interviews mit Lehrenden zwei Schlüsse.
Zumeist verfügen Lehrende über ein didaktisch - methodisches Repertoire für Problemstellungen (Planung, Unterrichtsgestaltung). Basis ist das Erfahrungswissen. Gegebenenfalls wird die Verschriftlichung von Unterrichtsentwürfen, der Medieneinsatz oder die Kooperation mit den anderen Lehrenden als fächerübergreifend angesehen.
Fehlend ist die gemeinsame Sprache. Damit werden erfolgreiche Praktiken und ein Raum für Innovationen nicht gespeichert.
2.3 Entwicklung eines Diskurses |  |
Es geht bei den Klassifikationsprinzipien zunächst um die Bestimmung der Begrifflichkeit von didaktischen Entwurfsmustern.
2.3.1 Teaching - Learning |  |
- Im Englischen ist "teaching" und "learning" klar unterschieden.
- "Teaching Patterns" sind Lehrmuster, "Learning Patterns" dagegen Lernmuster.
- "Pedagogical Patterns" (Didaktische Entwurfsmuster) müssen den Unterschied zwischen "teaching" und "learning" beachten.
2.3.2 Lernmuster |  |
Der Begriff Lernmuster ("learning patterns") muss allerdings umfassender gefasst werden. Individuelle Lernprozesse - Wissensmanagement und Lernstrategien - unterscheiden sich in formale, non - formale und informelle Lernsituationen.
Didaktische Entwurfsmuster ("Pedagogical Patterns") beziehen alle Lernsituationen in allen Lebensbereichen mit ein (vgl. lebensbegleitendes Lernen).
Daraus unterscheidet man didaktische (Allgemeine Didaktik) und methodische Muster (Fachdidaktiken).
Analog dazu wird von E - Lehr- und E - Lernmustern gesprochen.
Zusätzlich kommt es zu Überlegungen einer Unterscheidung zwischen Didaktischen Entwurfsmustern und Mathetischen Entwurfsmustern.
Mathetik bedeutet schulisches Lernen aus dem Blickwinkel Lernender im Kontext mit dem auf einer Ebene bestehenden Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden (Lehrender ist Lernberater und helfender Erzieher).
Instrumentelle Mathetik bedeutet eine Auswahl der Inhalte und ihre kulturelle Bedeutung, Lernvoraussetzungen und Lernmöglichkeiten.
Additive Mathetik bedeutet die Fähigkeit zum Lernen (Lernen des Lernens).
Komplementäre Mathetik bedeutet Lehren und Lernen gemeinsam zu sehen (wechselseitige Ergänzung).
In der Didaktik ist das Verhältnis von Lehren und Lernen asymmetrisch.
2.3.3 Musteransatz |  |
Der Muster - Ansatz (Muster - Denkweise, Muster - Methode, Mustertheorie) erscheint als trans - disziplinäre Methode für kreative Anwendungsbereiche. Genannt wurden bisher Architektur (Gebäude), Informatik (Software und Informationssysteme) und Didaktik (Lernen bzw. Lehren). Es gibt die These von 100+ solchen kreativen Anwendungsbereichen (domains; z.B. Musik) und Teilbereichen (subdomain; z.B. Musikkomposition). Gemeinsam sind allen diesen Bereichen Gestaltungsspielräume bzw. Kontingenz der Gestaltungsobjekte.
Ziel des Muster - Ansatzes ist eine verständliche und nützliche Bündelung von Erfahrungswissen für die Zielgruppe (n), im Idealfall für alle Gruppen von Beteiligten bzw. Betroffenen (stakeholder). Das ist oft auch bewusste Sprachentwicklung, mit dem Ziel einer gemeinsamen Sprache, auch für verschiedene Berufsgruppen und Interessengruppen.
Typisch für den Muster - Ansatz ist das empirische Sammeln (pattern mining, Schürfen) von Mustern (alias: Problem -Lösungs - Muster, Gestaltungs - Muster, Entwurfs - Muster, Grund - Muster, Generische Muster) in der Form von Musterbeschreibungen und, in weiterer Folge, die Publikation als Buch oder Seminarkarten - Stapel. Damit ist jedenfalls auch eine Nähe zu einer eklektischen und pragmatischen Arbeitsweise feststellbar, die offen ist für den Diskurs und Partizipation.
Muster und Mustersprachen sind offene Systeme, die selbst einer Entwicklung unterliegen und bedürfen. Mustersprachen sind etwa offen für das Hinzufügen von Mustern und Zusammenhängen (Muster - Sequenzen, Muster - Diagramme). Muster sind etwa offen für das Hinzufügen weiterer Kräfte bzw. Aspekte. ("a pattern [language] is never ever finished").
Ein Muster kann Teil verschiedener Mustersprachen sein oder auch bei entsprechender innerer Komplexität zum Gegenstand einer eigenen Mustersprache werden.
Der Muster - Ansatz ist wesentlich transdisziplinär.
Erstens durch die breite Anwendbarkeit, im Sinne einer Epistemologie (Erkenntnistheorie).
Zweitens durch den systemischen Blick, der jedes Muster durch Wechselwirkungen (Kräfte) zu seiner Umgebung (context, Kontext) bestimmt sieht, die sowohl beim allgemeinen Verständnis, als auch bei der konkreten Ausprägung eine Rolle spielen.
2.3.4 Mustersprache |  |
Es gilt sogar als erforderlich, dass eine Mustersprache der Architektur nicht nur bauliche und technische, sondern auch soziale, politische, wirtschaftliche, ökologische, topologische, situative und bewohnerbezogen Aspekte und Kräfte einbezieht, wenn sie denn eine wichtige Rolle spielen.
Als Stichwort für eine Reflektion der Potenziale des Muster - Ansatzes möge die Schularchitektur dienen, die einerseits als Teilbereich der Architektur, andererseits als Teilbereich der Didaktik in Erscheinung tritt.
Forderungen nach einer überfälligen Bildungsreform sind nicht nur etwa inhaltlich, organisatorisch und gesetzlich zu bestimmen, sondern treffen auch auf ökonomische, architektonische, humane und politische Kräfte und auf einen generell sehr beharrungsfähigen Status Quo.
Erforderlich ist eine ganzheitliche systemische Sichtweise, vermittelt in einer Sprache und Sichtweise, die allen Beteiligten selbstverständlich werden kann und die transparent nicht im Dienst von Partikularinteressen steht.
Muster und Mustersprachen bilden nur ein formales Gerüst für Gestalter, ähnlich Werkzeug und Werkzeugkasten eines Handwerkers.
2.3.5 Beziehungsethik |  |
Nicht zu vergessen ist die Beziehungsethik, die sich um das geistige Umfeld erfolgreichen und erwünschten Gestaltens kümmert.
Jede ist eine (Mit-) Gestalterin. Jeder ist ein (Mit-) Gestalter. Wir alle sind (Mit-) Gestalter*innen unseres Lebens, von Beziehungen, von Erziehung, von Gesprächen, von Lehr - Lernsituationen, von Gemeinschaft, von Demokratie, von Gesellschaft und von Organisationen).
Ziel der Beziehungen muss eine möglichst gute Gestaltung sein. Zu berücksichtigen ist das Gesamtsystem und alle seine Beteiligten (Synergie). Ziel ist somit die Lebendigkeit als nicht - biologische Qualität: der lebendige Unterricht, die lebendige Schule, die lebendige Stadt, die lebendige Gemeinschaft, die lebendige Kirche und die lebendige Demokratie.
Ermögliche als Gestalter möglichst viel Beteiligung und Partizipation, eventuell bis hin zur Mit - Gestaltung. Dies ergibt sich als Notwendigkeit der Gestaltung in meist komplexen Systemen, deren notwendige Gesamtwahrnehmung vor und während der Gestaltung ausschlaggebend für die Qualität der Gestaltung ist. Keine Gestaltung soll über die Köpfe der Betroffenen hinweg, vom einsamen Gestalter "am Reißbrett" und "im stillen Kämmerlein" erfolgen. Partizipation an Gestaltung führt zu Akzeptanz und Identifikation.
Egolosigkeit von externen Gestaltern als Ideal. Das Ego bzw. die Eigeninteressen von externen Gestaltern steht der Qualität von Gestaltungen oft entgegen. Das gleiche gilt für Auftraggeber und ihre Interessen. Gestaltung soll nicht im Dienst persönlicher Image- oder Profitbedürfnisse stehen. Profitstreben darf nicht als Profitmaximierung die Gestaltungsqualität marginalisieren.
Gestaltungsethik ergibt sich als kapitalismus - kritische bzw. post - kapitalistische Theorie. Unsere heutige Welt mit ihrer Krisenvielfalt braucht nachhaltige Problemlösungen, die sich vor allem durch mehr soziale und ökologische Sinnhaftigkeit auszeichnen. Dies wird erst wirklich möglich, wenn man die ökonomische Perspektive in der Priorität nachrangig macht. Die Ökonomie muss sich in den Dienst des Lebens stellen.
2.4 Gestaltungsethik - Alexander'sche Ethik |  |
Der Muster - Ansatz und die Umsetzung für eine Unterrichtsgestaltung/ Didaktisierung hat Reinhard BAUER als Dissertation am "Institut für Interdisziplinäre Forschung und Weiterbildng"/ IFF der Universität Klagenfurt bearbeitet(vgl. BAUER 2015).
2.4.1 Einführung |  |
Gestaltungsethik entstand als Ethik für Architekten bzw. professionelle Gestalter. Sie wird zu einer Ethik für alle Menschen durch die Erkenntnis, dass jeder Mensch als Gestalter oder Mitgestalter in vielen verschiedenen Kontexten tätig ist.
Jeder Mensch kann als Gestalter und seine Freiheit primär als Gestaltungsfreiheit gesehen werden.
Richtiges Handeln ergibt sich
- als gemeinsames lebensförderliches Gestalten,
- als gemeinsames Erforschen und Bewusstmachen der verfügbaren Gestaltungsmöglichkeiten
- sowie als gemeinsames Entfalten der dazu gehörenden Kompetenzen (Wolfgang KELLNER danke ich in diesem Zusammenhang für seine Expertise in Beratung + Kompetenz).
2.4.2 Entstehung |  |
Gestaltungsethik ergibt sich ursprünglich aus den Schriften und Arbeiten von Christopher Alexander und seinen Kollegen und Mitautoren als eine Theorie der Architektur.
Alexander sucht ein Gestalten in höchster Qualität und dies führt ihn zur Zielsetzung einer lebendigen (lebensförderlichen) Architektur, lebendiger Regionen und Städte, die durch das Zusammentragen des besten Wissens der Welt in Verbindung mit Mitbestimmung und Mitgestaltung möglich wird. Das erforderliche Wissen wird in Gestaltungsmustern erforscht, beschrieben, mitgeteilt bzw. gelehrt. Dieser Denkansatz wurde in andere Disziplinen übernommen und ist einsetzbar, wo es um Gestaltung im weitesten Sinne geht (LEITNER 2007).
Hervorzuheben sind die Bücher "A Pattern Language (1977)" als Mustersammlung der wichtigsten Konzepte der Architektur, "The Timeless Way of Building" (1979) mit der Beschreibung universeller gestalterische Prozesse, "The Production of Houses" (1985) als Pionierprojekt der partizipativen Gestaltung in einem mexikanischen Slum, und das vierbändige "The Nature of Order" (2002 - 2005) mit einer Theorie der Entfaltung des Lebens (als Natur und Kultur) schlechthin.
Alexander untersucht die gesamte Baugeschichte mit einer Darstellung dieser Praxis und eine Umsetzung der gefundenen Qualität in eigene Projekte. Er vollzieht den Übergang von der Schönheit zur Lebendigkeit als Ziel (der Optimierung, als Maxime). Die neue Maxime heißt Lebendigkeit.
Gestaltungsentscheidungen fallen in kleinen Entwicklungsschritten, immer um die Lebendigkeit zu steigern. Entscheidend dafür ist ein angeborenes Gefühl für Lebendigkeit, das jeder Mensch mitbringt, das aber auch entwickelt werden kann (vergleichbar einem musikalischen Gehör). Es entsteht ein Wechselspiel zwischen einem wachsenden intellektuell - funktionellen Verständnis für Lebendigkeit und einem Gefühl für Lebendigkeit.
Alexander wendet er sich gegen den Mainstream der Architektur und die kapitalistischen Bauindustrie. Er erteilt der Maximierung des Profits eine Absage. Um als Gestalter erfolgreich zu sein und glücklich zu werden gilt die Regel: Gestalte für das Leben (und nicht für Profit).
Grundlegend sind ein neues Konzepts von Mustern, die Gestaltungsmuster, die Sinn tragen, Gestaltungsmöglichkeiten aufzeigen und Gestaltungsfreiheit ermöglichen. Ihre Verwendung ermöglicht die systematische Beschreibung eine leichte Kommunikation gemeinsamer Ideen in komplexen systemischen Zusammenhängen, sowohl im Kontext von theoretischer Forschungsarbeit als auch praktischer Anwendung, also das Teilen von Wissen mit dem Ziel der Partizipation über alle Stakeholder - Gruppen bzw. Beteiligten hinweg (vgl. LEITNER 2015, 26 - 35). Es geht um essenzielles Gestaltungswissen als Gemeingut.
Die Bedeutung des Musterdenkens zeigt sich etwa bei Wikipedia, das es ohne Christopher ALEXANDER nicht gäbe. Aus der Praxis wird gemeinsam nützliches Erfahrungswissen erarbeitet, dieses theoretisch reflektiert, verfeinert und vertieft als Muster einer Text- und Datensammlung. Neben Buchpublikationen kommt es etwa zu Broschüren und Websites sowie Seminarkarten - Stapel(vgl. LEITNER 2015, 30 - 31).
ALEXANDER verwendet zur Beschreibung seiner Architektur - Gestaltungsmuster eine einen bestimmte systematische Gliederung, die teilweise in anderen Anwendungsbereiche übernommen wird, teilweise von den Forschergruppen variiert order weiterentwickelt wird. Jedes Muster ist mit anderen Mustern verknüpft; so beschreiben Muster vor allem auch die Verbundenheit aller Dinge. Veränderungen unserer Welt erscheinen als das Entstehen neuer Muster oder als die Veränderung der vorhandenen Muster.
Gestaltungsmuster werden nach Themen in sogenannten Mustersprachen geordnet. Jede Mustersprache kann mit einem mentalen Werkzeugkasten verglichen werden, der eine bestimmte Gestaltungsaufgabe unterstützt.
Alle Gestaltungsmuster zusammen bilden in ihrer Einheit das kulturelle Erbe der Menschheit, "[...]das uns nur allen gemeinsam gehören kann"(LEITNER 2015, 29; vgl. die Intention der Interkulturellen Kompetenz/ ICC > IT - Autorenbeitrag > http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index: Interkulturelle Kompetenz).
Muster erfordern ethische Prinzipien, um gemeinschaftlich wirksam zu werden. "Andernfalls würde es sich nur einen wertfreien und wertlosen Mechanismus handeln, der wie jedes andere Werkzeug auch missbraucht werden kann" (LEITNER 2015, 32).
2.4.3 Verallgemeinerung |  |
Es versteht sich von selbst, dass mit einem solchen Konzept ein Transfer auf andere gestalterische Strukturen und Prozesse möglich ist.
Damit tauchen (lebensförderliche und mit Leben erfüllte) lebendige Systeme als Ziele auf: die lebendige Stadt, die lebendige Gemeinschaft, das lebendige Gespräch, die lebendige Organisation, die lebendige Beziehung (Partner, Familie, zur Natur), die lebendige Entwicklung und Entfaltung des eigenen Lebens und allen Lebens schlechthin, das lebendige Spiel, die lebendige Gesellschaft, die lebendige Demokratie, der lebendige Unterricht, die lebendige Story (Roman, Film) und vieles andere mehr.
Unmittelbare Folgen ergeben sich in der Mitbestimmung und Mitgestaltung in vielen Bereichen wie etwa im Bildungssystem, der Organisationsgestaltung, im Gesundheitssystem, in der Demokratie im allgemein und in der Persönlichkeitsentwicklung individuell(vgl. die Bedeutung von Partizipation in der Politischen Bildung). Es bedarf nach ALEXANDER einer Veränderung gemeinschaftlicher Vernunft und Mitbestimmung, damit auch stärkeres Bewusstsein für die Mitverantwortung aller Menschen.
Österreich ist ein wichtiger Knotenpunkt dieser Entwicklung der Muster und der Gestaltungsethik. Die Notwendigkeit über das Nachdenken über Muster für einen gesellschaftlichen Wandel fokussiert sich in der internationalen Konferenzserie PURPLSOC 2015, 2017 "PURsuit of Pattern Languages für SOcietal Change" in Krems (vgl. http://purplsoc.org [7.5.2016]).
Eine PURPLSOC Konferenz ist im Herbst 2019 wiederum an der Donau - Universität Krems.
2.4.4 Zusammenfassung – zentrale Gedanken |  |
Die philosophisch - ethische Grundfrage "Was soll ich tun?" wird unter dem Gesichtspunkt des Menschen als "Gestalter" beantwortet.
Das übergeordnete Ziel des Handelns (von Gestaltung) ist Lebendigkeit.
Gestalte für das Leben (und nicht für Profit).
Gestaltung bedarf ganzheitlicher Wahrnehmung, die sich nur erreichen lässt, wenn der Gestalter vor Ort mitlebt und es zu wirklicher Partizipation kommt.
Optimale Gestaltung gelingt nur mit persönlichem Engagement und breiter Partizipation (nicht isoliert am Zeichenbrett).
Der lebendige kreative Prozess, der allen zugänglich gemacht wird, besteht im Auswählen und Anpassen von Mustern, an dem alle jeweils Beteiligten mitwirken sollen.
Jeder ist ein Gestalter – Jede ist eine Gestalterin – Wir alle sind Gestalter (man beachte lebendige Beziehungen, lebendiges Gespräch, lebendige Gemeinschaft).
Dazu ist erforderlich, dass die professionellen Gestalter ihr Expertenwissen mit den Beteiligten auf verständliche Weise teilen.
Dazu dienen die nach Anwendungsbereich in Mustersprachen geordneten Gestaltungsmuster.
Gestaltungsmuster und Mustersprachen dienen zum Teilen von Wissen bzw. zur Entfaltung von Gestaltungskompetenzen.
Alle Gestaltungsmuster sind in historischer Entwicklung entstanden, von allen Menschen erarbeitet, aufeinander aufbauend; ein Gemeingut, das deshalb auch allen Menschen frei zugänglich sein muss, und gemeinsam gepflegt werden soll.
Gestaltungsmuster sind ein gemeinsames Kulturerbe (kein einhegbares und ausbeutbares Wirtschaftsgut).
Das wiederkehrendes Grundthema "Ich und der/die/das Andere" im Gestaltungsprozess erfordert einerseits gedankliches Verstehen und andererseits intuitive Einfühlung.
Streben nach einer Synthese von Denken und Fühlen (erfordert in der westlichen Welt vor allem auch eine Rehabilitation des Fühlens).
In der gemeinsamen Gestaltung bzw. Entfaltung lebendiger Systeme erfüllt sich die Freiheit und Verantwortung des Menschen.
Der Sinn des Lebens besteht in der Teilhabe an den lebendigen Entfaltungprozessen, die wir Leben (Natur, Schöpfung) nennen.
2.5 Mustertheorie - Frieden |  |
Aus der Perspektive der Musterforschung erscheint Friede nicht als ein Zustand, schon gar nicht als die Abwesenheit von Konflikten und Krieg, sondern als eine zivilisatorische Architektur, eine aus vielen Elemente gebaute Struktur, die Stabilität und Resilienz haben kann, jedoch auch fragil und einsturzgefährdet sein kann.
Daraus kann man den Schluss ziehen, dass es einer laufenden Aufbau- und Erhaltungsarbeit bedarf, um Frieden zu schaffen und zu abzusichern, die von einem Spektrum von Rollen - Bildern und Berufsgruppen zu leisten sind, die man u.a. als Friedens - Arbeiter (peace worker), Friedens - Architekten (peace architects), Friedens - Erbauer (peace builder), Konflikt - Mediatoren (conflict mediators) beschreiben lassen.
Angesichts der Bedeutung des Friedens für die Menschen, die Menschheit, ist es aus Sicht der Musterforschung und Gestaltungsethik nur schwer verständlich, warum die menschlichen Gesellschaften – historisch gesehen und gegenwärtig – nicht mehr Energie aufwenden, um das Frieden als Phänomen zu verstehen und als Menschheitsprojekt zu realisieren.
Es wäre beispielsweise zu erwarten und zu fordern, dass jede Volluniversität über eine Institution der Friedens- und Konfliktforschung verfügen bzw. einen solchen aufbauen solle.
 | | Sub - Domänen - Skizze zu „Muster des Friedens” |
| Sub - Domäne | Mustersprachen (Beispiele für ca. 300) | Gestaltungsmuster (Beispiele für ca. 5000) |
| Muster des inneren Friedens | Muster der Selbsterkenntnis Muster der Selbstarbeit Muster der Meditation | "Niemand ist perfekt" "Das Lernen lernen" "Die Atemtechnik" |
| Muster des friedlichen Handelns | Muster der friedlichen Kommunikation Muster der Notfallhilfe Muster des Teilens | "Das Angebot" (statt Antimuster: "Der Befehl") "Erste Hilfe Leistung" "Die karitative Spende" |
| Muster des Friedens mit der Natur | Muster des Naturgenusses Muster einer Ökologischen Wirtschaft Muster des Artenschutzes | "Das Bergerlebnis" "Erneuerbare Energie" "Das Naturschutzgebiet" |
| Muster des Friedens in Beziehungen | Muster der Zusammenarbeit | "Das Versprechen" "Treue und Offenheit in Partnerschaft" "Das Vertrauen" "Die Augenhöhe" |
| Muster des Friedens in Familien | Muster der Selbstbestimmung in Familien .-. | "Die freie Partnerwahl" "Die freie Berufswahl" "Die freie Religionswahl" |
| Muster des Friedens in Gruppen | Muster der Gesprächskultur Muster der Musik Muster des Sports | "Jeder wird gehört" "Das gemeinsame Musizieren" "Magische Momente in Gemeinsamkeit" |
| Muster des Friedens in Gemeinschaften | Muster der Organisation .-. .-. | "Mitgestaltung durch Mitglieder" "Freiwilligkeit der Mitgliedschaft” "Eine kollegiale Atmosphäre" |
| Muster des Friedens in Gesellschaften | Muster der Existenzsicherung Muster der Gerechtigkeit | "Die allgemeine Krankenversicherung" "Chancengleichheit im Bildungssystem" "Das Soziale Netz" "Das Recht auf Integration" "Bedingungsloses Grundeinkommen" "Ethik des Tätigseins für die Allgemeinheit" |
| Muster des Friedens zwischen Staaten | Muster der Diplomatie Muster der wirtschaftlichen Zusammenarbeit | "Das Im - Gespräch - Bleiben" "Der Freie Warenverkehr" |
| Muster des Friedens zwischen Religionen | Muster der religiösen Toleranz .-. Muster einer gemeinsamen Ethik .-. | "Die gemischt - religiöse Ehe" "Die gemischt - religiöse Veranstaltung" "Du sollst nicht töten" "Alle Menschen sind Geschwister" |
| Muster des Friedens im Story - Telling | Muster des Märchens Muster des Friedenslieds Muster des Antikriegsfilms | "Das gute Herz obsiegt" "Ein starkes Wir - Gefühl" "Die Sinnlosigkeit des Kriegs" |
| Muster von Theorien des Friedens | Muster der Konflikttransformation Muster der Synergie | "Die Rolle des Mediators" "Gemeinsam sind wir stark" "Leben ist Vielfalt" |
| ... (offene Liste) ... |
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Friede ergibt sich logisch und zwangsläufig als Rückgrad der zivilisatorischen Entwicklung der Menschheit im größeren Rahmen der Evolution des Lebens bzw. der Natur.
2.5.1 Friedensunterricht |  |
Angesichts der Reichhaltigkeit des sich ergebenden Themenspektrums drängt sich die Erkenntnis auf, dass der diskutierte Ethik - Unterricht an Schulen - der als eine Art säkularisierter Religionsunterricht auf einen pluralistischen Religions - Ethik - Unterricht zur wechselweisen Kenntnis und Toleranz limitiert ist – wohl besser durch einen Friedensunterricht zu ersetzen wäre (vgl. die Möglichkeiten einer standortgebundenen bzw. regionalgebundenen Schulentwicklung) .
2.5.2 Buchbesprechung |  |
Helmut Leitner: Mustertheorie. Einführung und Perspektiven auf den den Spuren von Christopher Alexander, 2. ergänzte Auflage 2016, Graz, ISBN 978-3-9504247-0-6
Mit 154 Seiten erhebt das Buch den Anspruch, eine Einführung in handlicher Form anzubieten. Die Verallgemeinerung und Verdichtung der Mustertheorie sei gewagt. Es bestehe die Chance auf Klarheit und die Möglichkeit, mit einem kurze und übersichtlichen Text mehr Leser zu erreichen. Natürlich bestehe auch das Risiko einer unzulässigen Vereinfachung. Der vorliegende Text solle als Interpretation aufgefasst werden (S. 8). Dieser Intention kommt der Autor in seiner klaren und verständlichen Sprache - allein schon in der Einleitung - nach (S. 9 - 14).
Im Vorwort wird für den Leser einführend die Mustertheorie dargelegt (S. 6 - 8).
"Muster" steht für eine neue wissenschaftliche Denkweise, um die Welt besser zu verstehen und für eine neue Methode zur Gestaltung lebendiger Systeme. "Lebendig" meint eine graduelle Lebendigkeit. "Graduell" bedeutet diese Lebendigkeit allen Dingen in entsprechendem Ausmaß zuzuschreiben. Die "Mustertheorie" stellt ein umfassendes Konzept für alle Bereiche des Lebens dar. "Je nach Blickwinkel kann man auch die Begriffe Leittheorie, Denkweise, Methode oder Paradigma verwenden" (S. 6).
Entgegen den umfassenden Problemen des 21. Jahrhunderts in Politik, Wirtschaft, Ökologie und dem Sozialbereich bietet die Alexander'sche Denkweise Möglichkeiten zur Lösung dieser Probleme. Jedermann kann die Konzepte verstehen und als Mittel in seinen Interessenbereichen verwenden (vgl. Kapitel 6.2; vgl. dazu auch die Analytische Ethik von FRANKENA in seinem Anspruch der Allgemeinheit im IT - Autorenbeitrag Ethik > http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index: Ethik).
Im Folgenden wird auf den Aufbau des Buches eingegangen, der didaktisch sehr strukturiert und verständlich konzipiert ist.
In der Einleitung werden Ausgangspunkte der Kritik angeführt (S. 9-12). Für den Leser kritisch zu betrachten ist die Aussage des Buchautors, "[...]Wissenschaft ist nach wie vor eine Disziplin, die den Menschen kaum Antworten auf ihre Lebensfragen gibt" (S. 11) (vgl. beispielhaft die Aussagen der Ethikdisziplinen; der Erkenntnisstand der Medizin, Pflegewissenschaft, Erziehungswissenschaft - Pädagogischen Psychologie, Religionspädagogik und Familienwissenschaft).
Das Ziel, eine Wissenschaft des Lebens zu entwerfen, wird mit der Problematik fehlender Werte, der Alexander'schen Analogie zwischen den gewachsenen Ordnungen, gemeinsamen Bedingungen, der Lebendigkeit, Qualität des Lebens und Problemlösungsmustern begründet (S. 12-14).
Als Ausgangspunkte der Mustertheorie gelten die Wirkung der physikalischen Strukturen der Welt als Rahmen für die Aktivitäten der Menschen, wobei die Architektur den Menschen stark beeinflusst.
Negativ wirkt Stress und der Verlust an Problemlösungskapazität bzw. der Verlust der Fähigkeit, angemessen zu handeln. Mit der Gestaltung einer lebensgerechten Umgebung wird ein Maximum an Lebensqualität und Freiheit ermöglicht (S. 15-16).
Kritisch wird das mechanistische Weltbild gesehen (S. 17-18).
Mit dem Verständnis von Leben meint Alexander gemischte Systeme mit verschiedensten Komponenten. Das ganzheitliche Konzept ergibt sich aus dem Verlangen, die Welt als System zu verstehen und ihre Ganzheit zu entwickeln und zu entfalten. Leben als allgemeines Phänomen hat typische Erscheinungsformen, angepasst an Situationen, individuell, mit Ecken und Kanten. Dies klingt einfach, ist aber nicht ohne weiteres zu etablieren (S. 19-22).
Alexander fordert passende Konzepte zur Beschreibung von Ordnungen in der Natur und wendet sich gegen eine Analyse. Man benötigt sprachliche Grundbegriffe, um über die Phänomene der Welt synthetisch sprechen zu können. Objekte einer Untersuchung sind etwa die Natur, die Kunst und Architektur. Gesucht ist ein Neudenken des Objektiven und Subjektiven, eine Verbindung von Intellekt und Gefühl (S. 22-24).
Im Kapitel "Die Mustertheorie" wird didaktisch durchdacht sich vom einfachen zum komplizierten und vom statischen zum dynamischen Konzept durchgearbeitet. Es geht um die Grundbegriffe "Zentrum und Ganzheit", "Eigenschaften des Lebens" und "Wahrnehmung", "Transformation und Prozesse" und schließlich "Muster und Mustersprache" (S. 25 - 82).
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